31.01.2011

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE27 010 mal 10 Cent

Eine alte Dame gibt ein Buch zurück und wird berühmt.
Es stand in ihrem Wohnzimmer, ganz oben im Regal, zwischen Hemingway und den Bildbänden zum Zweiten Weltkrieg. Es war ein unauffälliges Buch, mit einem schwarzen Einband, abgewetzt, aber für das Alter noch erstaunlich gut erhalten: "Seaplane Solo", die Memoiren von Sir Francis Chichester, einem Abenteurer, der 1931 mit seinem Flugzeug das Tasmanische Meer überquerte. Mehr als 74 Jahre lang stand es in ihrem Regal, und Hazel Severson schwört, dass sie davon nichts wusste.
Hazel Severson ist 95 Jahre alt und seit vier Jahren verwitwet, sie wohnt in einem Altersheim, im "Merrill Gardens" in Sacramento, wenige Minuten von ihrem Haus entfernt. Das Haus, in dem sie mit ihrem Mann gelebt hatte, wollte sie eigentlich behalten, aber als das Geld für das Altersheim knapp wurde, entschloss sie sich zum Verkauf. Sie war bereit, mit der Vergangenheit abzuschließen. Sie ahnte ja nichts von dem Buch.
Sie ahnte nicht, dass sich Soziologen, Rentner-Experten mit ihr beschäftigen würden, dass die Lokalzeitung "Sacramento Bee" Studien zitieren würde, wonach Leute wie Hazel Severson immer seltener würden und beispielhaft und kostbar seien.
Vier Wochen lang entrümpelten ihre Nachbarn ihr Haus, Laurie und Jim Gibson, ihre treuesten Freunde, die auch schon Ende siebzig sind. Sie sortierten, putzten, verpackten, jedes Buch blätterten sie durch, sie wollten sicher sein, dass keine Fotos oder Geldscheine zwischen den Seiten versteckt waren. Sie entdeckten den "Seaplane Solo" und darin den Stempel der Amador County Library, der Bezirksbücherei Amador, und die Registriernummer 28539.
Die Gibsons kannten die Seversons als anständige Leute, die in der Nachbarschaft halfen, pünktlich ihre Raten zahlten. Die Seversons waren keine Leute, die in Büchereien Bücher stehlen. Es war ein Rätsel, dieses Buch.
Sie brachten es zu Hazel Severson, die alte Dame sah das Buch an, und dann erzählte sie von Howard, ihrem Mann. Wie sie sich in Howard verliebt hatte, ihren Highschool-Darling, wie Howard dann einen Gebrauchtwagenladen in Amador City betrieb, am Rande der Sierra Nevada, nicht weit von der Amador County Library. Es war die Zeit der Großen Depression, und er verdiente nicht genug, um bei Hazels Eltern um ihre Hand anzuhalten. Sie heirateten 1936, und niemand erfuhr etwas davon.
Sechs Monate lang hielten sie ihre Ehe geheim. Jedes Wochenende erzählte Hazel ihren Eltern, sie besuche Freundinnen, stattdessen fuhr sie zu ihrem Mann. Howard liebte das Fliegen, im Zweiten Weltkrieg war er als Gleitflieger im Einsatz. Er musste das Buch ausgeliehen und sofort wieder vergessen haben, das ist ihre Erklärung. "Wir hatten damals etwas anderes im Kopf, als Bücher zu lesen. Es waren ja unsere Flitterwochen."
Sie müsse das Buch zurückgeben, sagte Hazel Severson.
Jim Gibson rechnete ihr vor, was das seiner Meinung nach kosten könne. Er hatte sich über Gebührenstrukturen damals und heute, über Verzugs- und Bearbeitungsgebühren informiert. Sie sei um 74 Jahre oder 27 010 Tage im Verzug. Wenn man die "Standardverzugsgebühr" von zehn Cent pro Tag ansetze, so kalkulierte er, schulde Familie Severson der Bezirksbücherei Amador 2701 Dollar Strafgebühr.
Hazel Severson fand, das sei kein Argument.
Jim Gibson schickte der Bezirksbibliothek einen Vorschlag. Hazel Severson werde die geschätzten Anschaffungskosten von fünf Dollar erstatten und eine Bearbeitungsgebühr zahlen. Sie werde persönlich vorbeikommen, um das Buch zurückzugeben. Für die Übergabe schlug er den 4. Oktober vor, den Büchereientag, ein angemessener Tag, wie er fand. Er holte Hazel Severson mit seinem Auto vom Altersheim ab, neben ihm saß seine Frau mit dem Buch.
Aber als sie ankamen in der Bezirksbibliothek von Amador, wusste die Bibliothekarin nicht, was sie mit dem Buch anfangen sollte. Es war längst nicht mehr im Register, und wer wollte es heute noch lesen? Strafgebühren erhob sie nicht, mehr als zehn Dollar Strafgebühr sind ohnehin nicht vorgesehen in ihrer Bibliothek. Gibson musste das bei seinen Berechnungen übersehen haben. Sie nahm aber die kleine Spende an, die ihr Hazel Severson überreichte.
Die Gibsons waren nicht zufrieden mit dem schlichten Vorgang. Sie fanden, die Welt, oder der Bezirk zumindest, müsse wissen, dass Hazel Severson ein Vorbild für die Jugend sei. Ein anständiger Mensch, der bereit gewesen war, sich einer 2700-Dollar-Strafe zu stellen, ohne Schuld. Bevor sie fuhren, machte Jim Gibson ein Foto mit Hazel Severson, der Bibliothekarin und dem Buch.
Er schrieb an seine Lokalzeitung, die kleine Lokalgeschichte wurde gelesen, wurde eine amerikanische Geschichte, und für Amerika ist sie mehr als eine Geschichte über eine alte Dame und ein Buch. Die Kommentatoren reden von Anstand, von Zusammenhalt, von den Werten einer Kriegsgeneration, die am Aussterben sei, mit Menschen wie Hazel Severson.
Es sei ja nicht mehr wie früher, schrieb die "Sacramento Bee". Es sei schwer vorstellbar, wie die junge Generation, die eben nicht mehr so sei wie Hazel Severson, die Welt, falls nötig, von Nazis befreit.
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 5/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
27 010 mal 10 Cent

  • Tierisches Paarungsverhalten beim Mensch: Flirten mit dem Albatros-Faktor
  • Video von"Open Arms"-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord
  • Superliga Argentinien: Wer beim Elfmeter lupft, sollte das Tor treffen
  • Sturmschäden in Deutschland: Amateurvideos zeigen Unwetter