17.01.2011

TUNESIENSieg der Wut über die Angst

Zum ersten Mal in der modernen arabischen Geschichte gelingt es einem Volk, seinen Diktator zu verjagen. Zu lange hat Staatschef Ben Ali die Tunesier unterdrückt und seinen Clan versorgt. Ist das der Beginn einer demokratischen Wende in Arabien?
Der Sturz des Herrschers nahm seinen Anfang fernab der Hauptstadt Tunis, in Sidi Bouzid, im inneren Steppenhochland. Es ist eine Gegend, in die es kaum einen der sieben Millionen Touristen je verschlägt, die Tunesien alljährlich besuchen. Die Landschaft ist karg, draußen auf den Feldern hüten Bauern ihre Schafe, Frauen sammeln die letzten Oliven ein.
In dieser Abgeschiedenheit übergoss sich vor vier Wochen ein junger Mann vor dem Sitz des Provinzgouverneurs mit einem Kanister Benzin, dann zündete er sich an. Seine Tat löste einen Flächenbrand aus, der die ganze sonnige, scheinbar so heitere Urlaubshochburg im Maghreb erfasste. Die lange aufgestaute Wut der jugendlichen Bevölkerung über ihre Armut und die staatliche Repression trieb die Menschen zu Zehntausenden auf die Straßen, und es geschah, was bisher noch nie in einem arabischen Staat geschehen war. Zum ersten Mal wurde einem langjährigen Alleinherrscher nicht ein Coup, eine Palastintrige, zum Verhängnis, sondern der anarchische Wille des Volkes. Es verjagte seinen Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali, 74, der seit fast einem Vierteljahrhundert wie ein moderner Pharao im Palast von Karthago thronte.
Anfangs ließ er auf die Demonstranten schießen, aber das steigerte nur ihre Entschlossenheit. Etwa 80 Menschen waren bis Freitagabend ums Leben gekommen. Als er sah, dass er nichts gegen den Volkszorn ausrichten konnte, machte er in einer Reihe von Fernsehansprachen immer neue Zugeständnisse, doch er konnte sein klägliches Ende nicht mehr verhindern.
Am Freitag floh er in einem Privatjet aus dem Land, ohne ein letztes Wort an sein Volk, wie ein Gejagter. Und als er in Frankreich landen wollte, das sein Regime bis zum Schluss gestützt hatte, verweigerte man ihm den Anflug. Am frühen Samstagmorgen landete er im saudi-arabischen Dschidda.
In Tunis übernahm der bisherige Premierminister Mohammed Ghannouchi die Macht und versprach Neuwahlen. Zunächst blieb unklar, welche Kräfte den Staat regierten und ob die Demonstranten sich mit den Ankündigungen abfinden würden.
Die bis zu 8000 deutschen Touristen, die sich in den tunesischen Urlaubsorten im Süden des Landes aufhielten, bekamen von den Unruhen zumeist nichts mit. Dennoch beschloss der Krisenstab des Reiseanbieters TUI, seine Gäste so schnell wie möglich außer Landes zu bringen.
Es war ein spektakuläres Ende für das tunesische Modell, das nach außen so lange als Muster der Stabilität gegolten hatte - und ein Ereignis, das den übrigen arabischen Autokraten im Norden Afrikas Angst einflößen muss. In Algerien hatten sich die Demonstranten wenige Tage vorher nur nach massiven Preissenkungen beruhigen lassen. Auch in Ägypten, in Libyen und Marokko ist die Unzufriedenheit der Jugend groß.
Es ist die Aussichtslosigkeit, die sie zum Aufstand treibt. Es gibt keine Arbeit für sie, keine bezahlbaren Wohnungen, kein planbares Leben. Das Einzige, von dem sie träumen können, ist die "Hidschra", die Überfahrt ins reiche Europa.
Das waren auch die Sorgen von Mohammed Bouazizi, 26, dem jungen Tunesier, dessen Suizid die Bewegung zu Ben Alis Sturz anstieß. Er war einer jener Zehntausenden deprimierten Hochschulabsolventen, die sich selbst "Diplom-Arbeitslose" nennen. Gut zwei Drittel der Tunesier sind jünger als 30 Jahre, die Jugendarbeitslosigkeit ist, Schätzungen zufolge, mit 70 Prozent ähnlich hoch wie in den Nachbarstaaten.
Bouazizi schlug sich in Sidi Bouzid als fliegender Obst- und Gemüsehändler durch. Er war der Einzige in der Familie, der Geld nach Hause brachte. Doch am 17. Dezember vertrieb ihn die Polizei. Bouazizi hatte keine Genehmigung für den Straßenhandel; die Beamten beschlagnahmten seinen Karren mitsamt der Ware. Vergebens beschwerte sich der junge Mann auf dem Polizeirevier, eine Polizistin jagte ihn mit Ohrfeigen davon.
Das war zu viel an Demütigung. Bouazizi lief zur Präfektur und setzte sich in Brand. Die Bilder seines in Mullbinden eingehüllten Körpers im Krankenhaus und seiner Beerdigung verbreiteten sich trotz Internetzensur über Facebook und Twitter, die Empörung ergriff das ganze Land, die Wut siegte über die Angst, als wäre ein Vorhang zerrissen.
"Es ist schrecklich, was mein Bruder getan hat", sagte Basma, eine der drei Schwestern Mohammeds, zu einem einheimischen Journalisten, "aber das ganze Land erhebt sich jetzt, um ihm zu folgen. Er ist nicht umsonst gestorben."
Aus örtlichen Protesten und Unruhen, die von sozialer Frustration angetrieben wurden, wurde eine Revolution. Für das tunesische Regime, das so lange unerschütterlich schien, im Inneren gestützt auf einen mächtigen Polizeiapparat und eine nahezu totale gesellschaftliche Kontrolle, nach außen auf die freundliche Wertschätzung durch die Europäische Union, kündigte sich die Götterdämmerung an. Erinnerungen an die letzten Tage des Schahs von Persien wurden wach - auch der ein Autokrat, in dessen Reich die schönen Fassaden wie Sandburgen zerbröselten.
Nie ist eine Diktatur stärker gefährdet als in dem Moment, wenn der starke Mann zurückweicht, väterliches Verständnis für die rebellischen Untertanen zeigt und liberale Reformen verspricht. Denn das ist zugleich der Augenblick, in dem das Volk erkennt, dass die Angst die Seiten gewechselt hat.
An diesem Punkt war Staatschef Ben Ali, 74, erst der zweite Präsident seit der Unabhängigkeit des Landes 1956, am Ende der vergangenen Woche angekommen. Zum vierten Mal binnen vier Wochen - das hatte es noch nie gegeben, denn die Aura des Potentaten wirkt gerade dann am besten, wenn er für die Öffentlichkeit nur selten sichtbar wird - hielt Ben Ali eine Fernsehansprache und bat beinahe flehentlich um Ruhe und Ordnung.
Es war ein surreal wirkender Auftritt. Fahl im Gesicht, übermüdet, die Haare wie immer schwarz gefärbt, scheinbar alterslos, verkündete der Präsident, er habe die Sicherheitskräfte angewiesen, nicht mehr auf Demonstranten zu schießen. Die Preise für Grundnahrungsmittel sollten gesenkt werden - Brot fürs Volk. Eine politische Öffnung der Gesellschaft, ein Ende der Medienzensur, auch im Internet, werde es alsbald geben. Freilassung der festgenommenen Demonstranten sowieso. Und: Bei den nächsten regulären Wahlen nach Ablauf seiner Amtszeit 2014 werde er nicht mehr antreten.
Letzteres war strenggenommen eine Selbstverständlichkeit, denn nach Ben Alis eigener Verfassung darf ein Präsidentschaftskandidat nicht älter als 75 sein. Aber nach fünf Wahlsiegen mit Ostblock-Ergebnissen von bis zu 99,9 Prozent waren viele Tunesier überzeugt, dass Ben Ali sich auf "Ben à vie" reimt - Ben ein Leben lang.
Doch nach diesem Schwenk kam Ben Ali nicht mehr in die alte Pose zurück. In seiner ersten TV-Ansprache hatte er den "vermummten Strolchen", angeblich terroristischen, vom Ausland gesteuerten Elementen, noch die volle Härte des Gesetzes angedroht. Am Ende gelang ihm nicht einmal mehr, selbst den Übergang zu einer echten Demokratisierung einzuleiten und sein Gesicht vor der Geschichte zu wahren.
Was in Tunis geschah, lässt sich vergleichen mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa: Ein Herrschaftsapparat hatte sich entkernt, bis nur noch die Fassade stand; einem totalitären System war das Volk abhandengekommen.
Die Staatspartei RCD mit rund einer Million Mitgliedern (bei gut zehn Millionen Einwohnern) durchdrang die Wirtschaft und die Gesellschaft Tunesiens mit ihren Nachbarschaftszellen und Ortsvereinen wie ein Abziehbild des Innenministeriums und des Polizeiapparats. Im Umgang mit den Behörden war die Mitgliedskarte der Partei oft wichtiger als der Personalausweis. Wer eine Baugenehmigung, einen Bankkredit, eine Betriebserlaubnis für ein Café brauchte, sollte tunlichst gegen einen bescheidenen Mitgliedsbeitrag dieser Massenpartei beitreten. Bei den ständig zu gewärtigenden Polizeikontrollen half die RCD-Karte und schützte zuverlässig vor den sonst freigiebig feilgebotenen Schlägen.
Geschickt hatte sich der Präsident stets die Unterstützung Europas und der USA gesichert, indem er die islamistische Gefahr beschwor. Doch die ist wahrscheinlich nirgendwo in der arabischen Welt schwächer als im laizistischen Tunesien.
Schon vor Wochen war in den der Internetplattform WikiLeaks zugespielten Depeschen der US-Botschaften im Detail nachzulesen, wie korrupt die herrschende Elite des Landes ist: Die Tunesier erfuhren, wie systematisch ihr Präsident, seine Frau und deren Familie das Land ausbeuteten. Ben Alis Gattin, so versicherte ein Informant dem US-Botschafter, kontrolliere den Palast so vollständig, dass sie sogar die Medikamentendosis ihres Mannes bestimme, "um ihn unter Kontrolle zu halten". Leila Trabelsi, so der Botschafter, scheine die "meistgehasste Person Tunesiens" zu sein. Ihr Clan bemühe sich um Aufenthaltsgenehmigungen in der Schweiz, ein Zeichen dafür, dass die Familie "ihren endgültigen - und profitablen - Abschied" plane. "Präsident Ben Ali wird alt, sein Regime ist sklerotisch, es gibt keinen wirklichen Nachfolger", hieß es in einer Depesche aus dem Sommer 2009.
Die Touristen bekamen stets nur den schönen Schein zu sehen: saubere Straßen, funktionierende Dienstleistungen, eine sichtbare Polizeipräsenz, die vor Betrügern, Bettlern und Taschendieben schützt. Die Kehrseite blieb versteckt, vor allem dreiste Korruption im engsten Führungszirkel, der sich mit halbkriminellen Methoden selbst versorgte.
Dieser Zirkel suchte am Tag des Sturzes von Ben Ali zuerst das Weite. Am frühen Freitagnachmittag schon hoben zwei weiße Maschinen vom Typ "Falcon" ab. Unterdessen plünderten junge Aufständische die Villen der Trabelsis im Reichenvorort Gammarth im Norden der Hauptstadt. Sie holten sich die Sportwagen aus den Garagen und trugen Fernseher aus den Anwesen, bevor sie Feuer legten. Nun trat der Hass auf die Familie der Präsidentenfrau offen zutage.
Auch im Zentrum der Hauptstadt forderten die wütenden Massen Ben Alis Abgang.
Am Abend dann, als sich in Tunis wegen der Ausgangssperre die Straßen leerten, verkündeten die Behörden plötzlich den Ausnahmezustand, riegelten den Luftraum ab und schlossen den Flughafen - offenbar, um den Präsidenten ausfliegen zu lassen. Dann kündigte das Staatsfernsehen eine "historische Nachricht" an. Premierminister Mohammed Ghannouchi trat vor die Kameras und sprach die unerhörten Worte: Der Präsident sei vorübergehend nicht in der Lage, sein Amt auszuüben, deswegen werde er es nun übernehmen.
Eine Reihe von westlichen Staatschefs rief die neuen Machthaber dazu auf, freie und faire Wahlen durchführen zu lassen, unter ihnen US-Präsident Barack Obama. Bisher hatten die zugelassenen Oppositionsparteien nur dank einer gesetzlichen Quote von 20 Prozent eine Handvoll Abgeordnete zugeteilt bekommen.
Die Hoffnung auf faire Wahlen keimt jetzt nicht nur in Tunis. "Wunderbares Tunesien, du zeigst den Weg", schrieb der in ganz Arabien berühmte Publizist Tarik Haggi in seinem Blog. Er ist Ägypter.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 3/2011
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