07.02.2011

„Ich verstehe mein Volk nicht“

Der langjährige SPIEGEL-Korrespondent Volkhard Windfuhr, 74, über die Zeitenwende von Kairo
Windfuhr, in Essen geboren, lebt seit 1955 in Kairo, seit 1974 ist er Nahost-Korrespondent des SPIEGEL. Er berichtet seither über die großen Krisen in der Region, traf und interviewte fast alle arabischen Führer, darunter auch die drei ägyptischen Präsidenten Nasser, Sadat und Mubarak.
Ich gehöre zu den Ältesten, die an diesem Mittwochmorgen über die Nilbrücke auf den Tahrir-Platz gehen. Ich habe länger in Kairo gelebt als fast alle, die da friedlich neben mir herschlendern: Frauen, Männer, junge Leute, alte Leute, Gebildete und weniger Gebildete, Arbeiter, Prediger, Ingenieure. Wir unterhalten uns, ich kenne ihre Sprache, ich kenne ihre Witze. Es ist auch meine Sprache, es sind meine Witze.
Doch was drei Stunden später wie aus dem Nichts über uns hereinbricht, erschüttert mein Bild von diesem Land, in dem ich seit 56 Jahren lebe. Das ist nicht mehr mein Land.
"Al-Maut lil-Kilab!", brüllen zwei junge Männer, die plötzlich vor dem "Sudan-Air"-Büro an der Talat-Harb-Straße auftauchen und um sich schlagen: "Tod den Hunden!" Der eine schwingt ein Schlachtermesser, der andere prügelt auf einen Demonstranten ein. "Nieder mit dem Regime" steht auf dem Pappschild, das er dem Mann entreißt. Ich verstehe zunächst nicht, was passiert. Was wollen diese Leute? Woher diese Aggression?
Doch dann fangen die Menschen an zu schreien, Pferde und Kamele laufen über den Platz, und ich verstehe langsam: Das ist ein Trupp von Schlägern, die eine friedliche Demonstration auseinandersprengen sollen. Sie reißen Frauen die Blusen, die Schleier vom Leib, sie schmeißen Rollstuhlfahrer um, sie treten sogar Kinder zur Seite.
Ich flüchte in einen Torbogen und sehe sie mir an: Es sind, kein Zweifel, Leute, die zum Regime gehören, manche haben sogar das Emblem der Staatspartei NDP auf ihre Jacken genäht. Ich weiß, dass dieser Staat nicht zimperlich ist, wenn er Demonstrationen auflöst - aber eine solche Meute, die wie apokalyptische Reiter in eine Menge stürmt? Ich habe so etwas noch nie erlebt. Ein älterer Mann, ein Juraprofessor, der, am Hinterkopf getroffen, mit mir in eine Seitengasse flüchtet, sagt: "Ich verstehe mein Volk nicht mehr." Genauso geht es auch mir.
Ich schäme mich für dieses Land, das ich als meine zweite Heimat empfinde. Warum lässt die Regierung so etwas zu? Wie fühlt sich der Panzerkommandant, der das Massaker nicht verhindern darf? Welche höhere Moral erlaubt das Wegschauen der Soldaten, die das Volk erst gestern als seine Beschützer gefeiert hat?
Erregte Massen habe ich in Ägypten schon zuvor erlebt. Auch in Palästina, im Libanon, im Sudan, im Irak, in Algerien, in Tunesien und in Iran. Doch die Emotionen meiner ägyptischen Landsleute waren immer anders. Weicher, weniger aggressiv.
Als die Iraker 1958 ihre Monarchie stürzten, töteten sie ihren 23-jährigen König und schleiften ihn durch die Straßen Bagdads. Die Ägypter hatten 1952 ihren letzten König Faruk I. mit Böllerschüssen und militärischen Ehren aus Alexandria
verabschiedet. Und als der den Putsch-Offizieren Verhasste dann im italienischen Exil starb, erschien Kairos größte Tageszeitung "al-Ahram" mit Trauerflor.
Syrische und irakische Freunde hänselten mich als "Freund der ägyptischen Waschlappen". Das empfand ich als Lob. Vielleicht ist es dieses eigenartig seelenvereinnahmende Nah-sein-Wollen der Ägypter, das mir das Einleben so leicht gemacht hat.
"Familie und Religion sind die höchsten Werte der Ägypter", sagte mir Husni Mubaraks Vorgänger, Anwar al-Sadat, einmal. Er hätte an erster Stelle das menschliche Miteinander nennen können, das seit Pharaos Zeiten den Lebensrhythmus der Menschen hier bestimmt und sie in nachbarschaftlicher Arbeitsteilung ihre Bewässerungssysteme verfeinern ließ.
Der 2. Februar 2011 ist ein entscheidender Bruch dieser Erfahrung. Er widerspricht allem, was ich bisher in diesem Land erlebt habe. Ich erinnere mich an die hilflose Wut der Ägypter Ende Oktober 1956. Ich saß in der Straßenbahn und fuhr von meinem Viertel im Osten Kairos zu einem Schulkameraden nach Samalik, der großen Nilinsel, auf der schon immer viele Ausländer lebten und dort ihre Schulen unterhielten. Auch die deutsche Schule, die ich damals besuchte. Es war dunkel, die Bahn hielt an der Haltestelle vor der lutherischen Kirche in der Gala-Straße, eingerahmt von den Redaktionsgebäuden der beiden großen Tageszeitungen "al-Ahram" und "al-Achbar". Dann fuhr sie wieder an und hielt so schlagartig, dass ich zu Boden fiel.
Da sah ich es: Rote, blaue, grüne und gelbe Leuchtkugeln explodierten am Himmel. Ich schrie, aber der Schaffner zog mich lächelnd auf die Sitzbank zurück. "Alaab", sagte er, "Feuerspiele". Dann folgten ein starker Luftstoß, grelle Blitze, ohrenbetäubende Detonationen. Die britische Luftwaffe hatte begonnen, Kairo zu bombardieren, die Suezkrise war ausgebrochen.
Während des Suezkriegs verhielten sich die Ägypter so, wie ich sie auch später immer wieder empfinden sollte, höflich und hilfsbereit. Ausländer blieben unangetastet, obwohl der Zorn auf Briten und Franzosen groß war.
US-Präsident Dwight D. Eisenhower beendete den Krieg: Briten und Franzosen zogen erniedrigt ab, Israels Staatsgründer David Ben-Gurion musste den bis zum Kanal überrollten Sinai räumen. Es war das erste Mal, dass die Amerikaner im Nahen Osten eingriffen. Eine neue Ära war angebrochen.
Die Amerikaner sind keineswegs so verhasst, wie sie oft dargestellt werden. Nicht einmal Präsident Gamal Abd al-Nasser wollte mit Washington brechen. "Die verstehen nicht, dass wir die Engländer rausgeworfen und ihnen den Suezkanal abgenommen haben", sagte er. "Sie verstehen nicht, dass wir unabhängig sein und nicht schon wieder einer ausländischen Macht nachlaufen wollen."
Als ich in den sechziger Jahren bei Radio Kairo arbeitete und als Dolmetscher zu einem Gespräch zwischen Nasser und dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht gebeten wurde, hielt mich der Präsident an der Schulter fest und sagte: "Macht genau das euren Hörern klar, das muss man doch verstehen." Die ältere von Nassers beiden Töchtern studierte an der American University in Kairo, mitten im Kalten Krieg.
Nasser buhlte nicht um Volksnähe, er hatte sie. Und so brutal die Diktatur war, die er errichtete, so dunkel seine Folterkeller, so unbestritten war das Selbstwertgefühl, das er den Barfüßigen vermittelte. "Irfaa rasak, ja achi", "Heb deinen Kopf, Bruder!", so begann er seine Reden.
An diesem Charisma änderten nicht einmal die dreisten Lügen seines Apparates etwas, ja nicht einmal die vernichtende Niederlage im Sechs-Tage-Krieg. Als ich am 5. Juni 1967 um neun Uhr früh aus meiner Wohnung auf die Straße trat, dröhnten Marschmusik und eine Sondermeldung aus den damals überall in der Stadt aufgestellten Lautsprechern. "Der zionistische Feind hat heute früh Ägypten angegriffen. Aber wir siegen. Wir haben bereits 186 israelische Maschinen abgeschossen." Wir glaubten das an diesem Morgen, auch ich.
Gegen Mittag wussten wir jedoch, Israel hatte sämtliche Flugbasen zerstört, den Sinai überrollt, Zehntausende Soldaten gefangen genommen und marschierte in Richtung Suezkanal. Das Ende. Ägypten weinte. Vier Tage Trauer und Entsetzen.
Am 10. Juni sprach ein gebrochener Nasser zu seinem Volk. "Ich übernehme die Verantwortung und trete zurück." Al-
le liefen auf die Straßen, Menschen umarmten sich, dann skandierten sie: "Maalisch", "Macht nichts" - mir fehlt die Sprache für eine wirklich situationsgerechte Übersetzung - "Bleib bei uns, du bist einer von uns".
Das waren die großherzigen Ägypter. Das war Nasser. Als er drei Jahre später starb, gab es Verzweifelte, die sich das Leben nahmen.
Sein Nachfolger Anwar al-Sadat war loyal. Lange noch ließ er sein eigenes Präsidentenporträt neben dem übergroßen Nasser-Bild hängen. Sein Stern ging erst 1973 auf, als er im Jom-Kippur-Krieg, unter enormen Opfern, den Suezkanal überschritt. Sadat hatte mit diesem Sieg etwas vor. Er wollte, aus einer Position der Stärke heraus, den Frieden mit Israel. Und den bekam er auch. Ich begleitete ihn auf seiner Reise nach Jerusalem und berichtete über seine Rede vor der Knesset.
Sadat war ein Visionär, er konnte reden und überzeugen. Und als er Nassers gescheitertem Panarabismus schließlich den Rücken kehrte, als er Nassers "Vereinigte Arabische Republik" wieder zum Staat "Ägypten" machte, weinten die Ägypter. Es waren Tränen des Stolzes. Er traf damit ein Grundgefühl des Volkes: Wir sind die Nachfahren der ältesten Kultur der Menschheit.
Der Friedensschluss mit Israel war anfangs sehr populär. Auch wenn die strengen Syrer und die kämpferischen Iraker Ägypten nun aus der Arabischen Liga warfen - die Ägypter glaubten, dass jetzt der Nahe Osten befriedet werde. Auch die Palästinenser glaubten das damals. Doch der Prozess kam ins Stocken. Sadats Duzfreund Menachem Begin verleibte sich das arabische Ostjerusalem ein - und erniedrigte den "Held des Krieges und des Friedens".
Das aber war es nicht, was Sadat den Ägyptern entfremdete. Es war der Umstand, dass er den Kontakt zu seinem Volk verlor, es war seine instinktlose Privatisierung von mehr als 6000 Staatsbetrieben, von der eine feiste Oberschicht der Gesellschaft profitierte, während die Armen hungerten und 1977 erste Brotunruhen ausbrachen. Und es war der politische Islam, den er, wie die meisten US-Verbündeten damals, zur Abwehr der kommunistischen Gefahr gewähren ließ.
Im letzten Interview seines Lebens wollte er davon nichts mehr hören. "Nein, die irrgeleiteten Jugendlichen wissen, dass ich ihr Vater bin. Söhne töten ihre Väter nicht", sagte er vier Tage vor seiner Ermordung zu mir. Am 6. Oktober 1981, bei einer Feier zum achten Jahrestag seines Erfolges im Jom-Kippur-Krieg, lösten sich sechs Männer aus der Truppenparade, liefen auf die Tribüne zu und schossen Anwar al-Sadat nieder. Sein Vizepräsident, der sich im Kugelhagel auf den Boden warf, überlebte: Husni Mubarak.
Der dritte Präsident des modernen Ägypten hatte weder Nassers Charisma noch Sadats visionäre Kraft. Ich habe ihn mehrmals interviewt, und so enttäuscht ich heute von ihm bin, kann ich nicht umhin, seine Leistungen zu würdigen. Mubarak hat den von Sadat geschlossenen Frieden mit Israel stabilisiert, ja, er hat das Wort seines Vorgängers mit einer Verlässlichkeit gehalten, die im Nahen Osten nicht üblich ist. Er hat den Tourismus zur größten Einnahmequelle ausgebaut, er hat die Infrastruktur verbessert. Ich hatte zwölf Jahre gewartet, bis ich Ende der sechziger Jahre meinen ersten Telefonanschluss erhielt; es dauerte vier Tage, bis 1996 mein erstes Handy freigeschaltet wurde.
Doch dem Luftwaffengeneral ist es in 30 Jahren Amtszeit nicht ein einziges Mal gelungen, sein Volk im Herzen anzusprechen. Ihm fehlt dieser Sensor. Er ist kein Volksheld. Wenn er die Pose dennoch versucht, so wie bei seiner Rede am vorigen Dienstag, wirkt es falsch und einstudiert. Er ist immer ein Offizier geblieben, ein Kommandeur, dem es um Disziplin gegangen ist, um Ruhe und Stabilität - aus der am Ende Stagnation geworden ist. Mehltau hat sich in diesen 30 Jahren auf das Land gelegt, das doch das lebendigste aller arabischen Länder ist.
Mubarak sah das Leiden und die Unfreiheit nicht mehr, die sich darunter ausbreitete. Als ich ihn nach einem Interview auf seiner Mittelmeerfarm westlich von Alexandria einmal "Pharao" nannte, war er verstimmt. "Was meinen Sie damit?" Damals beruhigte ich ihn. "Pharaonen waren das Rückgrat der ägyptischen Kultur. Selbst Ihr Vorgänger Nasser ließ sich wie ein Pharao darstellen." Da lächelte er kurz.
So großartig er gescheitert ist - Gamal Abd al-Nasser hat den Nasserismus hinterlassen, Anwar al-Sadat einen Vertrag, der seinem Volk den Frieden brachte und ihm selbst den Friedensnobelpreis eintrug. Es ist bitter, auch für mich, dass Husni Mubarak mit einer Frage abtreten wird, auf die es keine Antwort gibt: Warum verhindert er einen Abschied, der Ägyptens würdig ist?
Von Volkhard Windfuhr

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