24.01.2011

AFFÄREN„Staat im Staate“

Eine Bilfinger-Berger-Tochter ist der größte Arbeitgeber in Nigeria. Doch seinen Erfolg sicherte sich der Baukonzern offenbar mit massiver Korruption - bis hinauf zum Präsidenten.
Korruption kann töten. Sie vernichtet Jobs, den freien Wettbewerb, zerstört die Funktionsfähigkeit von Staaten und Gemeinwesen - und zuweilen auch Leben.
Manchmal kann Korruption aber auch Leben retten. Oder, wenn nicht mehr retten, dann zumindest verlängern.
So könnte die Korruption in Nigeria Umaru Yar'Adua zehn Jahre geschenkt haben. Zehn Jahre politische Macht, erst als Provinzpolitiker, dann von 2007 an als Präsident des afrikanischen Landes.
Yar'Aduas Lebensretter war 1999 offenbar der Mannheimer Baukonzern Bilfinger Berger. Oder, besser gesagt, dessen nigerianische Tochter, die unter dem Namen Julius Berger firmiert und an der die Mannheimer 49 Prozent halten.
Der damalige Gouverneur des nigerianischen Bundesstaats Katsina erkrankte zu dieser Zeit schwer, seine Nieren arbeiteten nicht mehr richtig. Ohne medizinische Hilfe von außen hätte Yar'Adua vermutlich nicht mehr lange gelebt.
Glaubt man den Meldungen, die die US-Botschaft aus der nigerianischen Hauptstadt Abuja ins heimische Washington kabelte, stellte Julius Berger dem Politiker daraufhin über Jahre hinweg ein medizinisches Rundum-sorglos-Paket zur Verfügung. Aus geschäftlichem Kalkül oder aus reiner Nächstenliebe?
Schließlich soll Julius Berger auch mit Schmiergeld nachgeholfen haben, um den einen oder anderen Millionenauftrag in dem rohstoffreichen afrikanischen Staat zu ergattern.
Der Baukonzern hatte immer schon eine Sonderstellung in dem Land. Das Unternehmen, das schon seit 1970 existiert, ist Marktführer in Nigeria und mit rund 18 000 Angestellten der größte private Arbeitgeber im Land - und einer der politisch einflussreichsten. Teile des Top-Managements von Julius Berger sind mit Deutschen besetzt, 51 Prozent der Firma liegen jedoch in nigerianischer Hand.
Allein zwischen 2007 und 2009 verdoppelte Julius Berger in Nigeria seinen Umsatz auf nahezu eine Milliarde Dollar. In Lagos baut die Firma ganze Stadtteile. Wer in Abuja vom Flughafen in die Stadt fährt, rollt auf erstklassigen Autobahnen, gebaut von Julius Berger.
"Staat im Staate" nennen die Nigerianer daher die deutsch-nigerianische Baufirma. Ein großer abgezäunter Komplex am Rande der Hauptstadt Abuja beherbergt die rund 700 deutschen Mitarbeiter und versorgt sie mit allen Annehmlichkeiten. Es wird deutsch gesprochen, im Clubhaus gibt es Schnitzel, und im Supermarkt liegt deutsche Butter im Regal.
Konkurrenten beäugen die geknüpften Drähte der Firma zu Nigerias Regierenden schon lange mit Argwohn. Wie eng sie allem Anschein nach wirklich waren, zeigen jetzt Depeschen aus den US-Vertretungen in Nigeria.
Laut mehrerer geheimer Quellen der Amerikaner soll die Familie Yar'Adua schon seit Jahren enge Kontakte zu dem Unternehmen gepflegt haben. Davon profitierte offenbar auch Umaru Yar'Adua. Als der 1999 schwer an den Nieren erkrankte, konsultierte er, wohl auf Vermittlung von Berger, Spezialisten in Mainz.
Kurz darauf, so schildert es ein Informant den US-Diplomaten, sei dann mit Hilfe von Julius Berger ein Dialysegerät in Yar'Aduas Villa in Kastina, im Norden Nigerias, gebracht worden. Deutsche Mediziner hätten anschließend heimisches Personal mit der Bedienung der lebenserhaltenden Maschine vertraut gemacht.
Immer wieder habe er dennoch Nierenspezialisten in Wiesbaden aufsuchen müssen. Scheinbar half das alles nichts, mutmaßlich im Jahr 2002, so schildert es der Informant der Amerikaner, habe sich Yar'Adua einer Nierentransplantation in Saudi-Arabien unterziehen müssen.
Doch auch mit der neuen Niere gab es offenbar Probleme. Selbst nachdem Yar'Adua im Jahr 2007 zum Präsidenten Nigerias gewählt wurde, mussten mit Hilfe von Julius Berger immer wieder Ärzte und medizinisches Gerät aus Deutschland eingeflogen werde, um ihn zu behandeln. So zumindest erzählt es der Gesprächspartner der Amerikaner. Alles sei demnach hochgeheim abgelaufen, schließlich sollte niemand wissen, wie ernst es in Wahrheit um die Gesundheit des Präsidenten stand. Julius Berger ließ eine Anfrage des SPIEGEL zu dem Thema unbeantwortet.
Das Interesse der Amerikaner für die Verbindungen zwischen einem der führenden nigerianischen Politiker und der Baufirma könnte nicht nur politische Gründe haben. US-Behörden interessieren sich schon länger auch für das Geschäftsgebaren des deutschen Konzerns im westlichen Afrika. Denn Bilfinger Berger ist über Töchter neben seinen medizinischen Gefälligkeiten für Yar'Adua noch in zwei fette Schmiergeldskandale in Nigeria verstrickt, in denen US-Firmen die führende Rolle spielen.
So ermittelten nigerianische Behörden zwischenzeitlich gegen drei deutsche Berger-Manager wegen Korruption und Geldwäsche. Sie standen im Verdacht, zwischen 2002 und 2003 fünf Millionen Dollar in bar an den Assistenten des damaligen Staatspräsidenten und Yar'Adua-Vorgängers Olusegun Obasanjo übergeben zu haben. Angeblich als Spenden für dessen Wahlkampf im Jahr 2003.
Ende September 2010 einigten sich Julius Berger und die nigerianischen Behörden auf einen 29,5-Millionen-Dollar-Vergleich. Obasanjos Assistent dagegen steht derzeit noch vor Gericht.
Hintergrund des Verfahrens ist der Bau einer Erdgasfabrik im Süden des Landes. An dem Sechs-Milliarden-Dollar-Projekt war neben Julius Berger vor allem der US-Multi Halliburton beteiligt. Das Konsortium um Halliburton soll in Obasanjos Amtszeit rund 180 Millionen Dollar Schmiergeld an Regierungsoffizielle gezahlt haben, um den Auftrag zu erhalten. Die betroffene Halliburton-Tochter bekannte sich inzwischen vor einem US-Gericht schuldig.
Daneben ist Bilfinger Berger auch noch wegen angeblicher Schmiergeldzahlungen im Zusammenhang mit dem Bau einer Pipeline durch das Niger-Delta ins Visier von Korruptionsermittlern geraten. Zusammen mit Mitarbeitern einer US-Ingenieurfirma sollen zwei deutsche Manager der Berger-Tochter Bilfinger Berger Gas&Oil zwischen 2003 und 2005 dabei geholfen haben, sechs Millionen Dollar Schmiergeld an Vertreter der Nigerian National Petroleum Corporation, Shell Nigeria und Regierungsoffizielle zu zahlen, um den 400-Millionen-Kontrakt zu erhalten. Nach Erkenntnissen von US-Ermittlern brachte im Februar 2005 ein Berger-Mann einen Koffer mit einer Million Dollar Bargeld von Frankfurt nach Lagos. Wie es heißt, ein Darlehen für die amerikanische Ingenieursfirma. Die US-Kollegen sollen das Geld dann übernommen und damit anschließend Regierungsvertreter geschmiert haben.
Zwei Manager der US-Ingenieurfirma wurden im vergangenen Jahr von einem Gericht in Texas zu Haftstrafen zwischen einem Jahr und 15 Monaten verurteilt. Und auch für Bilfinger Berger scheint das Thema in den USA noch nicht ausgestanden. Kein guter Start für den früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, der am ersten März in den Vorstand des Baukonzerns einzieht und im Juli dessen Vorsitz übernimmt.
Bilfinger Berger erklärt, bei der Eine-Million-Dollar-Zahlung habe es sich um ein Darlehen für den amerikanischen Partner gehandelt, das ohne Wissen und Genehmigung des Konzerns ausbezahlt worden sei. Der verantwortliche Mitarbeiter habe die Firma inzwischen verlassen. Ermittlungen zu dem Sachverhalt seien hierzulande eingestellt worden. Und was laufende Ermittlungen zu dem Fall in den USA anginge, "kooperiere man in jeglicher Hinsicht mit den Behörden".
In Nigeria ist das Geschäft für Bilfinger Berger zwar weiter hochprofitabel, dafür aber politisch wohl schwieriger geworden. Präsident Umaru Yar'Adua starb am 5. Mai 2010 - in Folge seiner Nierenerkrankung.
Von Horand Knaup und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 4/2011
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