21.03.2011

WELTHANDELSchockwellen aus Fernost

Die Katastrophe in Japan zeigt, wie verletzlich die globale Wirtschaft ist. Doch der Schaden für die Weltkonjunktur ist verkraftbar - solange es nicht zum Super-GAU kommt.
Von Tokio bis nach Mulfingen und Künzelsau sind es rund 9000 Kilometer, aber es dauerte nicht lange, da hatten die Schockwellen aus Japan auch die Ortschaften im Hohenlohekreis im Nordosten Baden-Württembergs erreicht. Viele erfolgreiche Mittelständler haben hier ihren Firmensitz, die Unternehmen EBM Papst und Ziehl-Abegg zum Beispiel, Nummer eins und Nummer zwei auf dem Weltmarkt für Ventilatoren und spezielle Lüftungsanlagen.
Normalerweise stehen die beiden Firmen in Konkurrenz zueinander, aber jetzt eint sie dasselbe Schicksal. Einer ihrer wichtigsten Zulieferer ist ausgefallen; es handelt sich um eine Computerchip-Fabrik von Toshiba im Norden Japans. Detaillierte Informationen über die Lage vor Ort fehlen. Doch nach allem, was die Firmenchefs gehört haben, sollen Erdbeben und Tsunami die Fabrik schwer beschädigt haben.
"Verzögert sich die Lieferung, kann das ganze Produktionsabläufe zum Erliegen bringen", befürchtet Peter Fenkl, Vorstandsvorsitzender von Ziehl-Abegg. "Wir rechnen damit, dass unsere Bänder ein bis zwei Wochen stillstehen könnten", sagt Hans-Jochen Beilke, Vorsitzender der Geschäftsführung von EBM Papst.
Das Ausmaß der Katastrophe in Japan ist noch längst nicht erfasst, doch es zeichnet sich bereits ab, dass der ökonomische Schaden beträchtlich ist. Normalerweise exportiert die drittgrößte Volkswirtschaft ihre Waren in jeden Winkel der Erde. Japanische Konzerne beliefern die Weltmärkte mit modernen Speicherchips, Fernsehflachbildschirmen, Kameras und Mittelklasseautos. Die französische Bank Crédit Lyonnais schätzt, dass etwa ein Fünftel aller Hightech-Erzeugnisse weltweit aus Japan stammt.
Nun ist die Produktion durch das verheerende Erdbeben, den Tsunami und die vielerorts unterbrochene Stromversorgung ins Stocken geraten - und es dürfte noch sehr viel schlimmer kommen, sollten die Versuche zur Rettung der beschädigten Atomreaktoren scheitern.
Währungsspekulanten heizen die Nachfrage nach Yen an, weil sie damit rechnen, dass der Wiederaufbau des Landes Milliardenbeträge kosten wird. Nervöse Anleger lassen die Aktienkurse in New York, Frankfurt und Tokio Achterbahn fahren. In den düstersten Szenarien der Wirtschaftsexperten ist von einer globalen Rezession die Rede, von einer "globalen Monsterwelle" und einem "nuklearen Winter für die Wirtschaft", wie es ein Frankfurter Wertpapierhändler vergangene Woche ausdrückte.
Von Japan hat die Welt einst gelernt, wie eine moderne Fabrik funktioniert. Nun sind es ausgerechnet japanische Zulieferer, bei denen die Wertschöpfungskette abreißt. Das Getriebe, das Porsche in seinem Geländewagenmodell Cayenne verbaut, kommt vom japanischen Hersteller Aisin, doch dort ist die Produktion gestört. Ein wichtiger Speicherchip im iPad von Apple stammt aus einer nun beschädigten Toshiba-Fabrik. Opel hat angekündigt, dass im Werk Eisenach bereits diese Woche Schichten ausfallen müssen, weil ein japanisches Bauteil für den Opel Corsa fehlt.
Es zeigt sich, wie verletzbar die globalisierte Wirtschaft ist, zumal auch die Handelswege gestört sind. Containerfrachter von Hapag-Lloyd können den zerstörten Hafen von Sendai nicht mehr anlaufen. Lufthansa Cargo fliegt Tokio wegen der Verstrahlungsgefahr nicht mehr regelmäßig an. Doch die Fabriken sind auf steten Nachschub angewiesen, seit sie aus Kostengründen keine eigenen Lager mehr unterhalten. Ihre Vorräte reichen oft nur noch für wenige Tage. Das macht sie so anfällig.
Bei den Weltmarktführern EBM Papst und Ziehl-Abegg im Hohenlohekreis hängt die Fertigung jetzt von wenigen elektronischen Bauteilen ab. Im Einkauf kosten diese oft nur ein paar Cent. Doch ohne die Transformatoren, Widerstände und Speicherchips aus japanischer Produktion funktionieren weder die Lüftungsvorrichtungen in Laptops und Automotoren noch die Klimaanlagen für New Yorker Hochhäuser oder Pilgerhotels in Mekka.
"Es wird Auswirkungen geben", sagt Ziehl-Abegg-Chef Fenkl. Die Auftragsbücher sind voll, die Lager aber leider nicht. Und selbst wenn es gelingt, rechtzeitig an neue Ware heranzukommen, ist die Gefahr für die Wirtschaft nicht gebannt. "Was würde es nützen, wenn wir unsere Ventilatoren termingerecht an einen Autohersteller liefern, dort aber ein anderer Zulieferer mit den Benzinpumpen im Verzug ist, weil ihm Elektronikteile aus Japan fehlen?", fragt Fenkl.
Dabei ist der drohende Schaden für deutsche Unternehmen noch gering, jedenfalls im Vergleich zur Wirtschaft Asiens und Nordamerikas. Das Handelsvolumen zwischen Japan und der Bundesrepublik beträgt etwa 35 Milliarden Euro im Jahr. Das ist ein Bruchteil des Warenwerts, der zwischen Japan und China abgerechnet wird.
Etwa 200 Milliarden Dollar wird es nach Expertenschätzung kosten, die von Erdbeben und Tsunami angerichteten Schäden zu beseitigen und das in Tei-len zerstörte Land wiederaufzubauen. Es wird Jahre dauern, aber die Fachleute halten es für eine lösbare Aufgabe. Der Wiederaufbau von Kobe nach dem verheerenden Erdbeben im Jahr 1995 kostete rund hundert Milliarden Dollar und erwies sich als eine Art Konjunkturprogramm für die japanische Wirtschaft.
Ganz anders sieht es aus, sollte es bei den beschädigten Reaktoren in Fukushima zum Super-GAU kommen. Weite Teile Japans würden dauerhaft unbewohnbar. Es wäre ein Schock, den die Welt so schnell nicht verkraften könnte.
"Es wäre eine Situation, die vergleichbar mit Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist", sagt Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz-Versicherung, prognostiziert: "Das würde die Finanzmärkte erschüttern und könnte den Aufschwung der Weltwirtschaft zum Stillstand kommen lassen."
Die Schweizer Privatbank Sarasin rechnet im schlimmsten Fall damit, dass Japan auf Dauer etwa zehn Prozent seiner Wirtschaftkraft verliert, sollten größere Landesteile verstrahlt werden. Das weltweite Wachstum würde dadurch um etwa ein Prozentpunkt gedämpft.
Wie unsicher die Lage ist, zeigt sich derzeit auf den Aktien- und Devisenmärkten. Der Leitindex der Tokioter Börse verlor Anfang vergangener Woche zunächst fast 15 Prozent, begab sich dann aber auf eine Art Berg-und-Tal-Fahrt. Bei Börsenschluss am vergangenen Freitag hatten viele Unternehmen einen Teil der Verluste vom Wochenbeginn wieder aufgeholt.
Wer zunächst erwartet hatte, der japanische Yen werde in Zeiten der Not unter Druck geraten, sah sich getäuscht. Das Gegenteil trat ein; der Yen wurde teurer und teurer.
Vergangenen Donnerstag gab es für einen US-Dollar gerade noch 76 Yen, so wenig wie nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs; dann reichte es den Finanzministern und den Notenbankchefs der wichtigsten Industrienationen. In einer gemeinsamen Aktion warfen sie Yen auf den Markt. Auf diese Weise gelang es zumindest vorläufig, die Aufwertung des Yen zu stoppen - zur Erleichterung der japanischen Exportunternehmen. Gerade in der Krise sind sie darauf angewiesen, ihre Produkte zu einem vernünftigen Preis auf dem Weltmarkt verkaufen zu können.
Das gilt freilich nur, wenn sie überhaupt noch Waren produzieren.
Von Peter Müller und Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 12/2011
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