04.04.2011

TÜRKEIArmee des Imam

Obwohl er im Exil in den USA lebt, ist er einer der mächtigsten Männer der Türkei: Fethullah Gülen, 69, Prediger und Gründer der islamistischen Gülen-Bewegung. Zu deren Imperium gehören Zeitungen, Banken, Schulen in mehr als hundert Ländern der Welt - auch in Deutschland. Gülen selbst musste nach einer radikalen Predigt 1999 aus der Türkei fliehen, doch sein Einfluss auf die türkische Politik scheint ungebrochen. Das mutmaßlich jüngste Opfer: der türkische Journalist Ahmet Şik. In seinem unveröffentlichten Buch "Die Armee des Imam", das dem SPIEGEL vorliegt, beschreibt der Autor, wie es der Gülen-Gemeinde gelungen ist, Polizei und Justiz zu unterwandern. Noch vor Abschluss der Recherche wurde Şik verhaftet.
Der Journalist ist nicht der erste Gülen-Gegner, der verfolgt wird: Im Herbst 2010 wurde der frühere Polizeichef Hanefi Avci festgenommen, kurz nach der Veröffentlichung eines Gülen-kritischen Buchs. "Es ist unmöglich zu beweisen, dass Mitglieder der Gülen-Bewegung die türkische Polizei kontrollieren, aber wir haben niemanden getroffen, der es bestreitet", schreiben US-Botschaftsangehörige in einer der von WikiLeaks veröffentlichten Depeschen. Gülen allerdings dementiert jegliche Verwicklung. Schon 2007 ermittelte der damalige Staatsanwalt Ilhan Cihaner gegen die Gülen-Gruppe. Später wurde Cihaner unter Arrest gestellt. "Wer sich mit Gülen anlegt, wird vernichtet", sagt Cihaner.
In der Türkei ist nun die Furcht vor weiteren Verhaftungen groß. "Niemand weiß, wen es als Nächstes trifft", sagt der frühere Vorsitzende der Istanbuler Anwaltskammer Turgut Kazan.
Zwar wurde dem gegen Şik ermittelnden Staatsanwalt Ende vergangener Woche das Verfahren entzogen - ein erster Hinweis darauf, dass Premier Recep Tayyip Erdogan versucht, den Skandal einzudämmen. Doch Sondereinheiten der Polizei fahnden weiter nach Kopien des Şik-Buchs. Blogger wollen das Buch ins Netz stellen. Die Adresse: www.imamordusu.com.

DER SPIEGEL 14/2011
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TÜRKEI:
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