17.01.2011

POLENTower gegen Cockpit

Der Streit um die russische Untersuchung des Flugzeugabsturzes von Smolensk, bei dem im April 2010 Präsident Lech Kaczyński und 95 Begleiter ums Leben kamen, geht in eine neue Runde. Edmund Klich, der einzige polnische Vertreter in der Moskauer Untersuchungskommission, erhebt schwere Vorwürfe gegen die russischen Fluglotsen. "Die Tower-Besatzung hätte die Landung angesichts der schwierigen Wetterbedingungen verbieten müssen", sagte Klich dem SPIEGEL. Der vorige Woche veröffentlichte Abschlussbericht sieht die Schuld für die Katastrophe einseitig bei den polnischen Piloten. Die Crew habe unter großem psychischem Druck gestanden, trotz dichten Nebels zu landen, um rechtzeitig zur Gedenkfeier für die Opfer des Massakers von Katyń zu kommen. Diese Schuldzuweisung löste in Warschau Empörung aus. Auch Klich hält den Rapport für "unvollständig". Die Fluglotsen hätten ebenso wie die Piloten gewusst, wie wichtig der Besuch zum 70. Jahrestag des Massenmords an rund 22 000 polnischen Soldaten durch Stalins Geheimdienst war. "Man kann das psychologische Klima im Tower mit dem im Cockpit vergleichen", sagte Klich. Vor dem Absturz führten die Fluglotsen hektische Telefongespräche. Bis heute hat Warschau die entsprechenden Bandaufzeichnungen nicht erhalten. Während des Landeanflugs hatte sich Luftwaffenchef Andrzej Blasik im Cockpit aufgehalten, und dem Bericht nach hatte er 0,6 Promille Alkohol im Blut. "Blasik gehörte nicht zur Mannschaft, er war letztendlich ein Passagier", sagte Klich. Er glaube nicht, dass Blasiks Alkoholspiegel "den Verlauf der Tragödie beeinflusst hat".

DER SPIEGEL 3/2011
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POLEN:
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