26.01.1998

Kampfansage aus Rom

100 Jahre nach Bismarcks Streit mit dem Vatikan droht in Deutschland ein neuer Kulturkampf. Der Papst fordert, die deutschen Bischöfe sollen sich aus der staatlichen Beratung abtreibungswilliger Frauen zurückziehen, der Episkopat ist gespalten, der Kanzler bangt um erzkonservative Christenwähler. Der Angriff aus Rom ist Karol Wojtylas letztes Gefecht.
Wenn es gegen den Sex geht, nimmt das Oberhaupt der katholischen Kirche stets die große Keule. Wo immer er bei seinen zahllosen Reisen hinkommt, wettert der Papst gegen Pornographie und Prostitution, gegen Pille, Kondom und Libertinage.
Zu wahrer Höchstform aber läuft Johannes Paul II. beim Thema Schwangerschaftsabbruch auf. Abtreibung sei "Mord", ein "abscheuliches Verbrechen", "Hinrichtung", "Schande für die Menschheit".
Wie die Gesellschaft es mit dem ungeborenen Leben hält, ist für Karol Wojtyla der Indikator ihrer Moral. "Wenn es der Mutter erlaubt ist, das eigene Kind zu töten, was kann uns dann noch abhalten, daß wir uns gegenseitig totschlagen?" klagte der Papst im Juni vergangenen Jahres in Polen. Und in Havanna prangerte er erst letzte Woche Abtreibung als ein "nicht zu verzeihendes Verbrechen" an.
Schon 1995 hatte der Heilige Vater in der Enzyklika "Evangelium vitae" dekretiert: "Abtreibung und Euthanasie sind Verbrechen, die für rechtmäßig zu erklären sich kein menschliches Gesetz anmaßen kann."
Bei soviel Wortgewalt mögen Wojtylas Gefolgsleute in Deutschland ihrem Pontifex nicht nachstehen. Im Kölner Dom beklagte Kardinal Joachim Meisner an Silvester den rapiden moralischen Niedergang der Nation. "Selbstzucht, Sitte, Wahrhaftigkeit und Reinheit", erregte der Gottesmann sich von der Kanzel, "sind keine ethischen Werte mehr, sondern unzeitgemäße Dummheit." "Nackte Sexualität" sei statt dessen "die moderne Gottheit von heute geworden". Meisners moralischer Verriß gipfelte in der bangen Frage, ob "das deutsche Volk moralisch jemals so tief gestanden" habe - als hätte es Hitler und den Holocaust nie gegeben.
Im Münchner Liebfrauendom verschreckte, ebenfalls am letzten Tag des Jahres, Kardinal Friedrich Wetter die Andächtigen mit einer kruden Parallele zum Kindesmord an der siebenjährigen Natalie Astner, die im September 1996 im bayerischen Epfach mißbraucht und getötet worden war. Wetter: "Als die Ermordung der kleinen Natalie bekannt wurde, ging ein Entsetzen durch unser Land ... Wo aber bleibt das Entsetzen angesichts der Tatsache, daß Jahr um Jahr Tausende und Abertausende kleiner Natalies bereits im Schoß der Mutter getötet werden? Wie ist das zu vereinbaren: hier Entsetzen, dort schweigendes Hinnehmen, wenn nicht gar Zustimmung." Die Predigten der beiden Würdenträger schreckten die Öffentlichkeit auf: Vom Papst war man schon immer starken Tobak gewohnt - aber von deutschen Bischöfen?
"Kardinal geißelt Sex-Gier der Deutschen", schlagzeilte "Bild" in dreieinhalb Zentimeter hohen Lettern auf der Titelseite und heuchelte in einem Kommentar Zustimmung. FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle nannte die Predigten "skandalöse Entgleisungen".
Eine katholische Ministerin aus dem Kabinett des Katholiken Helmut Kohl legte ein paar Tage später nach: Familienministerin Claudia Nolte beklagt, das seit 1995 geltende Abtreibungsgesetz habe die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nicht verringert. Möglicherweise, so Nolte, werde der Casus noch einmal vor dem Bundesverfassungsgericht landen.
Woher plötzlich dieses moralische Feldgeschrei, nachdem die Politiker aller Couleur, einschließlich der christlichen, erst vor zweieinhalb Jahren mühsam genug einen die Gesellschaft halbwegs befriedigenden Kompromiß zur Abtreibung gefunden haben? In Deutschland droht ein neuer Kulturkampf - als ob die Deutschen nicht ganz andere Probleme zu bewältigen hätten. Der Papst und die Seinen, so scheint es, sind zum Krieg entschlossen, selbst wenn sie über die Abtreibungsfrage die eigenen Gläubigen in einen bösen Konflikt stürzen und eine nachhaltige Trübung der für die Kirche lukrativen Beziehungen zur Bundesrepublik riskieren.
Vergangene Woche bekam der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Oberhirte Karl Lehmann, Post von seinem obersten Chef. In einem acht Seiten langen Apostolischen Schreiben verlangt Johannes Paul II., katholische Stellen dürften nicht länger an Schwangerschaftsabbrüchen mitwirken, indem sie an schwangere Frauen, die sich um Rat an sie wenden, sogenannte Beratungsscheine vergeben. Dieses Papier ist vom Gesetz vorgeschrieben, ohne Vorlage des Beratungsscheins darf kein Arzt eine Abtreibung vornehmen.
Diese Scheine, kritisieren konservative Bischöfe wie Johannes Dyba von Fulda, seien eine "Lizenz zum Töten", die Kirche mache sich mithin mitschuldig am "Mord" ungeborenen Lebens, wenn sie länger in der staatlichen Schwangerschaftsberatung mitwirke. Dyba hat als einziger Oberhirte schon 1993 die Caritas und den Sozialdienst katholischer Frauen angewiesen, in seinem Sprengel keine Scheine mehr auszustellen.
Der Papst-Brief entfachte einen Sturm der Entrüstung, noch bevor sein genauer Wortlaut überhaupt bekannt war.
Der wegen seiner offenen Kritik schon mehrfach in Rom unliebsam aufgefallene Tübinger Theologieprofessor Norbert Greinacher rief zum offenen Ungehorsam gegen den Papst auf. Greinacher beklagte "die unglaublich totalitäre Struktur einer Kirche, die glaubt, noch immer von ihrem Zentrum Rom aus die ganze Welt regieren zu können und nationale Kirchen einfach mißachtet".
Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, der sächsische Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer (CDU), erklärte, die katholischen Beraterinnen und Berater retteten jährlich Tausenden von ungeborenen Kindern das Leben. Wenn die Kirche jetzt aus der Beratung aussteige, "käme dies einer unterlassenen Hilfeleistung gleich".
In der Union empörten sich Katholiken wie Protestanten gleichermaßen. "Der Papst", höhnte die evangelische Vizepräsidentin des Bundestages, Michaela Geiger (CSU), "verfolgt eine zweigleisige Politik. Auf der einen Seite wertet er durch seinen Besuch in Kuba den letzten Erzkommunisten auf, auf der anderen Seite gibt es gegen die Frauen ein totales Rollback."
Und ihr Parteifreund Alois Glück, CSU-Fraktionschef im Bayerischen Landtag und Mitglied im Präsidium der Christsozialen, "möchte Rom daran erinnern, daß wir in Deutschland eine weltweit einmalige gesetzliche Regelung für den Lebensschutz haben. Nicht befriedigend für die Kirche, aber beispiellos für eine plurale Gesellschaft" (siehe Interview Seite 38).
Auch die katholische Basis machte mobil: Die Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche", die in der Bundesrepublik zwei Millionen Anhänger und Sympathisanten hat, rief dazu auf, die bischöflichen Ordinariate per Fax, Telefon oder Brief mit Protesten zu bombardieren.
Die Bundesregierung hielt sich letzte Woche noch offiziell bedeckt. Aus dem CDU-Präsidium verlautete, Helmut Kohl sei "stinksauer". Claudia Nolte beteuerte intern, die Kirche dürfe auf keinen Fall aus der Schwangerschaftsberatung ausscheren. Kohl will sich erst äußern, wenn die Bischöfe sich in Würzburg zum Palaver über den Papst-Brief getroffen haben - aber auch dann nur in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der CDU.
Der Konflikt um das deutsche Abtreibungsrecht, vor allem um die im Gesetz vorgeschriebene Ausstellung eines Beratungsscheins als Bedingung eines Schwangerschaftsabbruchs, schwelt schon seit drei Jahren.
Johannes Paul hatte bereits 1995 der Bischofskonferenz seine Einstellung schriftlich gegeben: Das Abtreibungsgesetz stehe "im offenen Gegensatz zum Evangelium des Lebens". Die kirchliche Beratung, so der Papst, "muß auf jeden Fall so erfolgen, daß die Kirche nicht mitschuldig wird an der Tötung unschuldiger Kinder".
Damals ließen sich Bund und Länder in zähen Verhandlungen von den Kirchen das Zugeständnis abringen, daß eine Bescheinigung, die zum Schwangerschaftsabbruch berechtigt, nicht ohne vorherige ausführliche Beratung ausgestellt werden dürfe.
Doch dem Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, dem deutschen Kardinal Joseph Ratzinger, 70, langte das nicht, er sagte lediglich zu, ein Jahr lang dürfe die deutsche Kirche versuchsweise in den Beratungsstellen mitmachen. Danach behalte Rom sich vor, den Ausstieg anzuordnen.
Wiederholt versuchten deutsche Bischöfe, Ratzinger umzustimmen - vergebens. Zwar machte der vatikanische Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, ein 70jähriger Italiener, dem Papst die politischen Folgen eines Ausstiegs aus dem deutschen Beratungssystem klar: Da die kirchlichen Beratungsstellen dringend benötigt würden, um die vom Gesetzgeber verfügte flächendeckende Beratung zu gewährleisten, werde deren Ausfall zwangsläufig zu Spannungen mit Bonn und den Bundesländern führen. Doch der Fundamentalist Ratzinger setzte sich durch. Seit einem Jahr schon war klar, daß Rom die deutschen Bischöfe zur Ordnung rufen würde.
Auch Helmut Kohl und andere hochrangige CDU-Politiker intervenierten mehrfach in Rom. Die Appelle des Bonner Regierungschefs, so einer seiner Mitarbeiter, "haben den Papst wenig beeindruckt. In dieser Frage ist Kohl machtlos".
Zu der Erkenntnis waren drei weitere Parteifreunde schon im vergangenen Sommer gekommen. In einem Brief an den Papst hatten sich die Ministerpräsidenten Erwin Teufel (Baden-Württemberg), Bernhard Vogel (Thüringen) und Edmund Stoiber (Bayern) für den Verbleib der Kirche in der Schwangerschaftsberatung eingesetzt. Die drei katholischen Unions-Christen boten an, ihr Anliegen persönlich in Rom vorzutragen, dem Nachfolger Petri höchstselbst oder seinem Vertreter Ratzinger. Der Vatikan brüskierte die Briefschreiber. Die Antwort aus Rom ließ Monate auf sich warten und war, so Bernhard Vogel, "höflich in der Form, nichtssagend im Inhalt".
Dem Bischof Lehmann erging es nicht besser. Am 27. Mai letzten Jahres trug der Vorsitzende der Bischofskonferenz dem Papst und seinem Ratzinger in Rom die deutsche Position mündlich vor: "Wir sind bis jetzt der Meinung, daß wir innerhalb dieses Beratungskonzepts unsere Auffassung vom Lebensschutz realisieren können." Man dürfe den Beratungsschein nicht "aus dem Gesamtsinn des Beratungsprozesses herauslösen und gleichsam neutralisieren". Wer dies tue, "übersteigert durch Isolierung den Schein".
Lehmann beschwor den Papst: "Durch die Bescheinigung wird nur dokumentiert, daß die Frau sich an einem Verfahren beteiligt hat, dessen Sinn und Zweck es ist, die Abtreibung wenn möglich zu verhindern." Das Papier sei also kein Persilschein zur Abtreibung. Wojtyla sah sich den Schein genau an. Lehmann eindringlich: "Der Text enthält nicht den geringsten Hinweis auf die Möglichkeit einer Abtreibung. Wir arbeiten unseren Gegnern in die Hände, wenn wir die Funktion des Scheins in der Erleichterung der Abtreibung sehen."
Ratzinger insistierte unbeeindruckt, der Schein müsse weg, denn er sei "die einzige Conditio sine qua non für die straffreie Abtreibung und ist so der rechtliche Schlüssel für deren Durchführung". Niemand verlange, daß "die Zusammenarbeit mit dem Staat rundum aufgekündigt werden soll". Doch der Mitarbeit der Kirche sei "dort eine Grenze gesetzt, wo der Gesetzgeber die Grenze des moralisch Zulässigen überschreitet".
Seit jener Unterredung im Vatikan rechneten die deutschen Bischöfe mit dem Schlimmsten. Doch der befürchtete Papst-Brief blieb vorerst aus. Selbst ein Termin unmittelbar vor der Herbstkonferenz der deutschen Bischöfe verstrich. Inzwischen hatte Kohl Kardinalstaatssekretär Sodano gesprochen und ihn energisch auf die politischen Folgen eines Ausstiegs aus dem staatlichen System hingewiesen: Der Vatikan, so der Kanzler, müsse damit rechnen, daß sich Bund und Länder dann gegenüber den Wünschen der Kurie nach Konkordatsänderungen oder neuen Vereinbarungen nicht aufgeschlossen zeigen würden. Johannes Paul blieb stur, verfügte aber immerhin, daß Sodano an der Endfassung des Briefes beteiligt wurde. Ein deutscher Bischof: "Wenn Ratzinger ihn allein geschrieben hätte, sähe er anders aus."
Kohl-Freund Lehmann unternahm Anfang des Jahres einen letzten Versuch: Am 14. Januar machte er den Mitgliedern der Glaubenskongregation, dem wichtigsten Gremium des Heiligen Stuhls, bestückt mit zwölf Kardinälen, sechs Erzbischöfen und zwei Bischöfen, seine Aufwartung, um den Brief in letzter Minute noch zu verhindern.
Das Verdikt ist um so ungewöhnlicher, als der Vatikan seit dem Untergang seiner weltlichen Macht pingelig bemüht ist, sich mit der Obrigkeit in aller Welt zu arrangieren, um die eigene Existenz und die seiner Ortskirchen abzusichern - in weltanschaulich pluralen Demokratien ebenso wie in Diktaturen von Franco-Spanien bis Hitler-Deutschland. Nur gegenüber den Kommunisten war der Haß stärker als der Drang zum Kungeln, denn die verkörperten für die Päpste das Reich des Antichrist schlechthin.
Der letzte vergleichbare Konflikt mit dem deutschen Staat liegt mehr als 100 Jahre zurück: In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts versuchte Reichskanzler Otto von Bismarck, den Einfluß der Kirche in Preußen und im Reich drastisch zu beschränken. Er verwies katholische Orden, allen voran die Jesuiten, des Landes, verfügte die Ausbildung der Geistlichen an staatlichen Universitäten und führte die Zivilehe ein.
Anlaß der als "Kulturkampf" in die Geschichte eingegangenen Auseinandersetzung war ein römisches Dogma: Im Juli 1870 hatte das Erste Vatikanische Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes verkündet. Als sich kurze Zeit später in Deutschland das Zentrum gründete, fürchtete Bismarck, der sendungsbewußte Papst Pius IX. werde die neue Katholiken-Partei als seinen verlängerten Arm benutzen, um in Berlin mitzuregieren - für den preußischen Protestanten eine Horrorvorstellung.
Doch Bismarck hatte den Widerstand der deutschen Katholiken unterschätzt. Er arrangierte sich schließlich mit dem damaligen Papst Leo XIII. Dem moderaten Pius-Nachfolger schmeichelte er, indem er ihn 1885 im Streit des Deutschen Reiches mit Spanien wegen der Schutzrechte über die pazifischen Karolineninseln zum Schiedsrichter anrief.
Leo XIII. sah darin eine willkommene Gelegenheit, das Papsttum politisch aufzuwerten. Zum Dank dekorierte er Bismarck mit dem Christusorden mit Brillanten - eine Ehre, die zuvor noch nie einem Evangelischen zuteil geworden war.
Seither hat die vatikanische Diplomatie stets versucht, die Kirche in Deutschland durch ein Netz von Konkordaten und Verträgen vor einer Wiederholung des Kulturkampfs zu schützen. Makabrer Höhepunkt: das Reichskonkordat von 1933, das die Privilegien der Kirche im NS-Regime festschrieb, aber Adolf Hitler zu internationaler Reputation verhalf. Das Reichskonkordat gilt in wesentlichen Teilen bis heute.
In der Sache gibt es in der katholischen Kirche über Abtreibung keinen ernsthaften Dissens. Wie Johannes Paul II. und Ratzinger halten auch die deutschen Bischöfe unisono Schwangerschaftsabbruch für sittlich verwerflich. Unterschiede bestehen allenfalls in der Frage, wieweit die ungeborene Leibesfrucht bereits mit einem geborenen Kind gleichzusetzen ist. Für den Kirchenkritiker Eugen Drewermann erklärt sich aus dem biologisch unhaltbaren Glaubenssatz, schon "jede befruchtete Eizelle sei als ein Mensch zu betrachten, jede Verhinderung oder Unterbrechung einer Schwangerschaft ... sei Mord", der fanatische Kampf des Papstes (siehe Seite 40).
Anders als die Fundis argumentiert die große Mehrheit des deutschen Episkopats pragmatisch: Da die kirchlichen Beratungsstellen stets für das ungeborene Kind votierten, trügen sie dazu bei, Leben zu retten.
Die Zahlen geben ihnen recht. Nach Angaben des Deutschen Caritasverbandes konsultierten im vorletzten Jahr 114 508 Frauen eine der bundesweit 281 Schwangerschaftsberatungsstellen der Caritas oder des Sozialdienstes katholischer Frauen; 20 117 von ihnen kamen zur "Konfliktberatung". 23 Prozent von ihnen entschieden sich während oder unmittelbar nach der Beratung, ihr Kind zu behalten. Im Bistum Limburg haben sich 53 Prozent der Frauen, die sich in einer katholischen Einrichtung einer Konfliktberatung unterzogen, für ihr Kind entschieden (siehe Seite 36).
Der Limburger Bischof Franz Kamphaus verwies letzte Woche darauf, ob sein Bistum sich trotz des päpstlichen Verdikts weiter an der staatlichen Schwangerenberatung beteiligen werde, sei eine "Gewissensfrage" - mithin keine, die per Anordnung aus Rom entschieden werden könne.
Von den 27 deutschen Diözesanbischöfen hängt es in erster Linie ab, ob es tatsächlich zu einem neuen Kulturkampf kommt - diesmal an zwei Fronten: Rom gegen die Bundesrepublik und gegen die eigene Kirche vor Ort.
Am Sonntag abend versammelten sich die Oberhirten unter Führung des Mainzers Lehmann im Kloster Himmelspforten bei Würzburg, um über den weiteren Gang der Dinge zu beratschlagen. Jetzt sind die deutschen Bischöfe gefordert. Ein pikantes Szenario: Konservative contra Erzkonservative.
Eine Minderheit der Bischöfe, so wurde letzte Woche vermutet, sei nicht gewillt, der Weisung aus Rom blind zu folgen. Als mögliche Widerständler gelten neben Kamphaus die Bischöfe Hermann Josef Spital von Trier, Franz-Josef Bode von Osnabrück und Josef Homeyer von Hildesheim.
Spital vertritt dezidiert die Ansicht, "daß die Kirche die durch das Gesetz eröffnete Möglichkeit nutzen muß, wenn sie nicht vor der Gesellschaft unglaubwürdig werden will". Auch Bode und Homeyer haben wiederholt angedeutet, daß sie einen Ausstieg aus der bestehenden Beratung ablehnen. Doch keiner der Genannten kam letzte Woche aus der Deckung.
Deutlicher auszumachen sind die Hardliner. Zu ihnen zählen außer dem Kölner Meisner und Johannes Dyba von Fulda, der als rechter Flügelmann der deutschen Kirche firmiert, Johannes Joachim Degenhardt von Paderborn und Karl Braun von Bamberg sowie der Eichstätter Walter Mixa. Die restlichen Oberhirten gelten als unsichere Kantonisten.
Die undankbarste Rolle fällt dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Karl Lehmann, zu. Er ist kraft Amtes angehalten, die Einheit unter seinen Mitbrüdern zu wahren - für den Mainzer, der keinen Hehl daraus macht, wo er selber steht, eine möglicherweise unlösbare Aufgabe. Lehmann könnte darüber zur tragischen Figur werden. Der international angesehene Theologieprofessor hat seine Kirche stets im Gespräch mit möglichst vielen Gläubigen und Nichtgläubigen halten wollen. Er hat sich immer dafür eingesetzt, von den Glaubenshütern in Rom ausgegrenzte Gruppen wie die wiederverheirateten Geschiedenen in die Kirche einzugliedern. Im Vatikan stieß er stets auf Ablehnung.
Der Papst demütigte ihn mehrfach, indem er den obersten Repräsentanten des deutschen Episkopats bei der Ernennung neuer Kardinäle demonstrativ überging - zuletzt in der vergangenen Woche, als Johannes Paul 20 weitere Purpurträger kreierte, darunter keinen Deutschen.
Lehmanns Amtszeit als Vorsitzender der Bischofskonferenz läuft 1999 ab. Insider kolportieren bereits, der Mainzer stehe wohl für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung. Eine Nachricht, die bei Lehmanns Amtsbrüdern Wetter, Meisner und vor allem dem Fuldaer Erzbischof Dyba Freude auslösen dürfte. Dyba sagt seit langem jedem, der es hören will, was er von dem liberalen Amtskollegen hält.
Ob Lehmann in Würzburg den Spagat schafft zwischen dem Wunsch, in der Schwangerenberatung weiterzumachen wie bisher und der Pflicht, seine Kollegen unter einen Hut zu bringen, ist ungewiß. Einen gewissen Spielraum haben die Bischöfe. Denn der Papst hat in seinem Schreiben vermieden, die Forderung nach einem Ausstieg zu einer Frage der kirchlichen Lehre hochzustilisieren.
Der Brief beginnt mit der traditionellen Formel "Den verehrten Brüdern im Bischofsamt Gruß und apostolischen Segen." Dann bekräftigt der Papst noch einmal ausführlich seine Ablehnung jeglicher Abtreibung. Die Kirche dürfe niemals, heißt es, den Eindruck erwecken, als würde sie einen Schwangerschaftsabbruch billigen.
Doch der Papst erteilt den Adressaten seiner Epistel keinen Befehl, der sie zum strikten Gehorsam verpflichtet. Statt dessen "bittet" er die Bischöfe eindringlich, "möglichst" keine Beratungsscheine mehr auszustellen. "Nach gründlicher Abwägung aller Argumente", heißt es in dem Schreiben, sei der Papst zu der Auffassung gelangt, daß die Ausstellung dieser Scheine die Kirche in eine zweideutige Lage bringe, "welche die Klarheit und Entschiedenheit des Zeugnisses der Kirche und ihrer Beratungsstellen verdunkelt".
Johannes Paul verlangt von der deutschen katholischen Kirche, sie solle die Politiker drängen, die Gesetzeslage zu ändern, "um so die Möglichkeit zu bekommen, weiterhin intensiv zu beraten", ohne den Schein auszustellen. Dem Schreiben beigefügt ist ein Kommentar aus der Vatikanzeitung "L'Osservatore Romano", der am Dienstag veröffentlicht werden soll.
Mit dieser juristischen Form können jene Bischöfe leben, die den Ukas aus Rom ablehnen, denn kirchenrechtlich verzichtet der Absender damit auf Sanktionen wie Versetzung oder gar Amtsenthebung renitenter Mitbrüder. Doch das Kernproblem der deutschen Oberhirten bleibt. Kuschen sie nicht, brüskieren sie in jedem Fall ihr Oberhaupt in Rom. Denn daß der Papst den Ausstieg will, daran läßt er keinen Zweifel. Ein ranghoher Kirchenmann: "Die Bischöfe müssen nun abwägen, welchen Konflikt sie vorziehen - den mit dem Papst oder den mit der eigenen Basis und dem Staat."
Einen rechtzeitig zum Auftakt des Wahljahres vom römischen Zaun gebrochenen Kulturkampf fürchtet auch Kohl. Zwar muß er sich nicht sorgen, beim Krach mit Rom eine nennenswerte Zahl fundamentalistischer katholischer Wähler an die Konkurrenz zu verlieren. Diese sektiererische Gruppe ist gegen rechtsextreme Parteien weitgehend immun. Befürchten indes muß der Kanzler, daß sich aus diesem Lager das Potential der Nichtwähler vergrößert.
Den Herren der Glaubenskongregation in Rom ist dies, trotz aller ideologischen Nähe zur Christenunion, ziemlich egal. Sie haben höhere Ziele: Im Vatikan ist der Kampf um die Nachfolge des kranken Papstes längst eröffnet. Der Streit mit den Deutschen ist Karol Wojtylas letztes Gefecht, seine konservative Sittenlehre weit über seine Amtszeit hinaus unverrückbar festzuschreiben.
Fünf der zwölf Kardinäle des Gremiums, das Johannes Paul II. in die Schlacht getrieben hat, gehören zum Kreis der Papabiles, der potentiellen Nachfolger auf dem Stuhl Petri: der Slowake Jozef Tomko, 73, der Kolumbianer Alfonso López Trujillo, 62, der Italiener Giacomo Biffi, 69, der Brasilianer Lucas Moreira Neves, 72 - und nicht zuletzt der Deutsche Joseph Ratzinger.

DER SPIEGEL 5/1998
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