12.01.1998

RUSSLANDWaffe des Kreuzes

Der Politkommissar ging, der Feldprediger kommt. Die orthodoxe Kirche füllt das geistige Vakuum nach dem Ende des Kommunismus, Priester rüsten die Soldaten moralisch auf.
Sonntag, minus 20 Grad: Die Wolga beim Städtchen Kostroma ist zugefroren. Nur dick vermummte Eisangler trotzen der Kälte - und einige Kadetten der Höheren Armeeschule. Die angehenden Offiziere säubern vor der Kaserne den Gehsteig.
Wenn die Hände zu klamm werden, wärmen sie sich beim heiligen Georgij, dem für den Wehrstand zuständigen Schutzpatron, im nahen Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche auf.
Von den Kommunisten einst zum Schlafsaal entfremdet, dient der Sakralbau der Truppe seit zwei Jahren wieder als Garnisonskirche. Der vollbärtige Priester Oleg, 34, zelebriert die Liturgie. Er weiß, wie er mit Soldaten zu reden hat: Er war selbst Leutnant zur See und Kommandeur eines Minensuchbootes in der Ostsee, bis er während der Wendezeit in Rußland das Gefühl bekam, daß "die Theorien von Marx und Lenin zum Leben nicht mehr ausreichen".
Da faßte er einen überraschenden Entschluß: Oleg ging für ein knappes Jahr an das Priesterseminar in Moskau und kehrte anschließend in seine Heimatstadt Kostroma zurück - als Militärseelsorger für die 30 000 Soldaten des Standortes.
Soviel Engagement erfreut seinen kirchlichen Vorgesetzten, den Bischof Sawwa von Krasnogorsk, 38, der seinen Sitz in Moskau hat und dem Patriarchen Alexij II. direkt unterstellt ist. Sawwa leitet die im Patriarchat vor zwei Jahren gegründete Abteilung für die Zusammenarbeit mit den Streitkräften und anderen uniformierten Staatsdienern. Damit ist sie beinahe so etwas wie eine Nachfolge-Institution jener ZK-Abteilung der KPdSU, die einst auf ideologische Linientreue der Truppe zu achten hatte und für alle Politoffiziere der Sowjetarmee zuständig war.
"Die Kirche Rußlands", sagt der Leiter des Moskauer Instituts für Kirche und Recht, Anatolij Ptschelinzew, "beginnt heute, die Aufgabe der früheren Militärkommissare zu übernehmen." Was unter den Kommunisten der Politruk mit Agitation und Disziplinargewalt vollbrachte, soll nun der Feldprediger besorgen, ohne Pistole, mit Gottes Wort.
Bischof Sawwa meint, nur die Kirche könne die Armee aus dem Sumpf von Korruption, Depression und sozialer Ächtung herausziehen: "Wir brauchen wieder ein Gefühl von Patriotismus in Rußland." Nur fehlt ihm einstweilen noch das Personal - der Neugläubige Oleg ist ein seltenes Glanzstück.
Gottesdiener Sawwa gebietet über 87 Kirchen auf militärischem Terrain, vom Balkan, wo Russen bei der internationalen Friedenstruppe dienen, über Rußland bis nach Tadschikistan. Seine Stimme ist dort allgegenwärtig, kraft eines Mobiltelefons, das Bedienstete ihm bei Bedarf reichen.
Doch an leibhaftigen Seelsorgern mangelt es noch, klagt der Armeehirte, denn nur langsam füllt die lange vom Staat verfolgte Kirche ihre Reihen mit Nachwuchs. So müssen vielfach noch Laien einspringen, sogar Panzerkommandeure betätigen sich nebenberuflich im Priestergewand. Die Truppe erfreut sich am geistlichen Beistand, Offiziersversammlungen schlagen nach dem priesterlichen Segen ergeben das Kreuz.
Noch hat Bischof Sawwa viel Arbeit vor sich: "In der Armee herrscht ein geistiges Vakuum", meint er. Jüngere Rekruten und Offiziere wüßten wenig über die Grundlagen des christlichen Glaubens, manche Älteren seien skeptisch, nachdem sie an den Militärakademien jahrzehntelang im Lehrfach Atheismus geschult wurden. Auch Jurij Nowikow, Kapitän a. D. und Vater des frisch ordinierten Oleg, zeigte sich verblüfft über die plötzliche Erleuchtung seines Sohnes: "Ich dachte zunächst, der ist völlig verrückt geworden."
Schon 1993 wurde in einer von Priestern herausgegebenen Broschüre mit dem Titel "Orthodoxie, Armee, Herrschaft" vorgeschlagen, den roten Armeestern gegen die "Waffe der Welt" einzutauschen - das Christuskreuz der russischen Rechtgläubigen. Bischof Sawwa wünscht sich denn auch einen feierlichen Eid der Soldaten auf Vaterland und Gott.
Der Kirchenrechtler Ptschelinzew aber sieht in der forcierten Christianisierung von Offizieren und Soldaten eine neuerliche Abweichung vom erklärten Ziel einer demokratischen Streitmacht - eine unheilvolle Allianz von Amtskirche und Armee wie zu Zarenzeiten.
Die Militärgeistlichkeit Seiner Majestät betreute Anfang dieses Jahrhunderts 809 Kirchen mit 744 Klerikern, die der Staat bezahlte. Der Oberpope der Armee- und Marine-Geistlichkeit wurde vom heiligen Synod nominiert und vom Zaren bestätigt.
Der letzte militärische Chefseelsorger, Georgij Schawelski, rühmte sich in seinem Tagebuch stolz geistiger Siegestaten hinter der Front im Ersten Weltkrieg: "Ich war nicht nur oberster Militärpriester, sondern auch Vertreter des Zaren, in dessen Namen ich die Truppen begrüßte. Meine Besuche, insbesondere in gefährlichen Gebieten, steigerten die Moral und gaben den Kämpfern Kraft."
So war das auch schon wieder unter Jelzin im Tschetschenien-Feldzug. Oleg hingegen mußte noch nicht ins Feuer. Statt dessen berichtet er, wie er dem Atom-U-Boot "Kostroma" seinen Segen erteilte: Er preßte sein Handkreuz nicht nur gegen den potentiell gefährlichen Reaktor, sondern auch auf die in jedem Fall todbringenden Torpedos.
Die meiste Zeit beschäftigt er sich mit religiöser Basisarbeit. Einer Gruppe von 25 jungen Offiziersanwärtern, die nach knappem "Rührt euch" locker vor ihm stehen, erläutert er den Unterschied zwischen der Kirche als sakralem Gebäude und als Gemeinde des Herrn.
Nach einer Viertelstunde unterbreitet Vater Oleg ein kirchliches Sonderangebot: Auf Wunsch sei er jederzeit bereit, junge Soldaten unentgeltlich zu taufen oder zu trauen - für Zivilisten kostet die Dienstleistung dagegen 250 Rubel (70 Mark).
Ob ein Priester die Kaserne betreten darf, hängt vom Kommandeur ab. Doch nur wenige Offiziere lassen den Popen vor dem Tor stehen, denn die russisch-orthodoxe Kirche genießt das Wohlgefallen der Kreml-Obrigkeit. Es vergeht kein Osterfest, ohne daß der Oberkommandierende der russischen Streitkräfte, Präsident Boris Jelzin, neben dem Patriarchen beim Gottesdienst zu sehen ist. Sogar die kommunistische Zeitung "Sowjetskaja Rossija" erscheint inzwischen mit einer Kirchenbeilage.
Obwohl das Parlament im September ein Gesetz über Gewissensfreiheit und religiöse Gemeinschaften verabschiedete, besitzt die russisch-orthodoxe Kirche in Glaubensfragen praktisch das Monopol in Rußland. Wie zu Sowjetzeiten haben kleine Glaubensgemeinschaften kaum eine Chance, eine amtliche Zulassung zu bekommen: Vor allem Sekten sollen die russische Seele nicht irritieren.
Die orthodoxe Kirche fordert derweil Eigentum zurück, das sie durch bolschewistische Konfiskation verloren hat - auch an die Armee. Aber die Truppe, klagt Bischof Sawwa, "tut sich mit der Rückgabe sehr schwer".
Viele Garnisonskirchen sind längst zerstört oder müßten aufwendig restauriert werden. Vater Oleg fand immerhin freiwilligen Beistand. Kadetten bauten seine Militär-Kirche mit eigenen Händen wieder auf und schufen auch eine neue Ikonostase, eine Bilderwand der Heiligen, St. Georg mittendrin.
Sogar die prachtvolle, von den Kommunisten einst gesprengte Erlöser-Kathedrale in Moskau wurde mit Hilfe von Baubrigaden der Armee wiedererrichtet. Die Glaubenszugehörigkeit spielte dabei keine Rolle: Ein Kompaniechef protestierte gegen den Einsatz, da viele seiner Soldaten aus dem Kaukasus stammten und Muslime waren.
Von den 147,2 Millionen Bürgern der Russischen Föderation gehört etwa ein Siebtel dem islamischen Glauben an. Doch einen Militär-Mullah gibt es noch nicht.
Von R. Krumm und

DER SPIEGEL 3/1998
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