07.02.2011

BANGLADESCHDie Verstoßenen

Regelmäßig werden im Südwesten des Landes Waldarbeiter von Tigern angegriffen und getötet. Die Witwen gelten als Unglücksbringerinnen, sie werden gemieden und verdammt.
Die Frauen in den Dörfern fürchten sich vor diesen Anrufen, vor dem Klingeln, vor dieser Nachricht: "Dein Mann … es hat ihn erwischt."
Die junge Parveen Nessa, gerade mal 30 Jahre alt und Mutter von drei Kindern, lässt das Telefon fallen und beginnt zu schreien. Stundenlang trösten sie Verwandte, reden ihr gut zu. Aber Nessa hört nicht mehr auf zu weinen. Sie weint, als der Leichnam ihres Mannes in der Abenddämmerung in einem Boot nach Hause gebracht wird, sie weint während der Beerdigung im Morgengrauen, sie weint in den Tagen danach. Sie weiß, dass sie von nun an ein Leben in Armut führen muss, ausgegrenzt von der Gemeinschaft, verstoßen und verdammt. Sie ist jetzt eine Tigerwitwe.
Ihr Mann, der Waldarbeiter Adruzzaman, 35, wurde in den Sundarbans, dem Mangrovenwald im Südwesten des Landes, von einem Tiger angefallen und getötet. Etwa 50 Menschen aus seinem Heimatdorf hatten sich mit Bambusstöcken bewaffnet und waren losgezogen, um ihn zu suchen, als die Nachricht von dem Angriff kam.
Mit morschen Holzbooten waren sie in den Urwald im Gangesdelta gerudert, aber hatten dort nur noch den leblosen Körper gefunden. Eine Schulter fehlte, das Gesicht von Adruzzaman war zerschmettert, wenige Meter entfernt saß der Tiger und bewachte noch immer seine Beute.
Die Arbeit in den Mangroven war gefährlich, das wusste Parveens Mann. Wer es sich leisten kann, geht nicht in den Wald. Adruzzaman aber war angewiesen auf diese Arbeit. Täglich fahren Tausende Männer in den Dschungel, um illegal Holz zu schlagen, Fische zu fangen oder Honig zu finden, trotz der Piraten, die dort in der Wildnis Geiseln nehmen, und trotz der Tiger. Bis zu 20 000 Männer sollen im Wald arbeiten, nur 3000 haben dafür eine Lizenz. Und seit der Zyklon "Sidr" im November 2007 weite Teile der Ackerflächen unbrauchbar machte, werden es immer mehr.
Die Armut zwingt die Menschen in den Wald, in den Lebensraum der Tiger - und die Tiere sind hungrig, denn durch die Jagd und eingeschleppte Krankheiten leben immer weniger Wildschweine, Hirsche und Affen in den Sundarbans. Einzig die Göttin Bon Bibi, so glauben Hindus und Muslime gleichermaßen, verspreche Schutz vor den Wildkatzen. Mitten im Dschungel stehen mehrere Statuen der Waldgöttin.
Weltweit schrumpft die Zahl der Tiger, aber hier in Bangladesch steigt sie, sagt die Forstverwaltung. 400 bis 750 Bengaltiger, so ihre Schätzungen, sollen in den Mangroven leben. "Wir stellen fest, dass die Wildkatzen nicht nur Waldarbeiter im Dschungel attackieren", sagt Rafiq ul-Islam, Forstbeamter im Dorf Burigoalini, "sie kommen auch immer häufiger in die Dörfer, auf der Suche nach Beute wie Kühen, Ziegen und Hunden."
Allein 2009 wurden nach Angaben des Forstamtes insgesamt 120 Männer von Tigern getötet, statistisch jeden dritten Tag einer. Das tatsächliche Ausmaß dürfte weitaus größer sein, denn die Beamten erfassen nur die Opfer unter den offiziell gemeldeten Waldarbeitern. Mehr als tausend Frauen im Südwesten von Bangladesch, so haben die Behörden es registriert, verloren ihre Männer durch Tigerangriffe.
Und so entsteht in den Dörfern am Rande des Dschungels eine neue Kaste: die Tigerwitwen. Der Aberglaube hier macht sie zu Unglücksbringerinnen, sie werden gemieden, verstoßen und von ihren Schwiegerfamilien, bei denen sie oft seit der Hochzeit lebten, nach dem dramatischen Tod ihrer Männer hinausgeworfen. Ihnen, den ohnehin Armen, bleibt nichts anderes übrig, als selbst für den Unterhalt ihrer Familie zu sorgen.
Parveen Nessa ist nur eine von vielen Tigerwitwen im Dorf: Rashidas Mann wurde 2002, als er beim Holzsammeln durch knietiefen Schlamm im Dschungel watete, von einem Tiger getötet. Jamena verlor ihren Mann 2003, als er im Wald nach Bienenstöcken suchte und den Tiger in seiner Nähe übersah. Johuras Mann starb vor zwei Jahren beim Sammeln von Honig.
Die jungen Frauen sind die Ausgrenzung und das Mitleid leid, deshalb haben sie die "Tiger Widow Association" gegründet, einen Verband der Tigerwitwen. Eine Entwicklungshilfeorganisation hat ihnen dabei geholfen. Einmal in der Woche treffen sich die Frauen nun, planen Nähkurse, informieren sich über den Anbau von Reis und Gemüse und beschließen, auf Märkte zu gehen, um ihre Waren zu verkaufen. Demnächst wollen sie Mikrokredite beantragen, für den Kauf von Nähmaschinen und Saatgut.
"Meine Schwiegereltern werfen mir immer noch vor, ich hätte Unglück über die ganze Familie gebracht", klagt eine der Frauen, deren Mann schon vor Jahren starb. Weinend erzählt sie, wie ihre Kinder in der Schule erniedrigt wurden, wie Gleichaltrige ihnen sagten, ihr Vater sei ein böser Mann gewesen und nur deshalb von einem Tiger gefressen worden.
Seit einem Jahr gibt es deshalb auch eine eigene Schule für die Kinder der Tigerwitwen. 30 Jungen und Mädchen sitzen dort auf nacktem Lehmboden und lernen Lesen. Drei Stunden am Tag verbringen sie hier, danach müssen sie ihren Müttern im Haushalt oder beim Verdienen des Lebensunterhalts helfen.
Parveen Nessa hat Glück, sie darf mit ihren drei Kindern weiterhin bei ihrer Schwiegermutter leben, ebenfalls eine Witwe. Die beiden Frauen arbeiten im Straßenbau, mit bloßen Händen und einer Schaufel. Eine Stunde dauert Nessas Weg zur Baustelle, abends dieselbe Strecke zurück, barfuß, das alles für 150 Taka Tageslohn, rund 1,50 Euro. Selbst in Bangladesch, einem der ärmsten Länder der Welt, ist das wenig für eine fünfköpfige Familie.
Inzwischen dringen die Wildkatzen in immer kürzeren Abständen bis in die Dörfer vor, auf der Suche nach Nahrung, so wie neulich in Abadchondipur. "Mein Sohn ging um vier Uhr morgens nach draußen auf die Toilette", sagt Rokiya Kathun und zeigt auf ihrem kleinen Grundstück auf ein Klohäuschen aus Lehm. "Als er zurückkehrte, hörte er auf dem Dach ein Rascheln." Das Geräusch kam ihm verdächtig vor, er holte eine Taschenlampe - und blickte in das Gesicht eines Tigers. Das aufgeschreckte Tier wollte gerade vom Haus springen, da brach es durch das Dach in die Küche.
Die Kathuns brachten sich in Sicherheit, weckten die Nachbarn, gemeinsam spannten sie ein Fischernetz über das Haus. Die Nachricht sprach sich schnell herum. Innerhalb von drei Stunden kamen mehrere tausend Menschen aus der Umgebung nach Abadchondipur, um das Tier zu sehen.
Ein Tigerrettungsteam wurde gerufen, um die gefangene Wildkatze zu betäuben und in den fünf Kilometer entfernten Dschungel zurückzubringen. Aber auch nach Stunden des Wartens traf es nicht ein, die Rufe der Menge, das Tier zu töten, wurden immer lauter, irgendwann kletterten einige Männer kurzerhand auf das Dach. Mit langen Bambusstöcken erschlugen sie das Tier, es war wie eine späte Rache.
Der ehemalige Fischer Hasmot Sardar, 35, hat von vielen ähnlichen Fällen gehört, und obwohl er allen Grund hätte, die Tiger zu hassen, verurteilt er das mutwillige Töten der Tiere. "Wenn die Tiger aussterben", sagt er, "fürchtet sich niemand mehr vor dem Dschungel, dann gehen noch mehr Menschen in den Wald und zerstören ihn." Ohne die Tiger sei der Mangrovenwald und damit die Lebensgrundlage der Menschen in dieser Region stark gefährdet.
Sardar hat selbst einen Tigerangriff nur knapp überlebt und ist über sein Dorf hinaus eine Berühmtheit: Die Menschen kennen ihn als den Mann mit dem halben Gesicht. 1992 half er Verwandten beim Fischen in den schmalen Flüssen, die die Sundarbans durchziehen wie ein feinmaschiges Netz. In der Nacht ließen sie ihr Boot auf einer Sandbank auflaufen und legten sich schlafen. Sardar lag draußen auf den Holzplanken, unter freiem Himmel.
Mehrere Tage später wachte er im Krankenhaus von Khulna, der nächstgrößeren Stadt, wieder auf. Gegen fünf Uhr morgens hatte sich ein Tiger an sein Lager geschlichen und sich über seine linke Gesichtshälfte hergemacht: Der Schädel war zerschmettert, Nase, linkes Auge und Ohr weggerissen. Weil die anderen Fischer aufgewacht waren und sofort geschrien hatten, war das Raubtier geflüchtet.
Die Ärzte operierten sein Gesicht nur notdürftig, es ist noch immer entstellt: Die Zähne stehen hervor, die Nase ist nur noch ein Fetzen, und dort, wo einmal das Auge war, klafft eine tiefe Wunde. Auch 18 Jahre nach der Unglücksnacht wird er noch immer behandelt. "Viele meiner Wünsche wurden mir seither erfüllt", sagt Sardar, der ein Tuch über seiner entstellten Gesichtshälfte trägt.
"Fünf Jahre nach dem Unfall fand ich Arbeit als Fischverkäufer. Heute habe ich eine Frau und drei Kinder", sagt er stolz. Aber er leide unter Schmerzen, "vor allem bei Vollmond". Sein größter Wunsch aber ist unerfüllt geblieben: "Irgendwann", so sagt er, "würde ich gern wieder halbwegs normal aussehen."
Von Hasnain Kazim

DER SPIEGEL 6/2011
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