07.02.2011

BUNDESREGIERUNGDer Geldautomat

Staatsminister Bernd Neumann ist ein Politiker, der den Kulturbetrieb glücklich macht, denn er versorgt ihn üppig mit Subventionen.
In einem Salon der italienischen Botschaft in Berlin greift Bernd Neumann nach der Hand von Dieter Kosslick. "Schönen Dank für das Unterhaltungsprogramm", sagt Neumann, er sieht aus, als würde er Kosslick jetzt gern auf die Schulter klopfen, was Kosslick vielleicht gefallen, aber nicht in diesen Raum passen würde, zu den hohen Decken, der alten und neuen Kunst, den Kellnern mit den weißen Handschuhen.
Jedenfalls war es wieder ein guter Abend im Leben des Kulturstaatsministers Bernd Neumann (CDU). Zum Diner beim Botschafter durfte er einige Gäste vorschlagen, er brachte die Direktoren von großen Berliner Museen mit und Kosslick, den Chef der Berlinale, die am Donnerstag beginnt. Seine Leute kamen gut an, Kosslick vor allem, der über die Zuschauerinnen der Filmfestspiele, die Finanzkrise und die Lage in Ägypten plauderte. Applaus und Lachen für Kosslick, also in gewisser Weise auch für Neumann.
Am Ende des Abends bedankt sich Kosslick bei Neumann, das kann nie schaden, so kurz vor dem Festival, zu dem der Kulturstaatsminister 6,5 Millionen Euro gibt. "Gute Nacht, Cheffe", ruft Kosslick, als Neumann aufbricht.
Bernd Neumann ist gerade 69 Jahre alt geworden, ein älterer Herr, er könnte im Ruhestand sein, aber das hier macht einfach mehr Spaß. Es sei der schönste Job in seinem Leben, sagt er. Seit gut fünf Jahren ist er Kulturstaatsminister. Niemand vor ihm hat diesen Job auch nur eine volle Legislaturperiode von vier Jahren ausgehalten.
Er sagt, dass er nicht damit gerechnet habe, noch einmal dranzukommen, aber nun ist es so. Eine Ehre und ein großes Glück, findet Neumann.
Neumann ist nicht der Einzige, der glücklich ist über den Kulturstaatsminister Neumann. Die Museumsdirektoren, die er in die Botschaft mitgebracht hat, loben ihn beim Essen und danach. Toller Minister. "Für das, worum es dem gemeinen Kulturmanager geht, ist er eine Spitzenkraft", sagt Kosslick. Auch andere Manager aus der Filmbranche sind begeistert. Christoph Fisser, der das Studio Babelsberg leitet, sagt: "Wir können nur hoffen, dass Herr Neumann noch sehr lange im Amt bleibt, seine Verdienste sind enorm."
Neumann ist sogar bei der Opposition beliebt, bei Claudia Roth etwa von den Grünen, die im Kulturausschuss sitzt und die Regierung sonst fürchterlich findet. Aber Neumann? Der mache das gut. Beim Berliner Senat, von SPD und Linkspartei geführt, sieht man das genauso. Neumann ist der einzige Politiker Deutschlands, der alle glücklich macht.
Hinter all dem Glück steht sein Etat von 1,2 Milliarden Euro. Kulturpolitikern wird schnell der Haushalt gekürzt, Neumann ist das noch nie passiert, auch in der Krise nicht. Er hat Geld für Filmförderfonds, für Festivals, für Gedenkstätten, für Sonderausstellungen, für die Restaurierung der Staatsoper in Berlin. Man kann das Gefühl bekommen, dass Neumann eine Art Geldautomat ist. Er ist zuverlässig, besorgt die Mittel und mischt sich nicht ein. Was will man mehr?
"Ich will für die Kultur mit dem Handwerk etwas leisten, das ich am besten beherrsche", sagt Neumann.
Er ist seit fast 50 Jahren Politiker, seit mehr als 20 Jahren im Bundestag. Er kennt die Leute in den Ausschüssen, er weiß, wie man an das Geld kommt, das diese Leute verteilen.
Neumann besucht oft Abgeordnete in ihren Wahlkreisen, das Programm, das er für solche Gelegenheiten anbietet, heißt "Im Bund mit der Kultur". Er steht in einem Dachzimmer in der Zitadelle auf dem Petersberg, einem Hügel über der Erfurter Altstadt. Hinter ihm hängen Poster von einem Volkstanz-Festival, in einem Glasregal stehen Trachtenpuppen.
In dem Raum trifft sich sonst ein Folkloreverein. Antje Tillmann hat Neumann hierher eingeladen. Tillmann vertritt die CDU im Bundestag, ihr Wahlkreis ist Erfurt. An sechs Tischen sitzen, wie es in der Einladung heißt, "Kulturschaffende aus der Region", Männer in Cordsakkos, Frauen in Pullovern.
Neumann hält einen Vortrag über sich und sein Amt, er nennt Zahlen und Fakten, die Kultur werde zu 90 Prozent vom Staat finanziert, vor allem von den Ländern und Kommunen, aber auch vom Bund. Er erzählt auch von "den Feuilletonisten aus Berlin", die vielleicht über Volkstanz lächeln. "Ich find das prima, was Sie hier machen", sagt er und erwähnt, dass sein Haus in Erfurt unter anderem die Renovierung des Doms unterstützt hat, mit 204 000 Euro.
"Nun wüsste ich gern, was Sie so bewegt, wo es Probleme gibt", sagt er.
Eine Frau aus Weimar hat einen Dokumentarfilm über Musiker gedreht, nun fehlt ihr das Geld für die Musikrechte. Eine Frau aus Gera organisiert eine Biennale in alten Gewölben unter der Stadt, sie hat Geld bei der Bundeskulturstiftung beantragt, aber nie etwas bekommen.
"Wir nehmen das mit, wir prüfen das", sagt Neumann nach jedem Fall, sein Assistent macht Notizen. Hinter der Wand mit den Postern probt inzwischen eine Volkstanzgruppe: Klatschen, Stampfen, Musik an, Musik aus.
Neumanns Tag hat vor mehr als zwölf Stunden im Bundestag in Berlin begonnen. Aber Antje Tillmann, die Abgeordnete aus Erfurt, sieht glücklich aus, und Tillmann ist im Haushaltsausschuss des Bundestags. "Ein wichtiger Ausschuss", sagt Neumann den Leuten in Erfurt.
Es ist schwer, sich Michael Naumann an so einem Abend vorzustellen, in so einem Raum. Naumann war der erste Kulturstaatsminister, den es in Deutschland gab. Gerhard Schröder hatte Naumann geholt, den Verleger aus Hamburg, elegant, guter Redner, trotzdem in der SPD. Glamour fürs Kanzleramt.
Die Idee war nicht schlecht, bis heute wird sein Name mit dem Posten verbunden. Naumann oder Neumann, wie heißt er gleich, der Kulturminister? Das ist die Standardfrage. Naumann konnte Debatten anstoßen, konnte das Land intellektuell anregen. Neumann kann das nicht.
Jahrelang las er Drehbücher für eine Förderkommission, neben seiner Arbeit als Staatssekretär im Forschungsministerium. Damals war das eine Art Hobby, schon als Student spielte er Theater. Sicherheitshalber erzählt er das immer noch. Und schon als Schüler war Bernd Neumann Mitglied in einem Filmclub. Wenn er den Leuten in Erfurt sagt, wie toll er das findet, was sie machen, die kleine Kultur, dann meint Neumann auch ein bisschen sich selbst.
Auf Festivals wie der Transmediale, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, also aus seinem Etat, versteht er nicht alles. Da ist er ehrlich. "Ich mag das, auch weil ich die Begeisterung der Künstler sehe", sagt er. Er ist nicht der beste Redner, aber der beste Handwerker. Kein Vordenker, sondern ein Macher. Seine Schwächen werden ihm deshalb verziehen. "Vollblutpolitiker wie er werden am Ergebnis gemessen", sagt Fisser, der Studiochef aus Babelsberg. Naumann, der erste Amtsinhaber sagt, Neumann mache gut, was wichtig sei. Und wer halte in Deutschland schon umwerfende Reden?
Es gibt zwei Dinge, auf die Neumann nach gut fünf Jahren besonders stolz ist: Kein Landespolitiker verlange noch, dass sich der Bund aus der Kultur heraushält. "Und ich konnte in meiner Fraktion und in der Regierung den Stellenwert des Kulturbereichs erheblich steigern."
Die Häme am Anfang hat ihn verletzt. Aber Neumann beschloss, sich nicht zu ändern. Er hat sich auch nicht von Helmut Kohl distanziert, als dessen Freund er seit langem gilt, was für die Kulturszene eine Zumutung ist.
In Erfurt gehen die Volkstänzer, die Filmemacher, die Denkmalschützer nach Hause, Neumann hört noch eine Weile einem Mann zu, der in der Nähe ein weltliches Kloster einrichten will. Jemand stellt einen Teller mit Schnittchen vor Neumann ab. Der Mann mit der Klosteridee will erstaunlicherweise kein Geld.
Vor der Zitadelle bleibt Neumann stehen und schaut herunter zum Domplatz. Es hat leicht geschneit, der Platz glitzert, still und leer. Er läuft durch den Schnee zum Wagen, er will nach Berlin, bald beginnt die Berlinale, Neumann wirkt munter und gut gelaunt.
(*) Keanu Reeves, Blake Lively, Rebecca Miller, Robin Wright Penn, Zoe Kazan 2009 in Berlin.
Von Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 6/2011
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