18.04.2011

ZEITGESCHICHTEJagd auf Mengele

In den fünfziger Jahren arbeiteten viele NS-Verbrecher für den BND. Neue Akten zeigen, dass der Dienst aber auch bei der Fahndung nach Nazis half.
Der SS-Mediziner pfiff oft Opernmelodien, wenn er die ankommenden KZ-Häftlinge an der Rampe im Vernichtungslager Auschwitz selektierte. Die einen schickte Josef Mengele in die Gaskammern, die anderen mussten Zwangsarbeit leisten. Nebenher führte er Experimente an Häftlingen durch, auch an Kindern. Anschließend spritzte der Lagerarzt tödliche Injektionen. Hat dieser Mann später auch für den Bundesnachrichtendienst (BND) spioniert? Entsprechende Gerüchte kursieren seit Jahren. Schließlich stammte in der Frühphase des BND wohl jeder zehnte Mitarbeiter aus dem Befehlsbereich von SS-Chef Heinrich Himmler. Erst kürzlich gab der Dienst Dokumente frei, aus denen hervorgeht, dass Klaus Barbie zeitweise für den BND tätig war (SPIEGEL 3/2011). Der Gestapo-Offizier war als "Schlächter von Lyon" berüchtigt.
Und was ist mit Mengele?
Das vom BND jetzt freigegebene Geheimdossier zu dem Auschwitz-Arzt umfasst nur 34 Blatt, aber es erzählt eine überraschende Geschichte. In dem Konvolut findet sich kein Hinweis, dass Mengele Quelle oder gar Mitarbeiter des BND war. Vielmehr scheint ausgerechnet Pullach nach dem NS-Verbrecher gesucht zu haben. Oder der Dienst hat zumindest so getan.
Der aus Günzburg stammende Akademiker, Jahrgang 1911, hatte sich nach Kriegsende auf einem abgelegenen Bauernhof in Oberbayern versteckt. 1949 floh er nach Argentinien, später tauchte er in Paraguay unter, reiste allerdings immer wieder nach Buenos Aires. Ein Haftbefehl lag vor, und so stellte die Bundesrepublik im Frühjahr 1960 ein Auslieferungsersuchen an Argentinien, doch Mengele setzte sich rechtzeitig ab.
Da kam der BND ins Spiel. Seit dem Winter 1959/60 wirkte der Geheimdienst "an der Auffindung ehemaliger ins Ausland geflüchteter Nazi-Verbrecher" mit, wie aus einem bislang unbekannten Vermerk für den damaligen Außenminister Heinrich von Brentano hervorgeht. Und Brentano drängte ausdrücklich darauf, dass der BND nach Mengele fahndete. Der Umgang Bonns mit NS-Verbrechern stand in jener Zeit unter besonderer Beobachtung, weil kurz zuvor der israelische Geheimdienst Adolf Eichmann aufgespürt hatte. Der Holocaust war damit weltweit zu einem beherrschenden Thema geworden.
Zunächst rekonstruierte der Dienst Mengeles Netzwerk. Am 20. Juli 1960 stieß ein BND-Mann auf "Dr. Benson (Jugo)", der Mengele einst die "Einreise nach Argentinien erleichtert" habe. Es handelte sich um den Kardiologen Branko Benzon, der während des Krieges kroatischer Gesandter in Berlin und Budapest gewesen war. Danach zählte er zu einem Kreis von Alt-Nazis in Buenos Aires, der NS-Verbrechern half, ins Land zu kommen. Gemeinsam mit Diplomaten des Auswärtigen Amtes recherchierte der BND auch die Frage, wie Mengele der Verhaftung hatte entgehen können.
1961 traf dann in Pullach der korrekte Hinweis ein, dass der Mann mit dem Schnauzbart in Brasilien lebe, wobei unklar ist, was mit dieser Information geschah. Als die Bonner Botschaft in Rio de Janeiro 1964 den Tipp bekam, der NS-Verbrecher wolle zwei Bekannte an der Grenze zu Paraguay treffen, sorgte der Dienst jedenfalls dafür, dass die brasilianische Bundespolizei eine Überwachungsaktion startete, die aber ohne Erfolg blieb.
Danach erlahmte das Interesse. 1972 schrieb ein BND-Mitarbeiter an das Kanzleramt, man wisse nicht, wo Mengele "sich z. Zt. aufhält und ob er noch lebt". Der Mann fügte hinzu, er werde sich melden, sollten Erkenntnisse "zufällig" anfallen. Pflichtschuldig überprüfte der Dienst in den achtziger Jahren Verdächtige in Paraguay oder Australien. Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt hatte darum gebeten. Da war Mengele allerdings bereits tot. Er starb 1979 in Brasilien.
Ob die Agenten wirklich so wenig wussten, lässt sich mit Hilfe der Akte nicht beantworten. Sie wurde vor Jahrzehnten zusammengestellt, vermutlich weil sich Anfragen aus Politik und Justiz an den BND gehäuft hatten. Sicher ist, dass es mehr Dokumente zu Mengele gegeben hat.
Der BND-Chefhistoriker Bodo Hechelhammer schließt nicht aus, dass er und seine Mitarbeiter noch Unterlagen zu dem Auschwitz-Arzt finden werden. Im Archiv in Pullach liegen Mikrofilme, auf denen rund sechs Millionen Blatt Dokumente abgelichtet sind. Niemand hat sie bislang gelesen.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 16/2011
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