05.01.1998

NACHWUCHS„Von Beruf Mutti“

Seltsamer Aufschwung Ost: Im vorpommerschen Kreis Uecker-Randow werden immer mehr Minderjährige Mutter.
Nico ist ein Pfundskerl. Als er vor drei Monaten geboren wurde, wog er fast 6 Kilo und war 60 Zentimeter groß. Der "Nordkurier" brachte ein Bild vom "strammsten Baby im Landkreis Uecker-Randow" und der glücklichen Mutter.
Der stand selbst noch der Babyspeck im Gesicht. Veronica Maring aus dem Weiler Groß-Luckow wurde kurz vor der Niederkunft 17 Jahre alt: "An Abtreibung hab' ich nie gedacht." Als sie schwanger wurde, war sie seit fünf Monaten arbeitslos und auf der Suche nach einer Lehrstelle.
Der Säugling ist heute der Liebling der Großfamilie, denn er "macht uns das Leben ein bißchen leichter", sagt Oma Maring, 40, die als Vormund fungiert und nun acht Kinder durchfüttern muß. Die zur Gärtnerin umgeschulte Traktoristin ist ebenso arbeitslos wie Lebensgefährte und Opa Mario Werth, 36. Die Familie lebt von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe.
Das Baby von Tochter Veronica bessert die Haushaltskasse auf: Zusätzlich zu den 600 Mark Erziehungs- und 220 Mark Kindergeld pro Monat streckt das Jugendamt 204 Mark Alimente vor. Gegen den Erzeuger von Nico, der die Vaterschaft bestreitet, prozessiert das Jugendamt.
Fälle wie der von Veronica Maring häufen sich seit zwei Jahren in dem vorpommerschen Landkreis Uecker-Randow. In der 89 000 Einwohner zählenden Region im Nordosten der Republik hat sich 1997 die Zahl an minderjährigen Müttern auf 38 verdoppelt, während sie landesweit konstant geblieben ist. Acht weitere Mädchen erwarten Anfang dieses Jahres Nachwuchs. Die beiden jüngsten Mütter sind 14 Jahre. In ganz Mecklenburg-Vorpommern werden jährlich rund 130 junge Mädchen Mutter.
Christine Bobsien, 17, aus Polzow nahe der Kreisstadt Pasewalk, erwartet Anfang Februar ein Mädchen, eine Abtreibung kam auch für sie nicht in Frage. Ihr Freund Jens, 22, bekannte sich "nach dem ersten Schreck" zur Vaterschaft. Mit Veronica Maring verbindet Christine die soziale Not: Der Vater ihres Kindes sucht seit vier Jahren eine Lehrstelle. Sie selbst will im Herbst eine Ausbildung anfangen - "wenn ich was finde".
Sozialarbeiter und Behörden haben für den seltsamen Aufschwung Ost nur eine plausible Erklärung: In Uecker-Randow treibt die Zukunftsangst viele Minderjährige in die Mutterschaft. "Die meisten Mädchen werden nicht ungewollt schwanger", sagt Jugendpflegerin Simone Kühl, die im Landkreis die Vormundschaften betreut.
In der DDR waren frühe Schwangerschaften und Heiraten aus materiellen Motiven gang und gäbe: In den meisten Ostkommunen hatten junge Leute nur so die Chance auf eine eigene Wohnung und auf großzügige Darlehen des SED-Staates. 5000 Mark zahlte die Obrigkeit zinslos an junge Paare, den sogenannten Ehekredit konnten sie dann "abkindern" (DDR-Jargon) - für das Erstgeborene erließ die Regierung 1000 Mark, für jedes weitere Kind erhöhte sich die Summe, bei vier war das Darlehen abgegolten.
Auch die neue Obrigkeit kümmert sich: Kann eine Mutter den gesetzlich garantierten Mindestbedarf für Miete und Lebensunterhalt nicht aufbringen, so sorgt das Sozialamt für ihr Auskommen. Nach der jüngsten Änderung des Abtreibungsparagraphen 218 wurde der Anspruch auf Sozialhilfe erweitert. Seit August 1996 bekommen minderjährige Mütter Sozialhilfe, unabhängig vom Einkommen der Eltern. Kühl: "Diese Regelung begünstigt tatsächlich manche Schwangerschaft."
Aus ihren Gesprächen mit den Mädchen weiß Kühl, daß die meisten von ihnen "Frust in der Schule schieben oder keine Lehrstelle finden". Vergangenes Jahr bewarben sich über 400 Jugendliche im Landkreis vergeblich um Arbeit. Die Schwangerschaft, so Kühl, verschaffe ihnen die Hoffnung, "eine zeitlang Ruhe zu haben".
"Die Spirale wird sich weiter drehen", prophezeit Renate Gaude, Leiterin des Sozialpädagogischen Dienstes im Kreisjugendamt. Im Frühjahr verläßt der nächste Jahrgang die Schule - und wieder fehlen Hunderte Lehrstellen. Ein Viertel der Jugendlichen ist bereits seit zwei Jahren ohne Lehrstelle oder arbeitslos, weil ihre Betriebe dichtmachten. "Da wächst eine Generation heran, die glaubt: Mich braucht ja sowieso keiner", beschreibt Gaude die Stimmungslage.
Für alle, die sich nicht für ein Berufsaufbaujahr entscheiden oder eine überbetriebliche Ausbildung anfangen - ohnehin meist Vorstufen in die Arbeitslosigkeit - ist ein Leben von der Sozialhilfe programmiert. Gaude: "Nach hundert Bewerbungen resignieren die Jugendlichen."
Schwangerschaft als Ausweg aus der Tristesse bietet sich - wie früher - da schon mal an, zumal in einer Region wie Uecker-Randow. Der Kreis, von jeher ein armer Landstrich und seit dem Zusammenbruch der DDR-Agrarwirtschaft eines der strukturschwächsten Reviere in Deutschland, verzeichnete im vergangenen November offiziell eine Arbeitslosenquote von fast 25 Prozent (Landesdurchschnitt: 21 Prozent), doch die tatsächliche Zahl liegt weit höher. Besonders betroffen sind Frauen; jede dritte hat keinen Job.
Eine von ihnen ist Bianca Jahnke. Als sie mit 16 zum zweitenmal schwanger wurde, wollte sie sich das Kind nicht "schon wieder abnehmen" lassen. Ihr erstes hatte sie mit 14 auf Druck der Familie abgetrieben. Inzwischen ist sie verheiratet und zweifache Mutter und hat erstmals das Gefühl, "für jemanden sorgen zu können".
Seit ihre Tochter Marie-Christine (drei Monate) da ist, denkt sie nicht daran, ihre Ausbildung fortzusetzen. In ihrer Heimatstadt Eggesin, einem ehemaligen NVA-Einödstandort ("Sandmeer, Waldmeer, nichts mehr"), knapp 15 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, werden keine Verkäuferinnen gesucht. Schon gar nicht solche, die keinen Abschluß haben und zwei "Kinder in den Windeln".
"Die meisten kommen aus dem Sozialhilfekreislauf nicht mehr raus", sagt Sozialpädagogin Gaude. Auch Bianca Jahnke macht sich keine Illusionen: "Ich bin von Beruf eben eine gute Mutti", tröstet sich die 19jährige.
Von Nana Brink und

DER SPIEGEL 2/1998
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