17.01.2011

MEDIZINNur das Sterben erleichtert?

Der Prozess gegen eine Ärztin, die mehrere Patienten getötet haben soll, steht womöglich vor dem Ende. Die Medizinerin versteht hohe Morphin-Gaben bis heute als Akt der Menschlichkeit.
Mechthild Bach ist heute 61 Jahre alt, in einem Alter also, in dem früher einige Patienten zu ihr in die Paracelsus-Klinik nach Langenhagen bei Hannover kamen - und dort gestorben sind. Ihre Haut ist fahl, ihre grauen Haare bedecken ihren Kopf wie ein Helm. Sie bewegt sich nur langsam vorwärts, fast schlurfend. Wenn sie spricht, stockt häufig ihre Stimme, und ihr kommen die Tränen.
Die Ärztin ist ein gebrochener Mensch, sichtbar zermürbt davon, dass die Justiz seit nunmehr fast acht Jahren gegen sie wegen vielfachen Totschlags ermittelt.
An bisher 72 Verhandlungstagen versuchte das Landgericht Hannover herauszufinden, wer Mechthild Bach ist: eine Medizinerin, die alte Menschen mit Morphium und dem Valium-Wirkstoff Diazepam sanft in den Tod begleitete, wie sie selbst und ihre Anwälte behaupten? Oder eine Art Todesengel, der kranke Patienten ums Leben gebracht hat, wie die Staatsanwälte ihr vorwerfen?
Gut ein Jahr nach Prozessbeginn will der Richter an diesem Dienstag eine Zwischenbilanz bekanntgeben, er will sagen, wie er sich das Ende des mühseligen Prozesses vorstellt. Und alles andere als die Ankündigung einer Verurteilung von Mechthild Bach wäre nach dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen eine Überraschung.
Die Frage scheint vielmehr zu sein, wofür das Gericht die Medizinerin zur Rechenschaft ziehen will. Hat sie bei der Behandlung von Kranken gepfuscht, sich mehr zugetraut, als sie wirklich konnte? Hat sie Medikamente verabreicht, die ihre Patienten besser nicht bekommen hätten? Dann könnte es fahrlässige Tötung gewesen sein.
Oder hat sie die alten Menschen vorsätzlich getötet? Dann wäre es Totschlag. Es könnte sogar Mord sein, wenn Bach die wehrlosen Patienten etwa heimtückisch umgebracht hat.
Das gesamte Ausmaß eines der größten deutschen Medizinverfahren, so viel ist absehbar, wird nicht aufgeklärt werden können. Von 13 Todesfällen, die in der Anklageschrift aufgeführt sind, hat das Landgericht bisher erst 6 verhandelt. Und schon die 13 Verstorbenen waren nur eine Auswahl. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Niedersachsen (MDKN) hatte ursprünglich 76 Todesfälle allein aus den letzten eineinhalb Jahren, in denen Mechthild Bach in der Paracelsus-Klinik wirkte, als fragwürdig angesehen und angezeigt.
Der Fall Bach ist in seinen dramatischen Folgen ein Einzelfall. Die Mängel, die in Hannover zur Sprache kamen, sind jedoch grundsätzlicher Natur. Sie zeigen, wie es Alten und Kranken ergehen kann, wenn sie der ärztlichen Kunst ausgeliefert sind.
So hatte die Ärztin einen Patienten über Jahre wegen Leukämie behandelt. Die Hinterbliebenen berichteten dem Gericht, wie sie und ihr Vater unter der Diagnose Krebs gelitten hätten. Der 63-Jährige starb in der Paracelsus-Klinik nach der Verabreichung von Morphin an Herzversagen. Laut Gutachter der Anklage hatte der Mann ursächlich nur einen harmlosen Vitamin-B12-Mangel.
Jahrelang hatte niemand Anstoß daran genommen, dass es unter den Patienten der Ärztin Bach immer wieder zu unerwarteten Todesfällen gekommen war. Auch die bisweilen eigentümlichen Heilmethoden der Doktorin blieben im Verborgenen.
Solange die Fähigkeiten der Medizinerin nicht in Frage standen, gab es für die Patienten in der Umgebung kaum eine Möglichkeit, Mechthild Bach zu entkommen. Die Paracelsus-Klinik ist die einzige in Langenhagen. Die Rettungswagen sind gezwungen, jeden akut Kranken in dieses Hospital zu bringen.
Dort werden die Patienten aus wirtschaftlichen Gründen bis heute von Belegärzten behandelt, Medizinern, die wie Mechthild Bach auch noch eine eigene Praxis führen. Die Angeklagte hatte, wie Gutachter kritisieren, offenbar weder das notwendige medizinische Wissen, um einige der Schwerstkranken zu behandeln, noch waren im Krankenhaus dafür alle notwendigen medizinischen Geräte vorhanden. Zudem habe sie keine Fachkollegen hinzugezogen, wie es allgemein üblich ist.
Dass der Fall Bach jemals entdeckt wurde, war Zufall. Einer Ermittlungsgruppe der AOK Niedersachsen, die eigentlich nach Abrechnungsbetrügern fahndete, fiel im Frühjahr 2003 die ungewöhnlich hohe Sterbequote in der Paracelsus-Klinik auf: rund 350 Tote in fünfeinhalb Jahren. Der Jurist Peter Scherler und der Internist und Kardiologe Manfred Schwartau, ein bei AOK und MDKN auf solch heikle Fälle spezialisiertes Duo, nahmen sich deshalb auch die Bach-Akten vor - und schalteten nach den ersten Funden die Staatsanwaltschaft ein.
Die Ermittlungsbehörde benötigte zwei Jahre, um Bachs Treiben aufzuarbeiten. Ein erster Prozess platzte, weil ein Richter erkrankte. Seit gut einem Jahr versucht nun der geduldige Richter Wolfgang Rosenbusch, zumindest die 13 Todesfälle aufzuklären.
Zwar konnten nicht mehr alle Krankheitsverläufe im Detail rekonstruiert werden. Aber Beispiele, die das Wirken der Belegärztin massiv in Frage stellen, förderte der Prozess genügend zutage.
Tragisch endete der Fall der Huiberdina A. Die 80-Jährige war chronisch lungenkrank. Ihre Angehörigen kümmerten sich um die alte Dame, doch sie waren damit überfordert. Da die Frau allein in ihrer Wohnung lebte, musste sie wegen diverser Beschwerden häufiger ins Krankenhaus. "Der klassische Pingpongeffekt", urteilte Gutachter Schwartau vor Gericht, sie gehörte nicht ins Krankenhaus, allein zu Hause kam sie aber auch nicht zurecht. Eigentlich ein Fall für die Pflegeversicherung, doch niemand schaltete diese ein.
Im Dezember 2002 kam Huiberdina A. wegen Durchfalls und Austrocknung in die Paracelsus-Klinik. In den folgenden fünf Wochen ging es ihr mal besser, mal schlechter. Sie erhielt von Mechthild Bach jede Menge Medikamente - unter anderem Atosil, ein Präparat gegen Unruhezustände, und Fluspi, ein weiteres Nervenmedikament, das für gewöhnlich bei schizophrener Psychose verabreicht wird.
Am 3. Februar 2003 bekamen die Angehörigen einen Anruf aus der Klinik, die Patientin sei in einem "präfinalen Zustand". Als die vier Kinder ihre Mutter besuchten, fanden sie keine sterbenskranke Frau vor. Sie habe sich noch gewundert, warum sie an einem Tag so viel Besuch erhalte, berichteten die Hinterbliebenen dem Gericht. Zwei Tage später war Huiberdina A. tot. Mechthild Bach hatte ihr Morphium verabreicht.
Aber hatte die Ärztin die alte Frau wirklich zu Tode gespritzt? Die vom Gericht bestellten Gutachter bejahten diese Frage ausdrücklich. Die Absetzung lebenswichtiger Medikamente, die Gabe von Atosil und Fluspi und schließlich das Morphin hätten zum Tode der Patientin geführt, sagte der Sachverständige Schwartau, "Frau A. hätte noch ein paar Jahre leben können".
Auch Michael Zenz, ein kürzlich emeritierter Anästhesie-Professor der Universität Bochum und einer der renommiertesten Schmerztherapeuten Deutschlands, kritisierte die Kollegin auf ungewöhnlich scharfe Weise. Die Behandlung mit den Nervenmitteln entbehre jeder Grundlage, auch habe nichts für die Gabe von Morphin gesprochen, die Dosis sei in "keiner Weise angemessen" gewesen. Ihr Todestag hätte deshalb nicht ihr letzter Tag sein müssen. "Es ist gruselig, was der alten Frau in den letzten Stunden ihres Lebens angetan wurde", sagt die Rechtsanwältin der Hinterbliebenen.
Natürlich boten auch Bachs Anwälte Gutachter auf, die den Tötungsvorwurf entkräften sollten. Vor allem Rafael Dudziak, 75, ein emeritierter Anästhesist der Uni-Klinik Frankfurt am Main, mühte sich nachzuweisen, die Patienten seien nicht am Morphium gestorben, sondern an ihren schweren Vorerkrankungen. Doch da eskalierte der Streit der Sachverständigen. Richter Rosenbusch unterbrach mehrmals die abschweifenden und zum Teil wolkigen Ausführungen Dudziaks - und ermahnte ihn, die Fragen präziser zu beantworten.
Bach verfolgte den Disput wie versteinert. Dann erhob sie sich und beteuerte, sie habe kein Interesse gehabt, das Leben der Frau zu verkürzen. Mit dem Morphin habe sie nur die Todesangst nehmen wollen. Und dann weinte sie.
Die Verteidigung der Ärztin hat bis zuletzt versucht, das Gericht davon zu überzeugen, Mechthild Bach habe allenfalls das Sterben erleichtern wollen. Auf ihrer Seite sehen die Anwälte inzwischen den Bundesgerichtshof, der im Juni vergangenen Jahres das Recht auf selbstbestimmtes Sterben stärkte. Ärzte und Angehörige hätten den Wunsch der Patienten zu akzeptieren, urteilten die Karlsruher Richter. Sterbehilfe sei straffrei, unabhängig von der Art und dem Stadium der Erkrankung.
Bei Huiberdina A. sahen Zenz und Schwartau aber wesentliche Bedingungen für Sterbehilfe nicht erfüllt. Bach habe mit der Patientin "kein Gespräch über therapeutische Möglichkeiten und kein Gespräch über die Prognose" der Krankheit geführt, erklärte der Bochumer Professor Zenz. Sie habe ihre Maßnahmen durchgezogen, "ohne die Familie oder das Pflegepersonal" einzubeziehen.
Hohe Bedeutung erlangte vor diesem Hintergrund die Aussage einer Pflegekraft, wonach die Diazepam-Ampullen eigens beschriftet worden waren: Die Angehörigen sollten nicht mitbekommen, welches Präparat gespritzt werde. Folgen die Richter dieser Auskunft, hätte die Klinik das Handeln sogar vertuscht.
Wie wenig die Ärztin die Aufmerksamkeit und den Argwohn ihrer Klinikkollegen seinerzeit fürchten musste, belegt das Statement eines Arztes vor Gericht: Das Krankenhaus und Mechthild Bach hätten sich "in keinem Fall geirrt", wenn die Medizinerin Patienten als dem Tode geweiht bezeichnet habe. Für Gutachter Zenz ein Satz, der das ganze Drama von Ignoranz und Kumpanei widerspiegelt. So etwas, kritisierte der Professor bei der Verhandlung, "darf kein vernünftiger Arzt sagen".
Auf die Frage, woran sie gemerkt habe, dass ein Mensch im Sterben liege, erklärte Mechthild Bach: "Ich spürte, wenn ein Patient keine Aura mehr hat."
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 3/2011
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