11.04.2011

RAUMFAHRT„Alles war tief geheim“

Interview mit dem deutschen Kosmonauten Sigmund Jähn über den Beginn der bemannten Raumfahrt vor 50 Jahren, seine eigene Reise ins All und Flüge zu fernen Himmelskörpern
Jähn, 74, war der erste Deutsche im Weltraum. 1978 umkreiste der damalige Oberstleutnant der DDR-Luftwaffe an Bord der sowjetischen Raumstation "Saljut 6" die Erde.
SPIEGEL: Herr Jähn, am 12. April 1961 startete der sowjetische Jagdflieger Jurij Gagarin als erster Mensch ins All. Sind Sie ihm je persönlich begegnet?
Jähn: Dazu war ich zu jung. Aber als er sieben Jahre nach seinem Weltraumflug auf tragische Weise ums Leben kam, studierte ich ganz in der Nähe an der Militärakademie der sowjetischen Luftstreitkräfte. Ich war auf der Trauerfeier in Moskau. Dabei habe ich hautnah miterlebt, wie die Menschen stundenlang mit Tränen in den Augen anstanden, um zu defilieren. Das war echte Trauer, keine Propaganda.
SPIEGEL: Um den Flugzeugabsturz Gagarins ranken sich bis heute Legenden. War es nur ein Unfall? Beging er Suizid? War es gar Mord?
Jähn: Alles nur Gerüchte. Wer nie selbst in einer MiG-15 UTI saß, sollte besser schweigen. Als Fluglehrer bin ich oft mit diesem Flugzeugtyp geflogen und habe ähnliche Abstürze untersucht. Selbst bei hohen Geschwindigkeiten konnte es bei diesem Kampfjet zu einem Strömungsabriss kommen - insbesondere in den Wolken. Hinzu kommt: Seit seiner Erdumkreisung war Gagarin kaum noch geflogen. Ich schließe mich also dem Urteil an, dass die Maschine in eine instabile Fluglage geriet; und dann war die Zeit zu knapp, um den Sturzflug zu stoppen.
SPIEGEL: Hat Gagarins Pioniertat bei Ihnen den Traum geweckt, selbst einmal ins All zu reisen?
Jähn: Nein, das war ganz weit weg. Natürlich freuten wir Jagdflieger uns, dass für die Weltraumreisen Kampfpiloten wie wir zum Einsatz kamen. Aber das war auch schon alles.
SPIEGEL: Und wie kam es, dass Sie 1976 für das Kosmonautentraining ausgesucht wurden?
Jähn: Das war ja alles geheim, so richtig tief geheim. Eines Morgens wurde ich zum Chef der Luftstreitkräfte befohlen. Ich ahnte nichts, dachte nur: Hast du was verbrochen? Neben mir saßen da knapp ein Dutzend andere erfahrene Piloten, wir alle hatten unsere Ausbildung an der sowjetischen Militärakademie hinter uns. Schließlich wurde die Katze aus dem Sack gelassen. Ich habe sofort ja gesagt. Vier von uns wurden zur Kosmonautenausbildung ins Sternenstädtchen bei Moskau geschickt. Später erfuhr ich, dass Erich Honecker schon eine Rangliste bestätigt hatte, auf der ich nur die Nummer zwei war.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich doch noch durchgesetzt?
Jähn: Die Russen hatten das letzte Wort, schließlich sollten wir in ihrem Raumschiff mitfliegen. Und ich bestand die medizinischen Tests am besten, etwa das Herumschleudern in der Zentrifuge. Tatsächlich habe ich im All auch nicht unter der Weltraumübelkeit gelitten, die viele Kosmonauten die ersten Tage befällt.
SPIEGEL: Hatten Sie vor Ihrem Raumflug Angst?
Jähn: Nein, wer als Jagdflieger ängstlich ist, hat schon verloren. Aber es war schon anders, als ich es vom Flugzeug kannte. In einem Raumschiff ist man nur ein passiver Gast, der Rakete und den Technikern am Boden ausgeliefert. Stellen Sie sich vor, auf einem mehrere Millionen PS starken Pferd zu sitzen, das plötzlich losgaloppiert!
SPIEGEL: Immerhin hatten Sie als Talisman das Sandmännchen aus dem DDR-Fernsehen dabei.
Jähn: Das war nicht mein Talisman, es ging um einen hochoffiziellen Auftrag. Ich sollte im Orbit Filmaufnahmen für eine Kindersendung machen. Das Sandmännchen trug zu diesem Zweck so-gar einen eigens angefertigten Raumanzug. Aber es lief dann nicht so wie geplant …
SPIEGEL: Was ging schief?
Jähn: Der Kommandant Wladimir Kowaljonok hatte das russische Maskottchen Mascha dabei. Da machten wir uns einen Spaß daraus, die beiden Puppen zu verheiraten. Die Albernheit ging nach hinten los. Das DDR-Fernsehen konnte den Kindern schlecht einen verheirateten Sandmann vermitteln. So wurden diese Filmaufnahmen nicht ausgestrahlt.
SPIEGEL: Was hat Sie in der Schwerelosigkeit am meisten beeindruckt?
Jähn: Der Blick auf die Erde, die Polarlichter, die zerbrechlich wirkende Atmosphäre, die rasch aufeinanderfolgenden Sonnenaufgänge - all diese Bilder haben sich für immer in mein Gedächtnis eingegraben. Vom Weltall aus wird einem klar: So groß ist dieser Planet nicht, dass der Mensch ihn nicht kaputtkriegen könnte mit seiner Profitgier.
SPIEGEL: Wie verlief die Landung?
Jähn: Kurz vor dem Aufprall wollte der Kommandant per Knopfdruck den Fallschirm absprengen. Doch er rutschte ab. Dann war es zu spät. Ein kräftiger Wind erfasste den Schirm, wir wurden über den Steppenboden geschleift und überschlugen uns mehrfach. Die heftigsten Schläge bekam ich ab, seither leide ich unter Rückenschmerzen.
SPIEGEL: Gleichwohl war Ihr Flug der vielleicht größte Triumph der DDR. Das
"Neue Deutschland" titelte: "Der erste Deutsche im All ein Bürger der DDR".
Jähn: Zum Volkshelden wollte ich mich nie machen lassen, das war mir peinlich. Es war auch nicht meine Sache, große Reden zu schwingen. Im Rampenlicht zu stehen, fand ich anstrengender als den Raumflug selber. Aber nun gut, ich will mich nicht beklagen. Noch heute kriege ich jeden Tag Fanpost, Autogrammwünsche oder Einladungen zu Vorträgen. Meine Frau schimpft immer mit mir, weil ich fast jeden Brief auch beantworte.
SPIEGEL: In den ersten Jahren waren die Sowjets den Amerikanern immer einen Schritt voraus. Sie schossen den ersten Satelliten ins All, den ersten Menschen - und schickten einen Kosmonauten auf den ersten Weltraumspaziergang. Warum hatten die Amerikaner bei der Mondlandung am Ende trotzdem die Nase vorn?
Jähn: Was viele gar nicht wissen: Mitte der sechziger Jahre starteten die Russen ihr eigenes Mondprogramm. Gagarin setzte durch, dabei sein zu dürfen. Beim ersten Testflug des neuen Mondraumschiffs Sojus erhielt jedoch sein Kosmonautenkollege Wladimir Komarow den Vorzug. Im Orbit gab es Probleme, die Steuerung funktionierte nicht richtig, Abbruch der Mission - bei der Landung kam Komarow dann um. Dieses Unglück führte zu einer Verzögerung von 18 Monaten. Später versagten auch noch die Triebwerke der Mondrakete, sie kam einfach nicht hoch. Sie haben es vergeigt, die Amerikaner waren nicht mehr einzuholen.
SPIEGEL: Wie sehen Sie die Zukunft der russischen Raumfahrt?
Jähn: Die russische Raumfahrt war nie so schlecht, wie sie im Westen dargestellt wurde. Viele dachten ja nach der Wende, dort liege alles in Schutt und Asche - nur weil im Weltraumbahnhof Baikonur ein paar rostige Türen herumlagen. Doch die Sojus-Raketen hoben fast immer pünktlich ab - bis heute.
SPIEGEL: Inzwischen sind sogar die Amerikaner auf die russischen Raketen angewiesen, um ins All zu kommen. Nach dem letzten Shuttle-Flug können bald nur noch die Sojus Menschen zur Internationalen Raumstation befördern. Aber es sind praktisch die gleichen Modelle wie in den sechziger Jahren. Gibt es keine Neuentwicklungen?
Jähn: Warum sollte man die Sojus-Trägerrakete ersetzen? Es gibt weltweit keine zuverlässigere. Immerhin entwickeln russische Ingenieure derzeit ein neues Sojus-Raumschiff für eine sechsköpfige Besatzung. Es soll auch dazu dienen, zahlungskräftige Touristen ins All zu bringen. Die könnten dann ihren Urlaub in aufblasbaren Orbitalstationen verbringen. Das ist natürlich nur was für Superreiche; auch im Weltall herrscht ja nun Kapitalismus. Mit diesem Raumschiff könnte man auch Menschen zum Mond bringen.
SPIEGEL: Und zum Mars?
Jähn: Wir werden ganz sicher irgendwann zum Mars fliegen. Ein Himmelfahrtskommando - aber alles, was der Mensch machen kann, wird er auch machen.
SPIEGEL: Wird die Menschheit irgendwann Kolonien auf fernen Welten gründen?
Jähn: Von den Visionen, nach denen der Mensch einmal ins All auswandern wird, halte ich gar nichts. Die Evolution hat uns auf die Erde genagelt. Ich wandere lieber durch die Wälder des Vogtlandes, als ewig durch die enge Röhre eines Raumschiffs zu schweben.
(*) Mit Kommandant Wladimir Kowaljonok; vor ihnen das Sandmännchen und das Maskottchen Mascha.
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 15/2011
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