19.01.1998

TRADITIONSPFLEGEVorhut der Nachhut

Hunderttausend zogen in Berlin zu den Gräbern von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg - ein innerer Parteitag der PDS.
Dicht an dicht stehen die Blumenhändler zwischen dem Bahnhof Berlin-Lichtenberg und der "Gedenkstätte der Sozialisten" hinter ihren Wassereimern, aus denen rote Nelken ragen. "Einsfuffzig det Stück". In der Marktwirtschaft gibt's keinen Rabatt für Revolutionäre und Rentner.
Seit dem Untergang des "real existierenden Sozialismus" ruft die PDS am zweiten Sonntag im Januar zum Gedenken an die ermordeten Arbeiterführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. In diesem Jahr kommen hunderttausend, fast schon wieder so viele wie weiland zu Erich Honeckers Zeiten.
Doch diesmal haben weder Staatsbürgerkundelehrer noch Parteisekretäre jenen Zwang zur Freiwilligkeit ausgeübt, der einst die Menschen zu den Kundgebungen trieb und die DDR stabilisierte. Jetzt, da frische rote Nelken keine Mangelware sind, hat auch das vielfältige Grau wieder Konjunktur. Überall Schirmmützen, Jacken und Schuhe in jenen unbeschreiblichen Farben zwischen nicht richtig Grau und auch nicht ganz Lila, mit denen die DDR den Weltmarkt stürmen wollte.
Während die Blumenhändler noch auf die Käufer warten, wird auf dem Vorplatz des Friedhofs eine Straße der Propaganda errichtet. Wer zu Karl und Rosa will, muß durch das Spalier der Stände, als seien diejenigen, die hierher kommen, ideologisch noch nicht genug gerüstet.
Aus einem schicken schwarzen Volvo wird eine rote Fahne geholt. Aufgespannt zwischen zwei Bäumen, zeigt sie das Bild des 1944 ermordeten KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann. Mit Flugblättern aus Bananenkisten rüstet die Ernst-Thälmann-Gedenkstätte aus Ziegenhals bei Berlin zum Überlebenskampf.
Auch der trotzkistische "Spartakist" gibt ein ideologisches Ständchen, nicht zu vergessen die KPD, der SAV, die maoistische MLPD - und alle haben immer genügend Material dabei, die Abkürzungen zu erklären: Kommunistische Partei Deutschlands, Sozialistische Alternative und Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands. Es ist der Tag der sozialistischen Superlative. Da die Originale so diskreditiert sind, wird für deren Steigerungsformen geworben: für den "echten" Sozialismus und für den "konsequenten" Kommunismus.
Kurz vor halb zehn Uhr versammelt sich ein Grüppchen auf dem Platz, es ist die Spitze der PDS, die Vorhut der Nachhut der SED. Lothar Bisky, Gregor Gysi und Hans Modrow machen sich, die Kränze gemeinsam tragend, auf den Weg zu den Grabsteinen.
Aus Lautsprechern dudeln Arbeiterlieder, vorzugsweise von Ernst Busch gesungen. An den eisernen Eingangstoren des Friedhofs stehen ältere Herren mit Armbinden. Ihre strengen Blicke machen die Binden und die Aufschrift "Ordner" vollkommen überflüssig. Nicht nur die Herren sind wiederzuerkennen, auch der Sockel, auf dem sich Erich Honecker all die Jahre bejubeln ließ. Zwischen den Steinen sind die Schlitze noch sichtbar, durch die einst die heiße Luft der Fußbodenheizung zu den Parteiführern aufstieg.
Die Kränze der Partei sind kaum abgelegt, da taucht Egon Krenz auf, letzter SED-Generalsekretär, verurteilt wegen der Todesschüsse an der Mauer. Er hat sich einen Weg an den Ständen entlang gebahnt, überall von den angebotenen Heftchen und Blättchen gekauft. "Dem nächsten", entfährt es ihm, des Pluralismus sichtlich überdrüssig, "sag' ich, ich hab' schon alles." Dann setzt er sein Grinsen auf, mit dem er Freund und Feind schon immer die Zähne zeigte, und nimmt Huldigungen entgegen: "Hallo Egon", "laß dich nicht unterkriegen", "sei tapfer."
Krenz, nicht Gysi, ist der Star dieses Sonntags. Nicht Gysis bunte Truppe, sondern Krenzens graue Garde bestimmt den Gedenktag, der zum Beginn des Wahljahres zum inneren Parteitag der PDS geworden ist. Denn Rosa Luxemburg zählt zu den Vorbildern, an die sich die wenigen Jung-, die vielen Altkommunisten und die Anhänger der diversen Sozialismen noch klammern können, die frei vom Vorwurf des Stalinismus noch zur Heiligen taugt.
Als hätte der Bund der Bundjackenträger zur Vollversammlung geladen, füllt sich die Straße zwischen dem Bahnhof und dem Friedhof mit längst abgetragen geglaubtem DDR-Design. Ein Heer von spießigen Staatsdienern und abgewickelten Parteibürokraten präsentiert sich als Erbe einer Frau, die den SED-Genossen nicht geheuer war, weil sie den großen Lenin heftig kritisiert hatte.
So schiebt sich eine halb sächselnde, halb parteichinesisch schwadronierende Menschenmenge über den Friedhof. Viele brabbeln in Trauerreden darüber, daß die Enkelkinder schon nicht mehr wüßten, was einmal die "Jungen Pioniere" waren, und nähren aus den immer neuen Rekordzahlen der Arbeitslosigkeit trotzig den Glauben, ihre DDR sei doch nicht ganz verkehrt gewesen. Rosa Luxemburgs Grabstein ist für viele die Klagemauer, an der die Gedanken mehr um das eigene beerdigte Lebenswerk kreisen als um das der hier Beerdigten.
Artig verteilen sie die Nelken auf ihre Helden, die ebenfalls auf diesem Friedhof ruhen und deren Namen den jüngeren Demonstranten schon nichts mehr bedeuten. Wer erhält mehr Blumen? Der einstige DDR-Außenminister Otto Winzer, das frühere Politbüromitglied Werner Lamberz oder gar Anton Ackermann, seinerzeit Propagandist des "besonderen deutschen Wegs zum Sozialismus"? So wird aus dem Gedenkmarsch ein äußerst ausgefallenes Politbarometer.
Beim Stand der "Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung" treffen sich die vermeintlichen Opfer der BRD-Siegerjustiz. Ein Genosse verkündet, daß die nächste Revolution "nicht so friedlich werden wird", ohne das allerdings zu präzisieren.
Den Unfrieden leben diverse Kommunisten schon einmal vor. "Die Erben der Täter in den Reihen der Opfer!" pflaumt ein Spartakist einen Sozialdemokraten an, der sich mit SPD-Fahne zum Friedhof wagt. Auch KPD und KPD sind sich nicht ganz rot. Das da vorn, erklärt die Dame von der einen KPD, sei die Ost-KPD, Nachfolgepartei der SED. "Wir sind die richtige KPD - auch in Opposition zur DDR" -, was sieben Jahre nach dem Untergang derselben ganz besonders tapfer ist.
Tausende Blumen liegen am Nachmittag, als der Marsch der Hunderttausend langsam abebbt, auf den Gräbern von Liebknecht und Luxemburg. Natürlich sind das weniger als jüngst in London bei Prinzessin Diana. Aber die ist auch noch nicht 79 Jahre tot.
Stefan Berg
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 4/1998
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