28.02.2011

PRESSEFREIHEIT„Sie haben mir mit Hinrichtung gedroht“

Die US-iranische Journalistin Roxana Saberi, 33, über die Gefahren für Journalisten in Iran und ihre 100-tägige Haft im Evin-Gefängnis in Teheran
SPIEGEL: Frau Saberi, sind Sie eine Spionin?
Saberi: Nein!
SPIEGEL: Aber Sie haben doch gestanden, für die CIA in Iran spioniert zu haben.
Saberi: Dazu wurde ich gezwungen. Nach meiner Festnahme im Januar 2009 wurde ich ins Evin-Gefängnis gebracht, dort haben mir die iranischen Behörden unterstellt, ich sei keine Journalistin, sondern eine amerikanische Spionin. Sie drohten mir mit 10 oder 20 Jahren Haft, sogar mit Hinrichtung, sollte ich nicht geständig sein. Ich hatte wahnsinnige Angst, von meiner Familie wusste ja niemand, wo ich war. Deswegen habe ich dieses falsche Geständnis unterschrieben. Kurz darauf, noch in Haft, habe ich es widerrufen.
SPIEGEL: Wurden Sie gefoltert?
Saberi: Nicht körperlich. Aber psychisch. Amnesty International nennt das "Weiße Folter". Weil sie keine sichtbaren Spuren hinterlässt. Sie richtet sich aber gegen die Würde des Menschen. Ich saß in einer kleinen Einzelzelle, hatte wochenlang kein Papier, keinen Stift, kein Buch bis auf den Koran. Ich musste meine Familie und Freunde über meinen Aufenthaltsort belügen, bekam keinen Anwalt und wurde zu diesem falschen Geständnis gezwungen. Solche Geständnisse werden oft aufgezeichnet und im staatlichen Fernsehen ausgestrahlt, zur Abschreckung echter Spione. Andere Gefangene wurden auch körperlich gefoltert, ich habe ihre Schmerzensschreie gehört.
SPIEGEL: Sie haben sechs Jahre in Iran als Journalistin gearbeitet. Sollten Journalisten nicht mehr nach Iran reisen?
Saberi: Vor allem für iranische Journalisten besteht ein hohes Risiko, im Gefängnis psychisch und körperlich gefoltert zu werden. Bei meiner Ankunft in Iran 2003 gab es bereits viele Einschränkungen und Risiken, aber zumindest war noch etwas Raum für Diskussionen in der Presse. Das hat sich massiv geändert, besonders seit den Präsidentschaftswahlen 2009. Dennoch ist es wichtig, dass Journalisten aus Iran berichten, ansonsten wäre die Unterdrückung dort noch größer - sie müssen nur das Risiko richtig einschätzen.
Roxana Saberi: "Hundert Tage. Meine Gefangenschaft im Iran". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 352 Seiten; 19,95 Euro.

DER SPIEGEL 9/2011
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