21.03.2011

Überall

Der Philosoph Günther Anders fand im 20. Jahrhundert mustergültige Formulierungen für die atomare Bedrohung.
Von ihm stammt die Formel "Hiroshima ist überall". Unter dem Eindruck einer Reise zu den von Atombomben vernichteten Städten Hiroshima und Nagasaki, die er 1958 unternahm, formulierte Günther Anders seine legendären "Thesen zum Atomzeitalter", in denen er das Fazit zog: "Was jeden treffen kann, betrifft jeden." Anders (1902 bis 1992) war wie sein Freund Robert Jungk eine Leitfigur der deutschen Anti-Atom-Bewegung. Bei seinem Besuch in Japan hatte Anders die verwirrende Erfahrung gemacht, dass bei den Überlebenden keinerlei Hass vorhanden war, nicht einmal gegenüber den amerikanischen Soldaten. "Nirgends eine Spur von Bosheit", stellte er fest, "lediglich Trümmer".
Den Zweiten Weltkrieg hatte der jüdische Schriftsteller und Philosoph im amerikanischen Exil überlebt. Im Europa der Nachkriegsjahre hielt er es für seine Pflicht, die atomare Bedrohung ins Zentrum seines Denkens zu rücken.
In seinem Hauptwerk "Die Antiquiertheit des Menschen", dessen erster Band 1956 erschien, spricht er von "Apokalypse-Blindheit". Die Menschen wollten nicht sehen, was für Anders offensichtlich schien: die allgegenwärtige finale Bedrohung. Er nannte die gleichgültigen Zeitgenossen "Analphabeten der Angst", sprach auch von einem "Zeitalter der Unfähigkeit zur Angst".
"Die Antiquiertheit des Menschen" hieß für ihn: Wir seien dem nicht gewachsen, was wir herstellen können. Unser Fühlen humpele unserem Tun hinterher: "Zerbomben können wir zwar Hunderttausende; sie aber beweinen oder bereuen nicht." Anders zeigte durchaus Verständnis für die Unfähigkeit seiner Mitmenschen, "den apokalyptischen Gedanken des Endes wirklich zu fassen und zu halten". Anders war 83, als sich im April 1986 die Katastrophe von Tschernobyl ereignete. Nicht nur die militärische, sondern auch die zivile Nutzung der Atomenergie war zur globalen Bedrohung geworden. Ein zweites Hiroshima könne sich an "jedem anderen Ort auf dem Globus" ereignen, ein zweites Tschernobyl aber könne wie eine Seuche "alle Punkte der Erde erreichen". Man dürfe nicht müde werden, den Menschen zu sagen: "So etwas kann immer wieder passieren." Tschernobyl sei ein Symbol, sagte Anders in einem Interview, so wie Hiroshima eines sei. Es sei "vollkommen berechtigt", dass "hinter meinem Rücken" aus seiner Parole "Hiroshima ist überall" nun ein "Tschernobyl ist überall" geworden war.
Aber das genügte dem alten zornigen Mann irgendwann nicht mehr. Alles Reden und Demonstrieren schien ihm längst vergebens. Er kam zu der Überzeugung, "dass mit Gewaltlosigkeit nichts mehr zu erreichen ist". Er sah durch die Existenz der Atomkraftwerke einen Notstand gegeben, der zur Notwehr berechtige. Sein Vorbild war die französische Résistance, doch in Wahrheit war er längst ein Terrorist im Geiste geworden.
Entsprechend ablehnend war das Echo, selbst unter Freunden und Mitstreitern. Den Weg der Gewalt gegen Gewalt könne er nicht mitgehen, schrieb 1987 Robert Jungk. Anders starb sechs Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl. Das Buch mit dem Titel "Notstand und Notwehr" hat er nie vollendet.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 12/2011
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