24.01.2011

Deutsches Malz für Afrika

Global Village: Warum ausgerechnet eine Brauerei auf gute Geschäfte im Südsudan hofft
Es gibt Geschäfte, die gehen immer. Und besonders gut gehen sie in Krisenzeiten. Der Handel mit Waffen zum Beispiel. Oder mit Gold. Oder das Brauen von Bier. Die Aktienbrauerei in Sarajevo produzierte selbst im BosnienKrieg noch Bier, auch von 1992 bis 1995 unter schwerstem Artilleriebeschuss. Soldaten wollen bei Laune gehalten werden.
Auch in Juba, der Hauptstadt des Südsudan, steht eine Brauerei. Es ist die einzige im ganzen Land und einer der wenigen großen Industriebetriebe hier, abgesehen von den Ölunternehmen. Der Südsudan wird bald der 54. Staat Afrikas werden, ein neues Land, das steht so gut wie fest. Über 90 Prozent der Bevölkerung stimmten im Referendum im Januar für die Abspaltung vom Norden.
Der Süden brauchte vieles: Lehrer, Ärzte, Straßen, Kraftwerke. Aber braucht er eine Brauerei? Ja, dachten sie sich beim internationalen Brauereikonzern SABMiller, einem der größten der Welt und einem der aggressivsten. SABMiller braut Bier in Kolumbien und Russland, in Vietnam, China und in zehn afrikanischen Staaten. Afrika ist weltweit einer der letzten Wachstumsmärkte für Bier.
Solange die islamische Regierung in Khartum den Südsudan regierte, war hier an Bier nicht zu denken. Mit dem Friedensabkommen von 2005 und einer eigenen Regierung für den Süden aber änderten sich die Verhältnisse. Der Konzern stellte 50 Millionen Dollar bereit und schickte krisenfestes Personal.
Ian Alsworth-Elvey, 52, war darunter, ein Manager mit Afrika-Erfahrung, der kurzärmelige Hemden liebt und der schon in Sambia, Tansania und Mosambik Bier produziert hat. Als er 2006 nach Juba kam, wusste noch niemand, ob sich der überwiegend animistische und christliche Süden friedlich vom Norden absetzen würde oder erst nach gewalttätigen Auseinandersetzungen. Aber die Autonomiebestrebungen hatten auch wirtschaftliches Potential, es war eine Win-win-Situation mit historisch-religiösem Hintergrund. 2008 begann SABMiller mit dem Bau der Brauerei.
Inzwischen sitzt Alsworth-Elvey in seinem kleinen Chefzimmer, die Anlage nebenan produziert beinahe unter voller Auslastung, 150 000 Flaschen pro Tag. Durch das Fenster hinter ihm kann er auf glänzende Dieseltanks schauen. Es sieht aus wie eine ganz normale Fabrik. Fast.
Investoren im Südsudan müssen leidensfähig sein. Es gibt keinen Strom, kein öffentliches Wassernetz, kein ausgebautes Straßensystem. Die Maschinen, das Glas, Hopfen und Malz - alles muss Alsworth-Elvey aus Mombasa über 2500 Kilometer und teils holprige Pisten heranschaffen lassen. Allein die vier Dieselgeneratoren, die die Energie für die Anlage produzieren, fressen 6000 Liter Treibstoff pro Tag.
An nur wenigen Orten der Welt dürften die Transportkosten höher sein: Einen Container vom belgischen Antwerpen nach Mombasa zu verschiffen kostet 1000 Dollar. Einen Container auf dem Landweg von Mombasa nach Juba zu bringen 9000 Dollar. Korrupte Polizisten und Zollbeamte treiben die Kosten in die Höhe.
Und dann ist da noch die südsudanesische Arbeitsmoral, sehr abschreckend für Investoren. Nicht ohne Grund sind vor allem Kenianer im Dienstleistungsgewerbe tätig, Eritreer in der Hotellerie, Ugander und Somalier im Handel. Südsudanesen gelten als schwer vermittelbar. "Sie hatten keine Ahnung von nichts", sagt Alsworth-Elvey, "aber wir haben sie angelernt, es ist besser geworden." Heute arbeiten 11 Weiße und 283 Sudanesen im Betrieb, der rund 5000 Menschen ernährt.
Auch Deutschland hat daran einen Anteil, denn von dort kommt das Malz und die über 20 Jahre alte Abfüllanlage. Das Fabrikat aus Bayern lief schon einmal in Afrika, wurde dann ab- und in Juba wieder aufgebaut. Der Manager, der Brauereimeister, alle hier lieben diese Anlage und den dazugehörigen Service: Denn bei technischen Problemen erhält die Firma auch am Sonntagnachmittag eine Rückmeldung. Spätestens am nächsten Tag kommt dann ein Techniker, das ist ein kleines deutsch-afrikanisches Wunder.
Schräg gegenüber von Manager Alsworth-Elvey, auf der anderen Seite des Flurs, sitzt einer der wichtigsten Mitarbeiter der Brauerei, ein Mann, der zwar nichts von Bier versteht, aber viel von Korruption. Deng Mading ist Angehöriger der Dinka, der größten Ethnie im Südsudan, und weil er mit ihnen im Busch gekämpft hat, kennt er fast alle Regierungsmitglieder in Jubas Ministerien.
"Bevor ich kam, wollte der eine Minister 50 000 Dollar und der nächste 100 000. Andernfalls drohten sie mit Schwierigkeiten." Beamte kippten auch schon mal im Restaurant etwas ins Bier und behaupteten dann, die Brauerei produziere schlechte Ware. So ist es üblich in Juba, wenn Geld im Spiel ist. Mading, ein Zwei-Meter-Mann und Geländewagenfahrer, hätte den neuen Staat mitregieren können, sagt er. Stattdessen besucht er Minister und redet ihnen ihre Forderungen aus. Die Lizenz fürs Brauen, mit der der Betrieb monatelang hingehalten worden war, habe er innerhalb eines Tages besorgt.
Manager Alsworth-Elvey hofft nun auf noch mehr Absatz, im autonomen Staat könnte mehr getrunken werden. Steigerungen sind durchaus möglich: Der Pro-Kopf-Verbrauch im Südsudan liegt derzeit bei nur einem Liter pro Jahr. "Kenia und Uganda konsumieren sechs Liter pro Kopf ", sagt er. Demnächst will er die Anlage um 50 Prozent erweitern.
"Das Worst-Case-Szenario wäre wieder Krieg", sagt der Manager. "Aber egal, auch im Kongo haben wir in Kriegszeiten weiterproduziert."
Von Horand Knaup

DER SPIEGEL 4/2011
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