07.02.2011

REGISSEUREDie Abseitsfalle

In seiner Heimat Iran wurde Jafar Panahi zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Das Regime fühlt sich von seinen Filmen bedroht. Die Berlinale berief ihn demonstrativ in die Festival-Jury. Doch sein Stuhl wird leer bleiben.
Vielleicht, sagt Abbas Bakhtiari, drehe er irgendwann selbst einen Kinofilm, etwas Autobiografisches über seine Flucht aus Iran Anfang der achtziger Jahre, eine Flucht, die unvermeidlich war, nachdem Soldaten einen Freund erschossen und seine schwangere Frau mit Gewehrkolben so misshandelt hatten, dass das ungeborene Kind im Mutterleib starb. Bakhtiari und seine Frau entkamen in einem kleinen Boot, das sie über die Straße von Hormus nach Dubai brachte. Seit 1983 lebt er in Paris im Exil.
Bakhtiari, 53, ein schlanker Herr im kragenlosen schwarzen Anzug, ist von Beruf Schauspieler, Musiker und Komponist, er leitet ein iranisch-französisches Kulturzentrum am Kanal Saint-Martin im 10. Arrondissement. Ein paar Szenen der Komödie "Die fabelhafte Welt der Amélie" sind vor der Tür gedreht worden.
Zurzeit aber ist Abbas Bakhtiari vor allem die Stimme seines Freundes Jafar Panahi, des preisgekrönten iranischen Regisseurs. Panahi selbst kann nicht sprechen, er darf nicht, nicht mit Ausländern, nicht mit Journalisten, das würde seine Situation noch weiter verschlimmern.
Kurz vor Weihnachten verurteilte ein Gericht in Teheran Panahi zu sechs Jahren Gefängnis und 20 Jahren Berufsverbot wegen angeblich beabsichtigter "Verbrechen gegen die nationale Sicherheit und propagandistischer Aktivitäten gegen das System der Islamischen Revolution". Tatsächlich wollte der Regisseur nur einen Kinofilm drehen.
Panahi ist zum Symbol geworden für die Freiheit der Kunst und ihre Bedrohung durch totalitäre Regime, durch Zensur, durch Gewalt. "An Jafar soll ein Exempel statuiert werden", sagt Bakhtiari. In diesen Tagen koordiniert er eine internationale Kampagne, er mobilisiert Prominente, damit der Freund nicht vergessen wird von der Welt, gerade jetzt, wo sich alle Aufmerksamkeit auf Ägypten konzentriert und vielleicht noch auf Irans Atompläne.
Bakhtiari empfängt Besucher in seinem Kulturzentrum, in den Regalen persische Bücher und CDs. Eine junge Frau in einem langen grünen Mantel serviert Tee, Bakhtiari bietet Datteln und Mandeln an; er selbst raucht eine Zigarette nach der anderen, sein Feuerzeug ziert ein Palmenzweig, das Logo des Festivals von Cannes.
"Kunst", sagt Bakhtiari, "ist stärker als Politik." Es gibt Petitionen für Panahi im Internet, unterzeichnet von berühmten Kollegen wie Martin Scorsese oder Sean Penn. Und auch die 61. Internationalen Berliner Filmfestspiele, die am Donnerstag dieser Woche beginnen, stellen sich hinter den verfolgten Regisseur.
Berlinale-Chef Dieter Kosslick berief Panahi in die Jury des Festival-Wettbewerbs, "ein Zeichen, seinen Freiheitskampf zu unterstützen", er schrieb einen Brief an den iranischen Botschafter. Teheran reagierte kühl und bot an, dem Regime genehme Filmemacher in die Jury zu entsenden. Kosslick lehnte ab: "Wir nehmen niemanden von der Ersatzbank."
Tatsächlich wird die Berlinale ganz im Zeichen Panahis stehen, fast alle seine Werke werden im Verlauf des Festivals noch einmal gezeigt. Am 11. Februar, dem Jahrestag der Revolution in Iran - an jenem Tag übernahmen 1979 die von Ajatollah Chomeini unterstützten Kräfte die Macht -, wird "Offside" laufen, Abseits, Panahis wohl populärster Film.
Jafar Panahi, 50, ist einer der renommiertesten iranischen Regisseure der Gegenwart. Für seine Filme "Der weiße Ballon" (1995), "Der Spiegel" (1997), "Der Kreis" (2000), "Crimson Gold" (2003) und "Offside" (2006) gewann er Preise auf den großen Festivals von Cannes, Locarno, Venedig und Berlin. Die konservativen Mullahs sehen in dem Regisseur, der aus der Stadt Mijane im Norden Irans stammt und im Krieg gegen den Irak gekämpft hatte, bevor er Filmemacher wurde, dagegen einen Staatsfeind. Denn er zeigt in seinen Filmen all das, was offiziell tabuisiert wird: Alkoholkonsum, Prostitution, die Unterdrückung der Frauen. In Iran sind Panahis Filme verboten.
Film gilt religiösen Extremisten in Iran ohnehin als Werk des Teufels. Im August 1978, die Revolution gegen den Schah gärte bereits, setzten Attentäter ein vollbesetztes Kino in der Stadt Abadan in Brand. Mehr als 400 Menschen starben. Chomeini machte Agenten des Schahs für den Anschlag verantwortlich, verdammte Kinos aber zugleich als "Zentren der Unmoral", die "gegen das Wohl unseres Landes gerichtet sind". Mittlerweile gilt es als erwiesen, dass Gefolgsleute des heutigen religiösen Führers Ajatollah Chamenei hinter dem Attentat steckten.
Heute hat Teheran, eine Stadt mit 13 Millionen Einwohnern, nur 90 Kinosäle, im ganzen Land sind es rund 270. Die meisten schauen Filme lieber zu Hause auf DVD, auch weil es unverheirateten Männern und Frauen offiziell nicht erlaubt ist, gemeinsam ins Kino zu gehen.
Sogar US-Blockbuster wie "Avatar" sind in Iran legal auf DVD erhältlich, allerdings oft drastisch gekürzt. Zudem werden ausländische Filme am Computer nachbearbeitet. Per digitaler Retusche verschwinden Dekolletés, Röcke werden länger, bis die Sittenwächter beschwichtigt sind. Beliebter sind deshalb illegale DVDs. Auf dem Schwarzmarkt von Teheran gibt es fast jeden Film, unzensiert, Hollywood-Produktionen ebenso wie iranische Filme, die keine Kinofreigabe erhalten haben, Filme von Panahi zum Beispiel.
Der Konflikt zwischen dem Regisseur und dem Regime eskalierte, als er vor den Präsidentschaftswahlen 2009 offen mit Hossein Mussawi sympathisierte, dem aussichtsreichsten Herausforderer von Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad. Am 15. Juni marschierte Panahi mit Hunderttausenden anderen Iranern schweigend durch Teheran, um gegen die manipulierte Stimmenauszählung und den selbsternannten Wahlsieger Ahmadinedschad zu demonstrieren.
Zum ersten Mal wird der Regisseur zusammen mit seiner Tochter Solmas verhaftet, als die beiden am 30. Juli an einer Gedenkfeier für Neda Agha-Soltan teilnehmen. Die Studentin war bei einer Demonstration erschossen worden und wurde postum zur Ikone des Widerstands. Innerhalb eines Tages kommen Panahi und seine Tochter wieder frei.
Ende August 2009 reist der Regisseur nach Montréal, als Gast des Filmfestivals, er ist Präsident der Jury. Auf dem roten Teppich trägt Panahi einen grünen Schal. Grün ist die Farbe der Protestbewegung, sein Auftritt ist eine Provokation.
Anfang 2010 beginnt Panahi mit einem Freund, dem Regisseur und Produzenten Mohammad Rasoulof, die Dreharbeiten zu einem neuen Film. Ohne Genehmigung des Ministeriums für Kultur und Islamische Führung drehen sie heimlich in Panahis Wohnung im neunten Stock eines Hochhauses im vornehmen Norden Teherans. "Doch in Iran", sagt Bakhtiari, "bleibt so gut wie nichts geheim."
Am 1. März, ein Drittel des Films ist abgedreht, stürmen Polizisten die Wohnung. Sie verhaften Panahi, seine Frau und seine Tochter, Rasoulof sowie weitere Mitglieder der Crew, insgesamt 17 Personen. Sie beschlagnahmen das Filmmaterial und Panahis DVD-Sammlung, nehmen Akten und Computer mit. Sie bringen Panahi ins Evin-Gefängnis, Endstation für viele politische Gefangene, ein Ort der Folter.
Ende Mai, nach einem zehntägigen Hungerstreik Panahis und zahlreichen weltweiten Protestaktionen, kommt er auf freien Fuß - gegen eine Kaution von umgerechnet über 160 000 Euro, Panahi muss dafür seine Wohnung verpfänden. Er wird von den Behörden überwacht, trotzdem gelingt es ihm in den folgenden Monaten, ein paar Interviews per Telefon zu geben. Ständig tauscht er die Sim-Karte seines Handys.
Das Dossier, das die Ankläger über ihn erstellt haben, hat mehr als 750 Seiten. Es enthält alle Interviews, die der Regisseur in den vergangenen fünf Jahren gegeben hat. Obwohl sich Panahi auch gegenüber europäischen Medien stets nur verhalten regimekritisch geäußert hat, dienen die Interviews der Anklage als Beweise für angebliche "Konspiration und Propaganda" gegen die Regierung.
Am 18. Dezember wird Panahi von der Zweigstelle Nummer 26 der Revolutionsgerichte in Teheran zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt, gemeinsam mit seinem Freund Rasoulof. Panahis Anwältin Farideh Gheirat legt Berufung gegen das Urteil ein; es ist die härteste Strafe, die seit 1979 gegen einen prominenten Filmemacher in Iran verhängt wurde. Bis das Urteil rechtskräftig ist, darf der Regisseur sich in Teheran frei bewegen.
Tatsächlich richtet sich das Urteil nicht nur gegen Panahi, sondern gegen die unabhängigen iranischen Künstler insgesamt, eine drastische Warnung und eine Aufforderung, die Schere im Kopf anzusetzen und Kritik am Regime zu unterlassen. Viele Künstler hatten 2009 für Mussawi Partei ergriffen. Selbst die staatliche Zensurbehörde war lange offenbar so fest vom Wahlsieg des vergleichsweise liberalen Kandidaten überzeugt, dass sie einige politisch überaus heikle Filmprojekte genehmigte, zum Beispiel Rafi Pitts' Rachedrama "Zeit des Zorns".
Der Film porträtiert einen Wachmann in Teheran (gespielt von Pitts selbst), dessen Frau und Tochter bei einer Demonstration getötet worden sind. Wer dafür verantwortlich ist, erfährt er nicht. Der Mann nimmt sein Gewehr und macht Jagd auf Polizisten.
Mit Erlaubnis der Behörden drehte Pitts mitten im Wahlkampf eine Szene, in der sein Protagonist zwei Polizisten erschießt, die im Streifenwagen auf einer Autobahn unterwegs sind. "Die Zensur verlangte nur, dass wir ihn als Verrückten zeichnen", sagt Pitts. Der Täter sollte nicht wie ein kaltblütiger Attentäter erscheinen.
Nun sitzt Pitts, 44, in seinem kleinen Pariser Apartment im 14. Arrondissement, an der Wand hängt ein Plakat von John Cassevetes' Film "Die Ermordung eines chinesischen Buchmachers". "Das hier ist mein Versteck", sagt Pitts und lächelt etwas gequält. Er verließ Iran 1979, studierte in London, arbeitete in Paris als Regieassistent, kehrte für seine eigenen Filme aber stets nach Iran zurück.
Es ist kalt in seiner Wohnung, Pitts hat die Fenster aufgerissen, um den Zigarettengeruch aus den Räumen zu vertreiben. Sie waren am Abend zuvor alle da, seine iranischen Freunde in Paris, sie haben stundenlang debattiert, wie sie sich einsetzen können für Panahi und Rasoulof. Zusammen mit Panahi war auch der Regieassistent von Pitts verhaftet worden. Es hätte auch ihn selbst treffen können.
Pitts organisiert eine Solidaritätsaktion für Panahi und Rasoulof. Am 11. Februar, parallel zur Aufführung von Panahis "Offside" auf der Berlinale, sollen Filmschaffende rund um den Globus für zwei Stunden die Arbeit niederlegen. "Es soll nicht pathetisch wirken", sagt er. "Nur ein stiller Protest." Man müsse vorsichtig sein, wenn man Druck aus dem Ausland aufbaue, das Regime könne dann erst recht auf stur schalten. In den vergangenen Tagen ließ es wieder mehrere politische Gefangene hinrichten.
Die Verteidigungsstrategie für Panahi besteht darin, den Vorwurf, er verfolge mit seinen Filmen ein politisches Anliegen, möglichst weit von sich zu weisen. Die Ankläger hatten behauptet, dass er sich in seinem neuen Film mit den Unruhen während der grünen Bewegung beschäftigen wollte.
Sein neuer Film sei doch noch gar nicht fertig, sagte Panahi vor Gericht. "Manchmal habe ich den Eindruck, dass es schon ein Verbrechen ist, wenn man nur daran denkt, einen Film zu machen. Schon wer von einem Film träumt, scheint ein Delikt oder ein Verbrechen zu begehen, das mit Gefängnis bestraft wird."
Ein Künstler, der wegen einer Idee drangsaliert wird: Das klingt wie ein Alptraum von Franz Kafka oder George Orwell, es zeigt die Paranoia eines Regimes, das spätestens seit dem Protestsommer 2009 weiß, wie gering der Rückhalt im Volk ist.
"Der Film ist nicht politisch", sagt auch sein Freund Bakhtiari in Paris. Panahi hat ihn in einem Telefonat unmittelbar vor dem Treffen mit dem SPIEGEL gebeten, nachdrücklich zu betonen, dass er eine rein private Geschichte gefilmt habe, die Geschichte "einer Fernsehmoderatorin, die nach Hause kommt und ihren Sohn verletzt vorfindet". Warum der Junge verletzt ist, sagt Bakhtiari nicht.
Um die Chancen für sein Berufungsverfahren nicht zu gefährden, besteht Panahi darauf, er habe mit Familie und Freunden nur ein kleines, harmloses Home-Movie drehen wollen. "Es gibt kein Gesetz, das einem Filmemacher verbietet, in seinen eigenen vier Wänden einen Film zu drehen", lässt er Bakhtiari sagen. Doch niemand weiß besser als Panahi, dass in Iran keineswegs tabu ist, was man zu Hause macht.
In seinem Film "Crimson Gold" zeigte der Regisseur, wie Teheraner Polizisten vor einem Mehrfamilienhaus lauern, in dem eine Party gefeiert wird. Durch die Vorhänge einer Wohnung im zweiten Stock sind die Schatten tanzender Menschen zu erkennen. Tanzen ist in Iran verboten. In Panahis Film wird jeder, der das Haus verlässt, von den Polizisten sofort in Gewahrsam genommen und abgeführt.
Es gibt in den fünf Spielfilmen, die Panahi bislang gedreht hat, so gut wie keine Musik. Was man dagegen ständig hört, sind Polizeisirenen. Die kunstvoll arrangierten Geräuschkulissen sind akustische Porträts eines Überwachungsstaats. Immer wieder lässt der Regisseur in seinen Filmen unversehens Polizisten und Soldaten auftauchen. Dabei wirken sie durchaus nicht immer bedrohlich, sondern oft linkisch, überfordert, als wären ihnen die Uniformen, in die sie gesteckt wurden, ein paar Nummern zu groß.
In "Offside" nehmen die Polizisten sechs junge Frauen und Mädchen fest, die sich als Männer verkleidet ins Fußballstadion von Teheran geschlichen hatten. Dort spielt gerade die iranische Nationalmannschaft gegen Bahrain um die Qualifikation zur Weltmeisterschaft. Nur: Frauen dürfen in Iran Männern nicht beim Fußball zugucken. Die Polizisten pferchen die Frauen auf dem Stadiongelände zwischen Absperrgittern zusammen. Vom Spiel können sie dort nichts sehen, doch sie hören die jubelnden Männermassen. Plötzlich fangen die Frauen an, ein Fußballspiel nachzustellen, ihr Vorbild ist der iranische Starspieler Ali Karimi, mittlerweile im Kader von Schalke 04. Die Polizisten stehen ratlos auf der anderen Seite des Gitters, schauen ihnen dabei zu und scheinen nicht ganz sicher, welchem der beiden Spiele sie mehr Aufmerksamkeit widmen sollen. Die Frauen handeln, die Männer zaudern, so ist das oft in Panahis Filmen.
Die Fähigkeit, auf ein paar Quadratmetern ein Gesellschaftspanorama zu entwickeln, auch das fürchtet das Teheraner Regime an Panahi. Vermutlich deshalb haben die Machthaber ihre Handlanger in die Wohnung des Regisseurs geschickt, um ihn und sein Team zu verhaften.
Jedes Filmprojekt in Iran hat drei Zensurstufen zu überwinden. Zunächst muss das Drehbuch genehmigt werden, oft ein monatelanges Ringen um einen Dialog hier, eine Kameraeinstellung dort. Jeder Haaransatz, der unter einem Kopftuch hervorragt, kann in Iran ein Politikum sein. Ist der Film fertig, müssen der Produzent und der Regisseur die Erlaubnis einholen, ihn auf einem Festival zeigen zu dürfen; am Ende entscheiden die Zensoren, ob er auch in den iranischen Kinos laufen darf.
"Wenn Sie in Iran einen Film drehen, verschwenden Sie 80 Prozent Ihrer Energie damit, all die Genehmigungen zu bekommen. Sie fragen sich ständig: Darf ich dies, oder darf ich jenes?", erzählte Panahi 2005 in einem Interview.
Jahrelang trickste er die Behörden immer wieder aus. Bei "Offside" legte er den Zensoren eine andere Drehbuchversion vor als die, die er zu verfilmen beabsichtigte. Er bekam grünes Licht und stellte zwei Drehteams auf; eines, das die Zensoren ablenken sollte, filmte die offizielle Version, das andere heimlich Panahis Fassung.
Natürlich durfte "Offside" nicht in den iranischen Kinos laufen, doch den Silbernen Bären, den Panahi in Berlin gewann, nahm das staatliche Teheraner Filmmuseum gern in seine Sammlung auf. "Der Raum, in dem das Museum meine Preise ausstellt, ist größer als meine Gefängniszelle", sagte Panahi im vergangenen November vor Gericht.
Panahi wird verfolgt und gefeiert - beides von offizieller Seite. "In Iran", sagt Bakhtiari, "entscheidet nie nur eine Person." Panahis Mitstreiter Rasoulof sei vom Gericht zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden und habe fast gleichzeitig vom Kulturministerium die Drehgenehmigung für einen neuen Film erhalten. Panahi und Rasoulof sind die tragischen Helden eines kafkaesken Systems.
Als Ahmadinedschads Mentor Esfandiar Rahim Maschai Mitte Januar gegenüber der iranischen Nachrichtenagentur Isna erklärte, das Urteil gegen Panahi sei zu hart, erwiderte die Teheraner Tageszeitung "Keyhan", Sprachrohr der Islamisten, ob Maschai einem Aufrührer wie Panahi nicht gleich noch einen Scheck oder eine Urkunde ausstellen wolle. Der stets sanft lächelnde Agent provocateur Panahi hat das Regime in Nöte gebracht.
Für seine Landsleute ist er ein Idol. Bei einer Universitätsveranstaltung in Teheran vor zwei Wochen hielten Studenten sein Foto hoch, riefen seinen Namen und brüllten eine Band nieder, die ihren Protest übertönen sollte. Was die Machthaber ganz sicher nicht gebrauchen können, ist einen Märtyrer Panahi. Am liebsten wäre es ihnen wohl, wenn er das Land verließe - wie so viele Filmkünstler vor ihm. Fünfmal bestellte das iranische Kulturministerium in den vergangenen Jahren Panahi ein, fünfmal legte man ihm die Ausreise nahe. Er lehnte jedes Mal ab.
Einige der erfolgreichsten iranischen Künstler wie Mohsen Makhmalbaf ("Reise nach Kandahar"), Shirin Neshat ("Women Without Men") oder Marjane Satrapi ("Persepolis") haben Iran dagegen schon vor vielen Jahren verlassen, sie leben inzwischen in Paris oder New York, aber sie arbeiten sich immer wieder an ihrem Heimatland ab. "Man kann zwar einen Iraner aus seinem Land vertreiben, aber nicht das Land aus einem Iraner", sagt Shirin Neshat.
Auch "The Green Wave", die bislang eindringlichste Dokumentation über die Proteste vom Sommer 2009, stammt von einem Exilanten, dem Deutsch-Iraner Ali Samadi Ahadi. Zuletzt war er im April 2009 in Iran; im Moment wagt er keine weitere Reise dorthin, zu gefährlich.
Inzwischen fliehen auch einst unpolitische Stars wie die 27-jährige Schauspielerin Golshifteh Farahani ins Ausland. In rund 20 iranischen Filmen hatte sie bereits mitgewirkt, als ihr der Regisseur Ridley Scott anbot, neben Leonardo DiCaprio und Russell Crowe eine Rolle in dem Hollywood-Thriller "Der Mann, der niemals lebte" zu übernehmen.
Bei der Premiere im Oktober 2008 in New York zeigte sich Farahani auf dem roten Teppich ohne Kopftuch - und löste damit in ihrer Heimat einen Eklat aus. "Ich war mir über die Konsequenzen nicht wirklich klar", sagt sie heute. "Aber es war mir damals einfach zu dumm, ein Kopftuch zu tragen. Die anderen Frauen auf der Premiere hatten ja auch keines."
Nach ihrer Rückkehr nach Iran wurde sie verhört, man nahm ihr den Pass ab, der Dreh der nächsten Hollywood-Produktion, für die sie bereits einen Vertrag unterschrieben hatte - Titel, ausgerechnet: "Prince of Persia" -, fand ohne sie statt. "Es war die schlimmste Zeit meines Lebens, zum ersten Mal erlebte ich die düstere Seite meines Landes. Jafar Panahi war damals der Einzige, der sich öffentlich für mich eingesetzt hat", sagt Farahani.
Ausreisen durfte sie erst wieder im Februar 2009, zur Berlinale. Ihr Film "Alles über Elly", der erst jetzt in den deutschen Kinos läuft, wurde dort im Wettbewerb gezeigt. Heute lebt Farahani in Paris.
Panahi dagegen lässt sich nicht vertreiben, obwohl ihm viele Freunde schon oft dazu geraten haben. Er will in Iran bleiben und weiter filmen, dabei haben die Zensoren seit 2006 seine Projekte immer wieder abgelehnt, unter anderem die Kino-Adaption von "Tausend strahlende Sonnen", dem zweiten Roman des Bestsellerautors Khaled Hosseini ("Drachenläufer"). "Ich kann nicht aufhören zu arbeiten. Ich lebe nur, wenn ich Filme drehe", sagt Panahi.
Was wird das Regime also machen mit seinem aufsässigsten Regisseur? Sperrt es Panahi wirklich auf Jahre ins Gefängnis, trotz der Proteste im In- und Ausland? Oder können die Teheraner Richter ihr Urteil widerrufen?
"Das islamische Recht bietet viele Möglichkeiten", sagt sein Freund Bakhtiari und lächelt für einen kurzen Moment. Es gebe den Unterschied zwischen "tasiri", dem Absitzen der Strafe, und "talighi", der Strafe auf Bewährung, führt er aus. Die Teheraner Richter könnten sich entschließen, die Strafe vom einen ins andere umzuwandeln.
Panahi wäre verurteilt und käme dennoch frei, Kafka in Teheran, den Kopf voller Ideen, die als Verbrechen gelten.
Von Lars-Olav Beier und Martin Wolf

DER SPIEGEL 6/2011
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REGISSEURE:
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