28.02.2011

ENERGIEGebt Gas!

Während die Welt einen neuen Ölpreisschock fürchtet, steht der gesamte Energiemarkt vor einer Revolution. Mit immer raffinierterer Technik erschließen Konzerne neue Erdgasquellen, auch in Deutschland wird gebohrt. Die Potentiale scheinen enorm - die Risiken auch.
Es war Mai, als die Globalisierung nach Lebien kam. Das Telefon klingelte, Elzbieta Religa hob ab. Eine Frau meldete sich, sie vertrete das Unternehmen Lane Energy, Tochterfirma eines britischen Rohstoffinvestors. Der Chef wolle sich mit Frau Religa unterhalten, sie hätten da etwas Interessantes gefunden in der Erde unter den Häusern und Gehöften von Lebien.
Elzbieta Religa ist eine stämmige Bäuerin mit drei Hektar Land, 20 Schweinen und drei Hunden. Lebien liegt in der nordpolnischen Region Kaschubien, 90 Kilometer von Danzig entfernt. 960 Einwohner hat der Ort, nur die Hauptstraße ist asphaltiert, die meisten Häuser wurden noch von Deutschen gebaut, vor dem Zweiten Weltkrieg.
"Die Frau sagte, bei uns gebe es Gas", erzählt Elzbieta Religa, "Tausende Meter in der Tiefe, es ist eingeschlossen im Gestein, aber irgendwie können die das da rausholen." Religa ist "Soltys", Dorfchefin in der dritten Amtszeit. Sie lud die Konzernleute ins Gemeindehaus ein. Es kamen Kleinbusse mit Managern und Ingenieuren, Amerikaner, Briten, Kanadier und ein Inder. Die Gäste spendierten ein üppiges Buffet.
Wenige Monate später ließ das Unternehmen den ersten Bohrturm aufstellen. Eines Abends sah Elzbieta Religa hinter dem Wald einen hellen Lichtschein. Haushoch schossen die Flammen, als Lane dort das erste Gas abfackelte.
Nun verschließt ein mannshoher Hahn mit drei Ventilrädern das Bohrloch. Bald sollen dank des Gases in ganz Polen Tausende neue Jobs entstehen - und nicht nur dort.
In vielen Teilen der Welt untersuchen derzeit Geologen die Böden auf Erdgas, das entweder in Tonstein (Shale Gas), Sandstein (Tight Gas) oder in Kohleflözen eingeschlossen ist und bislang großenteils unerreichbar war. Mit einer neuen Technologie, dem "Fracking", einer Art kontrolliertem Erdbeben, soll es nun an die Oberfläche gefördert werden: in Australien und China, in Indien und Indonesien, in Lateinamerika und eben auch in Europa. Der gesamte Erdball wird neu vermessen.
In Polen haben die Behörden in den vergangenen zwei Jahren 70 Konzessionen für Probebohrungen vergeben. Auch in Kanada ist der Wettlauf um die besten Lagerstätten voll im Gange, vorneweg die Chinesen: Gerade erst hat der Konzern PetroChina 5,4 Milliarden Dollar für ein kanadisches Projekt lockergemacht.
Am kräftigsten aber geben die Vereinigten Staaten Gas: Dort werden die neuen Vorkommen auch schon ausgebeutet.
Etwa die Hälfte des verbrauchten Erdgases stammt in den USA bereits aus sogenannten unkonventionellen Quellen. Amerika hat Russland an der Spitze der weltgrößten Gasproduzenten abgelöst. "Wir haben doppelt so viel Gas wie die Saudis Öl", prahlt der texanische Investor T. Boone Pickens.
Die Euphorie wird umso mehr angeheizt, als sich die Welt gerade vor neuen Ölpreisschocks fürchtet. Die Krise im Nahen Osten verdeutlicht wieder einmal schmerzhaft, wie abhängig die Weltwirtschaft von den Rohölreserven in der arabischen Welt ist - und wie sensibel Preise und Wachstum auf jede Veränderung in der Region reagieren.
Mit dem Ausbruch der Unruhen in Libyen verfielen die internationalen Rohstoffmärkte binnen wenigen Stunden in Panik. Der Ölpreis, der über Monate hinweg bei einem Preis von 80 bis 90 Dollar gelegen hatte, durchbrach innerhalb weniger Stunden die magische 100-Dollar-Marke pro Fass (159 Liter) und erreichte am Freitag in der Spitze rund 117 Dollar.
Und das lag weniger daran, dass Libyen ein so bedeutender Lieferant auf den Weltmärkten wäre. Was Börsianer und Händler umtrieb und zu weltweiten Panikkäufen veranlasste, war die Angst, die Krise könnte auch noch auf die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien übergreifen.
Dort lagern die größten Erdölvorkommen der Welt. Unruhen mit eventuellen Lieferstopps würden den Ölpreis in astronomische Höhen treiben. Der jüngste Aufschwung der Weltwirtschaft stünde vor einem jähen Ende - wieder einmal.
Denn bereits seit der ersten Ölpreiskrise in den siebziger Jahren versuchen die Industrienationen, ihre Abhängigkeit vom Öl der Opec-Staaten zu reduzieren, mit mäßigem Erfolg.
Der Energiehunger der Welt ist gewaltig, Alternativen sind rar. Umso wichtiger könnte die Ausbeutung der neuen Erdgasvorkommen werden.
Eine Revolution ist in Gang gekommen, deren Tempo selbst Experten überrascht hat. Der US-Fachmann Daniel Yergin spricht von der "bislang bedeutendsten Energie-Innovation in diesem Jahrhundert". Das Volumen der als abbaubar geltenden Gasreserven wird heute um ein Vielfaches höher eingeschätzt als noch vor wenigen Jahren; die Prognosen variieren zwischen dem Zwei- und dem Sechsfachen bisheriger Schätzungen.
Doch bislang haben die Ingenieure an den meisten Orten, mit Ausnahme der USA, noch keinen Kubikmeter Gas aus dem Boden geholt. Selbst wenn die Aussichten vielversprechend sind, besteht immer das Risiko, dass sie statt auf "sweet spots", also besonders gasträchtige Orte, auf "dry holes" stoßen: trockene Löcher.
Gleichwohl ist abzusehen, dass sich der Energiemix schon bald deutlich zugunsten von Erdgas verschieben wird. Bis 2030 wird es Kohle als wichtigsten Stromlieferanten verdrängen, erwartet ExxonMobil in seiner neuesten Prognose.
Und weil bei der Verbrennung von Gas nur halb so viel CO2 entsteht wie bei Kohle, wird der neue Boom auch Folgen fürs Weltklima haben - und zugleich auf die Preise im Emissionshandel. Das Geschäft mit den Verschmutzungsrechten dürfte unter Druck geraten, was wiederum Konsequenzen für erneuerbare Energien hat: Je billiger CO2-Rechte werden, desto schwerer kann Strom aus Wind oder Sonne im Wettbewerb bestehen.
So löst der neue globale Gasrausch zugleich eine Kaskade von Effekten aus, die den globalen Energiemarkt verändern und die Unternehmen erschüttern werden: Konzerne wie Exxon, BP oder Shell, die sich seit Generationen vor allem als Ölförderer verstanden haben, investieren nun Milliardenbeträge ins Gasgeschäft.
Stromversorger wie RWE müssen überdenken, ob es sich künftig überhaupt noch rechnet, weiter auf Kohlekraft zu setzen. Und Gashändler wie E.on Ruhrgas stellen sich die Frage, welche Zukunft ihr altes Geschäftsmodell hat und wie sie sich auf das neue Gaszeitalter einstellen.
Vor wenigen Wochen erst hat der Essener Konzern seine neue Zentrale am Rand der Stadt bezogen, zwei gläserne Türme, verbunden durch Brücken aus glitzerndem Stahl. Am Eingang liegen Faltpläne zur besseren Orientierung für die rund 2000 Mitarbeiter am Standort. Ähnliche Hilfe könnten die Strategen des Konzerns auch gebrauchen: Europas größter Gashändler sucht einen Ausweg aus der Krise, die ihm das Aufkommen des unkonventionellen Gases beschert hat.
Das Überangebot drückt die Preise, Wettbewerber können den Brennstoff billiger anbieten. Um halbwegs mitzuhalten, muss die Ruhrgas zuschießen: "Je mehr Kubikmeter Gas wir verkaufen, desto mehr müssen wir derzeit draufzahlen", klagt Unternehmenschef Klaus Schäfer. Zuletzt betrug der Verlust fast eine halbe Milliarde Euro - in zwei Quartalen.
Schäfer steht erst seit wenigen Monaten an der Spitze der Ruhrgas, er soll das Geschäft wieder zu alter Stärke führen, doch jeder hier weiß: Die Zeiten, in denen Produzenten und Händler den europäischen Markt unter sich aufteilten, sind vorbei. Und auch für die Verbraucher wird sich einiges ändern.
Bislang funktionierte das System so: Die großen europäischen Spieler wie Gazprom in Russland und Statoil in Norwegen beuten ihre Vorkommen aus, liefern das Gas über Tausende Kilometer durch Pipelines bis an die Landesgrenze. Dort speisen es Händler wie Ruhrgas oder Wintershall in ihre Netze ein und verkaufen es an Stadtwerke oder Industriekunden. Für alle war das ein einträgliches Geschäft.
Über den Preis wurde nicht einmal mehr verhandelt, er wurde diktiert. Es galten langfristige Verträge, mit Laufzeiten von bis zu 40 Jahren, auf Grundlage der sogenannten Ölpreisbindung: Demnach folgen die Gas- den Ölpreisen mit einigen Monaten Verzögerung. Die Händler sattelten noch einmal eine satte Marge von bis zu 30 Prozent für Verteilung, Speicherung und Vertrieb drauf. Ergebnis für die Ruhrgas: Sie war mit rund zwei Milliarden Euro Jahresgewinn die gehätschelte Tochter innerhalb des E.on-Konzerns.
Doch seit die neuen Gasvorkommen erschlossen werden, ist mit solchen Traumrenditen Schluss. Nun ist überhaupt erst so etwas wie Wettbewerb im Gasgeschäft entstanden.
Immer größere Mengen werden an den Spotmärkten gehandelt. Dort decken sich die neuen Wettbewerber zu günstigen Konditionen ein, zum Vorteil ihrer Kunden: Heute können diese im Schnitt zwischen 31 Gasversorgern wählen, vor zwei Jahren waren es lediglich 8. "Es ist eine rasante Entwicklung, die für die internationalen Gasmärkte einer Revolution gleichkommt", sagt Ruhrgas-Chef Schäfer.
Jetzt bleibt ihm und seinen Kollegen nicht viel mehr übrig, als mit den Förderkonzernen in Moskau und Stavanger über die Konditionen der Verträge zu verhandeln, um das Minus zumindest rückwirkend doch noch ein Stück auszugleichen. Das ist keine leichte Aufgabe. "Es gibt keinen Grund für Preisanpassungen", sagt Gazprom-Germania-Chef Wladimir Kotenjow. Die Aufregung um die neuen Vorkommen sei vorübergehender Natur. Gemeinsam habe man gute Geschäfte gemacht, nun müsse man gemeinsam auch mal "eine Durststrecke durchstehen", sagt der Ex-Botschafter.
Geologen war lange bekannt, dass über die bekannten, leicht erschließbaren Gasquellen hinaus weitere, noch weit gigantischere Reserven existieren. Nur mangelte es an den Technologien, um das Gas zu vertretbaren Kosten aus dem porösen Gestein zu befreien.
Das ist jetzt anders. Heute können die Förderfirmen ihre Bohrungen Tausende Meter in die Tiefe treiben, die Bohrköpfe ablenken und gar horizontal weiterführen. Die Ingenieure steuern ihre Hightech-Maulwürfe so präzise, dass sie auf acht Kilometer Entfernung das Ziel auf einen Meter genau erreichen. Danach rollt eine Armada von Transportern zur Bohrstelle heran, die "Frack-Trucks".
Sie befördern Riesenpumpen, 2400 PS stark, ein knappes Dutzend dieser Ungetüme wird zusammengeschaltet. Sie pressen ein flüssiges Gemisch mit rund 1000 Bar in die Lagerstätte ein, es besteht aus Millionen Liter Wasser sowie Spezialsand und Chemikalien, darunter giftige Substanzen. Sie sollen etwa Bakterien abtöten, die den Gasfluss hemmen. Der Druck, der in der Tiefe aufgebaut wird, ist so immens, dass das Gestein aufbricht.
Es entstehen feine Risse, teilweise Hunderte Meter lang, der Sand hält diese Frakturen offen, daher heißt es "Fracking". Die Flüssigkeit wird abgepumpt, das Gas entweicht wie Kohlensäure aus einer Cola-Flasche: Erst heftig, dann strömt es einige Monate lang mit schwacher Kraft weiter, bis der Druck so weit abfällt, dass erneut gefrackt werden muss.
Nicht Großkonzerne wie Exxon, Shell oder BP haben diese Methode entwickelt, es waren kleine Förderunternehmen, ausgestattet mit Geld von Wagnisfinanzierern, die an die Revolution glaubten. Schon in den neunziger Jahren begannen sie in Texas, in einem Vorkommen namens "Barnett", das heute als eines der größten Gasfelder der Erde gilt.
Mittlerweile wird in den USA Erdgas so aus etwa 3000 Bohrungen gefördert, jeden Monat kommen 120 bis 150 dazu. "Es ist ein normales Handwerk geworden", sagt Andrew Ross, Geschäftsführer des Förderunternehmens Elixir Petroleum. Die eigentliche Prozedur dauert nur rund eine Woche, dann zieht der Frack-Trupp weiter, die Einsatzliste ist lang.
Verglichen mit einer gewöhnlichen Gasquelle, ist die Förderung mit dem neuen Verfahren in der Regel noch teurer. Doch der Fortschritt zeigt Wirkung: Die Bohrtechniker von Talisman Energy etwa konnten die Kosten am US-Feld "Marcellus" innerhalb eines Jahres halbieren.
Mit jedem Projekt strömt mehr Gas auf den Markt, schon heute ist er bestens versorgt, wie die Preisentwicklung in den USA zeigt. Fast jeder andere Rohstoff hat im vergangenen Jahr zugelegt, nur die Notierung für Erdgas ist gefallen: minus 27 Prozent. Und der Preisdruck könnte anhalten, wenn das Gasangebot weiter wächst, sagt John Corben von der Internationalen Energieagentur in Paris: "Es wird helfen, die Preise niedrig zu halten."
Für Russland ist das eine schlechte Nachricht. Mit der Ausbeutung seiner Bodenschätze bestreitet der Kreml einen Großteil seines Staatsbudgets. Milliarden haben die Russen in die Infrastruktur investiert, um sich langfristig wichtige Absatzmärkte in Europa zu erschließen, Noch in diesem Jahr soll die Ostsee-Pipeline Nord Stream in Betrieb gehen.
Auf der Baustelle in Lubmin an der deutschen Ostsee laufen zurzeit die letzten Vorbereitungen. Hier, am Greifswalder Bodden, kommen die Röhren aus dem Wasser, es ist der Endpunkt der beiden 1224 Kilometer langen Leitungen, die Spezialschiffe auf dem Meeresboden versenkt haben. Arbeiter errichten gleich hinter dem Lubminer Strand gewaltige Ventile, jedes so groß wie ein zweistöckiges Haus. Mit ihnen wird künftig der Gasfluss reguliert. Rund 26 Millionen Haushalte will Nord Stream künftig mit Strom und Wärme versorgen.
Wann sich die Investition rechnet, ist allerdings ungewiss. Die alten Kalkulationen aus jenen Zeiten, als die Ölpreisbindung uneingeschränkt gegolten hat, sind Makulatur. Noch unklarer ist die Perspektive für die anderen beiden europäischen Großprojekte: für South Stream, das weiter im Süden Russland mit Europa verbinden soll, und vor allem für Nabucco, die EU-Alternative, die Gas aus nichtrussischen Quellen transportieren und Europa unabhängiger von Russland machen soll. Unternehmen des Nabucco-Konsortiums haben bereits Sondierungsgespräche mit der EU aufgenommen. Das Ziel: Die Projekte Nabucco und South Stream, bislang Konkurrenten, könnten in Teilen gemeinsam betrieben werden.
So verändern sich mit dem Aufkommen neuer Gasquellen nicht nur die weltweiten Energiemärkte, auch die globalen Machtverhältnisse verschieben sich. Klassische Förderländer, vor allem Russland, verlieren ihre exponierte Stellung. Polen wiederum könnte zur relevanten Größe auf dem Weltmarkt aufsteigen. Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski träumt schon davon, sein Land in ein "neues Norwegen" zu verwandeln: reich, bedeutend und unabhängig - vor allem vom riesigen Nachbarn Russland.
Und die USA sind auf dem besten Weg, vom Gasimporteur zum Selbstversorger und sogar Exporteur aufzusteigen. Die Entwicklung werde "die Energiesicherheit der USA erheblich verbessern", schwärmt Präsident Barack Obama.
So wird der Weltmarkt größer, die Auswahl breiter, die Verbraucherländer gewinnen Unabhängigkeit. Noch bezieht Deutschland 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Gut möglich, dass demnächst mehr und mehr Brennstoff aus Amerika geliefert wird. Und selbst im rohstoffarmen Deutschland schlummern Ressourcen, auch hierzulande ist der Gasrausch ausgebrochen.
Rund ein Dutzend Konzerne haben in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ihre Claims abgesteckt und suchen nach wirtschaftlichen Vorkommen. Der bislang deutlichste Hinweis ist auf einem Acker nahe der 1900-Einwohner-Gemeinde Lünne im Emsland zu besichtigen.
Wo im vergangenen Jahr noch Mais reifte, hat Exxon einen gewaltigen Bohrturm aufgestellt. Aus rund 1500 Meter Tiefe befördert der Energiekonzern hier Gesteinsproben an die Oberfläche. Exxon will herausfinden, ob es sich lohnt, in dieser Region, etwa 40 Kilometer östlich der niederländischen Grenze, mit den neuen Methoden Erdgas zu fördern.
Männer in orangefarbenen Overalls werkeln am Bohrgestänge, es sind Ingenieure einer schottischen Spezialfirma, die unter Anweisung von Exxon die Bohrung abteufen, wie es in der Fachsprache heißt. Tag und Nacht sind sie im Einsatz. Flutlicht taucht das Gelände von "Lünne 1" in gleißendes Licht.
"Sieht hier aus wie auf einem Fußballplatz", sagt Markus Rolink. Er lebt mit seiner Frau und den drei Kindern nur einen Acker entfernt. Der 37-Jährige unterrichtet an einer Förderschule, er trägt Ohrring und Fünftagebart und hatte eigentlich nicht vor, sich noch mal politisch zu engagieren, im Studium war er für die Grünen aktiv. Als er von den Bohrplänen erfuhr, revidierte er seinen Entschluss.
Den Lehrer treibt die Sorge, dass es bald vorbei sein könnte mit der ländlichen Idylle, wenn erst mal die Laster mit Chemikalien zum Bohrplatz rollen. Ihn beschäftigt die Vorstellung, dass doch einmal ein Unglück passiert. "Dann haben wir zwar Energie, aber kein Wasser mehr", sagt er sarkastisch.
Deshalb hat Rolink die Nachbarn mobilisiert und die Initiative "Schönes Lünne" gegründet. Am Abend versammeln sie sich auf dem Hof eines Anwohners, rund 80 Lünner sind dazugekommen. Sie hocken auf Holzbänken, ein Holzofen heizt die Scheune ein. Sie schauen sich einen Beitrag über Fracking in den USA an, der im ARD-"Weltspiegel" gelaufen ist; darin wird von unverkäuflichen Häusern berichtet, von verschmutztem Wasser, von hohen Krebsraten.
"Wer will denn dann noch hier wohnen?", bricht eine Frau nach der Vorführung das Schweigen. Eine Landwirtin sorgt sich um den Anbau; was wäre, wenn die Frack-Flüssigkeit die Mutterböden durchdränge: "Wer haftet dann?" Je länger die Bürger diskutieren, umso mehr wachsen die Verunsicherung und ihr Wille zum Widerstand. "Wir müssen überlegen, was wir dem entgegenstellen können", fordert einer: "Ich sag einfach mal - Gorleben."
Es formiert sich Protest gegen die Vorhaben der Gasindustrie, nicht nur im Emsland: Auch in Nordrhein-Westfalen, wo Förderfirmen vor allem Kohleflöze nach Gas durchlöchern lassen, organisieren sich die Bürger. Viele haben "Gasland" gesehen, den Film des US-Regisseurs Josh Fox, der in ähnlich suggestivem Stil wie sein Kollege Michael Moore ("Fahrenheit 9/11") die Industrie anklagt.
In der stärksten Szene des Films zeigt Fox einen Mann, der mit einem Feuerzeug einen Wasserhahn in Brand steckt; Fox behauptet, das Fracken habe das Grundwasser mit giftigem Gas verseucht. Der Vorwurf ist umstritten, US-Behörden versichern, man könne zumindest in diesem Fall nicht die Bohrungen verantwortlich machen. Trotz aller Widersprüche: Mit solchen Bildern erzielt Fox Wirkung. Er hat die Bürger aufgeschreckt - und die Industrie alarmiert, spätestens seit "Gasland" für den Oscar in der Kategorie Dokumentation nominiert wurde.
Unbegreiflich sei diese Entscheidung, schimpft Elexir-Geschäftsführer Ross, der Beitrag gehöre eher ins Comedy-Fach. Die Industrievereinigung "Energy in Depth" warnte vor der Oscar-Entscheidung sogar, einen Film auszuzeichnen, der solche "Fehler, Ungereimtheiten und Lügen" aufweise.
Die Industrie müsse die Initiative ergreifen und über die Technologie aufklären, forderte Bruno Courme, Geschäftsführer beim französischen Energiekonzern Total: "Wir müssen Fragen beantworten." Und es gibt viele Fragen.
Da wäre zum Beispiel die nach den Bestandteilen der Frack-Flüssigkeit, die ins Gestein gepresst wird. Noch wichtiger: Wie kontaminiert ist die Brühe, die wieder an die Erdoberfläche schießt? Und wird sie fachgerecht entsorgt? Das Brauchwasser enthält große Mengen an Salz, aber häufig auch Benzol, Xylol oder Toluol, hochgiftige Substanzen, die womöglich das Grundwasser verseuchen.
Die Ingenieure der Gasindustrie beteuern, dass ein Kontakt höchst unwahrscheinlich sei, weil die gasführenden Schichten so viel tiefer lägen. Sie räumen allerdings andere potentielle Schwachstellen ein: Die Stahlrohre im Bohrloch könnten etwa nicht ordentlich zementiert sein. Die US-Umweltbehörden haben einige solcher Pannen dokumentiert, in denen Bohrwasser die Umwelt geschädigt hat.
Auch in der deutschen Förderindustrie läuft nicht immer alles glatt. Im niedersächsischen Söhlingen, wo Exxon Erdgas fördert, wurde vor gut drei Jahren Lagerstättenwasser frei, das mit Giftstoffen belastet war. Die Bürgerinitiativen fordern deshalb von den Behörden, die Kontrollen zu verschärfen. Viele Vorschriften des veralteten Bergrechts sind an die neuen Technologien nicht angepasst.
Die Grünen im Bundestag wollen das ändern. "Die Bürger müssen besser beteiligt werden", sagt Oliver Krischer, Energieexperte der Partei. Auch die NRW-Regierung drängt auf eine Novellierung und plant eine Initiative im Bundesrat.
So oder so wird es noch Jahre dauern, bis die Daten aus den Probebohrungen ausgewertet sind und entschieden ist, ob sich die Förderung an den deutschen Standorten lohnt. Sicher ist nur: Weltweit wird der Gasanteil weiter wachsen und der Brennstoff an Bedeutung gewinnen - mit Folgen auch für die hiesige Versorgung. "Genau dieser Umstand eröffnet völlig neue Perspektiven", sagt RWE-Vorstand Leonhard Birnbaum.
Aller Voraussicht nach werden immer mehr Gaskraftwerke zum Einsatz kommen und alte Kohlemeiler ersetzen; sie wären eine ideale Ergänzung für den schwankenden Energiefluss aus erneuerbaren Quellen. Auch als Treibstoff eröffnet Gas neue Perspektiven: Logistikunternehmen in den USA prüfen bereits, ob sie ihre Flotten umstellen. Das alte Postulat, dass Gas zu wertvoll ist, um es einfach zu verbrennen, gilt nicht mehr.
"Vieles, was noch vor wenigen Jahren als wenig sinnvoll erachtet wurde", sagt Ruhrgas-Chef Schäfer, müsse nun "neu bewertet" werden. Das gilt wohl auch für das Energiekonzept, das die Bundesregierung im Herbst vergangenen Jahres vorgelegt hat. Darin spielte Erdgas nur eine untergeordnete Rolle, weil die Fachleute da noch von höheren Preisen und geringeren Reserven ausgingen.
Am Ende werden es wohl weniger Fragen der Geologie sein, die die Gasrevolution noch aufhalten können. Das größte Hindernis, meint der Londoner Kartellrechtler Alan Riley, bestehe in der Frage, ob die Förderung von unkonventionellem Erdgas auch Akzeptanz fände. Und natürlich, ob sich der Gaspreis nachhaltig vom steigenden Ölpreis entkoppeln wird.
Doch dieser Trend, glaubt Ruhrgas-Chef Schäfer, sei "nicht mehr aufzuhalten - erst recht nicht nach den aktuellen Preisentwicklungen auf den Ölmärkten".
Von Frank Dohmen, Alexander Jung und Jan Puhl

DER SPIEGEL 9/2011
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