07.02.2011

ZDFMal PR-Agent, mal Reporter

Das ZDF-Magazin "Frontal 21" enthüllte vor drei Wochen in einem spektakulären Beitrag, wie Pharmaunternehmen bisweilen mit Gegnern umgehen. So zeigten die Reporter, dass der Geschäftsführer von Zyo Pharma, Rolf-Dieter Lampey, Journalisten anheuerte, um einen missliebigen Zeugen in den Medien fertigzumachen. Gegenüber den Journalisten sagte Lampey: "Wie können wir dem mal zeigen, wo es langgeht, und dem eine überbraten?"
So verdienstvoll der "Frontal 21"-Bericht war - inzwischen gibt es Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Autors, Jobst Spengemann. Denn der ist gleichzeitig Chef der Medizin-PR-Agentur GMM und hat früher selbst Kampagnen gegen Pharmakritiker mit geplant. Machte das Zweite quasi einen Bock zum Gärtner? Ausgerechnet die ZDF-Enthüller schauten offenbar nicht richtig hin, wen sie da für sich arbeiten ließen und welche fragwürdigen Deals dieser bereits mit zu verantworten hatte.
2006 zum Beispiel versuchte Spengemann gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Adel Massaad, einen unabhängigen Medikamentenprüfer zu diskreditieren. Massaad meldete sich damals beim "Stern" und bot angeblich belastende Unterlagen über Peter Sawicki an, den damaligen Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).
Der angebliche Medizinjournalist Massaad hatte es davor bereits mehrfach in die Medien geschafft: 2002 war er etwa in der SWR-Talkshow "Nachtcafé" als Betroffener aufgetreten und hatte erklärt, wie gut es sei, sich Botox spritzen zu lassen. 2004 war er in "Focus TV" zum Thema Schönheitsoperationen zu sehen.
Ob und in wessen Auftrag Massaad aktiv war, ist schwer zu durchschauen. 2006 jedenfalls wurde bekannt, dass er mehr als 1,2 Millionen Euro von Pharmafirmen und PR-Agenturen erhalten haben soll.
Ihm zur Seite stand ausgerechnet jener Spengemann, der nun Autor des aktuellen "Frontal 21"-Berichts ist. Spengemann lieferte damals im Auftrag von Massaad Namen und Telefonnummern von IQWiG-Gegnern aus der Pharmaindustrie an den "Stern". In einer E-Mail schrieb er: "Herr Massaad bat mich, Ihnen folgende Informationen bzw. Telefonnummern zuzusenden." Außerdem erkundigte sich Spengemann per E-Mail, ob denn nun ein Bericht übers IQWiG erscheine.
Wie gut die Geschäfte zwischen ihm und Massaad liefen, lässt sich daran ablesen, dass Spengemanns Firma GMM 2006 von Adel Massaad mehr als 400 000 Euro überwiesen bekam. Spengemann bestätigt diese Zahlungen nicht, dementiert sie aber auch nicht. Er erklärt dazu lediglich: "Geschäftsbeziehungen aus dem Jahr 2006 haben und hatten mit dem ,Frontal 21'-Bericht nichts zu tun und sind somit kausal in keinerlei Zusammenhang zu bringen."
Die Doppelrolle PR-Trompete/Reporter hätte die Redaktion von "Frontal 21" leicht herausfinden können. Sie hätte den Namen ihres vermeintlichen Enthüllers einfach mal googeln müssen. Das ZDF teilt dazu nur mit, es gebe bei "Frontal 21" keine "interessengeleitete Berichterstattung". Über das journalistische Handwerkszeug, das der Sender bei Autoren des TV-Magazins ("kritisch, investigativ, unerschrocken") voraussetzt, wollte man keine Angaben machen.
Von Markus Grill und Martin U. Müller

DER SPIEGEL 6/2011
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