14.03.2011

ELFENBEINKÜSTEEndkampf in Abidjan

Afrikas einstiges Wirtschaftswunderland liegt in Agonie, weil sein abgewählter Präsident nicht zurücktritt. Auch die Uno weiß nicht weiter - sie muss den Wahlsieger endlich an die Macht bringen.
Im Geschäftsviertel von Treichville, im Zentrum von Abidjan, sind längst die Gitter heruntergelassen. Einige hundert Menschen haben sich zu einer Kundgebung versammelt, es ist der Weltfrauentag, Dienstag vergangener Woche, ein unverfänglicher Anlass. Da fallen plötzlich Schüsse, zunächst vereinzelt, dann immer mehr, Demonstranten wie Passanten rennen um ihr Leben. Woher das Gewehrfeuer kommt und wem es gilt - niemand in Treichville weiß das in diesem Moment zu sagen. Am Abend zählen die Ärzte in den Krankenhäusern vier Tote und fast ein Dutzend Verletzte.
Nichts mehr ist berechenbar in der "Republik Côte d'Ivoire", der Elfenbeinküste. Auch Mamadou Bamba, 55, Angestellter der Busgesellschaft von Abidjan, hat das erfahren müssen. Ende Februar wurde seine Tochter Nechamy erschossen. Sie war 18 Jahre alt, Schülerin, und sie hatte nördlich der Stadt, in Abobo, an einer Frauendemonstration gegen den immer noch amtierenden Präsidenten teilgenommen. "Panzerwagen kamen auf die Frauen zu", sie hätten plötzlich geschossen, seine Tochter sei mitten ins Gesicht getroffen worden.
"Die Gewalt in diesem Land wächst von Tag zu Tag", bestätigt Choi Young-jin. Choi ist Südkoreaner, 62 Jahre alt und der Sonderbeauftragte von Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon für die Elfenbeinküste. Dreieinhalb Jahre lang hat er sich um Aussöhnung bemüht. Es hat den Anschein, als sei alles umsonst gewesen.
Choi sitzt auf dem scharf bewachten Uno-Gelände in Abidjan, hoch über dem Hafen. Er ist der Chef von 9000 Blauhelmen, die eigentlich den Frieden bewahren sollten. Doch das Land fällt mit jedem Tag ein Stückchen weiter in Agonie. Und schuld daran ist Laurent Gbagbo.
Im vergangenen November sollte in der Elfenbeinküste ein neuer Präsident gewählt werden. Die Abstimmung fand tatsächlich statt, es war eine, wie sie in Afrika eher selten sind: weitgehend transparent und ohne Fälschungen.
Es gab auch einen Sieger: Alassane Ouattara, 69, den früheren Premierminister und langjährigen Oppositionsführer. Er schlug den 65-jährigen Gbagbo, der in den letzten zehn Jahren Präsident des Landes war, mit 54 zu 46 Prozent. Doch der Verlierer wollte nicht weichen.
Beide, Ouattara und Gbagbo, erklärten sich zu Wahlsiegern, beide legten den Amtseid ab, beide ernannten ihr Kabinett. Gbagbo blieb im Präsidentenpalast, Ouattara in einem Hotel, das er nur per Helikopter verlassen kann, weil der Wahlverlierer es mit seinen Soldaten blockiert.
Die Abstimmung hat aber nicht nur zwei Sieger hervorgebracht, sondern vor allem Verlierer - das Volk der Ivorer. Denn nun zerfällt das Land. Allein in Abidjan kamen seit der Wahl Hunderte ums Leben. Die Menschen werden bei Demonstrationen erschossen, von der Polizei erschlagen oder verschwinden einfach. Hunderttausende sind auf der Flucht.
Ganz Afrika schaut jetzt auf das Land am Golf von Guinea. Es geht um Krieg oder Frieden, um die Durchsetzung eines demokratisch legitimierten Machtanspruchs, aber auch um die Fähigkeit der Afrikanischen Union, einen Konflikt endlich einmal selbst lösen zu können.
Die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) hatte als Erste reagiert und Noch-Präsident Gbagbo angedroht, ihn mit militärischen Mitteln aus dem Präsidentenpalast zu jagen. Doch dann ließ sie den Plan wieder fallen.
Die USA und die EU haben immerhin Sanktionen gegen den Wahlverlierer verhängt, dessen Vermögen eingefroren, Einreisesperren ausgesprochen und den Kakaoexport gestoppt, die wichtigste Devisenquelle. Der Hafen von Abidjan steht nun still, Bargeld ist knapp, Lehrer bekommen kein Gehalt mehr, die Bauern bleiben auf ihren Kakaobohnen sitzen. Im Februar habe Gbagbo seine Soldaten nur deswegen noch bezahlen können, weil das befreundete Angola half.
Choi Young-jin sitzt in schwarzem Anzug und Polohemd in seinem Besprechungszimmer, er wirkt erschöpft. Die beiden Kontrahenten, die er an einen Tisch bringen sollte, hat er seit drei Monaten nicht mehr gesehen. Seit Gbagbo ihn aufgefordert hat, zusammen mit seinen Blauhelmen zu verschwinden - weil die Vereinten Nationen hinter Ouattara stünden -, kann auch er sein Gelände nur noch per Helikopter verlassen. Er fühlt sich bedroht. "Ich bin jetzt Gbagbos Feind", sagt Choi. Dabei hätte die Uno noch nie eine Wahl so gründlich begleitet wie diese, sagt er, nur 3 von 20 000 Wahlurnen seien beschädigt oder manipuliert gewesen, es gebe keinen Zweifel am Endergebnis.
Aber Gbagbo denkt nicht daran, den Präsidentenpalast zu räumen. Fast ein Dutzend Staats- und Regierungschefs, die als Vermittler anreisten, hat er wieder nach Hause geschickt. Auch der vorläufig letzte Einigungsversuch, am Donnerstag in Addis Abeba, scheiterte.
Nun rüsten beide Seiten auf. Vor allem die "Forces nouvelles", die Milizen, die Ouattara unterstützen, sind nur noch schwer unter Kontrolle zu halten, sie rücken nach Süden vor. Im Februar haben sie Abobo eingenommen, jene Vorstadt von Abidjan. In Abobo, wo über eine Million Menschen leben, hatten 86 Prozent für Ouattara gestimmt. "Ouattaras Männer finden sich nicht länger damit ab, dass ihr Chef in einem Luxushotel sitzt und sie in ihren Stellungen ausharren sollen", sagt ein Militärexperte.
Wer von Abidjan nach Norden fährt, muss auf 250 Kilometern über 30 Kontrollposten passieren. Schrottautos, Baumstämme oder Holztische versperren den Weg, als neue Herren über Recht und Gesetz posieren 17- oder 20-Jährige - eine Mischung aus Möchtegern-Rambos, Piraten und Junkies. Manche sind mit Macheten bewaffnet, sie tragen clowneske Hüte und kommen in Badelatschen daher. Mal sind es Ouattara-Anhänger, die im Kofferraum stöbern, dann wieder "Junge Patrioten", die auf Gbagbo hören. Oder einfach nur Dorfmilizen.
Die Elfenbeinküste galt lange als eines der kapitalistischen Wunderländer Afrikas. Die Wirtschaft wuchs wie kaum eine andere auf dem Kontinent, in der neuen Hauptstadt Yamassoukro entstanden achtspurige Straßen und eine Kathedrale, die höher ist als der Petersdom in Rom. Und das alles dank der Kakaopflanze.
Aber schon damals war die Elfenbeinküste geteilt in einen verarmten agrarischen Norden und den reichen Süden mit seinen Plantagen. Mit dem Absturz des Kakaopreises Ende der neunziger Jahre begann der Niedergang des Landes.
2002 erhob sich ein Teil der Armee, die Forces nouvelles, gegen die Regierung und brachte die nördliche Hälfte des Staates unter seine Kontrolle. Zwar kam es fünf Jahre später zu einem Friedensabkommen, doch die Zweiteilung blieb weitgehend bestehen. Für Gbagbo war sie immer wieder willkommener Anlass, die überfälligen Wahlen aufzuschieben.
Seinem Konkurrenten Alassane Ouattara war früher schon zweimal die Zulassung als Präsidentschaftskandidat verweigert worden: 1995 und 2000. Der Urnengang im November war seine letzte Chance.
Auch Ouattaras Anhänger wissen das. In Abobo haben nun die Forces nouvelles das Kommando übernommen. Im Bezirk PK-18, in dem einst unterschiedliche ethnische Gruppen aus dem Norden und aus dem Süden friedlich nebeneinanderlebten, Chris-ten und Muslime, sind fast alle Läden geschlossen. Auf den Straßen Reste von Barrikaden, manche Häuser zeigen Einschusslöcher.
Dage, 32, hat sich zum Schutz gegen den Feind ein Bündel Amulette umgehängt. "Wir haben uns nur verteidigt", sagt er und zeigt auf die Hülsen von Flak-Geschossen, mit denen Gbagbo-Truppen gefeuert hätten. Er ist einer der Männer, auf die Ouattara jetzt setzt.
Für Gbagbo aber hat der Endkampf begonnen, die Sanktionen schmerzen immer mehr. Kann er Polizei, Armee und seine republikanischen Garden nicht mehr bezahlen, droht ihm das Aus. Vergangenen Montag verstaatlichte er den Kakaohandel und ordnete an, bis Ende März 340 000 Tonnen Bohnen zu verkaufen, er erwarte von den Exporteuren bis gut 90 Millionen Euro an Steuern. Ein utopisches Ziel, wenn niemand mehr den Kakao abnimmt.
Auch für Choi Young-jin steht viel auf dem Spiel, die Weltgemeinschaft kann sich von einem Wahlverlierer nicht länger vorführen lassen. In diesen Tagen bekommt er drei zusätzliche Helikopter und 2000 Soldaten. "Wenn wir das hier durchgehen lassen", sagt Choi, "werden uns die Afrikaner immer fragen, welchen Wert demokratische Wahlen noch besitzen."
Von Horand Knaup

DER SPIEGEL 11/2011
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