12.01.1998

CSUFreundschaft mit dem Klassenfeind

Der Liedermacher Wolf Biermann über sein Gastspiel bei der CSU-Klausur in Wildbad Kreuth
Es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich mich gleich mit einer ganzen Bande Politiker traf. Und zum allerersten Mal hatte mich am Abend vorher meine Frau Pamela allen Ernstes gefragt, was ich denn zu solcher Gelegenheit Passendes anziehen könnte.
Wir spielten ein paar Kostümvarianten durch. Und natürlich kam uns erst mal die blödeste Idee: krachlederne Seppelhosen - aus Höflichkeit vor der Landessitte. Andererseits bin ich ein hanseatischer Fischkopf und eingeborener Bürger der Hansestadt Hamburg - aber im Matrosenanzug wollte ich denn doch nicht bei den Bayern erscheinen. Tja, wenn ich eine Wehrmachtsuniform im Kleiderschrank hängen hätte, wäre das ein gutes Kostüm gewesen, schon um die angebräunten Gemüter zu besänftigen, die sich in München so erhitzt haben, als Hannes Heers Wehrmachtsausstellung dort gezeigt wurde.
Aber das wäre alles alberner Mummenschanz gewesen, mit dem man auch nur die Bürger schreckt. Also ging ich in der gewohnten Verkleidung als Mann mit Gitarre. Und mich überraschte die unverkrampfte, die freundschaftliche Atmosphäre beim verketzerten Klassenfeind, mit dem einer wie ich nie und nimmer reden darf.
Ein feiner Nachteil solcher Streitgespräche am Kamin liegt freilich darin, daß auch die ehrlichen und klugen Journalisten so ganz und gar ausgeschlossen sind. Dies hat aber auch einen Vorteil: Die Kontrahenten reden offener. Die Politiker schielen beim Sprechblasenblasen nicht feige nach Wählerstimmen, und der eingeladene Gast kümmert sich nicht zu affig um sein Image.
So konnte ich denn ohne Furcht vor dem totalitären Tadel linksgetünchter Tartüffs am Kamin ungeniert nachdenken und machte aus meinem Herzen keine Mördergrube. Auch die christlich-sozialen Platzhirsche kamen aus dem Dickicht ohne Scheu auf die Waldlichtung ins Offene.
Allein schon der gewitzte Theo Waigel mit dem modifizierten Geweih über den Augen war eine angenehme Ent-Täuschung für mich. Er erzählte mir nämlich, wie er als Bonner Finanzminister im Frühjahr 1990 auf eigene Faust kalt und herzlos verhindert hatte, daß der erste frei gewählte DDR-Ministerpräsident und IM "Czerny" alias de Maizière doch nicht die 15 Milliarden Westmark kriegte, die er von den westdeutschen Brüdern hatte abzocken wollen, um die DDR endgültig zu sanieren und vor dem Untergang zu retten.
Vor unseren ausgelöffelten Gulaschsuppen schimmerte plötzlich ein schaurig weltgeschichtliches Wetterleuchten über Wildbad Kreuth auf. Nicht auszudenken: De Maizière hätte die DDR mit dieser gewaltigen Finanzspritze 1990 gerettet! Markus Wolf hätte seine neue Karriere als Romancier aufgegeben und wäre Chef eines gesäuberten Geheimdienstes geworden. Gregor Gysi und seine reformierte SED-PDS hätten sich die Macht in Sachsen und Brandenburg und Mecklenburg gesichert, sie wäre ein Gegenstück zur CSU geworden, die seit Ewigkeiten im "königlichen" Freistaat Bayern herrscht.
Als wir drei, die Weißgerber-Gitarre, meine Frau und ich, von Herrn Glos' Fahrer Schultz im Dienst-BMW am Morgen danach von Wildbad Kreuth am idyllischen Tegernsee entlang wieder zurückgekutscht wurden, dachte ich: Wenn jetzt in dieser Gebrüder Grimmschen Märchenlandschaft auch noch eine kolossale Fettkugel mit frischen Morgenbrötchen im Beutel die Uferstraße quert und zu einer dieser Villen hier rüberschlendert, dann wäre die Reise komplett: der große DDR-Devisenpate Schalck-Golodkowski, untergetaucht im bayerischen Exil, bei den Nachfahren seines Partners, mit dem der 1983 das Milliardending gedreht hat.
Ich war stillvergnügt über das gestrige Gespräch am Kamin, es hatte etliche doktrinäre Schablonen in meinem Koordinatensystem zerbrochen. Und ich hatte es schon gefürchtet: Diese falschen Feinde werden mir mehr gefallen, als ich will, und könnten sich mir in falsche Freunde verwandeln.
Auf dem Airport Franz Josef Strauß schob ich im Airbus 300 meinen Gitarrenkasten oben in die Handgepäckablage. Aber ein Mann, der nun hätte höflich aufstehen müssen, damit wir zum Fensterplatz durchrutschen, blieb stur sitzen und brummte auf bayerisch: "Für Sie, Herr Biermann, stehe ich nur auf, wenn Sie mir sagen, ob Sie diese CSU-Lackeln wenigstens fix und fertig gemacht haben bei diesem Kamingespräch in Kreuth! Ich bin in der SPD, ein Achtundsechziger."
Ich sagte: "Genosse Politkommissar, Sie dürfen aufstehen! Denn Sie glauben doch wohl nicht, daß ich ein Verräter der Arbeiterklasse bin! In meinem schwarzen Kasten hier liegt keine Gitarre! Ihnen, einem treuen Erben der Partei Bebels und radikalen Kampfgefährten Rudi Dutschkes und Parteigenossen des Spitzels Stolpe, kann ich es ja anvertrauen: Ich habe die ganze blauweiße Bande gleich zu Beginn des Streitgesprächs vom Kamin aus mit meiner Kalaschnikow zusammengeschossen."
"Oho!" lachte der Mann und machte uns Platz, "dann kriegen Sie bei mir mildernde Umstände." Über den Wolken auf dem Weg nach Berlin fragte mich der Nachbar: "Und wie ging es dann weiter bei der CSU?" - "Munter! Es machte großen Spaß, mit den Schwarzen zu reden. Ich mußte in Kreuth an einen Spruch meines Freundes Robert Havemann denken, der mir bei einem Glas Cognac in Grünheide am Möllensee mal sagte: ,Weißte Wolf, wenn man im Dunkeln rumballert, trifft man immer ins Schwarze.' "
Meine MP, Herr Nachbar, blieb natürlich als Argumentationshilfe auf dem Tisch. Ich habe den Schreckverstummten erst mal im ganzen die Welt erklärt und verklart, wie man das verwahrloste Deutschland resozialisieren muß. Ich schoß nun Argumente ab wie Salven. Auch gegen die aufhaltsame Fallsucht unserer Gesellschaft in die Arbeitslosigkeit verriet ich den erledigten Politikern eine probate Rettungsmethode: Verteilung der vorhandenen Arbeit auf allen Schultern - und natürlich ohne Lohnausgleich.
Und weil von den Überrumpelten keine Gegenargumente kommen konnten, empfahl ich einen radikalen Abbau der bürokratischen Parasiten in den Behörden. Ich forderte (das war ein dringlicher Nebenauftrag meiner neun Kinder) auch die sofortige Ent-Verbeamtung der Lehrer, damit man schlechte Lehrer feuern und bessere anheuern kann.
Liedermacher reimt sich ja auf Niedermacher, will sagen: Ich habe den hingeschlachteten Klassenfeinden auch klargemacht, was mit den elenden Kurden geschehen soll, die jetzt von Italien hoch zu den großdeutschen Fleischtöpfen wandern. Ich sagte meinen besiegten Gastgebern: Ich denke, wir alle hier sind der Meinung, daß dieses riesige Anwesen Wildbad Kreuth nun ein Flüchtlingslager werden muß für die ersten 10 000 Flüchtlinge, die sich hier in lieblicher Berglandschaft erholen sollen von den Strapazen der Flucht. Und weil Theo Waigel und seine Mannen alle mausetot waren (nur Waigels Widersacher Edmund Stoiber fehlte), stimmten sie ohne Murren zu.
Dann verklickerte ich den Niedergemachten, daß die faschistoiden Eskapaden in der Bundeswehr nichts als die giftigen Früchte einer Ernte sind, die schon lange vorher in den Elternhäusern gepflanzt und dann in den Schulen kultiviert worden sei. Mein Mitgast, der wiederaufgerappelte Verteidigungsminister Rühe, nickte mir dankbar zu für diese pfiffige Entlastung seiner ins Gerede gekommenen Firma.
"Sie sehen, lieber Genosse ... es war ein unvergeßlicher Abend am Kamin, in dem übrigens kein Feuer brannte - wozu auch, das Feuer hatte ja ich eröffnet."
"Gut, gut! aber dieser Glos! dieser ausländerfeindliche Gloooos!" schimpfte mein Nachbar, "was der für brutale Sprüche klopft gegen Asylanten, mit so einem kann ein Biermann doch nicht an einem Tisch sitzen!"
"Es war, da kann ich Sie beruhigen, Herr Nachbar, kein runder Tisch am Kamin, er hatte Ecken und Kanten. Wir haben uns nicht in falsche Verbrüderungen hereinsalbadert oder hereingesoffen. Dabei weiß ich so gut wie Sie: Die katholischen CSU-Bayern sind nicht anders als alle anderen, sie sagen gelegentlich nur schamloser, was andere Bundesländer mit evangelischer Heuchelei genauso brutal gegen unerwünschte Ausländer praktizieren."
Und ganz nebenbei: Die Bundesrepublik hat immerhin 60 Prozent aller Bosnienflüchtlinge aufgenommen. Und wenn meine Freundin Bärbel Bohley mir keinen Bären aufgebunden hat, dann ist es so: Sie könnte seit einem Jahr ihre Arbeit in Bosnien nicht machen, wenn nicht auch die deutschen Soldaten der Sfor in Bosnien ihr helfen würden. Bärbel Bohley sorgt mit einem minimalen Aufwand an Geldmitteln und mit absolut keiner Bürokratie dafür, daß über den zerschossenen Häusern erst mal ein neues Dach errichtet wird. Unter dessen Schutz werden die Menschen nun Stück für Stück Fenster und Türen einbauen, so daß geflüchtete Familien aus Deutschland überhaupt wieder zurückkehren können.
Freilich, darüber habe ich dort deutlich genug auch gesprochen: Die Bundesrepublik Deutschland braucht endlich ein Einwanderungsgesetz, so wie es die Franzosen haben oder die Engländer und die USA. Das Problem der deutschen Staatsbürgerschaft für jeden Menschen, der in Deutschland geboren wurde, muß geregelt werden. Sobald wir auf diesem Gebiet endlich einen Zustand der überprüfbaren Gesetzlichkeit haben, wird sich zeigen, daß selbst unvollkommene Gesetze immer noch besser sind als diese populistischen Eskapaden vor und nach den Wahlen.
"Ansonsten, lieber Herr ..." - "Ach! Name tut nichts zur Sache", winkte er schnell ab - "okay", sagte ich, "ansonsten fand ich es herzerfrischend, wie fröhlich diese CSU-Leute miteinander umgehen."
Ja, ich empfand fast so was wie Bewunderung dafür, daß diese ewig hinterwäldlerischen Urbayern, über die wir so billig unsere urbanen Witzchen reißen, eigentlich durch die Gunst der Epoche jetzt besser dastehen als wir Deutschen. Es liegt doch offensichtlich in der dialektischen Logik unserer galoppierenden Globalisierung: Je mehr die Menschheit ein großes Ganzes wird und je mehr Grenzen fallen, um so mehr werden die Menschen sich auf das Regionale konzentrieren. Und sie müssen es wohl auch, damit sie nicht verkommen und zerbröseln und verblöden.
Ich glaube allen Ernstes: Wir alle werden als Bürger des Planeten Erde nur überleben können, wenn wir die so aufgesparten Kräfte fürs Kleine verbrauchen, für den überschaubaren Lebenskreis, in dem wir unser kurzes Leben wirklich lebendig leben. Und da sind uns die Bayern, weil sie so schön hintendran blieben, ein gutes und beneidenswertes Stück voraus. Wie es in der Bibel steht: Die Letzten werden die Ersten sein.
"Mag sein, Herr Biermann, aber eins sage ich Ihnen als gelernter Bayer: Die CSU zittert davor, bei den nächsten Wahlen zum allerersten Mal die absolute Mehrheit zu verlieren - und die werden jede! wirklich jede Untat begehen, um das zu verhindern." - Ich sagte: "Da kann ich Sie beruhigen, nach dieser Erfahrung am Kamin: jede nicht!"
Von Wolf Biermann

DER SPIEGEL 3/1998
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