31.01.2011

Wie viel Sünde darf es sein?

Fernsehkritik: Die epochale amerikanische Serie „Boardwalk Empire“
Die Feigheit, mit der die größten Kunstwerke der Gegenwart, die neuen amerikanischen Fernsehserien, seit Jahren von den deutschen TV-Verantwortlichen behandelt werden, wäre eine eigene Serie wert. In der Hauptrolle: ein Programmchef und seine Redakteure, die privat nächtelang begeistert jene amerikanischen Serien auf DVD schauen, die sie tagsüber in endlosen Sitzungen auf miese Sendeplätze schieben oder ganz ablehnen.
Wer könnte dem deutschen Primetime-Fernsehzuschauer auch eine Serie zumuten, die die Abstiegsängste der Mittelschicht am Beispiel eines krebskranken Chemielehrers schildert, der die Droge Crystal Meth kocht, um seine Behandlung bezahlen zu können ("Breaking Bad")? Oder eine Serie, die die alte philosophische Frage, wie aus gesellschaftlichem Chaos Recht und Ordnung entstehen, am Beispiel einer Goldgräberstadt und ihres Bordellbesitzers beantwortet ("Deadwood")?
Oder die Geschichte von Enoch "Nucky" Thompson. Er ist der Kämmerer von Atlantic City, einer Amüsierstadt südlich von New York, gleichzeitig ist er auch ihr oberster Gangsterboss und der große Strippenzieher der Republikaner. Die Geschichte von "Boardwalk Empire" setzt am Vorabend des 17. Januar 1920 ein, dem Tag, an dem die Prohibitionsgesetze in Kraft treten. Das Geld, das Thompson von nun an mit dem Alkoholschmuggel machen wird, verleiht ihm die Macht, entscheidenden Einfluss auf die nächste US-Präsidentschaftswahl zu nehmen. "Boardwalk Empire" erzählt von der Geburt des heutigen Amerika als Kind von Gesetz und Verbrechen.
Nucky Thompson, den Paten von Atlantic City, gab es wirklich, nur hieß er Enoch Johnson, 1941 wurde er verurteilt. Gespielt wird er mit schmieriger Manschettenknöpfigkeit von Steve Buscemi, der gerade einen Golden Globe für diese Rolle bekommen hat.
Thompson ist kein Gangsterboss, der sein Leben als Integrationsdrama begreift, wie etwa Don Corleone in Martin Scorseses "Der Pate", der ja eigentlich davon träumt, sein Sohn könnte einmal die Familiengeschäfte legalisieren. Thompson steht auf beiden Seiten des Gesetzes und will es auch gar nicht anders. Seine Frage ist: Mit wie viel Sünde kann ich leben?
Trotzdem ist der Vergleich mit den großen Mafia-Epen nicht weit hergeholt. Scorsese hat beim Pilotfilm der Serie Regie geführt, und auch in "Boardwalk Empire" geht es um Verrat und Vertrauen, Familie und Verbrechen, Autos und Waffen.
Den Unterschied macht das Format. Über zehn Stunden umfasst die erste Staffel, weitere werden folgen. Das ist enorm viel Platz. Zumal die erzählerische Einheit die ganze Staffel ist und nicht eine einzelne Folge. Genauso wie die "Sopranos", die Urfassung dieser neuen Art der Fernseherzählung, oder "Mad Men" oder "The Wire" verzichtet auch "Boardwalk Empire" fast vollständig auf Cliffhanger, es ist der große Bogen, der zählt.
In diesem Raum können sich Charaktere entfalten, für die die Strecke eines Spielfilms nicht ausreichen würde. Der Fahnder Nelson van Alden etwa, ein zutiefst perverser evangelikaler Eiferer, den man auf seinem Weg in den Abgrund verstehen lernt. Oder Jimmy, Nuckys rechte Hand, ein gerade aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zurückgekehrter Ex-Soldat, der sein Trauma mit Auftragsmorden verarbeitet - zusammen mit einem Armeekumpel, der einen Teil seines Gesichts im Krieg verloren hat.
"Boardwalk Empire" handelt davon, wie die amerikanische Frauenbewegung erst das Alkoholverbot und dann das Frauenwahlrecht erkämpft. Erzählt werden die Hinterzimmergeschichten der amerikanischen Parteien, das Elend der Rassentrennung, die Migrationskämpfe eines immer noch wachsenden Landes, das Unheil, das der Glaube anrichtet, und wie viel Lüge bei alldem die Wahrheit braucht.
Das Können, mit dem hier eine Epoche abgebildet wird, unterscheidet sowohl "Boardwalk Empire" als auch die anderen Serien ähnlicher Bauart von all dem, was das deutsche Fernsehen hervorbringt. "Boardwalk Empire" nimmt die Welt in ihrer beängstigenden Komplexität ernst.
Deutsche Großproduktionen wie "Jahrestage" oder "Buddenbrooks" oder "Krupp" wirken daneben bestenfalls antiquiert - immer muss der große Name herhalten, um die große Produktion zu erklären. Es sind Filme aus einer Welt, die noch vom Unterschied zwischen U- und E-Kultur geprägt ist und dementsprechend hilfloses Fernsehen macht. Sie sind eindimensional erzählt, gespielt, gefilmt. Diese Produktionen spielen nicht nur in der Vergangenheit, ihre künstlerischen Mittel sind ähnlich angestaubt.
"Boardwalk Empire" schaut mit heutigen Augen auf den Anfang des amerikanischen Zeitalters, auf die Gewalt und die Lebensfreude, mit denen es begründet wurde. Es ist ein Aufbruch ins Unbekannte, ein Abenteuer.
Der Zuschauer allerdings muss dafür ins Bezahlfernsehen wechseln, zum Spartensender TNT Serie (Sendetermin: ab 2. Februar immer mittwochs, 20.15 Uhr). Oder aber auf die DVD-Box warten.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 5/2011
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