07.02.2011

DOPINGSpecial Product No. 25222

Jahrelang versorgte die Untergrundfirma International Pharmaceuticals Doper in aller Welt mit dem neuesten Stoff. Die Betreiber erlangten in der Szene Kultstatus und verdienten Millionen. Nun haben Zollfahnder das illegale Imperium ausgehoben - in der hessischen Provinz.
Der Tag, an dem der Zolloberinspektor Peter S. den Fund seines Lebens machen wird, beginnt mit einer "Feindfahrt" in Südhessen. So nennen es die Beamten von der Zollfahndung Kaiserslautern, wenn sie auf dem Weg zu einer Razzia sind.
Seit Jahren jagen die Männer einem Phantom hinterher. Diesmal sind sie sicher, auf der richtigen Spur zu sein.
Gegen 13 Uhr erreichen die Fahnder mit Beamten der Zentralen Unterstützungsgruppe Zoll den Ort Nidda-Wallernhausen, ein Dorf mit 1100 Einwohnern, gut 30 Kilometer südöstlich von Gießen. Das Navigationssystem lenkt das Kommando in die Fußgasse. Vor einem weißen Lagerhaus mit langgezogenem Dach steigen die Männer aus. Sie tragen Zivil, die Fahnder wollen nicht auffallen.
Es dauert eine Weile, bis die Spezialeinheit das Tor zur Halle geöffnet hat. Als die Einsatzkräfte eintreten, trauen sie ihren Augen kaum. In dem Gebäude lagern stapelweise braune Kartons sowie gelbe und weiße Müllsäcke, bepackt mit Tabletten, Kapseln und Ampullen. Es sind illegale Anabolika-Präparate, Fläschchen mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol und Schachteln mit Produktnamen wie "Extrem Power-Tabs" oder "Special Product No. 25222".
Und auf vielen der Schachteln finden die Fahnder das Kürzel IP. Es steht für International Pharmaceuticals. Das Phantom.
Der Ort Nidda-Wallernhausen, bekannt für Kasper-Theater im Wirtshaus Uhrnstubb und frische Bio-Eier, wird in die Geschichte der Zollfahndung eingehen. Bei der Razzia am 29. September 2010 beschlagnahmten die Beamten illegale Arzneimittel im Wert von rund zehn Millionen Euro. 19 Paletten waren nötig, um die fünf Millionen Pillen, Kapseln und Ampullen abzutransportieren.
Es ist einer der bislang größten Medikamentenfunde in Europa und ein gewaltiger Schlag gegen den internationalen Handel mit Dopingmitteln. Womöglich könnte der Fall schon bald auch den professionellen Sport beschäftigen. Denn unter den IP-Kunden waren offenbar auch Spitzenathleten.
International Pharmaceuticals ist ein Mythos in der Welt der Bodybuilder, der Pillen schluckenden Leistungssportler. Rund 20 Jahre lang vertrieb das Untergrundlabor seine Produkte auf dem Schwarzmarkt. IP galt als Nobelmarke. Dort gab es immer den neuesten, heißesten Stoff. Kunden überall in der Welt schwärmten in einschlägigen Foren von den hochdosierten Steroid-Mixturen aus dem Hause IP, sie würden jedem Sportler den "extra drive" verpassen.
IP war eine Ikone. Und eine Black Box. Aber niemand wusste, wo sich das Lager und das Labor befanden. Niemand wusste, wer hinter International Pharmaceuticals steckte.
Nun ist das Geheimnis gelüftet. Das Untergrundimperium hatte seinen Stammsitz in der hessischen Provinz. Der eine Betreiber, der Deutsche Lothar H., ist ein ehemaliger Vertreter für Naturkosmetik. Sein Partner Paul R. stammt aus Österreich. Er war früher Polizist und wurde unehrenhaft aus dem Dienst entlassen.
Vor neun Jahren wurden die USA von dem Skandal um das kalifornische Dopinglabor Balco erschüttert. In Europa flog 2006 das Netzwerk des spanischen Blutdoping-Experten Eufemiano Fuentes auf, zu dessen Kunden auch der einstige Tour-de-France-Gewinner Jan Ullrich gehörte. Nun droht dem Sport die nächste Affäre, diesmal mit dem Schauplatz Deutschland.
IP war eine Weltmarke. Billigarbeiter in Indien produzierten die Wirkstoffe. Die Rohsubstanzen wurden verpackt und per Luftfracht nach Dänemark und England gesendet. Von dort ging die Reise weiter mit dem Paketdienst bis ins Lager nach Nidda-Wallernhausen.
Verkauft wurde der Stoff nach Erkenntnis der Ermittler in Schnellrestaurants, in Hotels in Frankfurt am Main und Umgebung oder über das Internet. Die Abnehmer kamen aus Deutschland, Europa, Amerika. Die Produktpalette reichte vom preisgünstigen Anabolikapräparat Winstrol für 2,75 Euro die Ampulle bis zum Designer-Dopingmittel Special Product, das 10-Milliliter-Fläschchen zu 950 Euro. Die Dealer machten Millionen, die Gewinnspanne soll bei rund 400 Prozent gelegen haben. Im Drogenhandel beträgt sie selten mehr als 80 Prozent.
Gegründet wurde IP in den achtziger Jahren von Lothar H. Später stieg der Österreicher Paul R. in das Geschäft mit ein. IP expandierte. R. soll bei der Produktion der Dopingmittel geholfen haben - und arbeitete nebenbei an einem bemerkenswerten Vermarktungsturbo.
Vor sieben Jahren herrschte unter Dopern und Dopingfahndern helle Aufregung. Auf dem Markt erschien ein Wälzer mit dem Titel "Anabole Steroide - Das Schwarze Buch". Ein Standardwerk für Doper. Die Fibel, illustriert mit Farbfotos, verkaufte Auflage 60 000, führt in der aktuellen Version auf 1057 Seiten detailliert aus, mit welchen Mitteln die besten Ergebnisse zu erzielen sind, wie man Dopingtests ins Leere laufen lassen kann - und natürlich auch, wo die Mittel zu beziehen sind. Ein ganzes Unterkapitel ist International Pharmaceuticals gewidmet.
Der Autor des Buches schreibt unter dem Pseudonym D. Sinner. Es wurde oft spekuliert, wer sich hinter dem Namen verbergen könnte.
Nun ist auch dieses Rätsel gelöst. Der IP-Betreiber Paul R. soll gegenüber österreichischen Ermittlungskollegen zugegeben haben, das Werk gemeinsam mit Experten verfasst zu haben. Bei den Helfern soll es sich um Ärzte und Chemiker handeln. Es war eine geniale Geschäftsidee. International Pharmaceuticals produzierte und vertrieb nicht nur Dopingmittel - die Untergrundfirma lieferte auch gleich die Gebrauchsanleitung mit.
Der Fall IP wirft Fragen auf. Warum kann eine Untergrundfirma jahrzehntelang von Deutschland aus Handel treiben? Lothar H. hatte ein Gewerbe für Import und Export angemeldet. Wieso fiel niemandem auf, was in Nidda-Wallernhausen wirklich passierte?
Die Chuzpe, mit der die Dealer ihre Geschäfte betrieben, ist erstaunlich. Vor fünf Jahren gaben sie sogar in Florida einem Bodybuilding-Magazin anonym ein Interview. Sie lobten die IP-Injektionen, die besonders angenehm seien, man fühle "keinen Schmerz", denn "das Öl flutscht durch die Nadel wie Butter."
Angst, erwischt zu werden, hatten die beiden offenkundig nicht. "Die Gesetzeshüter in Europa sind an Anabolika generell nicht besonders interessiert", erklärten sie dem Reporter.
Und tatsächlich war es nur ein Zufall, dass IP aufflog. Schon 2006 gab es einen Verdacht gegen Lothar H. Bei einer Durchsuchung fand man verdächtigen Schriftverkehr, seltsame Quittungen. Aber es gab kein Lager, keine Dopingmittel. Lothar H. kam mit einer Steuernachzahlung von 55 000 Euro davon.
Doch die Ermittler blieben dran. Im Dezember 2007 entdeckten Kollegen in einer Packstation in Norddeutschland ein Paket mit Dopingampullen aus Pakistan. Auf dem Klebestreifen fand sich der Fingerabdruck von Lothar H. Als dessen Name 2009 dann auch noch in einem Verfahren in Köln auftauchte, wurden verdeckte Ermittlungsmaßnahmen eingeleitet. H.s Mail-Verkehr wurde überwacht, Beamte installierten Überwachungskameras in einem Frankfurter Hotel. Auf den Videos sieht man, wie Lothar H. Kuverts annimmt und Ware übergibt.
Bei einer Telefonüberwachung erfuhren die Fahnder dann endlich die Adresse des Lagers in der Fußgasse in Nidda-Wallernhausen, dem Ort, in dem Lothar H. auch wohnt.
Die Beamten nahmen ihn in seinem Haus fest. Vier Autos der Marke Mercedes und Vermögen im Wert von einer halben Million Euro wurden beschlagnahmt. Ein Familienmitglied versuchte noch, Paul R., den Kompagnon in Österreich, zu warnen, rief ihn an und sagte: "Es ist passiert." R. kaufte daraufhin ein Ticket nach Dubai. Als er zum Flughafen fahren wollte, nahmen österreichische Beamte auch ihn fest.
Für den deutschen Zoll ist der Fall erledigt. Die erfolgreichen Ermittler wurden im Rahmen eines Neujahrsempfangs im Januar geehrt. Es gab Pumpernickelhäppchen mit Lachs und Sekt.
Nun beginnt die Jagd auf die Kunden, die bei IP bestellten. In dem Interview von 2006 erzählen die IP-Dealer von einem Designer-Steroid, das zeitweilig ein Renner bei "europäischen Athleten" gewesen sein soll: "Viele gedopte Athleten konnten es noch am Tag des Wettkampfs nehmen, und keiner scheiterte je am Test."
Neben den Dopingpräparaten fanden die Ermittler im IP-Lager in Nidda-Wallernhausen drei Mobiltelefone, einen Aktenkoffer mit schriftlichen Unterlagen, Preislisten mit den Vornamen zahlreicher Abnehmer. Zudem beschlagnahmten die Beamten 500 000 Etiketten und ein Notebook.
Die Verhöre der Beschuldigten sind abgeschlossen. Lothar H. sitzt in Gießen in Untersuchungshaft, Paul R. in Wiener Neustadt. Innerhalb der nächsten vier Wochen soll es zur Anklage kommen. Es heißt, die beiden seien kooperationsbereit. Weder der Anwalt des Beschuldigten Lothar H. noch der seines Kompagnons Paul R. äußerten sich gegenüber dem SPIEGEL zu den Vorwürfen.
Es dürfte eine Menge Athleten geben, die jetzt ziemlich unruhig sind.
In Österreich laufen die Ermittlungen bereits auf Hochtouren. Im Zuge einer Großrazzia, der Operation "Sledge Hammer", Vorschlaghammer, wurden mehrere Untergrundlabore ausgehoben und Verdächtige festgenommen, die auch mit IP zusammengearbeitet haben sollen.
Und eine Spur führt bereits in den Leistungssport. Es soll eine Geschäftsbeziehung zwischen einem IP-Mann und einem österreichischen Sportmanager gegeben haben. In einer Vernehmung erfuhren die Ermittler, dass der Manager eine Liste besaß, auf der die Namen zahlreicher internationaler Profisportler notiert waren, die über ihn Dopingmittel bestellt hätten.
Bei einer ersten Durchsuchung wurde die Liste nicht gefunden. Die Beamten vermuten, dass das Papier geschreddert wurde.
Sie sind zuversichtlich, die Schnipsel irgendwann zusammenzufügen.
Von Cathrin Gilbert

DER SPIEGEL 6/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DOPING:
Special Product No. 25222

  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth
  • Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad
  • Proteste gegen Separatisten-Urteil: 50 Verletzte in Barcelona