07.02.2011

BILDUNG„Ohne Üben geht nichts“

Die Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich über die pädagogischen Ratschläge der Bestseller-Autorin Amy Chua und das gestörte Verhältnis deutscher Eltern zur Leistung
Elschenbroich, 66, hat am Deutschen Jugendinstitut in München geforscht. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin schrieb den Bestseller "Weltwissen der Siebenjährigen". Vor kurzem erschien "Die Dinge. Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens".
SPIEGEL: Das Buch der US-chinesischen Professorin Amy Chua, die mit Strenge ihre Töchter zu musikalischen Höchstleistungen treibt, hat auch in Deutschland gewaltige Aufregung und entsetzte Abwehr ausgelöst(*). Warum eigentlich?
Elschenbroich: Die Hellhörigkeit in der Leistungsfrage liegt schon länger in der Luft. Ich bekomme viele Anfragen von verunsicherten Eltern. Sie klagen über den enormen Leistungsdruck, der um sie herum aufgebaut werde - angeblich immer von den anderen Eltern. Da ist es natürlich beunruhigend, wenn diese moderne Mutter so vehement in die Förderung ihrer Kinder einsteigt.
SPIEGEL: Aber vieles davon ist doch Drill, der den Kindern aufgezwungen wird.
Elschenbroich: Da ist viel westliche Abwehr dabei. Übrigens gibt es in China heute durchaus eine Diskussion, den Kindern Spielräume zu verschaffen und kreative Möglichkeiten. Zum anderen gilt: Dass geübt werden muss, um es zu etwas zu bringen, ist eine Einsicht, der man sich schwer verschließen kann.
SPIEGEL: Wir sollen also das Büffeln rehabilitieren?
Elschenbroich: Wenn man zuguckt, mit welcher Beharrlichkeit Einjährige das Laufen üben, können Eltern sich vor Augen führen: Ohne Üben geht eben nichts. Man braucht mindestens 10 000 Stunden, um in einem Sport oder an einem Instrument souverän zu werden.
SPIEGEL: Sollten sich deutsche Eltern die chinesischen zum Vorbild nehmen?
Elschenbroich: Vor allem sollten wir überhaupt mehr auf die Eltern schauen. Frau Chua lässt sich ein auf die Förderung ihrer Kinder und nimmt es in Kauf, unbeliebt zu sein. Das fällt uns als Eltern schwer, weil wir immer populär bei unseren Kindern sein wollen - oft aus eigener Bedürftigkeit. Keiner möchte als Eislaufmutti
verschrien werden. Obwohl wir alle mit unseren Kindern durchaus ehrgeizig sind, verstecken wir das - ein Eiertanz, der viel Energie kostet.
SPIEGEL: Es wäre besser, wenn deutsche Eltern sagten: "Ich will, dass du Einsen schreibst?"
Elschenbroich: Es geht ja nicht in erster Linie um die Schule, auch bei Frau Chua nicht. Ich weiß nicht, ob es Angst ist oder Bequemlichkeit: Aber der Versuch, den Kindern nicht als autoritärer Vater oder als fordernde Mutter gegenüberzutreten, nimmt den Eltern manchmal die Kraft der Vision, was ihr Kind schaffen kann.
SPIEGEL: Frau Chua ist Juraprofessorin an der Elite-Uni Yale. Sie hält Vorlesungen, betreut Studenten, dazu übte sie den halben Tag mit ihren Mädchen Geige und Klavier. Sind das die Anforderungen an die moderne Mutter?
Elschenbroich: … und nebenbei hat sie auch noch zwei Bücher geschrieben, von denen eins in sechs Sprachen übersetzt ist. Kinder können enormen Druck eher akzeptieren, wenn sie sehen, dass es sich die Erwachsenen auch nicht bequem machen.
SPIEGEL: Welche Mutter, welcher Vater kann neben dem Beruf so viel Zeit aufbringen?
Elschenbroich: Worauf Frau Chua wahrscheinlich verzichten musste, ist das Wellness-Wochenende mit ihren Freundinnen. Aber sie hat auch etwas gewonnen dabei: Sie hat eine spannende Materie, nämlich die Musik, für sich erschlossen. Und sie beschreibt gemeinsame Glücksmomente mit den Töchtern.
SPIEGEL: Was unterscheidet Frau Chua von der vom Ehrgeiz zerfressenen Eislaufmutter, die ihre Kinder zum Erfolg schindet?
Elschenbroich: Auf den ersten Blick nichts. Aber sie braucht ihre Kinder nicht, um eigene, unerfüllte Karriereträume zu delegieren. In einer Hinsicht habe ich allerdings ein anderes Kinderbild als sie: Chua glaubt, Kinder seien von Natur aus faul. Ich glaube, Kinder suchen gar nicht immer die Bequemlichkeit. Kinder sind aktive, erkenntnishungrige Wesen. Darauf sollten Eltern aufbauen und später dann nicht alles der Schule überlassen.
SPIEGEL: Aber viele Eltern quälen sich doch schon jetzt mit Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung.
Elschenbroich: Die Eltern werden zu Hilfslehrern, weil die Erwartungen an die Leistung in der Schule gestiegen sind. Frau Chua hingegen hat sich Bildungsziele selbst gesetzt und lebt sie mit. Da kommt etwas in Gang zu Hause.
SPIEGEL: Nach der Reform der Schulen und Kindergärten fordern Sie jetzt also die Reform des Elternhauses?
Elschenbroich: Dazu gibt es keine Alternative. Änderungen an den Schulen haben wir in den letzten zehn Jahren viel diskutiert. Jetzt kommt die Familie in den Blick: Wie geht man zu Hause auf Aufgaben zu, die das Leben stellt?
SPIEGEL: Und wie stellen Sie sich das praktisch vor?
Elschenbroich: Ich mache da gerade ein Projekt. Dazu geben wir Kindern Alltagsgegenstände mit nach Hause, ein Stethoskop zum Beispiel oder eine Stimmgabel. Wenn Eltern und Kinder eine Wäscheklammer anschauen und sich fragen, was sie eigentlich dazu bringt, immer wieder zuzuschnappen, dann stehen sie schnell vor den großen ungelösten Fragen des Universums. Das ist oft sinnvoller als das Kind in einen Sprachkurs zu chauffieren. Die Kommunikation in der Familie ist das Wichtigste.
SPIEGEL: Und das geht ganz einfach mit einer Wäscheklammer?
Elschenbroich: Ja, und es kann sehr berührend sein. Ein dreijähriger Junge hat mit einem Stethoskop erst einmal sich selbst den Puls abgehört, dann bei der Katze der Familie und schließlich hat er die Membran an das Gras gehalten, weil er irgendwo gehört hatte, dass man das Gras wachsen höre.
SPIEGEL: Amy Chua ist getrieben von einem chinesischen Sprichwort - Wohlstand, so heißt es da, bleibe nie über drei Generationen in einer Familie. Sie will den Niedergang der Generation abwenden, die in Wohlstand hineingeboren worden ist, eine Geschichte, die wir Deutschen aus den "Buddenbrooks" kennen.
Elschenbroich: Das ist ein Problem, seit es bürgerliche Familien gibt: Wie kann man verhindern, dass die Privilegien, die die Eltern erarbeitet haben, bei den Kindern eine verwöhnte, willensschwache Grundhaltung erzeugen?
SPIEGEL: Aber opfert Frau Chua dafür nicht das Glück ihrer Kinder?
Elschenbroich: Rezensenten des Buches haben gesagt: ,Glücklich werden Kinder so nicht.' Ich weiß gar nicht, woher die das wissen wollen.
SPIEGEL: Sie loben Frau Chua sehr. Aber beispielsweise die Drohung, Stofftiere zu verbrennen, wenn die Tochter nicht richtig übt, ist doch sehr drastisch.
Elschenbroich: Ach, da praktiziert Chua doch bloßen Verbalradikalismus. Die dreijährige Tochter stellt sich aus Protest bei eiskaltem Wetter in Strümpfen auf die Terrasse. Und wie endet der Machtkampf? Damit, dass das Mädchen mit Keksen in der warmen Badewanne sitzt. Die Mutter geht ja nicht bis zum Letzten.
SPIEGEL: Den Glauben, der westliche Erziehungsstil führe dazu, dass Kinder mit sich selbst im Reinen sind, halten Sie für völlig unbegründet?
Elschenbroich: Das Chua-Buch ist ja nicht zuletzt deshalb eine Provokation, weil sich die zwei Töchter so wunderbar entwickelt haben. Die sind doch gut drauf. Und sosehr die Mutter sie auch drillt, so haben sie doch immer wieder auch Glücksmomente mit dem Instrument. Und Glück auf Dauer kann ohnehin keine Erziehungsmethode garantieren. Jetzt wäre es nur noch interessant, wie diese beiden Töchter in 10, 20 Jahren mit ihren eigenen Kindern umgehen.
SPIEGEL: Westliche Eltern päppeln das Ego ihrer Kinder mit viel Lob. Chinesische Eltern denken, ihr Kind hält was aus. Wer macht es richtig?
Elschenbroich: Das hängt vom Kind ab. In der Konfrontation mit dem Kind kann auch eine Stärkung stecken: ,Ich traue es dir zu, auch wenn ich mich bei dir unbeliebt mache und wenn du es dir selber nicht zutraust.' Das zieht Kinder hoch. Kinder ahnen, dass es etwas Höheres gibt, hat Hegel einmal gesagt. Wenn man ihnen alles nur in infantiler Form vorstellt, dann verrät man ihr eigenes Bedürfnis.
SPIEGEL: Wo werden Kinder in unserer Gesellschaft kleingemacht?
Elschenbroich: Mir geht die Unterstellung auf die Nerven, dass Kinder es immer lustig haben wollen. So viel lachen Kinder gar nicht. Wenn sie sich konzentrieren, sehen sie richtig grimmig aus. Kinder können beunruhigt sein von der Schönheit der Musik oder der Natur. Albert Schweitzer beschrieb, wie er als kleiner Junge das erste Mal eine Orgel hörte: Er musste sich an die Wand lehnen, damit er nicht umfiel, weil es ihn so überwältigt hat. Wenn man Kindern solche Erfahrungen verwehrt und sich bei ihnen anbiedert, verflacht man auch das Gespräch mit ihnen.
(*) Amy Chua: "Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte". Verlag Nagel & Kimche, Zürich; 256 Seiten; 19,90 Euro.
Von Cordula Meyer

DER SPIEGEL 6/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BILDUNG:
„Ohne Üben geht nichts“

  • Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen
  • "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong
  • Filmstarts: "Man kriegt, was man verdient hat."
  • Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp