24.01.2011

BriefeLebenslange Zwiespältigkeit

Nr. 2/2011, Lebensläufe: Wie sich die Schriftstellerin Luise Rinser zur Widerständlerin stilisierte
Es war längst überfällig, dass der Stellenwert Rinsers innerhalb der Literaturgeschichte ehrlich definiert und zurechtgerückt wird. Es war ihr tatsächlich gelungen, durch irritierende und schlichtweg unwahre biografische Schilderungen Aufmerksamkeit und Ansehen zu erwerben. Ihre lebenslange Zwiespältigkeit, ihre oft irrationalen literarischen Äußerungen und öffentlichen Verhaltensweisen haben schrittweise aber ein unglaubwürdiges Bild geschaffen.
Ortenburg (Bayern),
Karl-Heinz Rudat
Selbst ein kritischer Schriftsteller wie der vor den Nazis geflohene Autor und spätere PEN-Präsident Hermann Kesten fiel auf Luise Rinsers Märchen herein. In seinem Buch "Meine Freunde die Poeten" bewundert er den Mut der Widerstandskämpferin Rinser. "Was diese Autorin auszeichnet, ist ihr psychologischer Scharfsinn und ihre schamlose Aufrichtigkeit." Nachdem Kesten in solchen Urteilen als moralische Autorität gilt, haben diese Charakterisierung natürlich viele übernommen, viele werden vieles umschreiben müssen.
Rückersdorf (Bayern),
Manfred Schreiner
Hermann-Kesten-Gesellschaft
Kleeberg erwähnt, wie Luise Rinser versuchte, den großen katholischen Theologen Karl Rahner für ihre Selbstdarstellung zu instrumentalisieren. Rahner ließ dies nicht zu, und in der Öffentlichkeit wurde ihr Buch "Gratwanderung - Briefe der Freundschaft an Karl Rahner" - zu Recht - mit Ablehnung und Spott versehen.
Darmstadt,
Meinold Krauss
Ich wünschte, meine Mutter hätte eine so reine Weste, wie ich noch vor einigen Jahren, ganz naiv ihre Darstellung zu meiner eigenen machend, annahm. Der gut recherchierte Artikel behandelt aber nur einen kleinen Ausschnitt eines über 90 Jahre dauernden Lebens. Und es wäre sehr schön gewesen, wenn Kleeberg nicht mit einer Randbemerkung über ihr vielfältiges Engagement hinweggegangen wäre: In täglicher, über Jahrzehnte geübter "Sklavenarbeit" hat sie Tausende Briefe beantwortet und damit vielen Menschen sehr geholfen, die sich in Not an sie wandten, und sich für Verfolgte und Diskriminierte, für eine gerechtere und friedvollere Welt eingesetzt.
Caleta de Vélez (Spanien)Christoph Rinser
Ende der achtziger Jahre habe ich Luise Rinser bei einer Buchlesung gebeten, eine Petition an Kim Il Sung zu übergeben, um ein Treffen mit meinen Angehörigen in Nordkorea zu ermöglichen. Später durfte ich meine Schwester nach 50 Jahren umarmen. Sie sehen in ihr nur eine goethesche Irrende, für mich ist Frau Rinser eine Erlöserin, und ich wünsche mir noch viele von ihrem Kaliber in Deutschland.
Mommenheim (Rhld.-Pf.),
Sam Sin

DER SPIEGEL 4/2011
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