07.02.2011

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTENiere oder Knast

Warum sich eine Amerikanerin zur Organspende entschloss
Als die Nachricht durch die Gefängnismauern drang, als sie sich auf den Fluren ausbreitete wie Feuer auf verschüttetem Benzin, stand Jamie Scott, verurteilt zu zweimal lebenslanger Haft, in der Küche ihres Trakts. Sie ahnte nichts, dann sprang die Tür auf, eine Zellennachbarin stürmte rein, "du bist frei", rief sie, "du bist frei".
Etwa zur selben Zeit erfuhr auch Gladys Scott, Jamies jüngere Schwester, ebenfalls zweimal Lebenslänglich, was passiert war. Sie saß in einem benachbarten Gefängnistrakt und starrte auf den Fernseher. Dort, in den Nachrichten, sah sie sich selbst, sah auch ihre Schwester Jamie: Sie erfuhr, dass der Gouverneur von Mississippi, Haley Barbour, entschieden hatte, sie nach Hause gehen zu lassen, nach 16 Jahren. Dass sie frei sein würden, dass sie die Haftanstalt von Rankin County verlassen durften, statt in ihrer Gefängniszelle zu sterben.
Es gab eine Bedingung: Sie, Gladys, würde ihre Niere spenden. Sie würde ein Stück ihres Körpers verlieren.
Jamie und Gladys Scott, 38 und 36 Jahre alt, sind zwei freundliche, füllige Frauen, die viel lächeln und selten bitter klingen, wenn sie reden.
Sie glauben an Gott und daran, dass er die Dinge in Ordnung bringen kann. "Ich wusste, dass er irgendwann auftauchen würde", sagt Jamie. Auch wenn er dafür 16 Jahre brauchte.
Es war ein Abend im Winter 1993, Heiligabend, als Jamie und Gladys Scott, damals 21 und 19 Jahre alt, Arbeiterinnen in einer Hühnerfarm, Mütter von insgesamt fünf Kindern, an einem Supermarkt in der Stadt Forest, Mississippi, in das Auto zweier Männern stiegen. Die Schwestern baten die Männer, sie ein Stück mitzunehmen, sie nach Hause zu bringen. Stattdessen, so steht es in ihrem Urteil, lockten Jamie und Gladys die Männer in einen Hinterhalt.
Ihr sei schlecht, man müsse mal anhalten, so soll Jamie, die auf dem Rücksitz saß, gesagt haben. Der Fahrer hielt an der Seite, ein blaues Auto tauchte auf, drei Jugendliche stiegen aus, bewaffnet, schlugen auf die Männer ein. Die Beute betrug ein paar Dollar.
Die Opfer sagten später aus, der Überfall sei ihrem Eindruck nach mit den beiden Schwestern abgesprochen gewesen. Die Jugendlichen sagten, die Frauen hätten die Sache geplant.
Die Frauen, die ihre Unschuld beteuerten, bekamen jeweils zweimal Lebenslänglich. Die drei Jugendlichen, die die Hauptschuld auf die Frauen schoben, waren nach zwei bis drei Jahren wieder frei.
Die Jahre vergingen. Das Leben im Gefängnis war schwer erträglich, sagt Jamie. Ständig sei die Toilette übergelaufen, es habe in die Zelle geregnet, die Betten seien von Ungeziefer verseucht gewesen, das Essen kaum genießbar. "Und die Leute behandeln dich wie einen Hund", sagt sie.
Immerhin hatten die Schwestern einander, hatten eine Mutter, die für sie kämpfte, hatten Menschenrechtsgruppen, die das Urteil als Skandal begriffen. Und irgendwann, so redeten sich die Schwestern ein, würde Gott wieder für sie da sein.
Dass Jamie krank war, wussten sie seit Jahren. 1994 wurden beide im Gefängnis untersucht, und bei Jamie entdeckte der Arzt ungewöhnlich hohe Proteinwerte im Urin, das ist ein deutlicher Hinweis auf eine Nierenerkrankung. Behandelt wurde Jamie nicht.
2009 wurde Jamie Scott erneut untersucht. Nierenschaden Stadium 5, das war die Diagnose: chronisches Organversagen, sofortige Dialyse nötig, besser noch eine Transplantation.
Mehrmals pro Woche musste Jamie von nun an an die Dialysemaschine. 200 000 Dollar im Jahr, so viel etwa würde die Behandlung den Staat Mississippi kosten.
Eine Summe, die den Gouverneur veranlasste, den Schwestern einen Deal anzubieten: Wenn Gladys ihrer Schwester Jamie eine Niere spenden würde, so der Vorschlag, würde er sie beide aus der Haft entlassen. Gladys willigte ein, sehr gern, sagte sie. Manche ihrer Unterstützer finden, es sei Erpressung. Gladys sieht das nicht so.
An ihrem ersten Tag in Freiheit, einem Freitag Anfang Januar, wartete die Familie auf die beiden, die Mutter, die Kinder, die Enkel, die inzwischen geboren worden waren. Jamie trug ein weites lilafarbenes Gewand, Gladys' Haare waren zu kleinen Locken gedreht. Sie stiegen in ein silberfarbenes Auto, quetschten ihre gewichtigen Oberkörper aus dem Fenster und winkten in die Freiheit hinaus. Dann verließen sie den Staat Mississippi, das war Teil der Bedingungen, und zogen nach Florida.
Die Schwestern sind begnadigt, wohnen jetzt mit ihren Kindern bei ihrer Mutter in Florida und warten darauf, dass die Organspende stattfinden kann. Dreimal in der Woche geht Jamie zur Dialyse. Sie muss mehr als 40 Kilo abnehmen, bevor sie für die Operation in Frage kommt.
Vergangene Woche verschlechterte sich ihr Zustand, sie wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Gott könnte sich etwas zu viel Zeit gelassen haben.
Von Dialika Krahe

DER SPIEGEL 6/2011
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