24.01.2011

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEJurassic Park

Warum ein Falter 3,3 Millionen Euro zum Überleben braucht
Eigentlich erzählt der Kasten, den Antje Walter vorsichtig auf den Tisch legt, bereits die ganze Geschichte. Er hat eine Kantenlänge von etwa 20 Zentimetern, einen Plastikrahmen und eine Glasscheibe. Hinter der Scheibe ist ein Schmetterling aufgespannt, rot-braun, mit auffälliger Zeichnung, Euphydryas aurinia, der Goldene Scheckenfalter.
Man kann den Schmetterling ins Licht drehen, das Muster aus hell- und dunkelorangefarbenen Flächen auf der Flügeloberseite bewundern, die orangefarbene Binde am unteren Rand. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: Der Schmetterling ist tot, aufgenadelt vor langer Zeit, damit man sich ein Bild von ihm machen kann. Vor 60 Jahren noch gab es den Goldenen Scheckenfalter praktisch überall, heute gilt er vielerorts als ausgestorben. Der Insektenkasten ist ein winziges Mausoleum für eine untergegangene Art.
Antje Walter hat den toten Schmetterling aus ihrem Büro geholt, weil sie die Sache mit den 3,3 Millionen Euro erklären will. Die Stiftung Naturschutz, für die Walter arbeitet, und die EU haben Geld zusammengelegt, damit der Goldene Scheckenfalter wenigstens in Schleswig-Holstein wieder heimisch wird, zur Verfügung stehen insgesamt 3,3 Millionen Euro.
Das Fördergeld soll ein Rettungsschirm sein. Denn der Falter braucht nicht viel zum Leben, Feuchtwiesen, Heiden, Magerrasen; dass er verschwunden ist, in Deutschland und anderswo, sagt einiges darüber aus, was die Menschen aus ihrer Umwelt gemacht haben.
In Schleswig-Holstein werden mittlerweile rund 63 Prozent der Fläche landwirtschaftlich genutzt. Das Land wurde entwässert, industrialisiert, großzügig gedüngt und maschinengerecht aufgeteilt. Der letzte Goldene Scheckenfalter wurde 1991 gesichtet.
Im Oktober 2008 stellte die Stiftung ihr Projekt bei den zuständigen Behörden vor. Die Konkurrenz für den Goldenen Scheckenfalter war groß.
Wirbellose Arten haben es im Fördergeschäft ohnehin schwer; Kranich oder Kiebitz lassen sich dem Steuerzahler einfach leichter vermitteln. Andererseits ist der Goldene Scheckenfalter für Biologen das, was der Kanarienvogel früher für die Bergleute war: Wenn es ihm schlechtgeht, droht Gefahr.
Ende September 2009 reichte die Stiftung ihren Antrag beim Bundesministerium für Umwelt in Bonn ein. In dem 130-seitigen Werk ist viel die Rede von "Habitatqualität", "Biodiversität" und "Gebüschmanagement", der Goldene Scheckenfalter, heißt es, sei eine "Schirmart": Wenn es gelänge, ihn wieder anzusiedeln, dann profitierten davon auch bedrohte Pflanzenarten wie Arnika, Schwarzwurzel oder Teufelsabbiss.
Antje Walter bat einen Falterfachmann um Hilfe. Detlef Kolligs ist in Schleswig-Holstein aufgewachsen, er war acht Jahre alt, als ihm seine Mutter einen Schmetterlingskasten schenkte. In dem Kasten waren Arten aufgespießt, die man im Norden Deutschlands antreffen konnte: Nierenfleck und Braunkolbiger Braun-Dickkopffalter, Waldbrettspiel und Schornsteinfeger. In seiner Heimat hat Kolligs den Goldenen Scheckenfalter noch nie in der Natur gesehen.
Gemeinsam entwickelten sie einen Plan. Wie lässt sich inmitten der Agrarwüste Schleswig-Holstein hier und da ein "Nutzungschaos" schaffen, mit Hecken, Halbtrockenrasen und Orten, an denen der Falter seine Eier ablegen kann? Muss entbuscht, muss Boden abgetragen werden?
Im März 2010 lud die EU sie zu einer Fragerunde ein. Das Schmetterlingsprojekt war mittlerweile von einem Expertenteam begutachtet worden, in einem Punkte-Ranking war der Goldene Scheckenfalter auf Platz zwei gelandet. Vielleicht hatte man in Brüssel begriffen, dass der Falter nur ein Beispiel ist.
Bis 2018 haben Walter und Kolligs Zeit, den Goldenen Scheckenfalter zurückzuholen, und ein bisschen klingt das nach Jurassic Park. Sie werden von Schmetterlingen, die irgendwann in Schleswig-Holstein gefangen wurden und nun in Insektenkästen kleben, die DNA isolieren und in Europa nach Artgenossen suchen, die ihnen genetisch ähnlich sind; sie werden befruchtete Weibchen nach Schleswig-Holstein bringen und hoffen, dass aus den Larven gesunde Schmetterlinge schlüpfen. Naturschutz, sagen sie, gelingt am ehesten, wenn man ihn als Betriebszweig der Landwirtschaft begreift. Es ist eine Art Guerillataktik: Wenn man den Strukturwandel nicht aufhalten kann, sagt Antje Walter, muss man ihn "positiv begleiten".
Letztlich, sagt sie, geht es um die Frage, was uns wichtig ist. Wie wollen wir leben? Der Goldene Scheckenfalter ist ein Modellprojekt. Am Ende könnte eine andere Landwirtschaft stehen, eine andere Landschaft, ein anderes Land. 3,3 Millionen Euro, verteilt über acht Jahre, das ist für eine so große Frage eine verblüffend kleine Summe.
Sollte das Projekt gelingen, bliebe der größte Feind des Goldenen Scheckenfalters: die Landwirtschaft. Auch sie wird von der EU gefördert, allein in Schleswig-Holstein mit 360 Millionen Euro. Pro Jahr.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 4/2011
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