18.04.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH„Er baute auf Hirngespinste“

Der französische Philosoph Michel Onfray über die angeblichen Irrtümer Sigmund Freuds, dessen Desinteresse für Menschen und die Legende vom Ödipus-Komplex
Onfray, 52, lehrt Philosophie an der 2002 von ihm gegründeten Université Populaire im normannischen Caen, einer Art Volksuniversität. Seine Polemik "Anti Freud. Die Psychoanalyse wird entzaubert" war in Frankreich ein Bestseller. Das Buch ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen.
SPIEGEL: Monsieur Onfray, Ihr Buch "Anti Freud" ist ein Totalangriff auf Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse*. Gibt es überhaupt etwas, was Sie an Freud mögen?
Onfray: Muss ich etwas mögen?
SPIEGEL: Nein. Aber gestatten Sie, dass wir Sie auf die Couch legen und nach den Gründen für die brutale Ablehnung fragen? In Ihren Jugendjahren waren Sie immerhin ein Anhänger der freudschen Lehre.
Onfray: Ich stamme aus einfachen Verhältnissen. Ich hatte gerade vier Jahre in einem Waisenhaus der Salesianer-Mönche hinter mir, von denen einige pädophil waren. Es war ein Abgrund aus Schmach und Schande. Drei Bücher, die ich im Alter von 14 Jahren las, brachten für mich die Rettung: Neben dem "Kommunistischen Manifest" und Nietzsches "Antichrist" waren es Freuds "Abhandlungen zur Sexualtheorie".
SPIEGEL: Aha, Freud taugt also doch als Retter?
Onfray: Es war für mich wie die erste Unterhaltung mit einem Mann, der Klartext sprach: Kinder haben Sexualität. Masturbation ist etwas Selbstverständliches. Auch Ambivalenz gehört zu ihren Erfahrungen auf dem Weg zur sexuellen Identität, also manchmal auch Homosexualität. Das alles erklärte mir Freud.
SPIEGEL: Sie schreiben sehr anschaulich über die Folgen der Lektüre: "All dies erhellte mein Dasein und ließ mich auf einen Schlag den jahrelangen christlichen Gestank, den trunkenen Atem und den fauligen Mundgeruch der Priester vergessen", die Sie im Beichtstuhl zu Geständnissen über Selbstbefriedigung gezwungen hatten. Wie kam es nach der ersten Begeisterung für Freud zur totalen Ablehnung?
Onfray: Das dauerte lange. Ich habe mir Freud als Abiturthema gewählt, ich habe ihn gelehrt, ich habe Examensarbeiten korrigiert, die von ihm handelten.
SPIEGEL: So weit alles gut.
Onfray: Dann habe ich das gesamte freudsche Werk gelesen. Das dauerte zwei Jahre. Es folgten die kompletten Werke von Nietzsche. Danach war Freud für mich entzaubert.
SPIEGEL: So lautet der Untertitel Ihres Buchs. Was hat Sie an ihm am meisten enttäuscht?
Onfray: Sein Desinteresse für die Menschen, die bei ihm Heilung suchten. Seine Fälle hätten ihn nie interessiert, hat Freud seinem Weggefährten Sándor Ferenczi anvertraut. Die Patienten seien Gesindel, sie hätten ihm nur zu einer Theorie der Heilung gedient.
SPIEGEL: Trotzdem hat sich Freud intensiv mit seinen Patienten beschäftigt und über viele ausführlich geschrieben. Der sogenannte Wolfsmann oder Emma Eckstein sind berühmt geworden.
Onfray: Als der Wolfsmann Sergej Pankejeff 1979 mit über 90 starb, war er ein Mann, der mehr als 60 Jahre lang in psychoanalytischer Behandlung gewesen war, seit er 1910 Freuds Praxis aufgesucht hatte. Heilungen sehen anders aus.
SPIEGEL: Und Emma Eckstein?
Onfray: Sie ist ein besonderes Beispiel freudscher Borniertheit. Der unter heftigen Blutungen leidenden Frau unterstellte der Analytiker unbelehrbar, sie habe - schwer hysterisch - ihre erotischen Sehnsüchte ihm gegenüber kaschiert. Dabei stellten sich als wahre Ursachen für die Beschwerden gutartige Tumoren in der Gebärmutter heraus. Nachdem sie 1924 an einem Gehirnschlag gestorben war, behauptete Freud noch 1937, sie erfolgreich behandelt zu haben.
SPIEGEL: Freud irrte oft, doch sein großes Verdienst bleibt, dass er die über Jahrhunderte dominante Auffassung einer Trennung von Körper und Geist überwunden hat, indem er sagte, dass körperliche Symptome seelische Ursachen haben könnten. Dieses Verdienst wollen Sie schmälern?
Onfray: Freud hasste den Körper.
SPIEGEL: Wie bitte? Als Arzt war ihm die Bedeutung des Körpers durchaus bewusst.
Onfray: Es ging ihm um seine Konzepte, um seine Mythen. Das Unbewusste ist für Freud nicht körperlich, sondern metapsychologisch.
SPIEGEL: Aber er musste sein Konzept erst einmal durchsetzen. Dass die Psyche und das Unbewusste überhaupt eine Rolle spielen, war zu seiner Zeit doch alles andere als anerkannt.
Onfray: Ja, und um zu erreichen, dass man an die Psychoanalyse glaubte, setzte er auf den Effekt der Zauberei. Er hat am Biologischen nicht mehr festgehalten, weil ihn Mythisches mehr interessierte. Seine berühmteste Erfindung, der Ödipus-Komplex, fußt ja auf Freuds Faszination für alles Mythische.
SPIEGEL: König Ödipus, so der griechische Mythos, beging Vatermord und schlief, ohne es zu wissen, mit der eigenen Mutter. Dem Wiener Bildungsbürgertum haben diese Mythen geholfen, Freud zu verstehen. Mythen gehörten damals zum Bildungskanon. Freud konnte Neues vermitteln, indem er an Bekanntes anschloss.
Onfray: Ja, das war schlau. Freud erkannte, dass mit dem Nichtmedizinischem mehr zu verdienen war.
SPIEGEL: Jetzt unterstellen Sie ihm auch noch Geldgier.
Onfray: Man darf nicht vergessen: Freud brauchte viel Geld. Seine Wiener Wohnung hatte 15 Zimmer. Viele Personen lebten mit ihm. Sechs Kinder, seine Frau, deren Schwester, Hausangestellte. Er liebte und brauchte in der Tat das Geld. Und die berühmte Couch war sehr nützlich. Er verlangte nach heutiger Kaufkraft 450 Euro pro Sitzung. Die Behandlung in der häuslichen Wohnung machte es auch möglich, ein großes Werk zu schaffen. Eine Stelle in einer Klinik wäre zur Erzeugung eines solchen Werks zu profan gewesen.
SPIEGEL: Merkwürdig. Das Wiener Publikum kam doch wegen körperlicher Beschwerden und erhoffte sich körperliche Besserung.
Onfray: Ja. Aber Freud hat alles Mögliche, von Darmproblemen bis zum Schwindel, auf Ödipus zurückgeführt.
SPIEGEL: Aber Ödipus war für ihn doch nicht alles.
Onfray: Aber sehr viel. Wenn man genau hinsieht, waren Freuds großartige Theorien nichts anderes als Gedanken über sein eigenes Leben. Die Psychoanalyse ist so etwas wie eine Autobiografie Freuds. Sie müssen sich nur mal die Entstehung dieser Idee vom Ödipus-Komplex ansehen. Freud behauptete, als kleines Kind seine Mutter im Schlafwagen von Leipzig nach Wien nackt gesehen zu haben. Aus diesem Erlebnis und aus der Tatsache, dass er eine enge Bindung an seine Mutter hatte und seinen Vater verachtete, machte er dann seine Inzesttheorie. Auch wenn Freud über Analität redete, dann war das seine persönliche Konstruktion.
SPIEGEL: Freud hatte viele Patienten, er hatte sehr viele Lebensgeschichten gehört und aus strukturellen Ähnlichkeiten Theorien gebildet.
Onfray: Er hörte, was er hören wollte. Er baute auf Hirngespinste. Zu ihm kamen Leute mit ganz verschiedenen Symptomen. Eine Patientin erschien bei ihm mit einem Ekzem am Mund und Läsionen an den Lippen. Freud diagnostizierte, ihr Vater habe sie als Zwölfjährige zu Oralverkehr gezwungen, und diese verdrängte Kindheitserinnerung wirke in ihrer Psyche nach. Einige Patientinnen konfrontierten ihre Väter mit diesen Deutungen, die Väter beschwerten sich bei Freud, und ihm dämmerte, dass er sich so in Wien als Therapeut nicht lange würde halten können.
SPIEGEL: Welchen Rettungsversuch unterstellen Sie ihm?
Onfray: Er nahm Abstand von seiner Missbrauchstheorie, jedenfalls zum Teil. Zuvor hatte er schon die Behandlung mit Kokain, Handauflegen oder Harnröhrensonden gegen Onanierlust aufgegeben.
SPIEGEL: Es gibt kaum Pioniere, Entdecker neuer Welten, die nicht Fehler machen.
Onfray: Aber schon das stört mich - Freud als Entdecker. Es gab zu seiner Zeit mindestens 30 Leute, die mit der Psychoanalyse arbeiteten. Aber alle sprechen nur von Freud.
SPIEGEL: Sicher, es gab auch Freuds Kollegen Josef Breuer. Aber Geschichtsschreibung funktioniert sehr oft so. Denken Sie an Kolumbus. An der Entdeckung Amerikas waren mehrere Seefahrer beteiligt, aber die Welt hat nur Kolumbus als Entdecker gefeiert.
Onfray: Auf Christoph Kolumbus und die Ideen eines neuen Kontinents hat sich Freud gern bezogen. Ich bin aber Normanne und darf darauf hinweisen, dass auch die Wikinger Amerika entdeckt haben. Die Legende ist nicht die Geschichte. Die Arbeit des Philosophen ist es, die Konstruktionen der Geschichte zu durchschauen und zu dekonstruieren. Freud war größenwahnsinnig. Er sah sich selbst als Ausnahme.
SPIEGEL: Manchmal ist das der entscheidende Impuls, um Bleibendes zu schaffen.
Onfray: Der Preis bei Freud war hoch. Sein Größenwahn ließ einen klaren Blick auf sich selbst nicht zu. Er analysierte ja sogar seine eigene Tochter, was ganz gegen die Regel war. Und sie war völlig besetzt von diesem Vater, hatte ihr ganzes Leben lang nie eine Liebschaft zu einem Mann. Als habe Freud auch bei seiner Tochter eine Bestätigung für seinen generellen Inzest-verdacht gesucht: die Tochter, die nur den Vater liebt.
SPIEGEL: Nirgendwo steht geschrieben, dass die großen Geister, selbst wenn sie Psychoanalytiker sind, ein einwandfreies Leben vorweisen müssen, damit die Öffentlichkeit und die Fachwelt ihre Errungenschaften würdigen.
Onfray: Mich stört die Heldenverehrung. Das 20. Jahrhundert steht für so viel Schlechtes, für die Kriege, den Totalitarismus. Und Sigmund Freud steht offenbar für das Gute. Freud, der Menschenversteher, der das Image dieses verlorenen Jahrhunderts rettete, indem er aus ihm das Jahrhundert der Psychologie gemacht hat. Aber Freud war alles andere als ein Held. Mein Buch liefert dafür unzählige Belege.
SPIEGEL: Er hat selbst nie behauptet, dass er besser sei als seine Patienten. Und vor allem darin liegt doch ein großer Fortschritt. Vor seiner Zeit galten psychisch Kranke noch als Irre, die man in die Anstalt sperrte. Freud wies darauf hin, dass es nur einen graduellen Unterschied gibt zwischen dem vermeintlich Normalen und dem Pathologischen. Das war ein unschätzbarer Beitrag zum Verständnis des Menschseins, der Menschenwürde.
Onfray: War es das? Das sehe ich anders. Es war ein Beitrag zur nihilistischen Ontologie des 20. Jahrhunderts. Wenn es keinen Unterschied zwischen Menschen gibt, dann trennt auch nichts den sadistischen Peiniger von seinem Opfer. In letzter Konsequenz würde das heißen, dass Freuds Schwestern, die in Konzentrationslagern der Nazis starben, psychisch nichts von den Lagerkommandanten unterschied. Wie soll man das intellektuell begreifen? Worin liegt da die Menschenwürde?
SPIEGEL: Ebendarin, dass Freud die Menschen dazu aufgefordert hat zu akzeptieren, dass alles zusammengehört, und zwar bei jedem: Gutes, aber auch Aggressionen, Hass, das ganze Chaos des Menschlichen. Verkürzt gesagt: Wer sich selbst am besten kennt, ist vor sich selbst am besten geschützt.
Onfray: Ich habe schon oft im Gefängnis Verbrecher besucht. Jemand, der schuldig geworden ist, kann seine eigene Schuld besser begreifen, wenn er sieht, dass es einen Unterschied gibt zwischen ihm und den anderen.
SPIEGEL: Wenn Sie ins Gefängnis gehen und mit Verbrechern über deren Leben reden, sind Sie doch auch ein Schüler Freuds. Warum wollen Sie von der heilenden Kraft des Sprechens über sich selbst nichts wissen?
Onfray: An diese Kraft glaube ich durchaus. Ich bin nur gegen die freudsche Psychoanalyse und habe auch gerade ein neues Buch geschrieben, wie eine andere, eine neue Psychoanalyse aussehen kann. Eine, die einem normalen Gespräch ähnelt. Face-to-Face, ohne Couch und Ödipus-Spuk.
SPIEGEL: Die Psychoanalyse aber ist doch nicht mehr so wie vor hundert Jahren. Die Couch muss nicht sein und Ödipus auch nicht. Sie können doch nicht einer ganzen Disziplin unterstellen, sich nicht weiterentwickelt zu haben.
Onfray: Sie kennen die Reaktionen in Frankreich auf mein Buch. Eine Front von Gegnern, die alle Freud als Helden behalten wollen. Ich sehe die große Weiterentwicklung nicht.
SPIEGEL: Ihre Abrechnung mit Freud scheint auch eine Abrechnung mit den französischen Eliten zu sein, die als freudianisch geprägt gelten. Dieser Impuls ließe sich bei Ihnen damit erklären, dass Sie aus einfachen Verhältnissen und aus der Provinz stammen. Womit wir bei Freud wären: das gute alte Trauma der Herkunft. Wir können gar nicht mehr anders als freudianisch über Menschen denken. Und Sie tun das in Ihrem Buch auch.
Onfray: Ich nehme für mich in Anspruch, von Nietzsche sehr viel mehr über den Menschen gelernt zu haben als von Freud.
SPIEGEL: Was denn?
Onfray: Nietzsche wusste, dass hinter Intellektualität die Missverständnisse des eigenen Körpers stecken können: Er, der Schwache, wollte stark sein. Deswegen verherrlichte er alles Starke, durchschaute dies aber. Freud versteckte seine körperlichen Bedürfnisse hinter scheinbarer Objektivität.
SPIEGEL: Monsieur Onfray, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Michel Onfray: "Anti Freud. Die Psychoanalyse wird entzaubert". Aus dem Französischen von Stephanie Singh. Knaus Verlag, München; 544 Seiten; 24,99 Euro.
Das Gespräch führten die Redakteure Susanne Beyer und Nikolaus von Festenberg.
Von Susanne Beyer und Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 16/2011
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