07.02.2011

Reizstoff

Ortstermin: Wie ein schwäbischer Pfefferspray-Hersteller vom weltweiten Wutbürgertum profitiert
Hoernecke, der Tränenmacher, lässt sich auf einen Stuhl in seinem Besprechungszimmer sinken. Er ist 54 und seit knapp 30 Jahren im Reizstoffgeschäft tätig, ein Mann mit rosigen Wangen und einem Schnauzbart, unter dem sein Besitzer auch dann hervorschmunzelt, wenn es um Schmerzen geht.
Der Kaktus hat Stacheln, die Brennnessel hat Nesseln, sagt Hoernecke. Der Mensch hat leider nichts. Er muss sich seine Nesseln woanders besorgen.
Thomas Hoernecke macht zweieinhalb Millionen Euro Umsatz im Jahr mit Pfefferspray. Wer das Pech hat, von einem seiner Geräte angesprüht zu werden, reagiert binnen Sekunden mit triefenden Augen, entzündeten Schleimhäuten, Atemnot, kurzzeitigem Erblinden, manchmal mit vorübergehenden Sprechproblemen und Krämpfen im Oberkörper. Ein Gefühl zwischen Fausthieb und Streifschuss.
Hoernecke liefert die Sprühflaschen aus einer schwäbischen Kleinstadt nördlich von Stuttgart an Privatleute, vor allem aber an die Polizei, die dabei hilft, das Recht durchzusetzen, zum Beispiel am Stuttgarter Hauptbahnhof oder beim Castor-Transport in Gorleben oder bei Autonomen-Demonstrationen.
Es läuft ganz gut für Hoernecke. In den vergangenen Monaten war viel zu tun. Er sagt, die Nachfrage steige kontinuierlich. Polizeidienststellen fast aller Bundesländer bestellen bei ihm. Nach Gorleben brauchte auch die Bundespolizei 2190 neue Sprühflaschen. Thomas Hoernecke profitiert von der neuen deutschen Lust am zivilen Ungehorsam.
Er streicht mit der Hand über ein Blatt Papier, eine Mitteilung des Deutschen Bundestags. Der Innenausschuss beschäftigte sich vor kurzem mit Pfefferspray im Polizeieinsatz. Es hieß, es habe Tote gegeben. Die Bundesregierung musste Stellung nehmen. Hoernecke fühlt sich nicht wohl bei solchen Diskussionen, er sagt, er wolle die größtmögliche Wirkung mit der geringstmöglichen Konzentration an Reizstoff erzielen. Er halte sich an das Chemikaliengesetz und verarbeite Chiliextrakt in Lebensmittelqualität. Wer masochistisch genug ist, kann bei ihm Capsaicin probieren, als flüssigen Chiliextrakt.
Hoernecke verlässt das Besprechungszimmer und kommt mit einem kleinen grauen Koffer zurück, in dem vier Flaschen liegen. In einer Flasche schwappt eine rostbraune Flüssigkeit. Der Chiliextrakt. Ein halbes Tröpfchen auf der Zunge fühlt sich an, als hätte man an einem glühenden Eisen geleckt. Hoernecke lehnt sich zurück und sagt, nach ein paar Stunden sei das Brennen vorüber.
Der Schmerz entstehe im Gehirn, also dort, wo auch die Wut auf die Politik heranwächst und in Protesten gegen Bahnhöfe und Atomtransporte und Häuserräumungen mündet. Schmerz und Wut sind ungute Gefühle und eher nicht so angenehm, wobei die Wut gewöhnlich tiefer sitzt und anders als das höllische Brennen eines Pfefferstrahls nicht nach einigen Stunden wieder abklingt.
Die Firma Hoernecke mischte zunächst Kräuter und verkaufte Badezusätze. In den Sechzigern entdeckte der Vater von Thomas Hoernecke die Sprühdose, sie kam aus den USA. Thomas Hoernecke sagt: "Die Sprühdose ist das Produkt mit der geringsten Hemmschwelle." Sie hat ein positives Image. Sie ist handtaschentauglich. Anfangs versuchte sein Vater, Salbe gegen Hautkrankheiten in die Dosen zu pressen, entdeckte aber bald die Vorteile einer konzentrierten Ladung Chilisaft. Der erste Großauftrag kam von der Bundespost, die Briefträgern Pfefferspray zum Schutz vor Hunden mitgab.
Der Siegeszug des Pfeffersprays ist auch mit dem deutschen Drang zu erklären, eine einmal bewährte Waffe noch weiter zu perfektionieren. Hoernecke hat sie so konstruiert, dass der Sprühstoß nur nach vorn losgeht und nicht nach hinten, hat Wand- und Fahrzeughalter entwickelt, Weitstrahlventile eingebaut, Gürtelclips und LED-Lämpchen, und verkauft Schlagstöcke, die Pfefferspray ausstoßen können, für die doppelte Ladung Schmerz. Die Kartuschen, die er an die Polizei liefert, sind immer größer geworden, für länge-re Einsätze gegen mehr Menschen, beim G-8-Gipfel in Heiligendamm oder beim Kampf gegen Hausbesetzer in Berlin. Seit kurzem beliefert Hoernecke auch die Feldjäger der Bundeswehr.
Er wuchtet seinen Körper aus dem Sessel und tritt an eine Weltkarte, die in einem Holzrahmen an der Wand hängt, Maßstab eins zu zwanzig Millionen, und mit roten, gelben, grünen und schwarzen Fähnchen gespickt ist. Eine Weltkarte des Ungehorsams. Südafrika ist markiert, Saudi-Arabien, Indien, China, Indonesien, die Türkei, alles Länder, die Hoernecke schon beliefert hat oder gern beliefern würde.
Er baut zwar keine Landminen, er befüllt Metallkartuschen mit Reizstoff, trotzdem braucht er für jede Fuhre über die Grenzen der Europäischen Union hinweg eine Genehmigung der deutschen Behörden. Pfefferspray fällt unter die Anti-Folter-Verordnung der EU, genau wie Fesselungsbretter, Elektroschocker oder Daumenschellen. Hoernecke beäugt die Weltkarte genauer. Als ihm auffällt, dass sie nicht mehr ganz aktuell ist, zieht er behutsam mit Daumen und Zeigefinger ein grünes Fähnchen aus Moskau heraus.
Aus seinem Büro in Nordschwaben behält Hoernecke auch den wachsenden Weltmarkt im Blick. Momentan fasziniert ihn der arabische Raum. Ägypten, Tunesien, Jordanien, der Jemen. Wütende Bürger, überall. Kaufmännisch hochinteressant, sagt Hoernecke. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle ist aber vorsichtig. Hoernecke seufzt. Gibt sowieso wieder keine Ausfuhrgenehmigung.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 6/2011
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