05.03.2011

VERSICHERUNGENUnisex für alle

Die Assekuranz-Branche muss künftig Männern und Frauen die gleichen Tarife anbieten. Das macht viele Versicherungen teurer - auch für Frauen.
Weibchen leben länger als Männchen, das ist im Tierreich nicht anders als bei den Menschen. Beim Opossum kann der Unterschied schon mal mehrere Jahre ausmachen, bei Kapuzineraffen ebenso.
Mit diesem Ausflug ins Tierreich wollte die Versicherungsgruppe Munich Re, zu der auch die Ergo Lebensversicherung gehört, in einer Kundeninformation aus dem Jahr 2006 demonstrieren, dass die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen genetisch bedingt ist. Unterschiedliche Versicherungstarife scheinen deshalb nur natürlich.
Der Europäische Gerichtshof sieht das anders. Unterschiedliche Tarife verstoßen gegen den Gleichheitsgrundsatz, urteilten die Richter in Luxemburg Anfang vergangener Woche. Spätestens ab dem 21. Dezember 2012 müssen Lebensversicherer wie Ergo geschlechtsneutrale Tarife anbieten. Obwohl Frauen wegen ihrer Lebenserwartung im Alter durchschnittlich länger Rente beziehen, darf ihr monatlicher Rentenversicherungsbeitrag nicht höher sein als der von Männern.
Gleiches gilt künftig für alle anderen Assekuranzen. Sobald der Gesetzgeber den Richterspruch in Gesetzesform gebracht hat, müssen Tausende Tarife neu kalkuliert werden: Schließlich werden die privaten Lebens-, Renten-, Kranken- und Unfallpolicen bislang geschlechtsspezifisch berechnet.
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle findet die alte Praxis richtig. Es werde ja auch nach Wohnorten oder Lebensalter differenziert, "ohne dass dabei jemand von Diskriminierung sprechen würde", sagt der FDP-Politiker. Er hält es aus ökonomischer Sicht für fraglich, "warum Frauen, wenn sie weniger Unfälle im Straßenverkehr verursachen, nun höhere Prämien zahlen sollen".
Das Urteil wird, so viel steht fest, für eine Menge Unruhe sorgen, bei den betroffenen Unternehmen, aber auch bei deren Kunden. Allianz-Deutschland-Chef Markus Rieß droht damit, "dass die Versicherungen teurer werden".
Besonders beunruhigt sind die Chefs der privaten Krankenversicherungen. Sie fürchten eine Massenflucht der Frauen aus den alten Tarifen in neue und für sie deutlich billigere Unisex-Angebote - was die Beitragsberechnungen der Vergangenheit vollkommen auf den Kopf stellen würde. "Die Männer werden davon nicht begeistert sein", sagt Rolf Bauer, Chef der Dortmunder Versicherungsgruppe Continentale. "Denn ihre Tarife müsste man letztendlich teurer machen, um das auszugleichen."
Während Frauen bei der Krankenversicherung profitieren, kostet sie ihre Kfz-Versicherung künftig mehr. Sie müssen dann für den risikoreicheren Fahrstil ihrer männlichen Altersgenossen mitbezahlen, die im Schnitt mehr Unfälle verursachen.
Auch bei der Lebensversicherung könnte das Urteil für die Kunden teuer werden, warnt der Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein. Durch den Geschlechtermix würden die Berechnungen unsicherer, sagt Kleinlein.
Wenn plötzlich für Männer wie Frauen die gleichen Tarife gelten, könne bei deren Berechnung nicht einfach der Mittelwert gezogen werden. "Jetzt gibt es einen neuen Risikofaktor", so Kleinlein, "die Frauen."
Denn es kann ja sein, dass aufgrund der neuen Preise plötzlich sehr viel mehr Frauen als Männer die Police abschließen. "Der Versicherer wird für diesen Fall Vorsorge treffen", sagt Kleinlein. Mit anderen Worten: Er wird einen Risikopuffer anlegen, den er bei seinen Kunden abkassiert.
"Der Richterspruch ist der Beginn der Männerdiskriminierung", sagt Manfred Poweleit, Chefredakteur des Versicherungsdienstes "map-report". Er könne ab Weihnachten 2012 kaum einem Mann mehr raten, eine Rentenversicherung abzuschließen.
Weil Männer nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts im Durchschnitt 77,3 Jahre und Frauen 82,5 Jahre alt werden, werden Frauen im Schnitt deutlich länger von der privaten Rente profitieren. Einen Ausgleich für die Männer, beispielsweise in Form niedrigerer Prämien, gibt es nur noch in Verträgen, die bis Ende 2012 abgeschlossen werden.
"Der Richterspruch kommt 30 Jahre zu früh", sagt Poweleit. Es werde noch so lange dauern, bis sich die Lebenserwartungen der beiden Geschlechter angeglichen haben.
Von Katrin Elger, Alexander Neubacher, Christoph Pauly und Anne Seith

DER SPIEGEL 10/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VERSICHERUNGEN:
Unisex für alle

  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit