07.02.2011

DEMOKRATIEDas Gewicht des Lebens

Der Milliardär und Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen kommt ohne Wohnung und private Bindungen aus. Nun scheint er seine große Aufgabe gefunden zu haben. Er will die Demokratie vor ihrem Versagen retten und die Welt verbessern. Von Markus Feldenkirchen
Das ist ein bisschen traurig hier", sagt Nicolas Berggruen. Er steht in der Lobby des Hotels Baur au Lac in Zürich, eines der besten und teuersten Hotels der Welt, umgeben von antiken Sofas und Sesseln, aber er ist nicht zufrieden. "Ich sehe mal, ob es noch etwas Schöneres für uns gibt. Mit mehr Licht." Dann läuft er wieder weg.
Berggruen wollte von seiner Mission erzählen, aber es war nicht leicht, einen Termin zu finden. Dass man womöglich weit fliegen müsse, um ihn anzutreffen, war klar. Schwieriger gestaltete sich die Frage, wann genau er wo auf der Welt ist. Sich mit ihm an einem festen Punkt zu verabreden schien ähnlich kompliziert wie ein Date mit einer Flipperkugel.
Selbst seine Büros in Los Angeles, New York, Istanbul, Mumbai oder Berlin wissen nicht immer, wo ihr Chef, einer der reichsten Männer der Welt, am nächsten Tag sein wird. "Er ist eben ein sehr unabhängiger Charakter", sagte eine seiner vielen Referentinnen. Eigentlich brauchte es einen Koordinator, der seine ganzen Koordinatoren koordiniert.
"Kein Licht", sagt Berggruen, zurück von seiner Suche nach einem schöneren Ort. "Dann bleiben wir eben hier."
Seine Mission klingt so tollkühn, dass man sich beim Zuhören das Schmunzeln verbieten muss: Der 49-Jährige möchte die westliche Demokratie retten. Er sagt, er wolle der Welt helfen, und er ahne auch, wie das gehen könne.
Warum glaubt er, dass die Demokratie Hilfe braucht, seine Hilfe? "Weil sie nicht mehr gut funktioniert", sagt Berggruen. Er schaut einem in die Augen, kein Zwinkern, kein Lächeln. Er meint es ernst.
Die Haare des Mannes, der der Welt helfen möchte, liegen an diesem Nachmittag auf dem Kopf herum, als sei er gerade aus dem Bett geschlüpft. Aus seinem Gesicht wächst ein Zweieinhalbtagebart, er hat Augen, die aussehen, als hätten sie viele gute Partys erlebt. Er verströmt eine Lässigkeit, die man nicht antrainieren, die man sich nur erleben kann.
Die untersten Knöpfe seines Sakkoärmels hat er offen gelassen, die Manschetten auch. Der Kragen des Hemdes ist fransig, als habe eine Maus daran geknabbert. Es ist der Schick der alternativen Reichen, jener, die nicht mehr mitspielen müssen im kapitalistischen Gesellschaftsspiel mit seinen Etiketten, die es sich leisten können, unperfekt zu sein. Sein Vermögen wird auf 2,2 Milliarden Dollar geschätzt.
"Es könnte sein, dass ich gleich mal rangehen muss", sagt er und deutet auf den BlackBerry neben ihm auf dem Sofa. So beginnt er fast jedes Gespräch.
Man kann vermutlich nie genau sagen, wann die Leere in ein Leben geschlichen ist, das von außen betrachtet randvoll zu sein schien, aber bei Nicolas Berggruen muss es in den vergangenen zehn Jahren gewesen sein. Im Jahr 2000 verkaufte er alle privaten Häuser und Wohnungen, das Appartement am New Yorker Central Park und sein Anwesen auf einer Privatinsel vor Florida. Er entledigte sich aller materiellen Güter, weil er sich eingestehen musste, dass sie ihn nicht glücklich gemacht hatten. Das Einzige, was er behielt, war sein Privatjet vom Typ Gulfstream IV. Seither lebt er in den Hotelsuiten dieser Welt. Die ordnende Hand eines Einwohnermeldeamts greift bei ihm ins Leere. In den USA, wo er noch die meiste Zeit verbringt, wird er seit Jahren als Obdachloser geführt.
Vor zwei Jahren folgte der zweite Schritt in ein anderes Leben. Er nahm ein halbes Jahr Unterricht in Philosophie und Politischer Wissenschaft und gründete anschließend das Nicolas Berggruen Institute. Eine Holding gleichen Namens gab es schon lange, sie hat den Investor unfassbar reich gemacht. Das Institut soll ihn nun glücklich und zufrieden machen. Und die Welt am besten gleich mit.
Es ist nicht neu, dass Schwerreiche ihr Vermögen irgendwann für das Gute spendieren, man kennt das von Bill Gates, Warren Buffet oder Georg Soros. Dahinter steckt manchmal ein schlechtes Gewissen, das Bewusstsein, dass irrsinnige Reichtümer im Kapitalismus meist nur auf Kosten anderer, meist Schwächerer erwirtschaftet werden. Berggruen aber will keine Brunnen in der Sahara bauen, er will nicht die Symptome behandeln, sondern die Wurzel.
"Sie kennen Kalifornien?", fragt er. Es ist nicht arrogant gemeint, sondern höflich, er ist sehr umsichtig. Sobald sich eine Teetasse leert, fragt er gleich, ob er eine neue Portion bestellen dürfe. Er nickt. "Das ist gut." Dann erklärt er, was ihm in Kalifornien gelungen ist. Es ist sein Schlüssel für eine bessere Welt.
Im vergangenen Jahr rief sein Institut einen "Rat für Nachhaltigkeit" ins Leben, man könnte auch sagen: einen Rat zur Rettung Kaliforniens. Viele Millionen und viele Gespräche hat Berggruen in das Projekt investiert, hat Condoleezza Rice und George Shultz, zwei frühere US-Außenminister, als Mitglieder gewonnen, zwei Ex-Gouverneure Kaliforniens, den Republikaner Arnold Schwarzenegger und dessen Vorgänger von den Demokraten, Gray Davis. Dazu Google-Chef Eric Schmidt, eine Charity-Lady, einen geachteten Gewerkschafter. Am Ende stand ein überparteiliches Gremium mit glaubwürdigen, angesehenen Persönlichkeiten.
Der Rat legte gleich Konzepte vor, Gesetzesentwürfe für verantwortungsvolleres Regieren. Er empfahl, einen "Rainy Day Fund", die Verpflichtung, in Jahren mit satten Staatseinnahmen Rücklagen für magere Jahre zu bilden. Er empfahl auch, den Haushalt künftig von einer einfachen Mehrheit verabschieden zu lassen statt wie bisher von zwei Dritteln des Parlaments.
Seine Liste präsentierte der Rat erst der Öffentlichkeit und suchte dann den Gouverneur und Abgeordnete des kalifornischen Parlaments auf. Kurz darauf wurden diese Ideen zu Gesetzen. Keiner der Vorschläge war neu, sie wurden seit Jahren von den meisten als vernünftig und notwendig erachtet, von der Politik jedoch nie aufgegriffen. Erst das hohe Ansehen des Rats in der Bevölkerung, seine moralische Autorität, zwang die Politik, die Maßnahmen umzusetzen. Berggruen will der Demokratie helfen, sich selbst nicht länger im Wege zu stehn.
"Das ist das Prinzip", sagt er und bestellt einen weiteren doppelten Espresso. Er glaubt die Erfolgsformel für große Reformen gefunden zu haben: ein gewichtiger Rat der Weisen. Und der richtige Zeitpunkt. "Man muss immer dann kommen, wenn eine Krise ist." Offen für Veränderungen seien Gesellschaften leider erst, wenn sie fast am Ende seien.
Als Nächstes will Berggruen einen "Rat für Europa" gründen, gefolgt von einem "Rat für die Welt". Er steht mit einstigen Regierungschefs in Kontakt, dem Spanier Felipe Gonzáles etwa oder Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Seinen Welt-Rat will Berggruen im Oktober zusammen mit Frankreichs Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy präsentieren, dessen Land die G-20-Runde leitet; vor ein paar Tagen haben sie sich getroffen. Aber das ist noch nicht alles. Von Zürich wird er in den Kongo fliegen, wo er mit Präsident Joseph Kabila und einem "Rat für den Kongo" einen afrikanischen Musterstaat schaffen will.
"Das muss ich nehmen", sagt Berggruen. Dann steckt er sich den Kopfhörer seines BlackBerry ins Ohr und verschwindet aus der Lobby.
Nicolas Berggruen ist in Frankreich aufgewachsen. Sein Vater Heinz Berggruen, ein Jude, floh in den dreißiger Jahren aus Berlin vor den Nazis, ließ sich später in Paris nieder und baute eine der wichtigsten Kunstsammlungen der Welt auf. Seine Mutter ist die deutsche Filmschauspielerin Bettina Moissi.
Im Alter von zwölf Jahren erklärt er sich für unabhängig, geht auf eigenen Wunsch ins Schweizer Edelinternat Le Rosey, liest Marx und Lenin, Sartre und Camus, Kommunisten, Existentialisten, ziemlich linke Kost. "Ich war sehr, sehr links", sagt er heute. "Ein echter Rebell."
Im Internat lehnt er es ab, die englische Sprache zu lernen. "Ich dachte, Englisch sei die Sprache des Imperialismus." Berggruen fliegt aus dem Internat und kehrt zurück nach Frankreich. Als 17-Jähriger geht er zum Studium an die New York University, lernt Finance and International Business, startet nebenbei die ersten Investments. Er leiht sich 2000 Dollar, spekuliert an der Börse, kauft mit Freunden abgewirtschaftete Häuser in Brooklyn, richtet sie her, verkauft mit Gewinn. Es ist der Grundstein eines Imperiums mit Bürotürmen und Altbauten, mit über 20 Firmenbeteiligungen, zu denen sich jüngst auch die Warenhauskette Karstadt gesellte.
Doch je mehr sein Besitz wuchs, desto weniger bedeutete er ihm. "Wir sind hier auf der Welt nur für einen kleinen Moment. Was wirklich zählt, ist, was wir erschaffen, was wir aufbauen", sagte Berggruen, kurz bevor er sein Institut gründete. "Was zählt, sind unser Handeln und unsere Entscheidungen. Das bleibt für immer. Das ist der wahre Wert unseres Daseins." Vor kurzem gestand er, dass ihn eine Midlife-Crisis erwischt hatte.
An einem Sonntagnachmittag im Januar lud Berggruen ein paar deutsche Journalisten in die Berliner Filiale seines Instituts. Er trug schwarze Lederslipper, einen Cordanzug und wieder so ein fransiges Hemd wie in Zürich.
Er saß im Dachgeschoss der Lichtfabrik in Kreuzberg und schaute in den Himmel über Berlin. Er wollte über Europa reden, er glaubt, dass auch hier der rechte Zeitpunkt für Veränderung gekommen ist, jetzt, da der Euro zittert, da Länder wie Irland, Griechenland, Portugal wackeln, da die Solidarität schwer angefressen ist. Es soll wieder einen Rat geben, wie in Kalifornien, der die Geschicke beeinflusst.
"Was sind die wahren Probleme in Europa, in Deutschland?", fragte er die Runde. Und: "Welche Persönlichkeiten könnten Sie für einen ,Rat für Europa' empfehlen?" Die Runde schaute ihn ratlos an. Vermutlich ahnte Berggruen in diesem Moment, dass Europa nicht Kalifornien ist und dass es nur wenige Persönlichkeiten gibt, deren Ansehen und Autorität über den ganzen Kontinent strahlen. "Vielleicht ist es für Europa noch einen Tick zu früh", sagte er. "Aber die Ansicht wächst, dass das System in Europa so nicht mehr funktioniert."
In Berggruen wütet der Grundimpuls vieler Wirtschaftsmenschen, die kopfschüttelnd die Ineffizienz und Selbstblockade westlicher Parteiendemokratien verfolgen, sie im Grunde verachten. Aber anders als die meisten, die nur zuschauen und lieber die Effizienz autoritärer Staaten wie China oder Singapur preisen, will Berggruen der Demokratie helfen im weltweiten Kampf der Systeme.
Dabei verbirgt sich hinter seinem Ansatz auch eine Skepsis gegenüber der Klugheit der Demokratie, jenem langgehegten Glauben, dass der Wille der Massen über kurz oder lang das Richtige hervorbringe. "Die Wähler denken oft zu kurzfristig, zu egoistisch", sagt er. "Und sie haben meist nicht die Informationen oder das Wissen, das Wähler haben sollten." Demokratie sei gut. Aber am Ende müsse man denen, die am meisten wissen, die Verantwortung übertragen.
Und es steckt auch eine gewisse Verachtung gegenüber dem Politikbetrieb dahinter, der Glaube, dass Politiker allein deshalb keine langfristigen Visionen verfolgen könnten, weil sie am Ende Parteien und Wählergruppen verpflichtet sind.
Ein Rat der Weisen aber, so Berggruens Annahme, deren Mitglieder von niemandem abhängig sind, sei konstruktiver, ehrlicher als ein Gremium herkömmlicher, demokratisch gewählter Politiker.
Ist Berggruen ein Idealist?
Er weiß nicht recht, wie er antworten soll, er knetet die Lippen. Er habe in 30 Jahren als Investor einen realistischen Blick bekommen, wie die Welt funktioniere, sagt er schließlich. Deshalb könne er sagen, dass es ihr an Idealen fehle. Er selbst finde immer stärker zur visionären Haltung seiner Jugend zurück.
Im Film "Up in the Air" von Jason Reitman spielt George Clooney einen modernen Nomaden, einen Pendler zwischen den Welten, dessen Lebensziel auf die Größe einer Superplatinum-Vielfliegerkarte geschrumpft ist. In einer der besten Szenen hält ein Motivationstrainer (Clooney) einen Vortrag.
"Wie viel wiegt Ihr Leben?", fragt er sein Publikum. "Stellen Sie sich vor, Sie trügen einen Rucksack und sie würden ihn vollstopfen, mit allem, was sie haben im Leben." Es folgt eine Aufzählung: vom Bücherregal über die Wohnung bis hin zu Freunden und Ehepartnern. "Vor allem die Beziehungen zu anderen Menschen sind die schwersten Komponenten eures Lebens."
Es ist das Plädoyer, den Rucksack leichtzuhalten, ein Plädoyer für die totale Bindungslosigkeit als Funktionsvoraussetzung für die moderne Welt. "Je langsamer wir uns bewegen, desto schneller sterben wir. Vertut euch nicht: Bewegung ist Leben."
Wenn jemand auf dieser Welt lebt, was Clooney im Film predigt, dann ist es Nicolas Berggruen. Er scheint wie geschaffen für das Zeitalter des globalisierten Kapitalismus, das nichts so sehr belohnt wie Flexibilität und Bindungslosigkeit. Wenn man seine Referentin fragt, mit welcher Frau er gerade zusammen sei, im Fotoarchiv fänden sich verschiedene Damen an seiner Seite, sagt sie: "Versuchen Sie's erst gar nicht."
Berggruen sagt, er besitze einige Papiere, ein paar Bücher, ein Paar Hemden, Jacketts, Sweatshirts. "Es würde alles in einen Paperbag passen." Sein Leben hat das Gewicht einer vollen Papiertüte.
In Zürich bittet der Fotograf ihn noch vor das Hotel, es soll ein Porträtfoto geben. Aber er mag nicht recht posieren. Vor ein paar Jahren hat Berggruen die komplette Auflage eines niederländischen Magazins aufgekauft, weil ihm ein Porträt über sich zu positiv erschien. Es gehe um die Sache, sagt er, nicht um ihn selbst.
Als das Shooting vorbei ist, steht er etwas hilflos in der Lobby des Baur au Lac herum, die Hände in der Manteltasche. Für einen Moment wirkt er hilflos, traurig, als wisse er nicht, wo er hingehöre.
Im Film "Up in the Air" muss sich Vielflieger George Clooney am Ende eingestehen, dass es kein anderes Rezept gegen die Leere im Leben gibt als die Liebe zu einer Frau, eine Bindung, und macht sie auch noch so unbeweglich.
Nicolas Berggruen scheint etwas anderes gefunden zu haben. "Eine bessere Welt", sagt er, als er aus seiner Traurigkeit erwacht ist. Er dreht sich auf den Absatz. "Das ist die Idee." ◆
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 6/2011
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