07.02.2011

ETHIK„Die Freiheit ist wichtig“

Der Arzt und FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler, 37, will die Deutschen ermutigen, mehr Organe zu spenden.
SPIEGEL: Herr Rösler, können Sie sich vorstellen, nach Ihrem Tod als Organspender zur Verfügung zu stehen?
Rösler: Auf jeden Fall. Deshalb besitze ich einen Organspendeausweis.
SPIEGEL: Erwarten Sie von anderen Menschen, dass sie ebenfalls dazu bereit sind?
Rösler: Nicht automatisch. Aber ich hoffe es.
SPIEGEL: Der Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, hat kürzlich einen Vorschlag gemacht: Jeder, der sich einen Personalausweis ausstellen lässt, muss beim Einwohnermeldeamt entscheiden, ob er im Falle seines Todes Organe spenden will. Darf der Staat in dieser Frage moralischen Druck auf seine Bürger ausüben?
Rösler: Nein. Denn jede Form von Druck wäre kontraproduktiv und würde die Menschen verunsichern.
SPIEGEL: Können Sie das genauer erläutern?
Rösler: Niemand setzt sich gern mit dem eigenen Tod auseinander. Deshalb werden sich viele in einer so unvorbereiteten Situation gegen die Organspende entscheiden, wenn sie sich sofort äußern müssen. Und das, obwohl sie eigentlich nur Zeit gebraucht hätten, um sich Gedanken zu machen.
SPIEGEL: Rund 12 000 Kranke warten derzeit auf ein neues Organ. Jeden Tag stirbt jemand, weil es nicht genug Spender gibt. Wie wollen Sie diesen Patienten helfen?
Rösler: Es ist wichtig, dass wir die Menschen dazu bringen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Jeder, der einen Personalausweis oder einen Führerschein beim Amt abholt, sollte deshalb eine Informationsbroschüre und einen Organspendeausweis in die Hände bekommen. Ich setze auf Aufklärung.
SPIEGEL: Und wenn er sich damit nicht beschäftigen möchte?
Rösler: Er kann das Material auch ungelesen zur Seite legen - ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Alles beruht auf Freiwilligkeit. Trotzdem wird dieses Verfahren dazu führen, dass künftig deutlich mehr Menschen für das Thema sensibilisiert werden und einen Organspendeausweis ausfüllen.
SPIEGEL: Wieso sind Sie sich da so sicher?
Rösler: Umfragen zufolge wären 74 Prozent der Deutschen grundsätzlich bereit, Herz, Lunge oder Nieren zu spenden. Eine entsprechende Erklärung haben aber nur 25 Prozent abgegeben. Deshalb ist Aufklärung so wichtig. Allein die Möglichkeit, unkompliziert beim Bürgeramt an einen Spenderausweis zu kommen, wird die Zahl steigern.
SPIEGEL: Sie fordern auch sogenannte Transplantationsbeauftragte in Krankenhäusern. Was muss man sich darunter vorstellen?
Rösler: Organspende findet vor allem in den großen Krankenhäusern statt. Dort müssen wir ansetzen. Deshalb werden wir Krankenhäuser, in denen Organspenden möglich sind, gesetzlich dazu verpflichten, einen geschulten Transplantationsbeauftragten zu beschäftigen. Dieser kümmert sich um die Angehörigen von Verstorbenen und erläutert ihnen die Abläufe für den Fall einer Organspende.
SPIEGEL: Wieso ist das nötig?
Rösler: Der Klinikalltag auf einer Intensivstation ist meist sehr hektisch. Kein Assistenz- oder Stationsarzt hat da die nötige Ruhe oder Empathie für solch schwierige Gespräche.
SPIEGEL: Und wer soll die zusätzlichen Ärzte bezahlen?
Rösler: Wir führen bereits konstruktive Gespräche mit den Partnern der Selbstverwaltung. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden.
SPIEGEL: Die Krankenkassen sollen eigentlich für den Verdienstausfall eines Organspenders aufkommen, wenn er wie der SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier bereits zu Lebzeiten eine Niere spendet. Das ist nicht immer der Fall.
Rösler: Ich plädiere für eine gesetzliche Klarstellung. Niemand sollte in Schwierigkeiten geraten, weil er sich entscheidet, zu Lebzeiten ein Organ zu spenden.
SPIEGEL: Wie sieht der Zeitplan für das Gesetzgebungsverfahren aus?
Rösler: Wir sind jetzt in der Pflicht, die Richtlinien der Europäischen Union zur Organspende umzusetzen. Dabei können wir auch die Frage der Transplantationsbeauftragten regeln.
SPIEGEL: Kommt das Gesetz noch in diesem Jahr?
Rösler: Die Chancen stehen gut, dass in den nächsten Monaten ein Entwurf auf dem Tisch liegt.
SPIEGEL: Kennen Sie ein gutes Argument, das gegen eine Organspende sprechen könnte? Zu Lebzeiten oder nach dem Tod?
Rösler: Wenn sich jemand zu diesem Schritt nicht bereit fühlt, dann ist das ein Argument, das zählt. Diese Freiheit ist wichtig.
Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 6/2011
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