07.02.2011

Im Innern glüht der Ehrgeiz

Schule bis halb vier, danach noch stundenlang büffeln: So siegten Shanghais Schüler im Pisa-Test. Während der Westen verunsichert reagiert, regen sich in China Zweifel am eigenen System.
Die Kinder, vor denen sich die Welt fürchtet, kneten ihr Ohrläppchen. Sie pressen die Finger in den Nacken, reiben mit dem Daumen die Schläfen, streichen über die Augenbrauen, lauschen dem Glockenspiel vom Band und der Mädchenstimme, die bis acht zählt. 40 Kinder sitzen an ihren Pulten, für Minuten versunken, ein bisschen entrückt, mit geschlossenen Augen. Ganz vorn steht eine Schülerin und passt auf, dass sich auch alle korrekt entspannen.
Wenn die Kinder die Augen wieder öffnen nach der Konzentrationsübung, werden sie das Motto an der Wand sehen, das sie sich selbst ausgedacht haben: "In der Ruhe ist Bewegung." Was sie meinen: Ordentlich und ruhig soll sich die Klasse benehmen, im Innern jedes Schülers aber soll der Ehrgeiz glühen.
Dass ihre Schule einen guten Ruf hat, wussten die Jungs und Mädchen in der "Zweiten Mittelschule" in Shanghai, immerhin ist diese der Fudan-Universität angeschlossen, einer der besten Hochschulen Chinas. Doch seit ihre Schule am letzten Pisa-Test teilnahm, interessiert sich plötzlich die ganze Welt für sie.
5115 Jugendliche aus Shanghai waren zum ersten Mal dabei und belegten auf Anhieb den ersten Platz. Und so kommen jetzt die ausländischen Journalisten, eingeschüchtert von Pisa und den Erziehungstipps einer wildgewordenen "Tigermutter", und fragen: Warum haben diese Kinder nicht nur unsere 15-Jährigen, sondern auch die erfolgsverwöhnten Finnen um Längen abgehängt?
Die Gäste blicken auf den nackten Steinfußboden im Klassenraum, entdecken die Feudel auf dem Haken, jeden Tag putzen die Schüler nach dem Unterricht. Sie spüren den eisigen Wind, der durchs offene Fenster weht und über die gebeugten Köpfe streicht, und sie fragen sich, ob die Kinder aus dem Westen vielleicht einfach zu weich sind und zu verwöhnt.
Der chinesische Erfolg hat chinesische Wurzeln: Es paart sich der unbedingte Wille der Eltern, ihr einziges Kind möge den sozialen Aufstieg durch Bildung schaffen, mit der unbedingten Bereitschaft jenes Einzelkindes, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. Und diese Hingabe zur Anstrengung wird gefordert und belohnt von einem Schulsystem, das auf Fleiß, Disziplin und Testergebnisse setzt.
Die konfuzianischen Traditionen des alten China verbinden sich mit dem Traum des modernen Chinesen, zur urbanen Mittelklasse zu gehören, und so wird die Ausbildung der Kinder zur Obsession. "Verlier nicht am Startblock", sagen die Chinesen gern und stecken ihre Kleinen auch mal in private Kindergarten-Internate, wo schon die Zweijährigen einen Vorsprung fürs Leben bekommen sollen.
Oft zahlen Eltern bereitwillig 100 bis 200 Euro mehr pro Quadratmeter für kleinere, schlechtere Wohnungen, vom Makler angepriesen als "Eliteschulen-Immobilie". Doch auch wenn sie so die geografische Nähe zur Schule sicherstellen, garantiert das noch längst nicht die Aufnahme ihres Kindes.
Für Zhou Jingyu, 47, Chinesischlehrer und "Direktor für Organisation" an der "Zweiten Mittelschule", ist das Geheimnis von Pisa schnell erklärt. Er glaubt, ausländische Jugendliche lernten einfach nicht lange genug. Von 8 bis 15.30 Uhr geht an seiner Schule der Unterricht, gefolgt von einer Stunde Hausaufgaben, Fußball oder Kung-Fu. Daheim büffeln die Teenager dann noch einmal zwei, drei Stunden.
Über 90 Prozent seiner Schüler, sagt Zhou, schafften den Zugangstest für die obere Mittelschule. Wovon er nicht spricht: von all den Nachhilfestunden, Wochenendkursen, Feriencamps, Mathe-Olympiaden, mit denen ein chinesisches Kind aufwächst. Denn das Wichtigste im Leben jedes Schülers kommt ja erst noch: "gao kao", die nationale Aufnahmeprüfung für chinesische Hochschulen, an der die Jugendlichen einmal im Jahr im Juni teilnehmen können.
Doch auch Zhou spricht von einer "Last" für die Shanghaier Schüler, und er sagt, dass diese Last verringert werden müsse. Mehr Wert wolle man künftig legen auf Kreativität. Und dann zählt er auf, was sich in den vergangenen fünf Jahren alles geändert habe: Heute hat eine Schülergruppe ein Referat vorbereitet, warum Zigaretten gesundheitsschädlich sind - eine Neuheit! Kinder forschen in der Umweltgruppe, warum der Wusong-Fluss so dreckig ist - eine Revolution!
Vor 20 Jahren, erzählt Zhou, drängten sich auf dem Land manchmal 70, 80 Schüler in einen Klassensaal, vor zehn Jahren waren es immer noch 40 bis 50. Jetzt aber fördere man "kleine Klassen", das heißt in China: 20 bis 30 Kinder.
Noch immer aber sind die Unterschiede enorm zwischen den Schulen in den hochentwickelten Städten und denjenigen auf dem Land und die Ergebnisse von Shanghai deswegen keineswegs repräsentativ, wo aus den Rucksäcken der Teenager eine Trinkflasche mit dem Expo-Maskottchen lugt. Neulich erst haben Zhous Schüler alte Bücher gesammelt und an Kinder in Guizhou geschickt, in eine der ärmsten Provinzen Chinas.
Und während der Westen gebannt nach China starrt und sich fragt, was man vom asiatischen Modell wohl lernen könnte, sind die Chinesen selbst die größten Kritiker ihres Systems. Den Blogger Gu Chuan Xiao Mu erinnert die chinesische Erziehungsmethode an die Aufzucht "zwangsernährter Enten", am Ende stünden Lernroboter, die sich mit nichts anderem auskennen als mit Schulbüchern.
Selbst Premier Wen Jiabao hat schon öffentlich festgestellt, dass es chinesischen Studenten an praktischen Fähigkeiten und kreativem Geist fehle. Man habe versäumt, unabhängiges Denken zu trainieren. Und die staatliche "China Daily" kommentiert die Pisa-Ergebnisse von Shanghai mit deutlichen Worten: Überraschend seien die Resultate wirklich nicht, seien die Schüler doch zu wahren "Test-Maschinen" herangezogen worden. Der Preis: Die Freuden der Kindheit blieben auf der Strecke.
Immer mehr chinesische Eltern investieren ihre gesamten Ersparnisse, um ihre Kinder zur Ausbildung ins Ausland zu schicken. Manche Schwangere lassen sich sogar von Agenturen einen Geburtstrip in die USA organisieren, nur damit das Kind die amerikanische Staatsbürgerschaft bekommt - und später, so hofft man, leichter Zugang zum amerikanischen Bildungssystem. Für reiche Chinesen ist ein ausländischer Abschluss längst auch ein Statussymbol.
Doch der Trend, in die USA zu schauen, steht auch für das gegensätzliche Phänomen: Denn es gibt ebenso jene Eltern, die ihr Kind an einer amerikanischen Highschool anmelden, um es vor dem Drill und dem Leistungsdruck des chinesischen Schulsystems zu retten.
Für die Mehrheit der Chinesen aber bleibt nur, ihr Glück im eigenen Land zu versuchen. Die Zahl der Hochschulabsolventen steigt; gut eine Million waren es im Jahr 2000, über sechs Millionen im Jahr 2010. China steht damit vor einem neuen Problem: Während Fabrikbesitzer heute klagen, dass sie nicht mehr genügend willige und billige Arbeiter finden, gebiert der kollektive Traum vom Wohlstand jedes Jahr Massen junger Akademiker, die es zur Arbeitssuche in die großen Städte zieht. Sie überleben mit schlechtbezahlten Jobs und schlafen am Stadtrand in schäbigen Unterkünften, weil die Kosten für Wohnraum so hoch sind.
Chinas Soziologen vergleichen sie mit einem "Ameisenstamm": intelligent, hart arbeitend, in Kolonien lebend. Mehr als eine Million dieser "Ameisenmenschen" gibt es heute. Sie erinnern die Gesellschaft und die Regierung daran, dass das alte Versprechen nicht mehr gilt: Bildung als Schlüssel für ein gutes Leben.
Die Ameisenmenschen sind der Beweis dafür, dass man sich in China 25 Jahre quälen kann, von Prüfung zu Prüfung, um am Ende wie ein Wanderarbeiter zu hausen.
Von Sandra Schulz

DER SPIEGEL 6/2011
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