12.01.1998

SKI ALPINMobbing im Schnee

Darf ein Trainer mit seiner Schutzbefohlenen tanzen? Und was darf er ihr ins Ohr flüstern? Die Rennläuferin Angela Zimmermann hat den Vorwurf der sexuellen Belästigung nie erhoben - dennoch wurde sie vom Deutschen Skiverband de facto mit einem Berufsverbot belegt.
Zu Hause vor dem Fernsehschirm sackt die Skirennläuferin Angela Zimmermann, 23, in sich zusammen. Gerade hat sie bei der Live-Übertragung vom Weltcup-Slalom aus Bormio zuschauen müssen, wie ihre Kollegin Monika Bergmann auf den achten Rang vorfährt und sich somit als letzte Deutsche für das Olympia-Team qualifiziert. "Aus der Traum", seufzt sie leise.
Angela Zimmermann, das ließ sie vorigen Montag so verzweifeln, hat das Rennen um die Teilnahme an den Winterspielen in Nagano nicht auf der Skipiste verloren, sondern auf einer Tanzfläche.
Über drei Jahre ist es her, daß ihr in einer Hotel-Disko in den chilenischen Anden der damalige Damen-Cheftrainer Rainer Mutschler näherkam. Und weil Fälle von sexueller Belästigung, ob verbal oder physisch, nicht erst seit dem Urteil gegen den Stuttgarter Eislauftrainer Karel Fajfr einen hohen Unterhaltungswert und ein mächtiges Empörungspotential haben, wurde das unschickliche Tête-à-tête zum "Sex-Skandal" ("Münchner Abendzeitung") hochgejazzt.
Den Vorwurf der sexuellen Belästigung hat Angela Zimmermann persönlich nie erhoben. Dennoch entwickelte die Affäre eine bizarre Eigendynamik: In deren Wirrungen suspendierte der Deutsche Skiverband (DSV) die Slalomspezialistin - das Opfer, das nicht klagt, fühlt sich somit ein zweites Mal als Opfer; in der Diktion des DSV geriet sie gar in die Rolle der Täterin.
Nächste Woche werden sich jedoch der DSV und sein inzwischen zum Alpin-Chef beförderter Trainer Mutschler einer überfälligen Aufarbeitung des Falls stellen müssen. Die Vorsitzende des Bundesverbands Frauen im Deutschen Sportbund (DSB), Inge Berndt, hat die Angelegenheit auf die Tagesordnung der kommenden Präsidiumssitzung gesetzt. Knapp einen Monat vor den Olympischen Spielen wirft das Präsidiumsmitglied des obersten Sportverbandes dem Coach einen "Verstoß gegen den DSB-Ehrenkodex" vor: "Angesichts der Art und Weise, wie Herr Mutschler Frau Zimmermann verfolgt hat, ist er als Trainer nicht mehr tragbar."
Im Kern geht es längst nicht mehr darum, ob und wie ein Trainer mit seinen Schutzbefohlenen tanzt. Es geht vielmehr um die Ausgrenzung von unliebsam gewordenen Sportlern - bis hin zu einem faktischen Berufsverbot.
Denn obwohl es kein verbandsrechtliches Urteil gegen Angela Zimmermann gibt, wie DSV-Mann Hubert Schwarz bestätigt, hat das Präsidium beschlossen, die Athletin so lange nicht für internationale Rennen zu melden, wie mit Rainer Mutschler keine Einigung erzielt worden ist. "Doch der", klagt die Ausgesperrte, "verschleppt die Sache nur."
Angela Zimmermann achtet auf Sachlichkeit, wenn sie über ihren Fall spricht. Sie will dem Verdacht vorbeugen, daß blinde Wut, Rache oder Wichtigtuerei sie treiben. Die Abiturientin hat die Korrespondenz ihres absurden Dramas sauber in einem Ordner abgeheftet. Sie ist ein wenig anders als die burschikosen Bauerntöchter, die im Ski-Zirkus oft den Ton angeben. Sie erzählt klar strukturiert - auch wenn sie den verhängnisvollen Abend im September 1994 im Trainingslager in Chile schildert.
Nur für die deutschen Skifahrerinnen wurde die Hotel-Disko aufgesperrt. Es läuft viel ruhige Musik. Mutschler, bekannt als ein aufgeschlossener, fröhlicher Zeitgenosse, fordert Angela, die damals noch Grassinger heißt, zum Tanz auf. Sie ist darüber reichlich verdutzt, mit Mutschler pflegte sie bislang einen eher kühlen Umgang. Ihre Bezugsperson war stets Wolfgang Maier, der Technik-Trainer.
Der Schwof wird auffallend innig. Die Rennläuferin Miriam Vogt ist Augenzeugin: "Mein persönlicher Gedanke war, hoffentlich haben beide die Kontrolle darüber."
Nach Zimmermanns Darstellung, die Mutschler vehement bestreitet, verliert ihr Tanzpartner rasch die Zurückhaltung. So soll er ihr "mehrfach über den Rücken gestreichelt haben". Auch habe er sie "zu sich rangezogen" und ihr "seine dicke Hose hingedrückt" und ins Ohr geflüstert: "Ich steh' auf dich."
Die Sportlerin wundert sich über die Forschheit Mutschlers. Um nicht "weiter behelligt" zu werden, nutzt sie einen Toilettengang des Tanzpartners und verschwindet auf ihr Zimmer. Kurz darauf versucht Mutschler mit dem pickelähnlichen Stativ einer Zeitmeßmaschine eine Zimmertür einzuschlagen. Er erwischt die Pforte seines Kollegen Maier. Fräulein Grassinger wohnt eins daneben.
Die Rennläuferin, von Maier ehedem als "größtes deutsches Talent" beurteilt, bestreitet die folgende Saison mit mäßigem Erfolg. Sie schafft es nicht, ihre guten Leistungen bei Europacup-Rennen, wo sie schon Slalom-Asse wie Elfi Eder und Anita Wachter bezwingen konnte, auch im Weltcup umzusetzen.
Im Privaten läuft es besser: Sie lernt den Oberfeldwebel Rolf Zimmermann kennen, das Paar heiratet im Oktober 1995.
Doch dann geschieht, was schon des öfteren im DSV-Stab zu Verwerfungen geführt hat: Rolf Zimmermann begleitet seine Angetraute zu den Rennen. Die Trainer fühlen sich in ihrer Arbeit gestört, beim Weltcup-Rennen in Maribor erteilt Mutschler seiner Athletin einen derben Rüffel: "Du bekommst jetzt die Gelbe Karte. Und wenn dein Mann noch mal bei irgendeinem Rennen auftaucht, fliegst du aus der Mannschaft."
Es ist nicht leicht, eine Gruppe zu führen, in der sich 16jährige Teenager ebenso tummeln wie 30jährige Ehefrauen. Die DSV-Trainer tun sich jedoch augenscheinlich besonders schwer mit dem Erwachsenwerden ihrer "Madln". Michaela Gerg, eine mit Weltcup-Siegen dekorierte Fahrerin, zog nach ihrer Vermählung mit einem Skilehrer ebenso die Konsequenzen wie die Kombinations-Weltmeisterin von 1993, Miriam Vogt, die sich gelegentlich von ihrem Bruder betreuen ließ - beide trennten sich vom DSV. Gerg: "Ich war raus aus dem Alter der Ski-Mädchen."
Wie sehr die DSV-Führung versucht, äußere Einflüsse zu blockieren, hatte Angela Zimmermann schon als 19jährige erlebt. Damals drängten sie die Trainer, sich aus der Obhut ihres ehrgeizigen Vaters zu lösen. Unter tätiger Mithilfe des DSV, der unter anderem einen Kleinbus organisierte, gelang ihr die Flucht aus dem Elternhaus im fränkischen Ammerndorf. Monatelang wurde ihr neuer Wohnort geheimgehalten.
Nach der Hochzeit wollte Angela Zimmermann nicht erneut "einen Keil" zwischen sich und ihre Familie treiben lassen. Bei einem Gespräch in der Münchner DSV-Zentrale beschwerte sie sich bei Generalsekretär Helmut Weinbuch und Vizepräsident Heinz Billino über Mutschler.
Sie könne nicht nachvollziehen, daß manche deutsche Ski-Damen wie selbstverständlich mit Trainern oder Serviceleuten liiert seien, sie aber auf ihren Ehemann verzichten solle. Und dann erwähnt sie noch, daß Mutschler schon mal bei ihr zu landen versucht habe.
Kaum hat sie das ausgesprochen, soll sie ihre Anwürfe einen Raum weiter wiederholen. Dort sitzen, wie auf Abruf, Mutschler, Maier und drei weitere Funktionäre. Angela Zimmermann beschleicht das Gefühl, "daß die ganze Sache geplant war". Am Ende des Tribunals wird sie verpflichtet, den Vorgang nicht der Presse weiterzugeben.
Sie wird zur Persona non grata des Damen-Teams. Bei einer Teambesprechung in Cortina d'Ampezzo informiert Mutschler die Mannschaft über ihre Äußerungen. Die Art und Weise, wie er das tut, schildert Miriam Vogt in einem Schreiben an Zimmermann so: "Der Eindruck, den die Athletinnen erhielten, war eine klare Positionierung gegen Angela."
Das Gefühl der Geächteten, "nicht mehr gern gesehen zu sein", verdichtet sich nach Saisonende bei einem Anruf von Mutschler. Er verlangt, sie solle die Vorwürfe zurücknehmen. Da sie sich keiner Schuld bewußt ist, lehnt sie ab.
Im übrigen ist sie schwanger. Den kommenden Winter, weiß sie, kann sie ohnehin nicht fahren. Nach ihrer Babypause, da ist sie sich sicher, werden die atmosphärischen Störungen ausgeräumt sein.
Doch mit Datum vom 5. April 1996 erhält sie Post von Mutschler. "Liebe Angela", beginnt das Schreiben, aber schon im zweiten Absatz wird der Ton rauher: "Auch Du sollst in einem Kader des DSV aufgestellt werden. Bevor dies jedoch von mir vorgeschlagen wird, verlange ich von Dir ... einen schriftlichen Widerruf der von Dir gegen mich gerichteten Vorwürfe."
Als Angela Zimmermann das Ansinnen ablehnt, erhält sie die Mitteilung, in den Förderkader zurückgestuft worden zu sein. Sie sieht sich als Ziel einer Mobbing-Kampagne und schaltet einen Anwalt ein, um sich gegen die Degradierung zu wehren.
Dann eskaliert der Fall endgültig. Durch die Indiskretion einer Teamkollegin kommt der Streit zwischen ihr und Mutschler in die Medien.
Rasch wird kolportiert, daß die Rennläuferin ihren Trainer nur beschuldigt, um sich für ihre eigentlich leistungsbegründete Zurückstufung zu rächen. Die meisten Ski-Damen stellen sich hinter den Chef. Eine Kollegin behauptet gar, Angela Zimmermann habe sich "an Mutschler herangeschmissen".
Inge Berndt, von der Athletin ins Vertrauen gezogen, sieht die Sache anders. Für sie ist Zimmermann Opfer einer Verwicklung, für die sie nicht die Verantwortung trägt. "Der Trainer hätte die Bremse ziehen müssen."
Als der Disput eine interne Angelegenheit war, versuchte Mutschler Druck auszuüben. Seit die Affäre öffentlich ist, agiert er eher zögerlich.
Familienvater Mutschler, 38, ist ein kluger Kopf und ein Kumpel-Typ mit robustem Humor. 1995 verteilte er Weihnachtskarten, denen ein Kondom beigeklebt war: "Damit Weihnachten sicher kommt." Als das einige DSVer geschmacklos fanden, erklärte er, er habe diese Aktion im Zusammenhang mit der Aids-Aufklärungs-Kampagne der Bundesregierung gesehen.
"Ein perfides Spiel", so glaubt die DSB-Präsidin Berndt, habe nicht nur Mutschler gespielt. Auch einige DSV-Funktionäre hätten versucht, "Frau Zimmermann zu isolieren".
Noch im vergangenen Sommer, sagt Angela Zimmermann, habe sie vom DSV- Vorstand Billino und Sportdirektor Thomas Pfüller die Zusage bekommen, wieder bei internationalen Rennen starten zu dürfen. Eine Einigung mit Mutschler sei damals nicht zur Bedingung gemacht worden. Im Oktober kam dann das Veto: Frieden mit Mutschler doch erwünscht, hieß es nun.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Skirennläuferin bereits ein 60 000 Mark teures Wohnmobil für ihre Trainingsreisen gekauft und einen renommierten Privattrainer verpflichtet: "Ein Aufwand, den ich nicht betrieben hätte, wenn ich nicht vorher die Zusage gehabt hätte."
So steckt Angela Zimmermann jetzt auch in einem finanziellen Dilemma. Um endlich wieder Geld einzufahren, unternimmt sie im Dezember einen verzweifelten Vorstoß. DSV-Vize Billino hilft ihr bei der Formulierung eines Widerrufs. Sie schickt das Schriftstück ("Von dem Tanz fühlte und fühle ich mich nicht sexuell belästigt") als Entwurf ohne Unterschrift an den DSV. Der Inhalt gelangt, keiner weiß wie, an die Presse.
Daß sie nun endgültig als "Lügnerin und Depp" dasteht, war Angela Zimmermann im vorhinein klar: "Hauptsache, ich kann wieder fahren."
Doch statt sich mit den voreiligen Veröffentlichungen zufriedenzugeben, stellt Mutschler einen Forderungskatalog auf, der 20 Punkte umfaßt: Er verlangt unter anderem Zimmermanns Widerruf, überhaupt jemals engumschlungen mit ihm getanzt zu haben. Außerdem soll sie behaupten, niemals das Schreiben vom 5. April 1996 erhalten zu haben - obschon selbiges in einer Kopie auch an Generalsekretär Weinbuch gegangen war.
"Ununterschreibbar" nennt die Skiläuferin die "Vereinbarung". Statt dessen will sie jetzt prüfen lassen, ob sie ihr Startrecht bei Gericht einklagen kann.
Mutschlers Verhalten zu hinterfragen mag sich der DSV nicht leisten. Selten zuvor waren die deutschen Ski-Damen so erfolgreich wie unter der Ägide des smarten Schwaben.
Daß dessen Renitenz einem willkürlichen Berufsverbot für Angela Zimmermann gleichkommt, stört Präsident Fritz Wagnerberger nicht. Mutschler sei "einer der besten Trainer der Welt und einer unserer wichtigsten Angestellten". Und warum er der Darstellung seiner Sportlerin weniger traue als der seines Chefcoaches? "Weil ich den besser kenn'."
Von Pfeil und

DER SPIEGEL 3/1998
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