07.02.2011

WELTBILDERKlassenkampf im Parkett

Eine neue Berliner Inszenierung der „Weber“ von Gerhart Hauptmann lockt auch Politiker ins Theater.
Deutschland 2011: Es geht recht gut, der Wirtschaft, den Menschen, sie kaufen, konsumieren, alles hätte viel schlimmer kommen können. Das ist gerade die Wirklichkeit in dieser Republik, von Krise ist jetzt nicht mehr die Rede, es gibt vergleichsweise wenig Elend. Es hat hier schon deutlich mehr Gründe zum Verzweifeln gegeben.
Deutschland 2011: Es geht gar nicht gut, nur ein paar wenigen, während die vielen anderen nicht genügend Geld für einen Kanten Brot haben. Das ist gerade das Szenario im Deutschen Theater in Berlin, dort laufen "Die Weber" von Gerhart Hauptmann, es gibt darin sehr viel Elend. Man kann nur verzweifeln an der Welt, die dort zu besichtigen ist.
Hauptmanns Stück basiert auf Ereignissen des Jahres 1844, auf dem Aufstand der schlesischen Weber gegen Hungerlöhne. Am Ende des Stücks schießen Soldaten auf die revoltierende Menge. Es wirkt heute ein bisschen aus der Zeit gefallen, doch es ist das politische Stück der Saison. Und es scheint der politischen Klasse noch etwas zu sagen zu haben. Sie geht hin.
Die Kanzlerin war schon da, auch SPD-Chef Sigmar Gabriel und der Unions-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder. Jeder von ihnen hat etwas anderes aus dem Theater mitgenommen, jeder hat sozusagen sein eigenes Stück gesehen.
Das ist bemerkenswert, weil man die ohnehin nicht sehr subtilen "Weber" kaum plakativer inszenieren kann, als es Michael Thalheimer am Deutschen Theater tut. Es stellt sich die Frage, wie sehr Politiker eigentlich zur Wahrnehmung über ihre Parteisicht hinaus fähig sind.
Sigmar Gabriel hat im Deutschen Theater eine "bemerkenswerte Aufführung" gesehen. "Es war ja in der jüngeren Vergangenheit nicht üblich", sagt Gabriel, "dass man sich mit der Frage nach oben und unten in einer Gesellschaft überhaupt noch auseinandersetzt."
Gabriel ist Chef der SPD, die vor bald 150 Jahren aus dem Gegensatz von oben und unten entstanden ist. Es ist nicht schwierig, diesen Gegensatz in den "Webern" zu finden.
Volker Kauder hat ein "tolles Stück" gesehen. "Es eignet sich nicht für Klassenkampfparolen", sagt Kauder. "Denn Verlierer sind ja nicht nur die Weber, sondern auch die Besitzer der Webereien, die noch keine Webmaschinen besitzen und pleitegehen, weil sie dem Konkurrenzdruck nicht mehr standhalten."
Kauder ist Fraktionschef der Unionsparteien, die nach dem Krieg aus der Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen entstanden sind. Es braucht schon interpretatorische Finesse, um in den "Webern" ein Spiegelbild der Nöte technologisch rückständiger Unternehmer zu entdecken. Man benötigt dafür einiges an weltanschaulicher Festigkeit.
Sigmar Gabriel ist nach der Aufführung hinter die Bühne gegangen und hat den Regisseur Thalheimer gefragt, warum man ein historisches Stück wählen müsse, um solche gesellschaftlichen Fragen zu thematisieren. Gabriel findet, dass es mehr Aktuelles dazu geben müsste.
Er sagt: "Es gibt gleich am Anfang eine bemerkenswerte Szene. Da verlangt ein Weber, dass ihm das Geld in die Hand bezahlt statt vor die Füße geworfen wird. Da geht es um die Würde von Arbeit. Und wir haben in der jüngeren Vergangenheit eine längere Phase der Entwertung von Arbeit miterlebt."
Kauder hat die Bundeskanzlerin mit ins Theater genommen, vorher sagte er: Mal sehen, wann der erste "Mindestlohn" ruft. Danach sagt er: "Wäre ein Mindestlohn für die Weber die Antwort gewesen? Ich glaube nicht, weil der ja nur dazu geführt hätte, dass die Firmen ohne Maschinen noch schneller zugrunde gehen."
Man könnte diese Sätze mit wenigen Veränderungen in das Protokoll einer Parlamentsdebatte einfügen und den Abgeordneten Kauder / Gabriel zuordnen, ohne dass es weiter auffiele. Nur dass es dann um das echte Leben da draußen in der Republik ginge. Und nicht um ein Drama aus dem vorvergangenen Jahrhundert.
Es ist eine wissenschaftliche Binsenweisheit, dass Menschen hauptsächlich das wahrnehmen, was sie in der eigenen Auffassung bestärkt, in ihrem Weltbild. Beim Politiker ist das Weltbild noch um einiges fester als bei sonstigen Menschen, es muss ja den täglichen Erschütterungen standhalten. Das macht die Sache mit der Wahrnehmung ganz offensichtlich noch ein bisschen schwieriger. Bis hinein ins Zuschauerparkett.
Bei Angela Merkel hat man sich lange bemüht, so etwas wie ein Weltbild zu erkennen. Sie hört sich stets erst einmal Pro und Contra an, sie wägt lange ab, sie hat niemals etwas wie einen ideologischen Standpunkt erkennen lassen.
Merkel haben die "Weber" gefallen. Sie sei froh gewesen, so ist zu hören, dass es nur eine Stunde und 40 Minuten gedauert hat. Auch sie bleibt sich da letztlich treu.
Von Christoph Hickmann und René Pfister

DER SPIEGEL 6/2011
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