24.01.2011

INTERNETSprachrohr der Verzweifelten

Die Chinesen entwickeln sich zu begeisterten Mikrobloggern: Mit Hilfe von Kurznachrichten im Netz lassen sich weitgehend unbehelligt von staatlicher Zensur Missstände anprangern. Auch die Obrigkeit nutzt das populäre Medium für ihre Zwecke - um die Volksmeinung zu lenken.
Am Eingang des Polizeihauptquartiers prangt ein Mao-Spruch in goldenen Schriftzeichen: "Dem Volk dienen". Chen Yongbo, 48, fährt mit dem Fahrstuhl zu seinem Arbeitsplatz, er öffnet die Tür zu Raum 0601. Hinter ihren Computern begrüßen ihn weitere Uniformierte, sie aktualisieren gerade ihre Miniblogs im Internet, Chen ist ihr Chef.
Die Online-Ordnungshüter von Zhaoqing, einer Stadt nahe Guangzhou in Südchina, informieren die Internetnutzer, dass eine Autobahn heillos verstopft sei. Und sie raten ihnen, wegen des nahenden Neujahrsfestes rechtzeitig Zugfahrkarten für die Heimfahrt zu reservieren.
"Pingan Zhaoqing" - "Sicheres Zhaoqing" - nennen die Polizisten ihre Kurzeinträge, die sie über Internetportale wie Sina.com oder den Messaging-Dienst QQ verbreiten. Sie nutzen die populären Mikroblogs, die auf Chinesisch "Weibo" heißen und bis 140 Zeichen lang sein dürfen; sie sind Chinas Alternative zu Twitter, das von der Zensur gesperrt ist.
Doch dem Polizei-Blogger Chen geht es nicht nur um bürgernahen Service, er will Ausbrüche alltäglicher Unzufriedenheit im Keim ersticken. Jahr für Jahr registrieren die Sicherheitsbehörden im ganzen Land Zehntausende Aufstände gegen Missstände.
Auch in Zhaoqing habe unlängst eine Gruppe von Alten vor dem Rathaus demonstriert, berichtet Chen. Mikroblogger empörten sich über die Verhaftung eines 90-Jährigen, aber dank seines Weibo, sagt Chen, habe er den Bürgern die Situation erklären können.
Die Polizei hat nachgerüstet, sie hat erkannt, wie schnell sich durch das neue Medium Nachrichten und Stimmungen im Internet verbreiten - und dass sich die Begeisterung der Chinesen dafür mit traditionellen Mitteln nicht begrenzen lässt. Die sorgsam errichtete "Große Firewall" - jene Mauer der Zensur, mit der die Partei die Untertanen vor demokratischen Ideen abschirmt - bröckelt von innen.
Bislang glaubten die Machthaber, auf jede neue Herausforderung moderner Medien stets technische Antworten zu finden. Eine Debatte über die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo vermochten sie flächendeckend zu unterdrücken. Auch vergangene Woche tauchten die TV-Bildschirme ausländische Fernsehsender in China in tiefes Schwarz, sobald in Berichten über den US-Besuch von Staats- und Parteichef Hu Jintao das Reizwort "Menschenrechte" fiel.
Insbesondere der erwogene Rückzug von Google aus China wirkte wie eine Kapitulation der Meinungsfreiheit vor dem autoritären Regime. Doch der Boom der frechen Mikroblogs beweist: Nicht jede Kritik kann Peking per Maulkorb stoppen. Das neue Medium zwingt die Partei teilweise gar zum Einlenken.
Den spektakulären Höhepunkt bildete unlängst die "Li-Gang-Affäre": Heerscharen von Mikrobloggern jagten Li Qiming. Der 22-Jährige war mit seinem Auto über den Campus der Universität Hebei gerast. Eine Studentin wurde dabei getötet. Als Sicherheitsleute und Studenten den Delinquenten stoppten, sprach er jenen Satz, der wenig später auf unzähligen Mikroblogs aufflimmerte und zur Metapher wurde für den alltäglichen Machtmissbrauch: "Mein Vater ist Li Gang." Der, ein hochrangiger Polizeioffizier, musste sich kurz darauf mit einem tränenreichen Auftritt im Staatsfernsehen für seinen missratenen Sohn entschuldigen.
Noch im Juli 2009 blockierte die Zensur Fanfou.com, Chinas erstes soziales Netzwerk nach dem Vorbild von Twitter. Damals reagierte sie auf die ethnischen Unruhen in der Provinz Xinjiang, die zuvor ausgebrochen waren. Dagegen scheint es heute nur noch schwer denkbar, dass Peking das bunte Treiben der Mikroblogs wieder abschalten kann.
Denn dann müsste es praktisch das halbe chinesische Internet blockieren. Dem Parteiorgan "People's Daily" zufolge dürfte die Zahl der registrierten Mikroblogger in diesem Jahr auf 145 Millionen Chinesen wachsen - vor zwei Jahren nutzten erst 8 Millionen den Service.
Inzwischen hat sich das Weibo zum schrillen Sprachrohr von Entrechteten und Verzweifelten entwickelt, von Menschen, die unter den Auswüchsen des Wirtschaftswunders leiden.
Auf der fünften Etage des Krankenhauses Nummer 304 in Peking liegen Luo Zhifeng und ihre Tochter Zhong Ruqin in ihren Betten. Ihre Angehörigen dürfen nur durch ein Fenster mit den Schwerverletzten sprechen, deren verbrannte Haut hebt sich rötlich von den Laken ab.
Im September setzten sich beide Frauen mit einem Verwandten auf ihrem Haus in der südlichen Provinz Jiangxi in Brand. Mit dem Verzweiflungsakt, bei der der Angehörige umkam, protestierten sie gegen die Zwangsräumung ihres Hauses im Zuge eines Neubauprojekts.
Es ist eine typische Geschichte von staatlicher Willkür und privatem Widerstand. Nur: Dass die beiden in einem der besten Krankenhäuser behandelt werden, verdanken sie den Mikroblogs.
Sechs Tage nach der versuchten Selbstverbrennung der beiden Frauen hinderte die lokale Polizei zwei weitere Zhong-Schwestern daran, nach Peking zu fliegen und im Namen der Familie eine Petition bei der Regierung einzureichen. Allerdings konnten die Frauen vor den Polizisten in eine Toilette des Flughafens entkommen, von dort alarmierten sie per Handy einen Journalisten, der wiederum Deng Fei, 32, verständigte. Der prominente Mikroblogger mobilisierte über sein Weibo Hilfe für die Familie Zhong.
Im Hauptberuf schreibt Deng Reportagen über soziale Missstände für das Magazin "Phoenix Weekly", doch bis zu acht Stunden am Tag kontrolliert er, welche neuen Kurznachrichten im Netz gerade "gestrickt" werden - die Chinesen sagen nicht "twittern", sondern "einen Schal stricken", denn "Weibo" klingt auf Chinesisch wie "Schal". Für Deng sind die Kurznachrichten eine Fundgrube für Recherchen: Durch Mikroblogs erfuhr er etwa von einem Mann, der 14 Jahre in die Psychiatrie gesperrt worden war, weil er auf Korruption aufmerksam gemacht hatte. Deng sorgte mit dafür, dass der Mann freikam.
Auf seinem Blog leitete Deng jüngst auch Nachrichten über den mysteriösen Tod von Qian Yunhui, einem Aktivisten gegen Zwangsräumungen, weiter. Der 53-Jährige war von einem Lkw überfahren worden, schon 20 Minuten danach tauchten Fotos von Qians zerquetschter Leiche im Netz auf. Und auf den Weibo kursierten Augenzeugenberichte, wonach der Aktivist angeblich von Maskierten unter den fahrenden Laster gestoßen wurde.
Im Fall der Zhong-Schwestern wurde Deng morgens von seinem Kollegen aus dem Schlaf gerissen. Sofort alarmierte er seine "Fensi", die "Follower" seines Mikroblogs, und die kopierten Dengs Kurznachricht auf zahllose weitere Blogs.
Fast wie bei einer Live-Übertragung erlebte das chinesische Internet per Weibo die Kraftprobe zwischen der Staatsmacht und den Zhong-Schwestern mit. 9.21 Uhr: Etwa 40 Beamte sammeln sich vor dem Flughafen-Klo. 9.44 Uhr: Polizistinnen hämmern mit Fäusten gegen die Klotür, hinter die die Zhong-Schwestern geflohen sind. 10.29 Uhr, nachdem der Fall im Internet mächtig Aufsehen erregt hatte: Die örtlichen Autoritäten bieten der Familie Zhong freundliche Gespräche an.
Seither werden die "Zhong-Schwestern" im Internet als weiteres Symbol für die Macht der Mikroblogs gefeiert. Und ständig erzeugen die Weibo neue Helden, etwa einen Mann aus Qingdao: Aus Protest gegen den Abriss seines Hauses drohte er per Mikroblog mit Selbstmord, löste damit eine Welle der Solidarität aus und erkämpfte sich so eine Entschädigung.
Für Deng, den Reporter, sind die Mikroblogs bereits dabei, China zu verändern. "Sie sind ein Gottesgeschenk für uns Chinesen", sagt er, sie würden die Entwicklung des Landes zu einer "Zivilgesellschaft" beschleunigen. Wie immer so eine Gesellschaft in China auch konkret aussehen könnte, Deng will kein Chaos: "Wir Blogger ermutigen die Leute, friedlich mit unserer Regierung zu kommunizieren. Dank der Weibo braucht niemand mehr auf die Straße zu gehen."
Chen, der Polizei-Blogger, argumentiert fast wie Deng, auch er sieht China auf dem Weg zu einer Zivilgesellschaft. Früher, sagt Chen, habe die Polizei nach dem Prinzip gehandelt: Wenn die Presse nichts berichtet, sagen wir auch nichts; aber jetzt denkt unsere Führung anders.
Gewiss, Chen ist ein treuer Staatsdiener, er stellt die Verhältnisse letztlich nicht in Frage. Doch zum Abschied sagt er einen Satz, der aufhorchen lässt: "Das Einzige, wovor wir uns fürchten müssen, ist, nicht die Wahrheit zu sagen."
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 4/2011
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