17.01.2011

LITERATURGift im Gepäck

Die Enthüllungen über Spitzeleien des Dichters Oskar Pastior haben Streit ausgelöst unter den rumäniendeutschen Schriftstellern. Im Zentrum der Debatte um Schuld, Verrat und den aufrechten Gang in totalitärer Zeit steht die Nobelpreisträgerin Herta Müller. Von Walter Mayr
Die Protokolle des Terrors lagern in drei Hallen bei Bukarest. Lange Gänge, graulackierte Eisengestelle, bleiche Gesichter im Neonlicht. Hinter Holzschreibtischen trotzen Archivarinnen in wattierten Jacken der Kälte. Manchmal huscht eine von ihnen hinein ins Labyrinth der Regale, um eine gelbbraune Kladde hervorzufischen.
In den Hangars der Kleinstadt Popeşti-Leordeni, wo die Kommunisten einst Speiseöl und Zucker für den Ernstfall bunkerten, stapeln sich nun die Akten des aufgelösten Geheimdienstes Securitate. Hier, in der Schatzkammer der CNSAS, der rumänischen Gauck-Behörde, müsste er zu finden sein: der Schlüssel zur Frage, wer wirklich Widerständler war im kommunistischen Rumänien, wer Mitläufer und wer Verräter.
Hier liegt konzentriert zwischen Aktendeckeln das Gift vergraben, das seit einiger Zeit tropfenweise nach draußen dringt. Gift, das nicht nur in Rumänien Wirkung tut. Denn unter den Spitzeln und deren Opfern sind Schriftsteller deutscher Sprache.
Aneinandergereiht 24 Kilometer misst der Aktenbestand in Popeşti-Leordeni. Er birgt Protokolle über die Rumänienreise des späteren Nobelpreisträgers Günter Grass 1969. Er birgt die Verpflichtungserklärung sowie die Täterakte (Signatur R 249556) des Lyrikers Oskar Pastior. Und die Opferakte jener Frau, die ihm im Roman "Atemschaukel" ein Denkmal gesetzt hat - der Nobelpreisträgerin Herta Müller.
Den Mitarbeitern der CNSAS beschert das Aufsehen um die Akten deutschstämmiger Dichter mehr Arbeit, als ihnen lieb ist. "Alles fing damit an", sagt der Direktor Dragoş Petrescu, "dass Herta Müller durch den Nobelpreis so berühmt wurde. Das war sie ja vorher nicht."
Auch Pastior, der 2006, kurz nach seinem Tod, mit dem Büchner-Preis geehrt wurde, war lange nur Liebhabern fortgeschritten experimenteller Lyrik bekannt. Er hatte als junger Mann fünf Jahre sowjetischer Lagerhaft überstanden und stand Modell für den Ich-Erzähler in Herta Müllers Roman "Atemschaukel", der 2009 erschienen ist, kurz vor Bekanntgabe des Nobelpreises.
Ein Jahr später, am 17. September 2010, platzte mitten hinein in den frischen Ruhm der beiden sprachmächtigen Rumäniendeutschen die Nachricht, Pastior habe als IM "Stein Otto" von 1961 an bis zu seiner Ausreise nach Deutschland sieben Jahre lang der Securitate gedient. Ausgerechnet er, den Herta Müller, die unerschrockene Brandrednerin gegen sämtliche Söldner des kommunistischen Geheimdienstes, als väterlichen Freund ins Herz geschlossen hatte.
Seither tobt ein Stellungskrieg, der den Dichtern aus den Karpaten mehr Schlagzeilen beschert, als sie mit Versen und Romanen je geerntet haben. Gestritten wird nun über Moral und Verrat, über die Kunst des aufrechten Gangs in totalitärer Zeit und, nicht zuletzt, über zerbrochene Freundschaften.
Es ist, als wiederhole sich, was vor zwei Jahrzehnten schon Schriftsteller- und Künstlerfreunde am Prenzlauer Berg umtrieb - wo nach der Enttarnung Sascha Andersons als Spitzel öffentliches Gezeter über einen lange als subversiv gehandelten Zirkel hereinbrach.
Die Fallhöhe war damals allerdings geringer: Anderson war kein Pastior, und dem schnoddrigen Wolf Biermann, der das Schmähwort "Sascha Arschloch" prägte, war der heilige Ernst einer Herta Müller wesensfremd. In Sachen Securitate-Akten wird sie, die Nobelpreisträgerin mit moralischem Anspruch, nun auf jede ihrer Einlassungen hin überprüft. Die Zukunft der von ihr mitgeleiteten Oskar-Pastior-Stiftung wie auch die des gleichnamigen Literaturpreises steht in Frage.
Und so fliegt am vergangenen Montag einmal mehr Ernest Wichner in Bukarest ein, der Leiter des Literaturhauses Berlin, Vertraute Müllers und langjährige Freund Pastiors. Wichners Mission: Er soll klären, wem der IM "Stein Otto" wirklich geschadet hat; ob also nach dem Schriftsteller Dieter Schlesak, der sich bereits klagend zu Wort meldete, künftig noch weitere Opfer Pastior belasten könnten.
Im fensterlosen Lesesaal des CNSAS-Gebäudes zu Bukarest werden die Akten angekarrt. Der Raum ist videoüberwacht, es herrscht lastende Stille. An 20 Arbeitsplätzen durchforsten Wissenschaftler und einfache Bürger, was ihnen an Papier auf den Tisch gelegt wird: ihr eigenes Leben oder das Leben der anderen.
Wie Bergleute in einen Schacht versenken sie sich in die finsteren Abgründe rumänischer Nachkriegsjahre. Was sie zutage fördern, ist Rohstoff für bittere Abrechnungen und entlarvte Lebenslügen.
Fassungslosigkeit, Tränen, auch psychische Zusammenbrüche im Lesesaal seien die Folge, sagt der Behördendirektor. "Die Vorstellungen, die wir uns von uns selbst machen, und die Berichte, die sich in den Akten finden, liegen oft weit auseinander", urteilt ein akkreditierter Forscher, "frei nach Nietzsche: Das hast du getan, sagt das Gedächtnis; das kann nicht sein, sagt der Stolz; und mit der Zeit siegt der Stolz über das Gedächtnis."
Beim Literaturhaus-Chef Wichner, der Rumänien 1975 den Rücken kehrte, siegt in Bukarest erst einmal die Erleichterung. Nichts wirklich Neues, Belastendes hat er entdecken müssen in Sachen Pastior. "Oskar war wie ein Vater oder Bruder für mich, noch als Toter ist er mir nah", sagt Wichner. "Aber deshalb arbeite ich nicht darauf hin, dass jenes Ergebnis herauskommt, das ich mir wünsche. Darin bin ich mir mit Herta Müller einig."
Wichner klingt, als wolle er sich gegen Vorwürfe verwahren, noch ehe sie ausgesprochen sind. Nicht wenige, darunter alte Freunde, sehen ihn inzwischen zu emsig das Rampenlicht mit der Nobelpreisträgerin teilen. Als einziger der alten Weggefährten aus dem Banat war er dabei, als Müller am 10. Dezember 2009 mit dem Nobelpreis aus der Hand des schwedischen Königs geadelt wurde.
"Es geht in dieser ganzen Diskussion auch um Deutungshoheit, Herrschaftswissen und den persönlichen Grad an Heldentum", sagt Peter Motzan vom Münchner Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas. Sein Kollege Stefan Sienerth, der den Fall Pastior in Kleinarbeit ausgrub, beurteilt die Wirkung der Aktenöffnung aufs rumäniendeutsche Milieu inzwischen so: "Unser ursprüngliches Ziel, durch Aufklärung zur Versöhnung zu kommen, war Illusion." Von "zerschlissener Identität" bei vielen, die einst als hoffnungsvolle Talente Rumänien in Richtung Deutschland verließen, spricht Motzan: Die anhaltenden Grabenkriege hätten "auch damit zu tun, dass die Hoffnung, hier zum großen Schriftsteller zu werden, nur bei Herta wirklich wahr geworden ist".
Es gibt ein Foto aus dem Juli 1972, vom Gründungstreffen der Aktionsgruppe Banat, jener Vereinigung aufmüpfiger und bekennend größenwahnsinniger Junglyriker, die den grauen Alltag des ersten Ceauşescu-Jahrzehnts in raffinierte deutschsprachige Chiffren verpackten. Das Foto zeigt bärtige Männer, badend im Fluss, und ist wie folgt untertitelt: "Die Aktionsgruppe hält sich über Wasser". Nicht im Bild sind Wichner (Begründung: "unter Wasser") und Herta Müller.
Unverkennbar mittendrin hingegen ist Richard Wagner, Gründungsmitglied und Gehirn der Gruppe. Ihn wird Herta Müller später heiraten, an seiner Seite verbringt sie die Jahre der Verfolgung und Bespitzelung bis zur Ausreise 1987, und ihm ist sie noch heute, nach Scheidung der Ehe, verbunden. "Ihre Sprachgewalt hat Herta vom Herrgott", sagt ein Weggefährte, "die ideologische Strenge hat sie vom Wagner."
Der 58 Jahre alte Wagner ist, gelobten Romanen, Erzählungen und Essays zum Trotz, weniger seines Werks als seiner moralischen Autorität wegen gefragt. Und so, wie er da jetzt sitzt, umzingelt von Bücherwänden in seiner Berliner Schreibstube, wird schnell klar, dass er zum Kompromiss nicht geneigt ist.
Herta Müller und Ernest Wichner seien im Fall Pastior auf einem Auge blind, sagt Wagner: "Für die beiden ist er eine Art Heiliger. Sie hätten die Sache gern kleiner, harmloser, und sie glauben daran, dass es so war. Aber da werden noch einige neue Sachen ans Licht kommen."
Wagner reist, gesundheitsbedingt, nicht selbst ins Bukarester Archiv, und er war auch nicht bei der Preisverleihung in Stockholm. Er macht sich sein Bild von zu Hause aus.
"Von Hertas Licht", sagt er, "wollen jetzt viele etwas abhaben, das ist menschlich verständlich. Und ein Nobelpreis gibt ja auch Legitimation. Aber bei Pastior wird Hertas Position brüchig. Ihr Werk beruht auf dem Grundkonzept, dass Literatur mit Gesellschaft zu tun haben sollte. Was Pastior und seine Akte angeht, heißt das für mich: Die Stiftung und der Preis mit seinem Namen sind nicht zu halten."
Neue Aktenfunde, die der Germanist Sienerth vergangene Woche auszuwerten begann, belegen nur, was zu befürchten stand: dass Pastior bis zur Ausreise 1968 seinem Führungsoffizier bei der Securitate berichtet hatte. Das zeige immerhin, sagt Sienerth, dass der IM "Stein Otto" durchaus aktiv gewesen sei, "ansonsten hätten sie ihn nicht sieben Jahre lang behalten".
Was sagt Herta Müller? Zum Fall Pastior vorläufig nichts mehr. "Wut" und "Erschrecken" hat sie anfangs eingeräumt, aber auch darauf hingewiesen, dass ihr Freund von der sowjetischen Lagerhaft traumatisiert und als Homosexueller im stalinistischen Rumänien erpressbar gewesen sei. In "Atemschaukel" lässt Müller den Ich-Erzähler sagen: "Ich trage stilles Gepäck. Ich habe mich so tief und so lang ins Schweigen gepackt, ich kann mich in Worten nie auspacken."
Eine Vorahnung?
Wer weiß. Herta Müller spricht zurzeit lieber über Nachstellungen, bei denen sie die Securitate unverändert am Werk vermutet. Erkennbar seien, so Müller zum SPIEGEL, "Dimensionen der Verleumdung, die hierzulande undenkbar sind". Das ist ihr Thema, Leitmotiv zahlreicher Beiträge: dass das Räderwerk des rumänischen Geheimdiensts nicht stillsteht.
Der hohe Ton, gepaart mit niedriger Reizschwelle, bringt der "begnadeten Leidtragenden" Müller, wie ein alter Bekannter sie nennt, nicht nur Freunde ein: zu nah an der Enzyklika, heißt es, zu weit weg vom wahren Leben.
Als "Luxusdissidenten der Tauwetterzeit Ceauşescus, des grotesken kommunistischen Königs mit Zepter und Thron", hat der Siebenbürger Schriftsteller Dieter Schlesak, Jahrgang 1934, die Gruppe um Herta Müller verspottet. Nachdem Ceauşescu 1965 an die Macht gekommen war, sagt auch der jahrelang inhaftierte Schriftsteller Hans Bergel, geboren 1925, "konnte man die Securitate bereits anpinkeln, ohne füsiliert zu werden; sein Vorgänger Gheorghe Gheorgiu-Dej hatte hunderttausend Menschenleben auf dem Gewissen".
Büchernärrische Marxisten seien sie gewesen, räumt Richard Wagner ein: überzeugt, das System von innen heraus verändern zu können nach Ceauşescus Kritik am Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei. Den Preis des kommunistischen Jugendverbands für Literatur hat er damals ebenso wie Herta Müller entgegengenommen. Aber Luxusdissidenten? "Gerade der Kollege Schlesak, der jetzt in der Toskana lebt, muss uns das sagen", grummelt Wagner.
Als "Dissidenten", sagt er, hätten sie sich nie verstanden. "Das war ein Begriff, der uns angeheftet wurde, als wir noch nicht einmal in Deutschland waren. Ein Reflex des Kalten Krieges, geprägt vom Blick auf die DDR. Wir waren so exotisch für Leser in der Bundesrepublik, dass uns die Leute, als wir dann angekommen waren, fragten: 'Wer hat denn Ihre Werke ins Deutsche übersetzt?'"
Inzwischen müssen sie zumindest nicht mehr erklären, dass ihre Muttersprache Deutsch ist. Sie verehrten Paul Celan und Ernst Jandl als Halbgötter, deren Bücher in die Banater Bauerndörfer geschmuggelt wurden und bald so etwas waren wie
das tägliche Gegengift zum Leben unter Storchennestern und Parteidiktat.
Überhaupt, die Bücher: "Wissen Sie, was in dieser ganzen Securitate-Diskussion fehlt?", fragt Wagner. "Die Literatur. Es geht doch hier zuallerletzt um Bücher." Sein neuer Roman "Belüge mich" erscheint nächste Woche im Aufbau-Verlag. Wagner erwähnt das nicht.
Seit Herta Müller und er 1987 ins Land ihrer Vorväter kamen, haben sie um Gehör und Anerkennung gerungen. In Rumänien sind sie nicht verstanden worden, in der neuen Heimat Deutschland verstörte ihr moralischer Rigorismus. Es war, sagt der Germanist Motzan, "der Weg aus einer Fremde in die andere", in ein Land, das der Despotie Ceauşescus mit Pragmatismus begegnete: mit einer Kopfprämie von um die 8000 Mark pro freigekauften Bürger.
"Sicher wird Ihnen bewusst sein, dass Sie als Schriftsteller ein großes Thema im Gepäck mit sich führen", schreibt Günter Grass 1978 an den Schriftsteller Frieder Schuller, für dessen Ausreise er sich eingesetzt hat. Da ahnt er noch nichts von Schullers Gepäck.
In den nun aufgetauchten Protokollen des Securitate-Kreisinspektorats Hermannstadt vom 31. Dezember 1977 heißt es unter der Rubrik "streng geheim": Schuller, jahrelang "als Informant der Abteilung Gegenspionage" eingesetzt, habe "aus eigener Initiative über aufwieglerische Diskussionen" berichtet, an denen auch der Bukarester Botschafter der Bundesrepublik beteiligt gewesen sei.
Schuller, der am Freitag in Berlin sein neues Theaterstück über Pastior und die Securitate vorstellen will, sagt: "Ich habe mich nie schriftlich verpflichtet. Ich habe den Verrückten gespielt."
Die Grass-Übersetzerin Nora Iuga, Grande Dame der rumänischen Literatur, warnt davor, im Rückblick auf die kommunistische Zeit im Karpatenland nur noch die Knute der Securitate wahrnehmen zu wollen. Iuga, 80 Jahre alt und mit ungebrochenem Hang zum exzentrischen Auftritt, hat nicht nur Grass ins Rumänische übertragen, sondern mit Elfriede Jelinek und Herta Müller zwei weitere Nobelpreisträger.
Sie sagt: "Herta und ich, wir waren Freunde. Der Bruch kam erst, nachdem sie den Nobelpreis erhalten hatte. Ich hatte nur einmal erwähnt, wer wie ich fast 80 Jahre in Rumänien lebe, kenne das Land vielleicht besser als jemand, der es früh verlassen hat. Als ich Herta danach traf, in Berlin vor Oskar Pastiors alter Wohnung, hat sie mich öffentlich angeschrien."
So recht weiß die rumänische Elite mit dem plötzlichen Ruhm ihrer verlorenen zornigen Tochter bis heute nichts anzufangen. Staatspräsident Traian Basescu, der die Öffnung der Securitate-Archive ab 2005 vorantrieb, hat auf Glückwünsche zum Nobelpreis verzichtet. Und der als "Solschenizyn Rumäniens" geadelte Kollege Paul Goma grantelte von Paris aus: Die Ausreise nach Deutschland sei für Müller nicht der Weg ins "Exil, sondern in den Erholungsurlaub" gewesen.
Verletzte Eitelkeit? Wut auf eine, die sich herausnimmt, bei ihren eher seltenen Reisen nach Rumänien die Dortgebliebenen vom Podium herab in Handlanger und Mitläufer der Diktatur zu unterteilen? Könnte sein, sagt Mircea Dinescu: "Bei den Securitate-Akten ist Vorsicht geboten. Viel wurde geschreddert, viel ist ,verdunstet'. Schwarzweißmalerei ist bei diesem Thema der falsche Weg."
Dinescu ist Rumäniens größter lebender Lyriker. Er stand offiziell unter Hausarrest, als er 1989, schweißgebadet im Scheinwerferlicht des staatlichen Fernsehsenders, den Sturz Ceauşescus mit den Worten verkündete: "Die Armee ist mit uns, der Diktator ist geflohen." Noch jetzt, mehr als 20 Jahre später, kümmert er sich im Vorstand der CNSAS, der Securitate-Unterlagenbehörde, um die Aufarbeitung der Vergangenheit.
Wer verstehen will, warum das kommunistische Rumänien mehr war als ein von Securitate-Knechten und -Opfern bevölkertes Bestiarium, der ist bei Dinescu richtig. Aufrechter Gang und Lebenslust, das vermittelt er, seien vereinbar gewesen: "Bei Herta Müller wird die Securitate langsam zur Obsession. Sie benimmt sich wie die weibliche Ausgabe Savonarolas" - des berühmten Florentiner Bußpredigers.
Die deutschsprachigen Dichter aus dem Banat, sagt Dinescu, hätten in der Ceauşescu-Zeit nicht als die größten Sorgenkinder der Securitate gegolten: "Das war eine kleine Pelikankolonie, weit weg in Temeschwar, aber immer im Visier." Er selbst hat sich damals aufs Leben im Spitzelstaat seinen eigenen Reim gemacht. Und der geht so: "Wie brotteig wächst sie, meine akte; / sie bläht sich, blubbert, sie geht auf. / geliebte, lass uns ein paar takte / tanzen im abgelegten lebenslauf."
Dass selbst der kongeniale Übersetzer des Gedichts, der Banater Lyriker Werner Söllner, inzwischen bekannte, Informant der Securitate gewesen zu sein, ändert nichts an Dinescus Überzeugung: "Über das, was damals war, ist heute schwer zu urteilen." Und so wird auch der Fall Pastior nicht letztgültig zu klären sein, solange der Auslandsnachrichtendienst seine Dossiers nicht öffnet. Erst dort, sagen im Aktendschungel Rumäniens erfahrene Fährtenleser, zeige sich, ob der Meister der literarischen Chiffre dem Geheimdienst mehr lieferte als bisher bekannt.
Begraben liegt Pastior seit 2006 auf dem Friedhof Stubenrauchstraße in Berlin-Friedenau. Hier, in einem der Biotope, wo noch Baskenmützen auf offener Straße und Anti-Atomkraft-Aufkleber im Fenster zu sehen sind, haben auf großzügigen Altbauetagen die Prinzipien Hoffnung und Widerstand überdauert. Hier leben, unweit des Friedhofs, Herta Müller und Ernest Wichner.
Freund Oskar, der Skrupulöse, der Einzelgänger, bleibt ihnen nahe. Er hat sich nicht offenbart. Aber für seine Angst vor jeder Form von Lebensbilanz hat er Worte gefunden. "Archivieren", sprach Pastior, "ist ja wie ein Nachtflug ins Ungewisse. Lächerlicherweise hängt man dran."
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 3/2011
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