07.02.2011

Im Kabinett der Spiegel

Popkritik: Die britische Sängerin Anna Calvi und ihr verwirrend romantisches Debüt
Manche Musiker bewerfen ihre Zuhörer mit ihren Songs wie mit Gegenständen. Mal wie mit rohen Eiern, mal wie mit Farbbeuteln oder wie mit Messern. Die Sängerin Anna Calvi ist anders. Ihre Lieder sind wie Widerhaken an einer Angel, die sich im Innern ihrer Zuhörer festsetzen.
Sie sucht dort etwas, in den Köpfen und Herzen ihres Publikums, sie sucht das Begehren, die Sehnsucht, die Liebe und findet doch nur ihre eigene Angst. Es ist grandioser Neurosenpop, der dabei entsteht.
Romantik, so nannte man das wohl einmal, was Calvi, 28, heute umtreibt, die finstere, traurige Art der Romantik, die Art, bei der schöne junge Frauen in einer Sturmnacht im Wald verschwinden und keiner weiß, was je danach geschieht.
Anna Calvi war dort im Wald, ist zurückgekommen und hat ein Album mitgebracht, das einfach "Anna Calvi" heißt und kunstvoll alle Fallen der Psychologisierung vermeidet. Denn es könnte ja auch eine Opfergeschichte sein. In den ersten drei Jahren ihres Lebens verbrachte die Britin sehr viel Zeit im Krankenhaus, sie wurde an beiden Hüften operiert, ein mögliches Trauma, ein Grund der Furcht, spätere Einsamkeit nicht ausgeschlossen.
"Krankenhausgeruch beruhigt mich auch heute noch", sagte Anna Calvi in einem Interview. Aber damit hat es sich dann auch, denn sie ist eine kluge Frau. Sie verschont ihr Publikum mit ihrem Schicksal und schenkt ihm ihre Songs.
Und was sie da anrichtet bei ihrem Debüt, ist wirklich verwirrend. Es beginnt gruselig bezaubernd, wie der Wind, mit dem Anna Calvi im Wald getanzt hat. Ein Echo, ein Zupfen, Moos vielleicht, Farne, eine Lichtung. Die Gitarre ist das Instrument, mit dem Calvi ihre Bilder malt.
Dann, im zweiten Stück, haucht sie, beschwingte Sehnsucht, die ins Alleinsein einbricht. Schön, denkt man, kennt man aber. Dazu könnte man gut Weißwein trinken, wenn nicht am Rande dieser Wahnsinn kratzen würde, dieses Irrlichtern der Verstärker. Was sind das eigentlich für Soundhöhlen?
Da bricht es auch schon los: "Desire" ist wohl die erste Mitgrölhymne, die nicht von einem Mann mit Jeans und verschwitztem Hemd gesungen wurde, sondern von einer Frau, die Komponisten wie Claude Debussy und Maurice Ravel liebt und den Gitarrengott Django Reinhardt. Spätestens jetzt ist klar, warum alle gerade so aus dem Häuschen sind ihretwegen: Anna Calvi spielt virtuos alle Erwartungen gegeneinander aus.
Und lässt ihre Zuhörer verstört und glücklich zurück, im Spiegelkabinett ihrer musikalischen Verweise. Die Bockigkeit von Edith Piaf, die Verführungslust von Elvis Presley, das Gitarren-Ego von Jimi Hendrix, der Pop von David Bowie, der Atem von Nina Simone, die großartigen Großstadtneurosen von PJ Harvey.
Es sind urbane Märchen, die Calvi mit ihren Songs erzählt, surreal entrückt, mit der hypnotischen Energie, die sie von ihren Eltern haben dürfte. Der Vater Italiener, die Mutter Britin, beide Hypnotherapeuten, die ihre Tochter früh in Trance versetzten. "Ich war ein bisschen ihr Versuchskaninchen", sagt Calvi.
Und jetzt seziert sie eben ihr Publikum. Sie verführt es, um es zu einem Teil ihrer erotischen und neurotischen Versuchsanordnungen zu machen. Calvi geht dabei vor mit der großen Geste einer Frau, die weiß, dass es eine Welt hinter dieser Welt gibt. So klingt ihre Stimme auf "The Devil" wie aus dem Jenseits. So scheint bei "Blackout" ihre Musik vor paranoider Verzückung fast explodieren zu wollen.
Dafür wird sie von Kollegen verehrt. "Das Größte seit Patti Smith" oder so ähnlich, hat Brian Eno gesagt. Auch von einer künstlerischen Nähe zu David Lynch wurde gemunkelt, an seine panischen Filmwelten würde Calvi erinnern, was nicht ganz stimmt. Die Bildmacht ihrer Musik hat eher mit den zarten Pinselstrichen eines Debussy zu tun oder mit den Klangbauten eines Olivier Messiaen.
Sie selbst sagt, dass die avantgardistischen Regisseure Gus Van Sant und Wong Kar-wai ihre Musik beeinflusst haben. Von Gus Van Sant hat sie die Emphase der verlorenen Jugend, von Wong Kar-wai die Erotik der verfehlten Liebe. Calvi macht daraus manische Melancholie.
Das letzte phantastisch hochfahrende Stück des Albums heißt "Love Won't Be Leaving". Liebe vergeht nicht. Bei Anna Calvi klingt das fast wie eine Drohung.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 6/2011
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