05.03.2011

MENSCHENHANDELDer Sklavenaufstand

Sie war eine von weltweit 27 Millionen Sklaven, bis sie sich befreite. Nun zieht Urmila Chaudhary, 20 Jahre alt, mit Helfern durch die Dörfer und Städte Nepals, um andere Mädchen dem Zugriff ihrer Herren zu entwinden. Von Dialika Krahe
An der Schwelle zwischen ihrer Vergangenheit und dem neuen Leben hockt der Mann, der Urmila gekauft hat, und pult sich ein Stück Kautabak aus den Zähnen. Er spuckt schwarz in einen Eimer, der neben ihm auf dem Wohnzimmerboden steht. Urmila Chaudhary, seit vier Jahren nicht mehr sein Eigentum, kniet sich zu seinen Füßen auf den Teppich und reicht ihm ein Tablett, darauf eine Tasse mit gezuckertem Tee.
Sie müsste ihn hassen, verfluchen, anschreien, diesen Mann.
Stattdessen nennt sie ihn "Vater", stattdessen verneigt sie sich vor ihm.
Urmila Chaudhary, 20 Jahre alt, versklavt, verschleppt, als sie ein kleines Kind war, ist ein Mädchen mit langem schwarzem Haar und einem sanften, klingelnden Lachen. In Urmilas Ohrläppchen stecken blaue Smileys. Sie trägt einen bunten Rock mit einem roten Streifen am Saum - die traditionelle Tracht der nepalesischen Tharu-Frauen, die viel erzählt über die Geschichte von Urmila und diesem Mann und über Tausende junge Mädchen, die jedes Jahr verkauft werden, sobald sie groß genug sind, um über die Tischkante zu sehen, und noch klein genug, um zur Dienerin heranzuwachsen.
Ihr Käufer trägt eine Blousonjacke, Trainingshose, das schwarze Haar gescheitelt. Er hat Urmila im Fernsehen gesehen, staunend, hat ihr Foto in den Zeitungen betrachtet, gesehen, wie sie dem Präsidenten seines Landes gegenüberstand.
"Ich dachte, du hättest uns vergessen", sagt er.
"Nein", antwortet Urmila.
Fünf Jahre alt war sie, so erzählt sie, da kam dieser Mann, Anwalt aus einer angesehenen Familie, in ihr Dorf Manpur am Fluss Rapti und beendete ihre Kindheit mit einem Angebot.
Es war ein Tag im Januar, das Maghi-Fest hatte begonnen, jene kalten Tage im Jahr, an denen die Tharu Neujahr feiern; jene Tage auch, an denen die Tharu mit ihren Töchtern handeln.
"Ich sehe ihn noch auf uns zukommen", sagt Urmila, ein Mann aus der Stadt, mit Sonnenbrille und Anzug, "solche Kleider hatte ich noch nie gesehen". Sie saß an der Feuerstelle vor ihrem Haus aus Lehm und Dung, das heute nur noch eine Ruine ist. Kürbisse wuchsen auf dem Strohdach, die Schweine lagen in ihren Kuhlen. Sie saß dort, mit ihrer Mutter, dem Bruder, mit elf Leuten lebte die Familie in dem winzigen Haus.
Der Mann steuerte auf sie zu. "Ich wusste, dass ich dran war", sagt Urmila: Ihre Schwestern, ihre Schwägerinnen, sie alle hatten als Kamalari, als Sklavenmädchen, arbeiten müssen. Ihre Schwester hatte ihr von den Schlägen erzählt, die sie beim Grundbesitzer bekam, den Küchenresten, die sie essen musste. "Ich habe meine Mutter angebettelt, mich nicht wegzuschicken", sagt Urmila. Ihre Mutter sagte, dass sie das nicht zu entscheiden habe.
Stattdessen sprach der Mann mit ihrem älteren Bruder, denn er war es, der die Familie ernährte. Er bot ihm Geld für seine kleine Schwester Urmila, 4000 Rupien, etwa 50 Euro. Die Familie hatte Schulden bei dem Landbesitzer, auf dessen Feldern sie arbeitete, das Essen reichte nicht, die Kinder trugen Schuhe aus Bohnenhülsen, mit einem Strick an ihre Füße gebunden. 4000 Rupien. Urmilas Bruder stimmte zu.
"Hart arbeitende Frau", das bedeutet das Wort Kamalari. Nur dass es keine Frauen sind, die verschleppt und zur Arbeit gezwungen werden, sondern Kinder zwischen 5 und 15 Jahren. Mädchen mit dünnen Armen, sie schuften in den Haushalten von Familien, 14 bis 16 Stunden am Tag, sind ihren Besitzern völlig ausgeliefert, ihren Launen und Schlägen. Etwa jedes zehnte Mädchen wird auch sexuell missbraucht.
10 000 Mädchen müssen in Nepal als Kamalari arbeiten, das schätzen Hilfsorganisationen. Schon 1956 wurden Formen der Kinderarbeit und Schuldknechtschaft von der Uno als Sklaverei geächtet und verboten. Und obwohl Menschenhandel in allen Staaten offiziell längst abgeschafft wurde, existiert er in rund 70 Ländern in bedeutendem Ausmaß fort. Weltweit sind etwa 27 Millionen Menschen Opfer der modernen Sklaverei - leben in Schuldknechtschaft, als Zwangsprostituierte und Leibeigene -, 40 bis 50 Prozent sind Kinder. Viele davon in Asien.
Kindersklaven in Privathaushalten, das hat in vielen armen Ländern Tradition. Kinder sind praktisch. Ihre Persönlichkeit ist biegsam, das Wesen formbar wie eine Tonskulptur, die sich noch auf der Scheibe dreht. In Nepal sind es die Kamalari, in Haiti nennt man sie Restavèk, in Mauretanien sind es die Abīd.
Das Prinzip funktioniert fast immer gleich: Auf der einen Seite stehen Eltern, die nicht genügend Geld aufbringen können, um ihre Kinder zu ernähren. Auf der anderen Seite stehen die wohlhabenderen Mitglieder der Gesellschaft, Grundbesitzer und Geschäftsleute, nicht selten sind es Lehrer, Anwälte, Politiker, die sich die Kinder zurechterziehen. Sie werden belohnt, durch Zuneigung oder ein Extraessen; sie werden bestraft, durch Essensentzug, durch Schläge und Worte - bis sie gar nicht mehr anders können, als zu dienen. So war es auch bei Urmila.
"Dort unten", sagt sie jetzt und zeigt auf eine Tür im Erdgeschoss des gelben Stadthauses, "dort in der Kammer neben der Küche habe ich die erste Nacht verbracht." Ihr Bruder hatte sie mit dem Bus in die Stadt gebracht, in dieses lärmende Ghorahi, im südwestlichen Teil Nepals, wo es Autos gibt und Fahrradrikschas, diese Stadt, die so anders war als ihr Heimatdorf Manpur. Urmila lag auf einer Matte auf dem Boden und fror, neben ihr ein weiteres Mädchen, das der Hausbesitzer gekauft hatte. Im Haus wurde ein Hochzeitsfest gefeiert: Der Sohn des Grundbesitzers hatte eine Frau gefunden, viele Verwandte waren unter den Gästen, auch die Tochter aus Katmandu - der Mann hatte Urmila als Geschenk für sie gekauft.
"So dünn und klein", sagte die Tochter des Sklavenhalters, als sie Urmila sah, "wie soll die denn ordentlich arbeiten?" Urmila sollte die Tochter von nun an "Maharani", Herrin, nennen und ihre Kinder Prinz und Prinzessin. Wenige Tage später nahm sie sie mit nach Katmandu in eine Wohnung, in der Urmila für zwölf Personen arbeiten musste. Vier Jahre würde es dauern, bis sie ihre Eltern wiedersehen, elf Jahre, bis sie wieder frei sein würde.
An diesem Tag Anfang Februar, 15 Jahre nachdem sie verkauft wurde, ist Urmila als Besucherin zu dem Mann zurückgekehrt, der ihr die Kindheit genommen hat. Sie ist gekommen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren; sie ist auch gekommen, um ihn nach dem Lohn zu fragen, der ihr zustünde nach mehr als einem Jahrzehnt der Schufterei. 20 000 Rupien will sie von ihm haben, 200 Euro.
Doch die Worte, die ihr sonst so leichtfallen, die mutigen Worte, für die sie berühmt wurde in ihrem Land, die sie zur Anführerin der Sklavenmädchen machten, sie bleiben nun stecken in ihrem Hals. Ihr Blick ist gesenkt, die Stimme dünn. Es ist, als habe der Mann sie wieder in Besitz genommen. Als genüge seine bloße Anwesenheit, um ihr den Mut auszusaugen.
Warum?
Urmila zieht die Schultern hoch. "Ich habe Angst, ihn zu erzürnen", sagt sie, als sie sein Haus verlässt, ohne ihn nach dem Geld gefragt zu haben. "Das ist eine einflussreiche Familie", sagt sie, "wer weiß, was geschieht, wenn man diese Leute wütend macht."
Die Unterdrückung der Tharu hat in Nepal Tradition. Sie wird von einer Generation an die nächste weitergegeben, die Tharu gehören zu einer der untersten Kasten. Sie leben im Terai, einer fruchtbaren Region nahe der Grenze zu Indien. Früher gehörte das Land ihnen, doch als in den fünfziger Jahren die Menschen aus den bergigen Regionen begannen, das Gebiet zu besiedeln, nahmen sie den Tharu das Land und machten sie zu Leibeigenen. Die Tharu wehrten sich nicht, zu tief steckt der Gehorsam in ihren Köpfen.
Auch Urmilas Vater gehörte sein Leben lang einem Landbesitzer. Fragt man ihn, warum er seine Tochter weggegeben hat, sagt er, dass das damals eben so war.
Der Vater hockt vor seinem Haus auf dem Boden, neben ihm sitzt Urmilas Mutter und formt für das Mittagessen Teller aus Blättern, die sie im Wald gesammelt hat. "Wir waren Sklaven", sagt er, "ungebildete Sklaven", ein Mann mit gegerbter Haut und einer schwarzen Sonnenbrille.
Um ihn herum toben die Enkelkinder, Enten huschen vorbei. Er spricht langsam, heiser: "Für ein paar Sack Reis im Jahr mussten wir die Felder bestellen", erzählt er, "säen, pflügen, ernten." Nebenbei schickten die Männer ihre Frauen und Töchter in das Haus ihres Grundbesitzers, in die Häuser anderer reicher Männer. Dort mussten sie kochen, waschen, putzen. Dort mussten sie noch andere Dinge tun.
"Die Grundbesitzer haben uns erpresst", sagt der Vater. "Wenn ihr uns eure Tochter nicht gebt, bekommt ihr von uns kein Essen." Seine Kinder hätten doch gehungert, drei Mädchen und drei Jungen.
Er sieht kaum zu Urmila rüber, während er das erzählt. Wenn sie ihre Eltern im Dorf besucht, dann segnen sie sie, so wie es Brauch ist. Aber eine Umarmung, ein Lächeln gibt es kaum.
"Manchmal bin ich wütend auf sie" sagt Urmila, "dann frage ich sie: Warum habt ihr mir das angetan?" Aber sie kenne die Antwort ja eh: "Was hätten wir denn tun sollen?" Alle Eltern sagen das.
Dass es etwas gibt wie die Uno-Kinderrechtskonvention, jenes Abkommen aus dem Jahr 1989, nach dem Kinder das Recht auf Bildung haben, auf Freizeit, Spiel, Erholung und ein sicheres Zuhause, davon haben viele nie gehört.
Im Jahr 2000 wurde die Leibeigenschaft in Nepal abgeschafft. Damit waren die Tharu frei, sie mussten nicht mehr auf den Feldern der Grundbesitzer arbeiten, damit fehlte ihnen aber auch die Lebensgrundlage. Ohne Felder kein Reis. Seither sind die Töchter, die sie am Maghi-Fest verkaufen, oft die einzige sichere Einnahmequelle. 4000 bis 5000 Rupien pro Kind pro Jahr lassen sich, wenn es gut läuft, so verdienen. Wenn es schlecht läuft, wird nur einmal bezahlt, und die Mädchen verschwinden einfach in eine andere Stadt.
Die, die Pech haben, müssen dann so lange in einer Familie arbeiten, bis sie ohne Anweisungen kaum noch funktionieren. Die, die mehr Glück haben, landen an einem Ort wie dem Hostel in Narti.
Über hundert Mädchen leben hier. Ein paar einfache Häuser mit grünen und blauen Fensterläden. Putz bröselt von den Wänden, in den Nächten ist es kalt. Aber drinnen stehen blaue Stockbetten, eines neben dem anderen aufgereiht, und zu jedem dieser Betten gehört ein Mädchen, für das dieser Ort ein Zuhause geworden ist. Auch Urmila hat hier gelebt.
Es ist spät am Nachmittag, die Sonne senkt sich hellorange über den Platz, sie summen, kichern, scharren mit ihren Gummischlappen durch den Staub, über hundert ehemalige Sklavenmädchen. Sie tragen Schuluniformen, bunte Kurtas, einige von ihnen die rotgesäumten Röcke, an denen man die Tharu-Mädchen leicht erkennt. Sie stellen sich in Zweierreihen auf, ziehen über den Hof des Mädchenhostels von Narti und recken die Fäuste in die Luft. "Stoppt Kinderarbeit!", rufen sie. "Das Kamalari-System abschaffen!" Die Kleinsten sind vier Jahre alt.
Das Hostel ist Teil des "Kamalari Abolition Project" zur Abschaffung des Sklavinnensystems. Finanziert wird das Projekt von "Plan", einer internationalen Hilfsorganisation, ein Großteil der Spenden stammt aus Deutschland. Sozialarbeiter von lokalen Hilfsorganisationen befreien, zusammen mit ehemaligen Sklavinnen, andere Mädchen aus ihrer Knechtschaft. Wer nicht zurück nach Hause kann, bekommt ein Bett in Narti.
Die Helfer organisieren den Mädchen einen Platz in der Schule. Andere können eine Ausbildung beginnen, zur Näherin oder zur Händlerin, manche eröffnen ein kleines Restaurant.
Zum Projekt gehören auch die vielen Mädchengruppen, die in den Tharu-Dörfern Befreiungsaktionen organisieren. Sie ziehen durch die Straßen, demonstrieren vor den Häusern, verteilen Zettel, schreiben Briefe, bearbeiten die Grundbesitzer, die Eltern. Wenn das nichts nützt, drohen sie mit dem Gesetz und zwingen die Grundbesitzer so, die Mädchen gehen zu lassen. Urmila selbst hat auf diese Weise bereits ein paar Dutzend Mädchen befreit. Sie ist zur Präsidentin der Mädchengruppen ihres Distrikts Dang gewählt worden. 1758 Mädchen haben die Ex-Sklavinnen und die Helfer seit Beginn des Projekts befreit.
Sie marschieren jetzt über die Straße, Männer auf Fahrrädern bleiben stehen, Frauen, die ihre Ziegen durch den Straßengraben treiben, Busfahrer hupen, Kinder laufen hinterher. "Seht euch vor, ihr Landlords. Wer Kamalari hält, wird bestraft", rufen die Mädchen. Sie schreien heraus, was sie ihr Leben lang nicht sagen durften. Und ganz weit vorn, in einer der ersten Reihen, läuft dieses kleine Mädchen, Rami, das kaum zu glauben wagt, dass das hier alles wirklich ist.
Rami ist neu im Haus der befreiten Mädchen, erst seit zwei Wochen ist sie hier. Man sieht das an ihren Kleidern, auf denen noch der Schmutz aus ihrem alten Leben liegt, an den Läusen, die durch ihre dunklen Haare flitzen. Man spürt das an ihren Augen, die hin und her rasen, dem Blick, der sich nicht zwischen Freude und Angst entscheiden kann.
Rami ist neun Jahre alt, sie stammt aus einem Dorf nahe der Kleinstadt Lamahi. Dort lebt ihr Vater zusammen mit seiner Frau, den drei übriggebliebenen Kindern in einem dunklen Raum. Er besitzt ein Schaf am Strick, ein paar Enten, ein paar Sack Reis und Linsen. Seine älteste Tochter ist als Sklavenmädchen in Katmandu. Für ihre Arbeit bekommt er etwa 30 Euro im Jahr. Für Rami war es noch weniger.
Sie setzt sich auf den kalten Stein vor das Hostel, ein schüchternes Mädchen mit mandelförmigen Augen, nach drei Jahren im Haus des alten Mannes wurde sie am 13. Januar von einer der Mädchengruppen befreit. Rami schaut in den Himmel, sucht nach ihrer Erinnerung. "Nein", sagt sie, "ich weiß nicht mehr, wie ich in sein Haus gekommen bin."
Rami war sechs Jahre alt, als sie anfing, für den Mann zu arbeiten. "Ich musste den Boden schrubben, die Töpfe spülen, die Kleider waschen", sagt sie. "Wenn ich die Arbeit nicht gut gemacht habe, haben sie mich geschlagen."
Fast nie habe sie nach Hause gedurft, dabei lebte der Vater nur ein paar hundert Meter entfernt. Rami erzählt von den langen Arbeitstagen, davon, wie sehr sie ihre Geschwister vermisste, von der Angst, etwas falsch zu machen, dem Hunger, den sie manchmal hatte. "Ab und zu ließ mich der Grundbesitzer fernsehen", sagt sie. Das waren ihre besten Tage.
Ramis Sklavenhalter zu finden ist nicht schwer. Man erkennt sein Haus am Eingang des Dorfs an den Ziegelsteinen, die stabiler sind als die Tharu-Hütten aus Lehm, an der Größe und an den Feldern, die sich dahinter erstrecken. "Sie hat nicht viel arbeiten müssen", sagt er, "ich habe sie behandelt wie meine Enkelin."
Der Mann sitzt auf einem Bettgestell im Besucherraum seines Hauses, gegen die Kälte hat er sich eine Decke umgelegt, sich um die Stirn einen Schal gezogen. "50 Mädchen habe ich bestimmt gehabt in meinem Leben", sagt er. Er heißt Prem Bahadur Dangi, er ist Bahun, aus der höchsten Kaste. "Sieben Häuser besitze ich", schreit er, weil er mit seinen 84 Jahren schwerhörig ist.
Seine Familie habe schon immer Tharu als Leibeigene gehabt. "Wie hätten wir denn das sonst alles schaffen sollen?", die Felder, die Häuser? Es sei ja nicht so, dass er selbst nicht gearbeitet habe, sagt er und zeigt seine schwielige Hand.
Er steigt die schmale Treppe hinauf zu seinem Wohnbereich, ein paar Zimmer, eine offene Küche, von der aus er seine Ländereien überblicken kann, die noch im Dunst des Morgens liegen. "Hier", sagt er und deutet in ein düsteres Zimmer mit zwei Holzbetten darin, "hier haben wir sie schlafen lassen." Er meint nicht das Bett, er meint den Platz auf dem Boden am Fußende. In den Betten schlafen er und seine Frau.
Er lacht jetzt, "wir haben sie Lati genannt", die Stumme, sagt er, weil sie nicht geredet habe. "Nein, ihren echten Namen kenne ich nicht." Ein Mädchen, das drei Jahre bei ihm arbeitete.
Vor zwei Wochen waren sie dann plötzlich da, standen vor seiner Tür, die Mädchen, die Rami befreien wollten. Es war nicht das erste Mal, dass sie kamen. Sie erzählten ihm, was er längst wusste: dass Kinderarbeit gegen das Gesetz sei; dass Rami lieber zur Schule gehen sollte.
"Wieso sollte ich ein schlechtes Gewissen haben?", sagt Dangi, "ich helfe ihr doch, indem ich sie bei mir arbeiten lasse", er tue ihrer ganzen Familie einen Gefallen. Zum Abschied schenkte der Alte Rami 30 Rupien, etwa drei Cent.
Urmila ist seit vier Jahren frei. Sie lebt in einem Zimmer in Lamahi, einer Kleinstadt, ein paar Kilometer von ihrem Dorf entfernt. Jeden Tag steht sie gegen fünf Uhr morgens auf, lernt, versucht, sich Vokabeln einzutrichtern. Gegen neun Uhr steigt sie dann in ihre Schuluniform, zieht sich den grauen Faltenrock an, rückt den Schlips zurecht. Mit 20 Jahren ist sie die Älteste in ihrer Klasse, und trotzdem liegt sie in vielen Fächern zurück. "Das macht mich wütend", sagt sie, "dass sie mir immer versprochen haben, sie würden mich zur Schule schicken, und am Ende haben sie mich alle nur belogen."
Am späten Nachmittag, nach der Schule, läuft sie nach Hause, wechselt die Kleider. Mit dem Bus fährt sie nach Narti, zu den Mädchen im Hostel. Oder in die Dörfer, wo sie die Mädchengruppen besucht. Urmila studiert mit ihnen Theaterstücke ein, sie plant mit ihnen Kampagnen, Demonstrationen, Befreiungsaktionen. Sie führen Buch über die Mädchen, die verschwunden sind, tragen ihre Namen ein, versuchen, sie wieder aufzuspüren. Selbst wenn sie längst in anderen Städten sind.
Urmila hat vor ihrer Befreiung in Katmandu bei einer Politikerin arbeiten müssen, einer reichen, einflussreichen Frau. Sie ist die Schwester des Mannes, der Urmila gekauft hat. Nachdem der sie die ersten Jahre für seine Tochter hat arbeiten lassen, wurde sie weitergereicht an diese Frau. "Cruel Ma'am", böse Madam, so nennt Urmila sie. Sie hatte sie eingesperrt in ihrer Villa in Katmandu, jahrelang, nicht einmal zum Milchkaufen durfte Urmila allein auf die Straße. Sie musste kochen, putzen, dienen. "Ich musste sie auch massieren", sagt Urmila und verzieht das Gesicht, "jeden Tag, von vorn und von hinten", das habe sie angewidert.
Als Urmila 16 wurde, ließ die Politikerin sie endlich gehen. Urmila hatte angefangen, Fragen zu stellen: Wann darf ich nach Hause? Wann darf ich meine Familie sehen? Sie war jetzt in dem Alter, in dem sie heiratsfähig würde, traditionell löst sich der Kamalari-Vertrag in dieser Zeit. Sie hatte auch von dem Projekt gehört. Hatte erfahren, dass es Menschen gab, die ihr helfen würden.
Als sie dann nach elf Jahren aus Katmandu zurück nach Hause kam, saß sie, wenig später, im Alter von 16 Jahren, zum ersten Mal in einer Schulklasse. Urmila lernte schnell, "das Abc", sagt sie, "plus, minus, mal", ihre Lippen kräuseln sich zu einem Lächeln, wenn sie davon erzählt. Urmila war anders als die anderen Mädchen, das merkten ihre Lehrer und die Mitarbeiter der Hilfsorganisation schnell. Sie traute sich zu sprechen, über ihre Gefühle und ihre Vergangenheit.
Bald wurde sie zur Anführerin der Mädchengruppen gewählt. Und als 600 Mädchen in Tharu-Röcken in die Hauptstadt Katmandu reisten, durfte Urmila Chaudhary beim Präsidenten von Nepal für sie sprechen. "Ich war nicht sehr aufgeregt", sagt sie, "ich hatte ihm ja etwas Wichtiges zu sagen."
Wenig später erklärte die nepalesische Regierung, dass sie für die Ausbildung und Reintegration der befreiten Mädchen ein Budget von 1,2 Millionen Euro zur Verfügung stellen wolle. Erst kürzlich verabschiedete das Ministerium für Kinder, Frauen und Soziales einen Entwurf für die Kinderschutzpolitik, in dem die Kamalari-Praxis geächtet wird. Urmilas Distrikt Dang wurde mittlerweile zur Kamalari-freien Zone erklärt. In fast jedem Dorf steht ein Schild von der Hilfsorganisation, das die Bewohner aufklärt.
Doch in anderen Distrikten werden noch immer Mädchen verkauft. Zwar macht sich strafbar, wer Kinder für sich arbeiten lässt, doch die Gesetze sind stumpf, kaum jemand wird festgenommen, kaum jemand muss Geld bezahlen.
Das liegt auch daran, dass das Land nach Jahren des Bürgerkriegs nun von einer nahezu handlungsunfähigen Regierung geführt wird. Nepal befindet sich noch immer im Übergangsprozess von der Monarchie zur Republik. Die stärkste politische Kraft sind die Maoisten, die ihre Ex-Kämpfer in die Armee und die Polizei integrieren wollen. Immer wieder scheitern Wahlen, treten Gewählte von ihren Ämtern zurück. Im Februar wurde nach 16 vergeblichen Versuchen ein neuer Premier gewählt, ein Mann aus der Vereinigten Marxistisch-Leninistischen Partei.
Erst vor wenigen Wochen reiste Urmila nach Kailali, um dort eine große Demonstration anzuführen, obwohl sie mitten in ihren Abschlussprüfungen für die achte Klasse steckt. Zusammen mit einer deutschen Autorin hat sie ein Buch geschrieben, "Sklavenkind", das nächste Woche in Deutschland erscheint(*). Es ist ihre Geschichte, gleichzeitig sei es die Geschichte von Tausenden anderen, sagt sie.
Am Busbahnhof von Urmilas Stadt Lamahi stehen zwei Mädchen der Hilfsorganisation im Lärm und Dunst der einfahrenden Überlandbusse. Garküchen dampfen, Händler verkaufen. Die Mädchen steigen die Stufen in den Bussen hinauf, kontrollieren die Sitzreihen, halten Ausschau nach Männern, die in Begleitung von Dorfmädchen sind.
Nach ein paar Stunden werden sie fündig, schon zum zweiten Mal an diesem Tag. Dort sitzt ein junger Mann neben einem verängstigten Mädchen, keine 1,50 Meter groß, es verbirgt sein rundes Gesicht in einem großen grünen Schal.
Der Mann, das sehen die Mädchen gleich, an seiner Kleidung, der hellen Haut, stammt aus einer anderen Gegend. Sie rufen ihre Kollegen an. Die holen die beiden in ihr Büro. Sie fragen den Mann, was er mit dem Mädchen vorhat, wo er es hinbringen will. Der Mann wippt mit den Beinen, nervös, die Arme vor der Brust verschränkt. Er sagt, dass das Mädchen ihm als Braut versprochen sei. Daraufhin nehmen die Helfer ihm das Handy weg und rufen seine Verwandten an, die nichts von einer Verlobten wissen.
Der Mann weicht aus, behauptet plötzlich, dass es seine Schwägerin sei. Das Mädchen, Rita, gerade 15 Jahre alt, hat die ganze Zeit geschwiegen, seine Tasche umklammert, das Gesicht versteckt. Jetzt schiebt Rita zum ersten Mal ihren grünen Schal aus dem Gesicht, sie sieht den Mann einen Moment lang an, dann sagt sie: "Ich habe ihn noch nie gesehen."
(*) Urmila Chaudhary: "Sklavenkind". Knaur Verlag, München; 328 Seiten; 16,99 Euro.
Von Dialika Krahe

DER SPIEGEL 10/2011
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Der Sklavenaufstand