07.02.2011

Widersprüche und Vandalen

Im Ägyptischen Museum in Kairo sollen Einbrecher gewütet haben. Doch der Direktor will nichts von größeren Verlusten wissen.
Vor nicht einmal zwei Monaten hielt Tarik al-Awadi seinen neuen Posten noch für einen Traumjob. Er, der neue Direktor des Ägyptischen Museums am Tahrir-Platz in Kairo, war mit 38 Jahren Chef des weltberühmten Schatzhauses altägyptischer Kostbarkeiten geworden. Er war nun der Herr über 120 000 einzigartige Artefakte, über Mumien, Goldschmuck und Statuen aus Jahrtausenden ägyptischer Kultur. Seine Hauptattraktion: die funkelnden Funde aus dem berühmtesten Pharaonengrab, die Schätze des Tutanchamun. 2,5 Millionen Besucher kamen bislang jedes Jahr in das Museum, um die Grabbeigaben aus dem Tal der Könige zu bewundern.
Doch damit ist es erst mal vorbei. Das Ägyptische Museum liegt in der Kampfzone, direkt neben dem ausgebrannten Gebäude der Partei von Ägyptens Präsident Husni Mubarak. Am Abend des vorvergangenen Freitag drangen angeblich Einbrecher in das Museum ein und zerstörten oder klauten Exponate.
Auf Fotos waren die abgetrennten Köpfe von Mumien zu sehen, die auf dem verschmutzten Boden lagen. Andere Bilder zeigten zerstörte Statuetten aus dem Schatz des Tutanchamun.
Über das Ausmaß der Schäden gibt es bislang nur Vermutungen.
Doch die Ägypter spielen den Vandalismus im Museum merkwürdigerweise herunter. Museumsdirektor Tarik al-Awadi behauptete am vergangenen Donnerstag gegenüber dem SPIEGEL, dass kein einziges Stück aus dem Bestand fehle, die Schäden seien minimal. Alles lasse sich leicht restaurieren. Den Widerspruch seiner Aussage zu den Fotodokumenten, die den Vandalismus belegen, kann er jedoch nicht auflösen.
Auch Ägyptens bekanntester Altertumsforscher liefert keine Aufklärung. Zahi Hawass, 63, in Deutschland vor allem dafür bekannt, von Berlin immer wieder die Rückgabe der Nofretete-Büste zu fordern, müsste eigentlich wissen, was im Museum geschah.
Er wurde von Präsident Mubarak am Montag vergangener Woche überraschend zum "Minister für Altertümer" ernannt - ein Posten, den es so noch nie gab. Die Schilderung des Ägyptologen über den Museumseinbruch lässt eher an eine Räuberpistole denken als an eine nüchterne Aufklärung.
Einer der Vandalen, so Hawass, habe übermannt werden können, weil er "die Museumswächter um Wasser gebeten" habe. "Glücklicherweise" hätten die Diebe "den Museumsshop für das Museum gehalten" und den Wert der millionenteuren Schätze im Nationalmuseum nicht erkannt. Hawass hat seine Informationen aus zweiter Hand, er war am "Freitag der Wut" nicht vor Ort. Wieso?
Der Altertümer-Minister - und oberster Aufseher über alle 24 staatlichen ägyptischen Museen - erklärt es auf seiner Homepage so: "Ich konnte mein Zuhause wegen der Ausgangssperre nicht verlassen."
Es gibt inzwischen viele Skeptiker, die nicht daran glauben, dass es sich bei den Einbrechern um einen wilden Mob gehandelt habe, der aus privater Gier Schätze erbeuten wollte. Vielmehr kursiert die Vermutung, Mubarak habe Schlägertrupps beauftragt. Sie sollten, so diese Version der Vorgänge, im Museum Chaos anrichten, um auch hier - in der weltweit beachteten Kulturinstitution - für symbolbeladene Bilder von Chaos zu sorgen.
Rückendeckung bekommen die Zweifler von Horst Bredekamp, einem der renommiertesten deutschen Professoren für Kunstgeschichte. Seit 40 Jahren untersucht er wiederkehrende Muster beim Kunst-Vandalismus. "In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um genau definierte, überlegte Gewaltakte, die von Polizei, Armee oder Spezialeinheiten begleitet werden."
Dafür, dass es sich bei den Übergriffen in Kairo um gesteuerte Gewalt gehandelt hat, spricht auch, dass die übrigen Demonstranten, die sich in der Nähe des Museums aufhielten, zum Zeitpunkt der Verwüstungen friedlich waren. Nicht einmal Lebensmittelgeschäfte waren geplündert worden.
Bredekamp: "Räuber kommen gewöhnlich erst in der zweiten Welle, sie sind Nutznießer einer bereits losgetretenen Aktion." Das Furchterregende solcher Attacken sei deren Botschaft: "Wer Kunst angreift, tötet auch Menschen. Und wer Menschen tötet, tötet sie unter Umständen, als seien sie Bilder."
Und was hat es nun wirklich mit den zerstörten Mumien auf sich? Obwohl die Fotos eindeutig zu sein scheinen, hat sich Museumsdirektor al-Awadi auf eine überraschende Version festgelegt: Dem SPIEGEL sagte er, die Bilder der zertrümmerten Mumien seien von einem Fotojournalisten in einem Lagerhaus aufgenommen worden, einem "Knochendepot" neben dem Museum. Es handele sich nicht um berühmte Mumien aus dem Museum, sondern um noch nicht identifizierte Objekte.
Zerstörungen im Lagerhaus aber hatten weder al-Awadi noch sein Chef Hawass jemals erwähnt.
Von Nora Reinhardt und Volkhard Windfuhr

DER SPIEGEL 6/2011
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