11.04.2011

ELFENBEINKÜSTEIm Bunker

Mit Hilfe der Franzosen versucht Präsident Quattara, Ordnung im umkämpften Abidjan zu schaffen. Militärisch konnte er seinen Gegner Gbagbo nicht besiegen, nun will er ihn aushungern.
Die Straßen von Abidjan, der einst blühendsten Metropole Westafrikas, sind fast menschenleer, die meisten Geschäfte geplündert. Es gibt keinen Strom und kein Wasser mehr, das Handynetz ist teilweise kollabiert.
Nur die Blauhelme der Uno und die Trupps der französischen Armee, die durch die Straßen patrouillieren, bewahren die Stadt vor der totalen Anarchie.
Nach einer Woche, in der Endzeitstimmung herrschte, sind am vergangenen Freitag erstmals wieder ein paar fliegende Händler unterwegs im Süden der Stadt. Die Leichen, die tags zuvor auf den Straßen lagen, sind weggeräumt, auch die meisten Checkpoints der rivalisierenden Milizen.
Es soll bald wieder Normalität herrschen in Abidjan, das hat der gewählte Präsident Alassane Ouattara am Vorabend im Fernsehen verkündet. Da ist nur ein Problem: In der Residenz des Präsidenten harrt an diesem Tag immer noch Ex-Staatschef Laurent Gbagbo aus, mit Gefolgsleuten und Elitesoldaten.
Ein Präsident, der keiner mehr ist und sich in einem luxuriösen Bunker verschanzt, und ein gewählter Präsident, der nicht herankommt an die Macht - das hat es auch in Afrika noch nicht gegeben. Und dann ist da Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht, die sich raushalten wollte aus dem Konflikt und plötzlich Kriegspartei ist. Die Elfenbeinküste ist in diesen Wochen ein anschauliches Beispiel, warum die Staatsform Demokratie so einen schweren Stand hat in Afrika.
Seit viereinhalb Monaten ringen in Abidjan zwei Männer erbittert um die Macht. Der eine, Ouattara, der die Wahl gewonnen hat und den auch die Weltöffentlichkeit als Sieger anerkennt, kontrolliert mit seinen Truppen inzwischen praktisch das gesamte Land, nicht aber die Präsidentenresidenz in Abidjan. Dort sitzt der andere, Gbagbo, und hält dieselbe Weltöffentlichkeit zum Narren.
Die Truppen der beiden haben im ganzen Land Hunderte von Zivilisten umgebracht. Auch Wahlsieger Ouattara hat viel von seinem Ansehen eingebüßt. Im Westen des Landes ist ein Massengrab gefunden worden, es gibt Zeugen, die die Bluttaten seinen Milizen zuschreiben. Der Präsident hat eine Untersuchung angekündigt, aber der Vorwurf bleibt hängen.
Manche Experten fürchten, dass der Machtkampf der beiden, je länger er dauert, zum Konflikt der Religionen werden könnte: die muslimischen Anhänger Ouattaras aus dem Norden gegen die christlichen Gbagbo-Anhänger aus dem Süden.
Die EU, die Afrikanische Union und selbst US-Präsident Barack Obama haben eindringlich an Gbagbo appelliert, die Macht abzugeben. Die Blauhelme in Abidjan sicherten ihm einen geschützten Abzug zu. Zweimal, am vorvergangenen Freitag und am vergangenen Dienstag, schien es, als ginge es nur noch um Formalitäten. Gbagbo bat um eine Feuerpause und den Schutz der Vereinten Nationen. Er sei "müde", kein "Kamikaze", und im Übrigen "liebe ich das Leben", ließ er wissen.
Doch er kam nicht aus seinem unterirdischen Versteck, er weigerte sich, den Sieg von Ouattara schriftlich anzuerkennen, wie es die Uno und die Franzosen gefordert hatten. Er blieb einfach.
Als Ouattaras Truppen die Residenz am Dienstag stürmen wollten, scheiterten sie kläglich. Explosionen dröhnten durch die Nacht, auf dem weitläufigen Gelände der Residenz detonierten Granaten, der reiche Stadtteil Cocody leuchtete im Schein der ausgebrochenen Feuer.
Die Offensive war ein Desaster für Ouattara. Dutzende seiner Kämpfer starben, er gewann keinen Meter Gelände, er musste sich zurückziehen. Aus der Residenz meldete sich Gbagbo gut gelaunt via Interview: "Wir sind nicht in einem Stadium, um zu verhandeln. Ich bin in der Residenz - der Residenz des Präsidenten der Republik."
Im Staatsfernsehen ließ Ouattara Szenen aus "Der Untergang" zeigen, dem deutschen Film über Hitlers letzte Tage im Berliner Führerbunker. Damit bewog er seinen Gegner allerdings auch nicht zur Aufgabe.
Der Strom und die Wasserzufuhr in die Residenz waren zwar längst unterbrochen. Aber Gbagbo hatte Zeit gehabt, sich auf diesen Moment vorzubereiten. Er hatte Generatoren in den Bunker schaffen lassen, eine Wasseraufbereitungsanlage. Umgeben ist er von mutmaßlich 100 Vertrauten, bewacht wird er von vielleicht 300 in Israel trainierten Elitesoldaten. "Wenn er will, kann er Monate dort aushalten", sagt einer, der es wissen muss.
Der Schweizer Kelnor Panglungtshang, Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Abidjan, berichtet, dass er mit seinen Mitarbeitern im Hauptquartier in der Nähe des Präsidentenpalastes festsitze. "Da fallen Schüsse in einem Viertel irgendwo in Abidjan, Bewaffnete dringen in ein Haus ein, die Leute rufen uns an, und wir können nicht mehr kommen, um zu helfen." Das Schlimme sei, dass auch ihnen jetzt die Nahrungsmittel ausgingen.
Im Süden der Stadt, an der Küste, wenige Kilometer vom Flughafen entfernt, liegt Camp Licorne, der Militärstützpunkt der französischen Armee. Hier sammeln sich die Ausländer, die rauswollen aus der Hölle von Abidjan. 1650 Soldaten und mehr als 3000 evakuierte Ausländer sind auf engstem Raum untergebracht, darunter viele Familien mit Kindern. Sie schlafen in Zelten und in Schulungsräumen der Armee.
Es ist 36 Grad heiß, die Luft drückend feucht, die wenigen Toiletten sind in einem erbärmlichen Zustand, und aus den Hähnen fließt Brackwasser. Die Armee hat eine Feldküche aufgebaut, sie verteilt Trinkwasser in Plastikflaschen. Geduldig stellen sich die Geflüchteten in die Schlangen im Camp: eine stille Prozession von Menschen, die kaum noch Hoffnung haben. Weiße, Schwarze, Farbige, Libanesen.
Es sind Hunderte pro Tag, die hier eintreffen, jeder einzeln von den Franzosen eingesammelt, teilweise haben sie über eine Woche in ihren Wohnungen ausgeharrt. Bei vielen hat sich die Angst ins Gesicht gegraben, die Münder sind schmal, der Teint ist grau, das Nötigste ist in einen Rollkoffer gepackt, keiner weiß, für wie lange. Weil der Andrang so groß ist, haben Franzosen wie auch die Uno die Zahl ihrer Flüge erhöht. Ein Dutzend Maschinen verlassen inzwischen täglich den Flughafen, sie schaffen die Flüchtlinge nach Togo, Ghana, in den Senegal.
Einer der wenigen, die darüber reden, was ihnen zugestoßen ist, ist Kevin, 31, der in Frankreich früher als Gendarm gearbeitet hat. Vor neun Monaten trieb ihn die Abenteuerlust nach Abidjan, er investierte in einen Laden für Computerspiele, und er sagt, die Geschäfte seien gut gelaufen, weil die Leute sich ablenken wollten von ihren Problemen.
Zum Schluss kamen kaum noch Kunden, dafür waren jetzt Jugendliche auf den Straßen, die ein Geschäft nach dem anderen plünderten. Mit Politik hätten die nichts am Hut gehabt, sagt Kevin.
Die Polizeistation um die Ecke lag schon seit Tagen verlassen, Kevins Notruf bei der französischen Botschaft verhallte im Nichts. "Lassen Sie sie plündern", war der gut gemeinte Rat. "Leisten Sie keinen Widerstand."
Er verbarrikadierte seinen Laden mit Möbeln und hielt zwei Tage lang Wache. Als sie kamen, schob er eine DVD ein, einen Film, in dem heftig geschossen wird, und stellte den Ton laut. "Das hat sie nur 20 Sekunden aufgehalten", dann habe der erste Kopf durch den Möbelberg gelugt.
Der Kampf währte kurz, es waren vierzig gegen einen. Kevin zeigt frische Narben an seinem Arm, sie stammen von Machetenhieben. Mit Lastwagen hätten die Jugendlichen die Beute abtransportiert, 150 000 Euro habe er verloren, sagt er.
Vor allem Libanesen sind im Camp Licorne untergekommen, sie haben es besonders schwer in diesen Tagen, sie waren nie beliebt im Land. Sie monopolisierten den Kaffeehandel, diktierten den Pflanzern die Preise, und sie lebten gut mit Gbagbo. Das rächt sich jetzt.
Das Camp Licorne, gelegen hinter Sandsackbarrikaden, ist der letzte Ort in Abidjan, an dem Ausländer noch sicher sind. Aus dem Novotel, einst Basislager für Journalisten, wollen die Medienleute nur noch raus. Anfang vergangener Woche wurden am helllichten Tag der Chef des Hotels, ein Generaldirektor und zwei Journalisten entführt. Ein Journalistenkonvoi wurde auf dem Weg ins Hotel beschossen. Danach brach der reguläre Hotelbetrieb zusammen. Auch die Flüchtlinge aus dem Novotel sind im französischen Militärlager gelandet.
Es sind die einstigen Kolonialherren, die nun für Hilfe sorgen müssen. Sarkozy hat Helikopter geschickt, er ließ den Präsidentenpalast beschießen, und mit Ouattara besprach er bereits die Zukunft des Landes. Der aber entschloss sich Donnerstag - weil er militärisch nicht weiterkam - zu einem Strategiewechsel. Er will Gbagbo jetzt aushungern.
Zugleich versprach er Sicherheit auf den Straßen und die Integration Gbagbo-treuer Beamter in den Polizeiapparat. Die Franzosen begannen mit der Reparatur von Wasserleitungen und Stromnetz. Räumkommandos rückten aus, die Autowracks von den Straßen zu schieben. Aber wie soll eine Stadt normal werden, wenn in ihrem Zentrum ein Unruheherd sitzt, dem schwer beizukommen ist?
Für Laurent Gbagbo wird es einen freien Abzug nicht mehr geben. Auf dem Flughafen stand ein paar Tage lang ein kleiner Mittelstrecken-Jet bereit, um ihn jederzeit aus dem Land zu bringen, ein Freund Gbagbos hatte ihn zur Verfügung gestellt. Die Franzosen haben die Maschine jetzt blockiert. "Aus dem Land kommt er so nicht mehr", sagt ein Leutnant auf dem Flughafen.
Von Horand Knaup

DER SPIEGEL 15/2011
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