24.01.2011

„Ich bin kein Chomeini“

Der in London lebende tunesische Islamistenführer Rachid Ghannouchi, 69, über seine geplante Rückkehr in die Heimat und die Ziele seiner bislang verbotenen Partei
SPIEGEL: Herr Ghannouchi, steht Ihnen ein triumphaler Empfang bevor?
Ghannouchi: Ich bin kein Chomeini, und Tunesien ist nicht Iran. Ich bin vor allem ein tunesischer Staatsangehöriger, der nach Hause will. Seit 22 Jahren muss ich im Exil leben wegen politisch konstruierter Anklagen gegen mich.
SPIEGEL: Werden Sie in Tunis als Chef der einst größten islamistischen Partei al-Nahda bald eine entscheidende Rolle spielen?
Ghannouchi: Ich strebe kein Amt an, ich bin ja auch schon bald 70; da gibt es jüngere Leute in unserer Bewegung. Doch ich möchte intellektuell beitragen zu dieser historischen Wende, die Tunesien aus der Ära der Unterdrückung in die der Demokratie führt.
SPIEGEL: Wann genau fliegen Sie?
Ghannouchi: Sehr bald, hoffe ich.
SPIEGEL: Aber die neue Führung hat das auf dreimal lebenslänglich lautende Urteil gegen Sie nicht aufgehoben.
Ghannouchi: Wir lehnen diese Regierung in ihrer Gesamtheit ab. Sie besteht größtenteils aus Mitgliedern der alten Garde, die sich über Jahrzehnte an Korruption und Unterdrückung beteiligt haben. Die richtige Opposition - wir, Menschenrechtler, Kommunisten, der Großteil der Zivilgesellschaft - findet sich darin nicht wie-der. Alle Oppositionsparteien sind sich einig, dass wir als Erstes eine Generalamnestie brauchen.
SPIEGEL: Ist Tunesien nicht zumindest für eine Übergangszeit auf erfahrene Leute des alten Regimes angewiesen?
Ghannouchi: Nein. Die jetzige Regierung hat keinen echten Willen zu Reformen und will nur den Anschein einer pluralistischen Demokratie erzeugen. Wir haben genügend unabhängige Experten, die das Vertrauen des Volks genießen. Wir müssen die Diktatur mit Stumpf und Stiel ausreißen, sonst war das Blut der Märtyrer umsonst.
SPIEGEL: Wie groß ist der Rückhalt für Ihre Partei im Volk?
Ghannouchi: Wir geben uns da keinen Illusionen hin. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung, nach Haft, Folter und Exil von Zehntausenden von uns, hat al-Nahda heute nicht die Popularität von 1989, als wir verboten wurden. Erst Wahlen werden zeigen, wie stark wir sind.
SPIEGEL: Sie stehen für einen gemäßigten Islamismus, ähnlich der Regierungspartei AKP in der Türkei. Aber in Tunesien gibt es weitaus radikalere Kräfte als Sie. 2002 wurde auf Djerba der erste große Terroranschlag der Qaida im Land verübt.
Ghannouchi: Die Radikalisierung wurde erst möglich durch die Unterdrückung von Parteien wie unserer. Wir haben immer davor gewarnt. Repression mindert nicht die Gefahr von Terrorismus, sondern macht ihn umso wahrscheinlicher. Nur wenn es Demokratie und Freiheit für alle gibt, auch für gemäßigte islamistische Parteien, können junge Leute sich auf offene und zivile Weise positiv engagieren.
SPIEGEL: Die EU hat das Regime von Ben Ali über Jahre unterstützt. Hat sie die Tunesier im Stich gelassen?
Ghannouchi: Europa hat seine Interessen verfolgt, aber dabei seine eigenen Werte verraten. Die Europäer haben Ben Ali mit Auszeichnungen überhäuft, während er daheim sein eigenes Volk mordete. Das Schweigen Europas hat die Diktatur verlängert.
SPIEGEL: Wenn al-Nahda jetzt an die Macht käme - wie würde ihre Politik aussehen?
Ghannouchi: Wir wollen keine Ein-Parteien-Herrschaft, ganz egal, wer diese Partei ist. Nur Koalitionen werden uns vor neuer Tyrannei bewahren. Wir brauchen Gewaltenteilung und einen Rechtsstaat, der Gedanken-, Presse- und Versammlungsfreiheit garantiert.
SPIEGEL: Wollen Sie eine islamische Republik?
Ghannouchi: Wir glauben, dass die Ziele, die ich eben benannt habe, direkt aus dem Islam hervorgehen. Er verlangt, die "Schura", also Mitwirkung und öffentliche Konsultation, zum Regierungsprinzip zu machen.
SPIEGEL: Wie stehen Sie zur Geschlechtergleichheit?
Ghannouchi: Wir haben oft und deutlich gesagt, dass wir Tunesiens weitreichendes Gleichstellungsgesetz akzeptieren als eine legitime Interpretation des Islam. Ich selbst habe vier Töchter. Die älteste ist Doktor der Soziologie, zwei arbeiten an ihren Dissertationen, eine ist Anwältin. Ich halte daran fest, dass Frauen ein gleiches Recht auf Bildung, Arbeit und auf gesellschaftliches und politisches Engagement haben.
SPIEGEL: Verlangen Sie die Scharia?
Ghannouchi: Das steht nicht auf der Liste unserer Forderungen. Was Tunesien jetzt braucht, sind Freiheit und der Aufbau einer echten Demokratie.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 4/2011
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