04.04.2011

JAPANDer Zornige

Ministerpräsident Naoto Kan will die Krise seines Landes mit Methoden lösen, die sich an westlichen Vorbildern orientieren. Damit verstößt er gegen die traditionellen Regeln des japanischen Systems und setzt seine eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel.
Drei Wochen lang trug der Mann, der das Land retten soll, keinen Anzug mehr, sondern meistens einen frisch gestärkten blauen Overall. Manchmal ist auch jetzt noch zu sehen, wie er seine Hände, die er früher beim Reden weit öffnete wie ein Prediger, zu Fäusten ballt. Sein Lächeln ist ihm abhandengekommen, und je grimmiger und entschlossener er in die Fernsehkameras blickt, desto banger schauen seine Landsleute in die Zukunft.
Naoto Kan, 64, ist Japans fünfter Premierminister in fünf Jahren. Er ist erst der fünfte seit 1955, der nicht der staatstragenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) angehört. Er wird, so viel steht jetzt schon fest, den Japanern im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger in Erinnerung bleiben.
Ohne das Desaster von Fukushima wäre er wahrscheinlich gar nicht mehr im Amt. Denn am Vormittag des 11. März musste Kan im Parlament einräumen, dass er illegale Spendengelder kassiert hatte.
Am Nachmittag des 11. März bebte dann im Nordosten Japans die Erde, und der Tsunami spülte Kan eine Krise von überwältigendem Ausmaß vor die Tür - und damit auch eine zweite Chance als Politiker.
Das Problem ist nur: Naoto Kan ist Naoto Kan geblieben, ein Typ von Politiker, für dessen Führungsstil Japan nicht das richtige Land zu sein scheint.
Kan versucht, Japan wie ein amerikanischer Präsident zu regieren, er will führen, straff von oben nach unten. Im Juni 2010 trat er an, um ein "kräftiges Japan wiederauferstehen" zu lassen. Er sagte seinem Volk, dass er die Verbrauchsteuern verdoppeln wolle, um die gigantische Staatsverschuldung einzudämmen.
Gleich darauf bekam er die Quittung, bei der Oberhauswahl im Juli 2010 verlor seine Demokratische Partei (DPJ) prompt die Mehrheit, und aus Kan wurde, was man in Amerika eine "lame duck" nennt, eine "lahme Ente".
Nun aber geschah Fukushima, und Kan will alles richtig machen. So wie er das angeht, scheint er sich nicht an japanischen Vorbildern zu messen, sondern um jeden Preis eine Blamage wie die des damaligen US-Präsidenten George W. Bush nach dem Hurrikan Katrina im Jahr 2005 vermeiden zu wollen.
Am Morgen nach dem Tsunami zog Kan sich eine Tarnuniform der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte an, bestieg einen Militärhubschrauber und ließ sich über die verwüstete nordostjapanische Küste zum havarierten Kernkraftwerk Fukushima fliegen.
Ernst und schweigsam blickte er aus dem Helikopter, wie auch Staatsmänner im Westen das tun. Für viele seiner Landsleute hat sich Kan mit diesem Foto als Krisenmanager disqualifiziert.
Die Opposition und fast alle Medien des Landes werfen dem Premier vor, er habe sich einen pathetischen Alleingang geleistet, eine unjapanische "Performance", für die es in der Sprache des Inselvolks keinen eigenen Ausdruck gibt, nur das entsprechende englische Fremdwort: "pafoomansu".
In einem Land, wo jeder von klein auf lernt, bescheiden zu sein und sich einzufügen, verstieß Kans Auftritt gegen gesellschaftliche Normen. Kan muss sich sogar gegen den Vorwurf wehren, mit seinem Hubschrauber-Ausflug die Rettung des Kernkraftwerks verzögert zu haben: Um den Premier vor radioaktiver Strahlung zu schützen, habe der Betreiber Tokyo Electric Power Company (Tepco) damit gewartet, Druck aus einem der überhitzten Reaktoren abzulassen; viel zu lange, so der Vorwurf, um die Explosion zu verhindern, die kurz darauf das Gebäude von Reaktorblock 1 zerstörte.
Diese Kritik wies Kan am vorigen Dienstag im Parlament zurück. Doch Worte verhallen, das Foto von Kan im Hubschrauber aber bleibt haften: Für viele Japaner zeigt es einen Politiker, der den jetzt nötigen nationalen Kraftakt mit theatralischen, an westlichen Vorbildern orientierten Polit-Auftritten gefährdet. Kans Foto wurde gleichsam zur Metapher einer Naturkatastrophe, die sich zu einer Krise des politischen Systems auswächst.
Irritiert erlebt Japan, das Reich der selbstbewussten Ingenieure, der sicheren Autos, der superschnellen Züge, der sprechenden Roboter, wie Fukushima immer weitere Flächen des Landes wohl auf Jahre radioaktiv verseucht.
Beeindruckt beobachten die Japaner dagegen den verzweifelten Kampf der über 400 Techniker und Arbeiter auf dem Kraftwerksgelände in Fukushima (siehe Seite 110). Sie bewundern den Einsatz der rund 100 000 Soldaten in den vom Tsunami verwüsteten Gebieten. Lange waren die Angehörigen der sogenannten Selbstverteidigungsstreitkräfte unter ihren Landsleuten nicht sonderlich beliebt; mit seiner pazifistischen Verfassung von 1946 hatte sich das Land grundsätzlich von allem distanziert, was auch nur entfernt mit Krieg und Militär zu tun hatte.
Doch nun transportieren die Soldaten Lebensmittel auch in Siedlungen, in die private Lkw-Fahrer sich nicht mehr hineinwagen. Sie stellen provisorische Badehäuser auf, wo sich die Bewohner der häufig ungeheizten Notunterkünfte waschen und aufwärmen können. Sie suchen in den Ruinen nach Toten und begraben sie anschließend so würdevoll, wie das unter den katastrophalen Bedingungen derzeit eben möglich ist.
Mit diesen Helden verglichen, wirken die Krisenmanager in Tokio auf ihre Bürger oft wie Versager. Sie wahren immer nur äußerlich die Form, sie verbeugen sich, sie bitten um Verzeihung - und machen am Ende doch vieles falsch.
Wenn die japanische Vertrauenskrise neben Naoto Kan noch ein zweites Gesicht hat, dann ist es das von Masataka Shimizu, 66. Der Präsident von Tepco hat sich seit Beginn der Reaktorkatastrophe nur einmal der Presse gestellt, und zwar ganze 29 Stunden nach der ersten Explosion. Auf die Reaktorkatastrophe selbst ging er dabei gar nicht ein, auch nicht auf das Organisationschaos bei Tepco.
Später tauchte der Tepco-Boss dann sogar mehrere Tage lang ab, Medien begannen bereits darüber zu spekulieren, ob er sich das Leben genommen habe. Schließlich gab Tepco kleinlaut zu, Shimizu habe sich krankgemeldet. Am vergangenen Mittwoch ließ er sich dann in ein Hospital einweisen: Er leide an Bluthochdruck und Schwindelanfällen, meldete sein Arbeitgeber.
Vielleicht ist Shimizu tatsächlich krank. Auf jeden Fall ist aber auch er zu einem Symbol geworden - für eine Elite japanischer Bosse und Bürokraten, die ihren Premier und ranghöchsten Krisenmanager am liebsten allein weiterkämpfen lassen würden, wie einen einsamen Feldherrn auf dem Hügel.
Denn die Bürokratie hat mit Kan und seiner Demokratischen Partei eine Rechnung offen: Gleich im Herbst 2009, nachdem die DPJ die LDP abgelöst hatte, kündigte die neue Regierung an, einen neuen Stil "politischer Führung" durchzusetzen.
Bis dahin hatten die Politiker den Beamten den Staat überlassen. Japan hatte sich zu einem Land entwickelt, das im Grunde wie von selbst funktionierte. Die Politiker gaben nur die große Linie vor. Doch Kans Partei fing nun an, den Bürokraten bis in kleinste Details hineinzureden. Noch schlimmer: Sie begann, ihnen ihre Privilegien streitig zu machen, sie untersagte ihnen, nach ihrer Pensionierung als sogenannte Himmelsboten (Amakudari) auf lukrative Posten bei staatlichen oder halbstaatlichen Firmen zu wechseln.
Die Bürokratie rächte sich, sie blockierte die neuen Machthaber, wo sie konnte, und lancierte einen Spendenskandal nach dem anderen. Statt Japan zu reformieren, mussten sich die Führer der DPJ gegen immer neue Vorwürfe wehren, "Geld mit Politik" zu verquicken.
Wie unter einem Brennglas offenbart Fukushima nun auch der Welt außerhalb Japans, wie sich die Krisenmanager in Tokio gegenseitig lähmen: Hier Kan und sein Sprecher Yukio Edano, die führen möchten, dort Tepco, der überforderte Stromgigant. Und diesen beiden gegenüber eine zwar schon entmündigte Bürokratie, die aber noch stark genug ist, um nicht vorbehaltlos zu kooperieren.
Mit jeder Pressekonferenz wird noch deutlicher, wie sehr die verschiedenen Krisenstäbe um Kompetenz rangeln. Es ist immer das gleiche bizarre Ritual, in dem die eine Information der anderen widerspricht. Nur die Reihenfolge ändert sich ab und zu: Mal tritt Regierungssprecher Edano zuerst auf - in hellblauer Katastrophen-Uniform -, mal die Tepco-Bosse - in dunkelblauer Uniform. Mal schreitet der Sprecher von Nisa, der Atomaufsichtsbehörde, als Erster zum Pult - er trägt eine weiße Uniform mit blauen Schulterstreifen -, mal die Vertreter von NSC, der Kommission für Nukleare Sicherheit - sie sind an ihren leuchtend gelben Uniformen zu erkennen.
Vielleicht hätte Kan seinen Beamten das Krisenmanagement einfach überlassen sollen, wie Premierminister Tomiichi Murayama nach dem Erdbeben von Kobe 1995. Doch am fünften Tag der Katastrophe, dem 15. März, tat Kan das genaue Gegenteil. Er versuchte, Fukushima zur Chefsache zu machen.
Um halb sechs Uhr früh ließ er sich in seiner schwarzen Dienstlimousine zur Tepco-Zentrale fahren. Übermüdet in die Rückbank gedrückt, ließ er Tokios leere Straßen an sich vorüberziehen. Er war es leid, noch länger ohnmächtig in seinem Amtssitz auszuharren.
Mehr als drei Stunden lang nahm er sich die Tepco-Manager vor. "Was ist hier eigentlich los?", brüllte er sie an. "Ein Rückzug von der Anlage kommt nicht in Frage, wir haben nur euch!" Er wollte die dicken Mauern durchbrechen, die Japans über Jahrzehnte gewachsene Institutionen voneinander trennen - und die einen effektiven Einsatz in Fukushima lange behinderten. So stark schätzte er den Widerstand der Firmenchefs ein, dass er ihnen androhte, Tepco untergehen zu lassen.
Genau dieser Untergang, zumindest als privates börsennotiertes Unternehmen, steht inzwischen so gut wie fest. Auf die Firma könnten Entschädigungsforderungen von schätzungsweise zehn Billionen Yen (umgerechnet 85 Milliarden Euro) zukommen. Tepco, das so viel Geld nicht annähernd aufbringen kann, dürfte verstaatlicht werden.
Von den Japanern wird Kans zorniger Auftritt bei Tepco inzwischen ähnlich heftig kritisiert wie sein Helikopterflug. Der Premier hatte offenbar einen Erfolg erhofft, wie er ihn - mit ähnlichen Mitteln - vor 15 Jahren erzielt hatte: Als Gesundheitsminister klärte Kan damals einen Skandal um mit HIV verseuchte Blutkonserven auf. Er schrie seine Beamten so lange an, bis sie am Ende die Dokumente aus dem Archiv holten, die ihr Ressort als mitverantwortlich entlarvten.
"Ira-Kan", den "gereizten Kan", nannten die Japaner den Politiker damals noch ehrfurchtsvoll. Doch in der aktuellen Krise wirkt er wie einer, dem die Nerven durchgehen und der den Untergebenen die Motivation nimmt. Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass sich Tepco-Boss Shimizu gleich am Tag nach Kans Standpauke krankmeldete.
"Wenn Kan sein merkwürdiges Verhalten nicht ändert, können wir diese Krise nicht überwinden", warnt der Sicherheitsexperte Shigeharu Aoyama. Alleine, das weiß auch Kan, kann er die Krise nicht meistern. Deshalb schlug er den oppositionellen Liberaldemokraten kürzlich die Gründung einer großen Koalition vor.
Politisch sollte ein solcher Schritt kein Problem sein: Ideologisch trennt die beiden Parteien nicht viel. Kan bot dem Oppositionsführer Sadakazu Tanigaki, 66, das Amt des Vize-Premiers und Katastrophenschutzministers an. Doch der LDP-Führer, der inzwischen ebenfalls in blauer Krisen-Uniform vor den TV-Kameras auftritt, lehnte zunächst ab.
Diese Flucht vor der Verantwortung kommt bei den Japanern nicht gut an: Dass die Welt dem Land überhaupt noch vertraue, schreibt die Zeitung "Mainichi", sei nur den Anstrengungen der Bevölkerung, der Firmen und der betroffenen Kommunen zu verdanken. "Statt sich in ihren Krisen-Uniformen zu profilieren", so die Zeitung, sollten die Politiker endlich Resultate vorweisen.
Trost spendet dem Inselvolk indes Kaiser Akihito, 77 - nicht mit großen Worten, sondern mit bescheidenen Gesten: Mit Kaiserin Michiko, 76, besuchte er am vergangenen Mittwoch Überlebende aus der Präfektur Fukushima in einer Notunterkunft in Tokio. Auch er hätte wie Naoto Kan per Hubschrauber über das Krisengebiet fliegen können. Doch der Tenno, dessen Vater 1946 auf den Status der Göttlichkeit verzichtete, kniete sich zu den auf dem Fußboden Sitzenden hinunter, um auf Augenhöhe mit den Opfern zu sein.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 14/2011
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