07.02.2011

Bittersüße Anarchie

Alexandria, die zweitgrößte Stadt des Landes, lebte tagelang ohne Staat. Und ohne jene Begeisterung, die Revolutionen sonst oft auszeichnet. Von Alexander Smoltczyk
Es gibt Revolutionen, die duften nach Jasmin. Diese nicht. Es gibt Revolutionen, bei denen das Volk sich selbst feiert und nur noch "Wahnsinn!" stammeln kann vor Glück. Die Revolution in Alexandria gehört nicht dazu. Sie riecht nach schwelenden Müllhaufen, und sie klingt nach den Stöcken, mit denen die Revolutionäre nachts aufs leere Pflaster schlagen, um sich Mut zu machen.
Seit Tagen leben vier Millionen Alexandriner ohne Staat. Am Alexandria Stadion zieht ein Junge mit Kapuzenhemd ein Nagelbrett über die Straße, um die Autos zu stoppen. Ein vielleicht 15-Jähriger assistiert ihm mit einem Hockeyschläger über der Schulter, andere haben Stahlruten, Gasrohre, Buschmesser. Sie haben gespürt, wie es ist, Macht zu haben.
Die Polizeiwache hinter dem Stadion, im Viertel Bab Scharki, dem "Osttor" der Stadt, ist niedergebrannt. Verkohlte Mannschaftswagen der Spezialkräfte liegen an der Straße, daneben aufgeweichte Aktenbündel und Schubladen.
Inmitten der Trümmer sitzt ein älterer Herr mit einem Buch auf den Knien. Es ist Mahmud Ruschdi, Kybernetik-Professor im Ruhestand. Zusammen mit einem Freund hat der 70-Jährige den Aufgang notdürftig freigeräumt und mit Packklebeband einen Zettel an die Mauer gedrückt: "Öffentliches Komitee für die Belange der Bürger."
Ruschdi ist jetzt der Staat. "Jemand vermisst sein Auto. Wohin soll er gehen? Es gibt kein Amt mehr, keine Polizei." Deswegen hat Ruschdi begonnen, die Staatsmacht zu ersetzen. In das Buch trägt er ein, was an Anzeigen, Meldungen, Beschwerden so anfällt, und bringt es später zu einem Militärposten.
Das Volk müsse lernen, dass die Polizei nicht nur für Tränengas und Bestechungsgelder zuständig ist. "Das Militär hat versprochen, nicht zu schießen. Gut. Aber es schießt auch nicht auf Mubarak", sagt der Professor. "Deswegen diese bleierne Stimmung. Unsere Revolution hat den Moment der Freude noch nicht erlebt. Die Bastille steht noch."
Passanten sind vorbeigekommen an der Polizeiwache Bab Scharki, haben die Trümmer fotografiert, sich vor der Ruine geknipst. Plötzlich steigt ein untersetzter Kerl mit Sonnenbrille aus seinem Auto, brüllt, was hier los sei, und geht auf die älteren Herren los: "Ihr Verräter! Spione!", schreit er, außer sich vor Wut, weil Ausländern hier die gedemütigte Staatsmacht gezeigt wird. Der Mann ist nicht zu bremsen. Als er zu prügeln beginnt, wird ein Schulterhalfter unter seiner Lederjacke sichtbar. Die Umstehenden schauen zu.
Die Bastille steht noch, aber die Konterrevolution hat bereits begonnen. Die Revolution in Alexandria hat einige Etappen übersprungen: die Begeisterung, die Leichtigkeit im Vorgefühl der eigenen Macht. Den Karneval.
Es sind wenige Menschen auf den Straßen, Frauen ohnehin kaum noch. Das Volk versteckt sich, als sei es ihm unheimlich, so allein mit sich selbst. Nur die gelb-schwarzen Lada-Taxis rasen wie immer durch die abgewohnten, verschlissenen Straßen der Altstadt wie ein aufgescheuchter Wespenschwarm.
Vor dem römischen Amphitheater, in der Nähe des Hauptbahnhofs, halten zwei Archäologen Wache. Sie haben zwei Polizeiwagen auf dem Gelände versteckt, hinter korinthischen Säulen, zum Schutz vor dem Zorn. Aber bitte nicht fotografieren: "Hier ist Chaos. Da muss man die Regeln befolgen." Gegenüber hockt ein dreckverkrusteter Mann auf dem Pflaster und sortiert den Müll um sich herum, selig, wie ein Junge seine Legosteine.
In diesen Straßen der Altstadt leben Familien, die nur einmal am Tag essen können. Die Wut, sagt Radi Atalla Iskandir, sei verständlich. Der Anglikaner steht auf dem Dach des Pfarrgebäudes. Unten ziehen Gruppen mit selbstgemalten Plakaten zum Bahnhofsplatz. Wieder ein Tag des Zorns. Dem Pfarrer ist nicht wohl dabei. Von hier oben sieht man beinahe die ganze Stadt. Die Sitze der Patriarchen, des Erzbischofs. Das Dachrestaurant des Hotels Cecil, wo die Sängerin Umm Kulthum abstieg, die Dichter Kavafis, Lawrence Durrell, Ungaretti.
Alexandria war einmal "das Gehirn Ägyptens", die "erste Stadt des östlichen Mittelmeers". Und zugleich immer zu früh oder zu spät in der Geschichte. "Wir leben hier seit fast 2000 Jahren", sagt er. "Unter Nasser haben wir Christen unser Eigentum verloren. Unter Sadat durften wir keine Geschäfte mehr machen. Unter Mubarak brannten unsere Kirchen." Er führt den Gedanken nicht weiter.
Ihm ist unwohl, wenn er in diesen Tagen zur Corniche geht, und ein Pick-up-Truck fährt vorbei, die Ladefläche vollbesetzt mit jungen Männern, die "Allahu akbar!" rufen. Iskandir hat über die "Wiedergeburt" des Islam promoviert. Er kennt die Muslimbrüder in seinem Viertel. Er sagt, sie trügen jetzt keine Bärte mehr: "Aber sie haben ihren Plan."
Anders als in Kairo werden die Proteste in Alexandria inzwischen von den Muslimbrüdern gelenkt. Anderswo mögen Regimegegner sich über Facebook organisieren. In Alexandria hat jede Demonstration auf den Stufen der Kaid-Ibrahim-Moschee begonnen, auf klassische Weise, mit Megaphon und Sprechchören: "Genug!"
Die BMW- und Mercedes-Filialen an der Flughafen-Straße sind geplündert. Auch der Carrefour-Hypermarkt. Ein Polizeioffizier, wird erzählt, sei gefesselt an ein Auto gebunden und bis zum italienischen Kulturinstitut geschleift worden.
Die Tage des Zorns haben ein Fenster zur Freiheit aufgestoßen. Die Leute haben hinausschauen können. Nicht alle waren erfreut über das, was sie dort sahen. Der Mann, den sie in dem kleinen Straßencafé Sultan nur "Monsieur Robert" nennen, möchte das Fenster schnell wieder schließen: "Die Ägypter brauchen Ordnung", sagt er. "Freiheit reicht nicht." Monsieur Robert ist ein klassischer Alexandriner. Ein Christ, dessen Familie vor Urzeiten aus der Levante kam, fließend in fünf Sprachen, ein ketterauchender Mann wie von Giacometti modelliert, zu hager fast, um einen Schatten zu werfen.
Er hat das Büro der Kuwait Airways geleitet. Monsieur Robert hasst die Dummheit des Regimes. Diese Minister, die sich ihre Pfründen sichern, diesen obszönen Reichtum der ägyptischen Oberschicht, die nicht einmal die Scham aufbringt, den Armen Wohnungen zu bauen oder Krankenhäuser. "Ein Liter Milch 6 Ägyptische Pfund. Ein Gehalt vielleicht 300 Pfund. Wie kann das sein?" Jedes Jahr nur Versprechungen. "Die Forderungen sind richtig. Aber jetzt haben wir Anarchie." Und das macht ihm Angst.
In seiner Straße, der Scheich-Ibrahim-Straße, fanden die heftigsten Kämpfe statt. Die Polizei floh, die Hausmeister bildeten eine "Nationalgarde". Gemeinsam stehen sie Posten. Auch wenn Mahmud es für die Revolution tut, und Ahmed den Präsidenten eigentlich ganz gut findet - "30 Jahre Frieden!" - und nur Angst hat vor Plünderern. Sie haben den Namen ihrer Straße auf das weiße Tuch am Oberarm geschrieben. Sie haben eine Telefonkette organisiert und Notfallnummern. Ihre Waffen sind von Nacht zu Nacht besser geworden. Ein Versicherungsmakler zeigt seinen Elektroschocker.
Nachts gegen elf ist das Meer hinter der Corniche-Mauer ein dunkles, langsam pulsierendes Nichts. Einige Demonstranten kommen herüber. Ein älterer, noch trunken vom Tag, ruft zu Robert: "Ich bin ein Märtyrer! Ich will sterben für die Freiheit!" - "Okay. Du machst, was du willst. Aber nicht hier, nicht auf unserer Straße."
Dann ziehen sie weiter. Und der Makler sagt, nicht laut, aber schon nicht mehr flüsternd: "Wir brauchen eine andere Revolution, um das Land zu retten." Es gibt Revolutionen, die duften nach Jasmin. Und es gibt Revolutionen, bei denen die Beteiligten einander zu gut kennen, um sich über die Freiheit freuen zu können.
Die Bibliothek von Alexandria, die berühmteste der Antike, brannte, als Caesar die Stadt einnahm. Seit 2002 steht an ihrer Stelle die neue "Bibliotheca Alexandrina", ein dem Meer zugewandter Bau in Form einer Scheibe.
Seit Jahren bieten sie hier Workshops und Vorlesungen über Demokratie, Reformen, Religion an. In einem Raum stehen Salman Rushdies "Satanische Verse". Im März 2004 haben arabische Intellektuelle hier die "Erklärung von Alexandria" verfasst, eine "Charta 77" der arabischen Reform. Als die Polizeiwachen brannten, als das Gerichtsgebäude und der Sitz des Gouverneurs gestürmt wurden, standen hier Studenten und schützten ihre Bibliothek: nicht schon wieder brennende Schriften.
"Es ist ein wunderbarer Moment." Das sagt, in die vollkommene Stille seines Büros hinein, Ismail Serageldin, der Direktor und einer der Großintellektuellen in Ägypten. Mit 30 Ehrendoktortiteln und einem Lehrstuhl am "Collège de France", dem Pantheon französischen Geistes. Serageldin ist sich trotz allem sicher, dass diese Revolution ihr Ziel erreichen wird.
"Victor Hugo wird zugeschrieben: Keine Idee kann aufgehalten werden, deren Zeit gekommen ist. Was Sie sehen, die Prügeleien, das Plündern, sind nur Kräuselungen auf der Oberfläche."
Es geht um die Tiefenströmungen. Und die, so Serageldin, trügen die säkularen Jungen. "In Ägypten gibt es ein Dreieck der Macht. Die Islamisten, die Etatisten des Ancien Régime und uns, die Liberalen. Und wir werden gewinnen." Das hier sei keine islamistische Bewegung: "Keine Sorge. Die Zeiten, wo die arabischen Führer ihr Volk wie ein unartiges Kind behandeln konnten, sind vorbei."
Er geht in das Besprechungszimmer der Bibliothek, um vom Fenster aus den Platz zu zeigen, auf dem Alexander der Große einst die Gründung der Stadt befohlen haben soll. In dem Raum hängt ein Wandteppich mit dem Kopf des Präsidenten. "Mubarak hat diese Bibliothek immerhin ermöglicht, seine Frau sitzt unserem Vorstand vor. Aber schauen Sie."
Serageldin drückt auf einen Schalter, und es senkt sich eine Leinwand über den Teppich. Zuerst verschwindet das Haar, dann verschwinden die Augen Mubaraks, der Herrschermund, das Kinn. Und dann stoppt der Direktor den Mechanismus und lässt die Leinwand wieder ein klein wenig hochfahren. Bis man ihn wieder erkennt, den Raïs, den Präsidenten.
In einer Hafenstadt weiß man über das Trügerische von Strömungen und Kräuselungen. ◆
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 6/2011
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