11.04.2011

Pannenstart ins All

Beim ersten bemannten Raumflug riskierten die Sowjetführer das Leben von Jurij Gagarin.
Am Weltraumbahnhof in Baikonur machte sich Nervosität breit. Zwei Tage vor dem Start entdeckten Ingenieure, dass das Gewicht von Raumanzug, Sitz und Jurij Gagarin selbst insgesamt 14 Kilo höher als zulässig war. Eilig entfernten sie einen Teil der Elektronik, darunter zwei Sensoren für Druck und Temperatur. Dabei kam es zu einem Kurzschluss. Die Techniker benötigten die ganze Nacht, um den Defekt zu beseitigen.
Bisher geheim gehaltene Dokumente, die der Kosmonaut Jurij Baturin jetzt in Moskau einsehen konnte, enthüllen neben einer Serie von Pannen die Bereitschaft der Sowjetführer, das Leben des ersten Kosmonauten zu riskieren. Um jeden Preis wollten sie beim Wettlauf ins All die Amerikaner besiegen.
Um Zeit zu gewinnen, wurden einfache und schnelle, aber nicht immer optimale technische Lösungen gefunden. So wurde bewusst darauf verzichtet, ein Notsystem für den Fall eines Brands oder Fehlstarts zu entwickeln.
156 Sekunden nach Abheben der Sojus-Rakete versagten Teile des Steuerungssystems, der Antrieb schaltete sich 15 Sekunden zu spät ab. Kurz danach meldete Gagarin an die Zentrale, dass der Bleistift für seine Aufzeichnungen aus der Halterung geflogen sei und unerreichbar durch die Kapsel schwebe. "Ich habe das Bordbuch zusammengefaltet und in meine Tasche gesteckt, es taugt ja jetzt für nichts mehr", funkte der Kosmonaut aus dem Orbit.
Nach 110 Minuten landete Gagarin 33 Kilometer südwestlich der Wolgastadt Engels - rund 600 Kilometer vom anvisierten Zielort entfernt. Weil die Sowjets noch keinen Mechanismus für eine weiche Landung erfunden hatten, katapultierte er sich 7000 Meter über der Erde mit einem Fallschirm aus der Kapsel.
"Knapp sechs Minuten brauchte Gagarin, um die Atmungsklappen des Raumanzugs aufzumachen", heißt es in den Protokollen. "Eine Schnur hatte sich verheddert."
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 15/2011
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