05.01.1998

RELIGIONGab es Christen vor Jesus?

Die Schriftrollen vom Toten Meer, geschrieben zur Zeit Jesu, sind ein Jahrtausendfund: 50 Jahre nach ihrer Entdeckung gibt es neuen Forscherstreit. Die Botschaft der antiken Texte von Qumran an die Christenheit: „Ihr seid jüdischer, als ihr denkt.“
Der jüdische Archäologe Eleazar Sukenik ahnte, daß er eine Sensation in Händen hielt, als ihm am 23. November 1947 ein Händler eine Rolle aus Ziegenleder durch den Stacheldraht reichte, der damals quer durch Jerusalem lief.
Zwar kursierten schon zuvor einige Schriftrollen, die junge Beduinen in Höhlen am Toten Meer gefunden hatten. Doch erst Sukenik begriff, daß es ein Jahrtausendfund war: Dokumente aus der Zeit Jesu.
Eilig erwarb er drei der Fundstücke für die Hebräische Universität in Jerusalem, ehe sich herumsprach, wie kostbar sie waren. Vier weitere hatte der Jerusalemer syrisch-orthodoxe Metropolit Mar Athanasius Samuel kurz zuvor für 300 Mark von einem Schuster in Bethlehem gekauft.
Sukenik bescherten die Schriftrollen Weltruhm, Mar Athanasius einen enormen Profit. Der Metropolit erhielt in den USA 250 000 Dollar für seinen Schatz. Erst später erfuhr er, daß der Käufer ein israelischer Ex-General war.
Es waren 7 von insgesamt knapp 900 Rollen aus Leder, Papyrus oder Kupfer, die 1947 bis 1956 in elf Höhlen unweit von Qumran (sprich: Kum-ráhn) entdeckt wurden, einer antiken Siedlung am Toten Meer - ein Fund, der den Glauben der Christen an die Einzigartigkeit ihres Jesus Christus erschüttern sollte.
Ruinen und Rollen sind die Hinterlassenschaft der Essener (Betonung zweite Silbe), einer strenggläubigen, elitären jüdischen Religionsgemeinschaft, die sich selbst "Yachad" ("Union") nannte. Mit einem Alter von 1900 bis 2300 Jahren zählen die Qumran-Rollen zu den ältesten Handschriften der Welt. Aus Palästina sind sonst aus dieser Zeit nur einige Fragmente von Verträgen und Briefen bekannt.
In den Höhlen am Toten Meer fand man Dutzende von Abschriften fast aller Bücher des Alten Testaments. Dank weiterer, eigener Texte sind die Juden der Yachad-Gemeinschaft nach beinahe 2000 Jahren des Schweigens nunmehr beredte Zeugen ihrer Zeit und ihres Glaubens geworden.
Auf vielen Rollen schrieben sie, woran sie glaubten und wie sie lebten. Sie hielten
sich strikt an die Tora, die fünf Bücher Mose. Der Ablauf ihres Alltags war streng geregelt, bis hin zum Schlaf (den sie allnächtlich drei bis fünf Stunden lang für Andachten unterbrachen) und zum Beischlaf (der ihnen in Jerusalem verboten war).
Die wertvollsten Rollen sind inzwischen im Shrine of the Book ausgestellt, dem Mittelpunkt des Jerusalemer Israel-Museums. Die meisten anderen werden, verschlossen in Stahlschränken des Rockefeller-Museums, im Ostteil der Stadt verwahrt.
Fünfzig Jahre nach ihrer Entdeckung ist unter den Forschern heftiger Streit um Inhalt und Bedeutung der antiken Dokumente entbrannt. Vor allem der Göttinger Neutestamentler Hartmut Stegemann, 64, sorgte für Aufruhr. Er ist einer der 20 bis 25 Spezialisten, die alljährlich einige Wochen im Keller des Rockefeller-Museums an den Rollen arbeiten, und hat eines der wenigen guten Qumran-Bücher geschrieben*.
Die Bilanz, die der Göttinger Professor 1997 bei Vorträgen in Qumran, München und London zog, ist negativ: Die wichtigsten Aufgaben hält er auch nach Tausenden von Qumran-Büchern für ungelöst. So erklärt Stegemann die vorherrschende Meinung für falsch, die Essener hätten nur als kleine Sekte in Qumran gehaust, und behauptet das Gegenteil: Die Essener hätten als "größte und mächtigste Kraft des damaligen Judentums" gewirkt.
Zwar haben Hunderte von Archäologen und Judaisten, Exegeten und Paläographen in drei Generationen eine gigantische Kleinarbeit geleistet. Keinen Stein in den Ruinen, keinen Buchstaben in den Rollen haben sie ausgelassen. Und doch schufen sie nur das Fundament, auf dem nunmehr die eigentliche Arbeit beginnen kann.
Es gilt, die unendlich vielen Details zu einem Ganzen zu fügen - sonst bleiben die Schriftrollen von Qumran die toten Texte vom Toten Meer. Vor allem zwei historische und zugleich aktuelle Fragenkomplexe sind ungelöst:
* Wer waren die Essener, was trieb einige von ihnen in die Wüste, wie stark prägten sie das Judentum ihrer Zeit?
* Welchen Einfluß hatten die Essener auf Jesus und die ersten Christen? Vieles deutet darauf hin, daß er weit größer war, als es zunächst scheinen mag.
Auf den ersten Blick geben die Quellen hierfür nichts her. In keiner der 900 Schriftrollen werden Jesus oder die ersten Christen erwähnt. Umgekehrt kommen auch die Essener im Neuen Testament nicht vor. Dort wird nur über Pharisäer, Sadduzäer und Schriftgelehrte berichtet, über die kaum mehr zu erfahren ist, als daß sie Feinde Jesu gewesen seien.
Jesus selbst nennt die Pharisäer laut Matthäus-Evangelium mehrfach "Heuchler" und überdies "verblendete Führer", "Narren", "Blinde", "Schlangen" und "Otternbrut". Auch über die Sadduzäer und Schriftgelehrten äußert er sich negativ.
Im letzten, dem Johannes-Evangelium, verflucht Jesus die Juden insgesamt: "Ihr habt den Teufel zum Vater." Paulus erklärt: "Die Juden haben den Herrn Jesus getötet und gefallen Gott nicht." Und laut Matthäus-Evangelium haben sich die Juden sogar selbst verflucht, als sie von Pilatus den Tod Jesu verlangten: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder."
"Wer gäbe heute nicht viel darum", klagt der Heidelberger Neutestamentler Gerd Theißen, "wenn diese drei Stellen nicht in unseren heiligen Schriften stünden!"
Nun kann zum erstenmal das Zerrbild, das in den Evangelien von den Juden gezeichnet wird, anhand authentischen Materials überprüft und korrigiert werden. Dabei zeigt sich, daß die Zeitzeugen von Qumran Verblüffendes mitzuteilen ha-
* Hartmut Stegemann: "Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus". Herder, Freiburg; 382 Seiten; 19,80 Mark.
ben. Den Juden Jesus verband mit den anderen Juden seiner Zeit demnach weit mehr, als die Bibel wahrhaben will. "Ihr seid jüdischer, als ihr denkt", so lautet nach Meinung des amerikanischen Qumran-Experten Michael Wise die Botschaft der Rollen vom Toten Meer an die Christenheit. Ein Teil dieser Handschriften ist noch älter als die Siedlung, die knapp 170 Jahre lang bewohnt war, von etwa 100 vor Christus bis Ende Juni des Jahres 68 nach Christus, als römische Soldaten sie zerstörten. Eiserne Pfeilspitzen zeugen vom letzten Gefecht.
Nur wenige Schriftrollen, die man in Tonkrügen und eingehüllt in Leinentücher fand, waren gut erhalten. Eine einzige hat noch ihre ursprüngliche Länge von knapp acht Metern. Die meisten anderen sind offenbar hastig in die Höhlen gepackt oder geworfen worden. Viele sind zerfallen, vermodert oder von Ratten und Würmern angefressen.
Jahrzehntelang saßen die Forscher, neuerdings ausgerüstet mit moderner Technik, über den Fragmenten, fügten sie zusammen, ergänzten und deuteten sie. In einigem stimmen sie seither überein:
* Die Essener lehnten den Opferkult im Jerusalemer Tempel ab, wenn auch aus anderen Gründen als später die Christen.
* Sie waren extrem auf kultische Reinheit bedacht und nahmen vor jeder gemeinsamen Mahlzeit und jedem Gottesdienst rituelle Bäder.
* Wie Jesus und die ersten Christen glaubten sie, das Ende der Welt sei nahe. Erst erwarteten sie den Untergang für das Jahr 70 vor Christus. Als er ausblieb, rechneten sie nach und kamen diesmal auf das Jahr 70 nach Christus.
Damit endet auch schon die Einigkeit. Nahezu alles andere ist umstritten. Nach einem halben Jahrhundert steht die Forschung vor einem Fiasko. Es ist, als sei die Zeit stehengeblieben: Vor zweitausend Jahren gab es zwei widersprüchliche Berichte über die Essener. Und auch heute werden zwei Meinungen verfochten, die nicht miteinander vereinbar sind.
Die Mehrheit der Forscher folgt dem Römer Plinius dem Älteren (24 bis 79 nach Christus), der berichtete, daß in Qumran eine kleine, weltferne und weltfremde Sekte lebte: "Westlich vom Toten Meer wohnen die Essener, ein einsames und wunderliches Volk, das sich von allen übrigen Bewohnern der Erde unterscheidet. Es lebt ohne Frauen, überhaupt ohne alle Gemeinschaft mit dem weiblichen Geschlecht, ohne Geld und nur in Gesellschaft seiner Palmen."
Für den Göttinger Stegemann jedoch ist das nicht mehr als "eine schöne Geschichte für die Leser daheim in Rom, eine Information, wie sie Touristen über die Seltsamkeiten ferner Länder mitbringen".
Er vertraut einem anderen Chronisten: dem Historiker Flavius Josephus (37 bis 105 nach Christus). Mit dem "Jüdischen Krieg" und den "Jüdischen Altertümern" hat dieser zwei Werke der Weltliteratur geschrieben, die ihm die Bewunderung römischer Kaiser und später auch Goethes und Heines eintrug.
Laut Josephus lebten seinerzeit "in jeder Stadt viele Essener". Neben den Pharisäern und Sadduzäern seien sie die dritte große jüdische Religionsgemeinschaft gewesen. Nicht als schrullige Mönche beschreibt er sie, sondern als "Menschen von vortrefflichen Sitten, ganz besonders rühmenswert wegen einer bei anderen Völkern völlig unbekannten Gerechtigkeit". Sie hätten sich "besonders strenge Regeln" auferlegt. Jeder schwöre einen Eid, die Geheimnisse der Gemeinschaft zu wahren.
Die Situation ist paradox: Jahrhundertelang galt Josephus als zuverlässiger Chronist. Sein Bericht inspirierte viele zu Hymnen auf die Gerechtigkeit und Moral der Essener. Was hätte ihn nun besser bestätigen können als der Fund ihrer schriftlichen Hinterlassenschaft?
Tatsächlich, so geht aus den Rollen hervor, wurde von neuen Mitgliedern ein Eid der Verschwiegenheit verlangt. Und es gab auch andere "besonders strenge Regeln": Mit 10 bis 30 Tagen karger Kost wurde bestraft, wer in einer Versammlung "närrisch lachte", "wiederholt Dummheiten sagte" oder sich "grundlos entfernte". Wer Gott lästerte, wurde für immer in die Wüste verbannt.
In einer Höhle fand man 1955 sogar eine eiserne Hacke, deren Zweck schon Josephus beschrieben hatte: "Sie gehen auf die abgelegensten Plätze hinaus, höhlen mit einer kleinen Axt, die einer Hacke ähnlich ist, eine Grube von der Tiefe eines Fußes, entleeren sich darein und scharren mit der ausgegrabenen Erde das Loch wieder zu."
Und doch verwarfen die meisten Qumran-Forscher, allen Indizien zum Trotz, den Josephus-Bericht. Sie halten Plinius mit seiner Sekten-Story für die bessere Quelle. In den meisten Lexika gilt Qumran als Kloster oder "klosterähnliche Anlage" (so im "Großen Brockhaus"). Bestenfalls wird noch ein Schuß Josephus dazu gemixt, dann wird aus den Essenern ein "weltfeindlicher jüdischer Geheimbund" - so der "Kulturfahrplan", ein bei Studienräten geschätztes Nachschlagewerk.
Hätte die Mehrheit der Qumran-Forscher recht und wären die Essener nur eine winzige Sekte von Mönchen gewesen, dann hätte sich in der Antike ein Wunder ereignet, an das wohl nur ein Theologe glauben kann: Eine Truppe von 50 bis 60 Mann - für mehr war kein Platz in Qumran - hätte in ihrer Wüstenei nicht nur Berge von Schriften produziert, sondern auch ohne jedweden Kontakt mit der Außenwelt das Judentum jener Zeit wesentlich mitgeprägt.
Stegemann will sich damit nicht abfinden. Wie kein anderer Qumran-Forscher ist er bemüht, Schriftrollen, antike Berichte, archäologische Funde und jüdische Literatur zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. So hat sich der Göttinger Theologe, um die Kloster-Hypothese zu widerlegen, mit dem Sexualleben der Essener befaßt. Sein Fazit: Sie kannten die Ehe, doch währte sie im Schnitt nur acht Jahre, weil die Männer spät heirateten und die Frauen früh starben.
Auch auf die umstrittene Frage, was die Essener in die Einöde am Toten Meer getrieben habe, hat er eine plausiblere Antwort als seine Kollegen: Er nimmt an, daß sie dort eine Manufaktur zur Herstellung von Schriftrollen betrieben.
Neben solchen ziemlich sicheren Erkenntnissen verficht Stegemann auch kühne, womöglich allzu kühne Hypothesen. So glaubt er sogar, Hinweise auf die Essener im Neuen Testament gefunden zu haben: Sie seien gemeint, wenn dort von den "Schriftgelehrten" die Rede ist.
Die Ruinen der Siedlung am Toten Meer sind zwar nur Peanuts im Vergleich zu den Straßenzügen von Pompeji und Herculaneum, die 79 nach Christus (elf Jahre nach der Zerstörung der Essener-Siedlung) unter der Lava des Vesuvs, Schlamm und Asche begraben wurden. Und dennoch bietet Qumran mit seinen Handschriften sogar mehr als diese berühmteren antiken Stätten.
In Pompeji sind Graffiti an den Wänden die einzige schriftliche Hinterlassenschaft. In Herculaneum fand man zwar 2000 Schriftrollen, aber sie enthalten größtenteils literarische Werke und sagen wenig über das Leben ihrer einstigen Besitzer aus.
Nur die Schriftrollen der Essener bringen Leben in die Vergangenheit. Nur von ihnen, weder von anderen Juden jener Zeit oder von den ersten Christen, gibt es Original-Handschriften. Auch Jesus selbst hinterließ keine Zeile. Im Johannes-Evangelium wird nur berichtet, daß er "sich bückte und mit dem Finger auf die Erde schrieb".
Die Sadduzäer sind untergegangen, ohne daß eine Spur einer eigenen Äußerung blieb. Alles, was man über sie zu wissen glaubt, steht in meist polemischen Berichten anderer über sie. Auch die Kenntnisse über die Pharisäer, über Jesus und über die ersten Christen stammen aus zweiter, dritter oder vierter Hand. Sie beruhen auf Texten, die später, meist viel später geschrieben wurden.
Die einzige Ausnahme sind sieben Briefe, die der Apostel Paulus gegen Ende der Qumran-Zeit schrieb (50 bis 61 nach Christus); aber auch Paulus hat Jesus nicht gekannt, er wurde erst nach dessen Tod vom Pharisäer zum Christen.
Die vier Evangelien des Markus, Matthäus, Lukas und Johannes entstanden erst 70 bis 100 nach Christus, die jüdischen Berichte über die Pharisäer sind sogar mindestens 100 Jahre jünger.
So sind die Qumran-Rollen die einzigen originalen Zeugnisse einer Gemeinschaft aus jener Zeit, in der Palästina zur Bühne für die Religions- und Weltgeschichte wurde. Es waren jene zweieinhalb Jahrhunderte, in denen die Macht der Römer und
der Geist der Griechen das Leben und den Glauben der Juden veränderten und in denen sich, am Ende, die Wege der Juden und der Christen trennten.
Als die letzten Rollen beschrieben wurden, ließ sich der etwa 30jährige Jesus am Jordan taufen (16 Kilometer von Qumran entfernt); zog er durch Galiläa wie ungezählte andere Wanderprediger und Wunderheiler auch; starb er am Kreuz, wie Hunderte Juden vor und nach ihm.
Für die Juden ging seinerzeit eine tausendjährige Geschichte zu Ende: Im Jahre 70 nach Christus zerstörten die Römer Jerusalem und den Tempel, den die Juden für den Wohnsitz ihres Gottes hielten und der das Zentrum ihres Lebens war.
Knapp eine Million Juden lebten damals in Palästina. Weitaus die meisten waren gläubig, nur wenige jedoch organisiert. Pharisäer, Essener und Sadduzäer hatten, gemessen an der Gesamtbevölkerung, lediglich etwa so viele Mitglieder wie heute die Parteien in der Bundesrepublik. Aber sie bestimmten das religiöse und weithin auch das politische Leben.
Die Sadduzäer stellten mit dem Hohenpriester den höchsten Geistlichen und andere wichtige Priester des Tempels, das sicherte ihnen Macht und Einfluß. Die Pharisäer waren keine Priester, doch populär, weil sie die Tora zeitgemäß und relativ liberal auslegten. Die von Priestern angeführten Essener schließlich galten als die frömmsten und bibelkundigsten Juden; viele glaubten, sie seien Gott am nächsten.
Die Tora war ihnen noch heiliger als den anderen Juden. Keinen Buchstaben wagten sie daran zu ändern. Durch eigene zusätzliche Texte korrigierten sie dennoch, was ihnen daran mißfiel.
So störte sie, daß Urvater Abraham seine Frau Sara jahrelang einem ägyptischen Pharao überlassen hatte, wie es im 1. Buch Mose steht. In einer Zusatzstory wird der Pharao mitsamt seinem Hofstaat deshalb kurzerhand für impotent erklärt; erst nach Saras Heimkehr zu Abraham bekommen die Ägypter ihre Manneskraft zurück.
Weil die Essener sich für die jüdische Elite hielten, verschlüsselten sie etliche Texte, um sie vor anderen geheimzuhalten. So laufen auf einer Schriftrolle die Zeilen nicht, wie sonst im Hebräischen, von rechts nach links, sondern umgekehrt (analog begänne Goethes Osterspaziergang so: "Ehcäb dnu morts dnis tierfeb esie mov"). Bei einem anderen Code sind 13 der 23 Buchstaben des hebräischen Alphabets durch griechische und althebräische ersetzt. Einige weitere Texte sind bis heute nicht entschlüsselt.
Aber die elitären Essener hatten mit den anderen Juden, mit Römern und anderen Zeitgenossen mehr gemeinsam, als sie wahrhaben wollten.
Sie alle fürchteten Dämonen, die sich in Menschen festsetzen, und andere Kräfte der Finsternis. In den Qumran-Texten wimmelt es von Schadensengeln, Frevelwesen und überdies von bösen Geistern, die sich in Schakalen und Eulen verbergen.
Wie die anderen Menschen der Antike glaubten die Yachad-Juden an die Wirksamkeit von Beschwörungsritualen und an die Kraft einzelner Männer, all das Teufelszeug zu vertreiben.
Nach den Evangelien gehörte Jesus auch dazu, er war einer von vielen. Mit seinen Jüngern bildete er eine der unzähligen Sekten, die es damals neben den drei großen Gemeinschaften gab, und jede wurde von jemandem angeführt, der sich Prophet, Rabbi oder Messias nannte. Von den meisten Juden wurden Jesus und seine Jünger gar nicht wahrgenommen.
Aber umgekehrt konnten sich die Christen und andere Sektierer dem Einfluß der Essener, Pharisäer und Sadduzäer nicht entziehen. Vieles im Neuen Testament erinnert deshalb frappierend an die Essener-Texte. So lautet einer der Qumran-Leitsätze: "Jeder soll seinen Bruder lieben wie sich selbst und die Armen und Notleidenden unterstützen." Die Essener hatten eine Art Sozialfonds, aus dem der Freikauf von Sklaven, die Ausstattung armer Bräute und Beihilfen an Arbeitslose finanziert wurden: an "junge Männer, für die kein Bedarf besteht".
Selbst ihre Schlachtenberichte gemahnen an ähnliche Stellen im Neuen Testament. In der "Kriegsrolle" wird ein künftiger, heiliger Krieg geschildert, der 40 Jahre dauern werde, bis Gott allem Bösen ein Ende mache und das Paradies eröffne. Wie einst beim Schall der Posaunen die Mauern von Jericho eingestürzt waren, sollten die Posaunen in diesem Krieg "die Herzen aller Feinde schmelzen" lassen; erst wenn sie bis zum letzten Mann niedergemetzelt seien, "erklingt die zehnsaitige Harfe zum Lobe Gottes".
Nicht weniger blutrünstig wird das Ende aller Ungläubigen in der christlichen Johannes-Offenbarung geschildert, dem letzten Buch der Bibel. Eine von vielen Stellen: "Das Meer wurde zu Blut wie von einem Toten, und alle lebendigen Wesen starben." Nach den Qumran-Texten überleben nur die Essener, nach dem Neuen Testament nur die Christen. Furcht schafft Glauben, das galt hier wie dort.
Wegen anderer Parallelen kam Unruhe im Kirchenvolk auf, als die ersten Qumran-Texte bekannt wurden. Da benutzten Juden Begriffe, die bis dahin als geistiges Eigentum der Christenheit galten: Heiliger Geist und Sohn Gottes, Frohe Botschaft und Neuer Bund.
Und es gab einen "Lehrer der Gerechtigkeit". 2000 Jahre lang war er vergessen, jetzt wird seine Botschaft wiederentdeckt. Bis in die Sprache hinein ähnelt er Jesus: "Ich bin Heilung für die Reuigen, Weisheit für die Einfältigen, Ermutigung für die Schwachherzigen", schreibt er von sich.
Gab es mithin Christen vor Jesus? War Jesus nur Nachfolger des "Lehrers"?
Viele Autoren sogenannter Sachbücher versuchten, einander mit immer abenteu-
** Klaus Berger: "Qumran und Jesus". Quell Verlag, Stuttgart; 144 Seiten; 16,80 Mark.
erlicheren Hypothesen zu überbieten. Da
ging Jesus in Qumran in die Lehre, oder er war sogar selbst der "Lehrer der Gerechtigkeit"; in anderen Versionen entstammten Johannes der Täufer oder der Apostel Paulus dem Essener-Bund.
Das erfolgreichste Buch schrieb das auf religiöse Knüller spezialisierte Autoren-Duo Michael Baigent und Richard Leigh. Von ihrer "Verschlußsache Jesus" wurden allein in Deutschland 824 000 Exemplare verkauft. Dabei kommt Jesus im Text kaum vor, Qumran-Chef ist hier dessen Bruder Jakobus. Seine Popularität verdankt das Buch vor allem der Behauptung, der Vatikan halte Qumran-Rollen geheim, um das Christentum zu retten.
Es sind all dies Science-fiction-Bücher der Vergangenheit, moderne Märchen ohne historischen Gehalt. Ihr Erfolg bemißt sich nach ihrem Unterhaltungswert.
Die Essener waren, inspiriert durch Josephus, für Hunderte von Autoren willkommener Märchenstoff. Schon im 18. Jahrhundert war ein Buch des Leipziger Pfarrers Johann Georg Wachter populär, der behauptete, Jesus habe seine Jugend bei den Essenern verbracht. Zu Wachters Fans zählte Preußenkönig Friedrich: "Jesus war durchtränkt mit der essenischen Moral."
Heftig wurden derlei Thesen stets von Theologen bekämpft. Doch um Aufklärung über das wahre Verhältnis Jesu zu den Essenern waren auch die Widerworte selten bemüht. Zuverlässige Informationen sind rar und verstreut in wenigen Werken, zu denen das Qumran-Buch Stegemanns und ein Werk des Heidelberger Neutestamentlers Klaus Berger gehören**. Über die Folgen ihrer Erkenntnisse für den christlichen Glauben können sich aber auch diese beiden nicht einigen.
Berger rechnet mit einer "explosiven Situation", wenn "die vermeintliche Absolutheit Jesu nun relativiert wird durch den Nachweis, daß vieles, ja fast alles in der Botschaft Jesu einfach jüdisch ist". Der Göttinger Stegemann hingegen versucht, die Debatte zu entschärfen: "Die Schriftrollen enthalten nichts, was die christlichen Glaubensgrundlagen erschüttern könnte."
Wie aber steht es um den Glauben an Jesus Christus, wenn man den Menschen Jesus ins Judentum entläßt? Wie wichtig ist, daß Jesus in Worten und Taten etwas Neues vertrat? Oder, wie es Berger formuliert: "Muß Gott wie ein Doktorand bewertet werden, bei dem es auf erweisbar neue Ideen ankommt?"
30 Jahre ist es her, seit der Mainzer Neutestamentler Herbert Braun die Schriftrollen systematisch mit dem Neuen Testament verglich. Damals waren viele Qumran-Texte noch gar nicht veröffentlicht, Brauns Arbeit ist deshalb längst überholt. Trotzdem hat kein Theologe sie seither aktualisiert. Berger nennt dies einen "Skandal".
Zwar sind neuerdings zwei deutschsprachige Ausgaben mit den ziemlich vollständigen Texten erschienen**. Doch sie sind eine Lektüre fast nur für Fachleute. Auf vielen Seiten stehen mehr Auslassungspunkte als Buchstaben, mehr abgebrochene als vollständige Sätze, und mit runden, eckigen und spitzen Klammern werden die Texte bis zur Unlesbarkeit ergänzt, erklärt und verbessert. Parallelen zum Neuen Testament verschweigen die Ausgaben gern.
Es gibt Hunderte. Dies ist um so erstaunlicher, als die Yachad-Juden "erzkonservativ, allen Fremdeinflüssen abhold und auf keinerlei Neuerungen erpicht waren" - so Stegemann. Wenn Jesus und die ersten Christen schon mit diesen Juden
** Johann Maier: "Die Qumran-Essener: Die Texte vom Toten Meer". Reinhardt Verlag, München; Band I bis III, 442, 742 und 478 Seiten; je 49,80 Mark.
Michael Wise, Martin Abegg jr., Edward Cook: "Die Schriftrollen von Qumran". Pattloch Verlag, Augsburg; 544 Seiten; 44 Mark.
viel gemeinsam hatten, dann gilt dies in noch höherem Maße für andere.
In allen vier Evangelien, vom ersten Markus- bis zum letzten Johannes-Kapitel, wird Jesus als einzigartig und originell geschildert. Er beruft sich zwar oft auf das Alte Testament, doch sonst übernimmt er von niemandem irgendeine Erkenntnis.
Selbst Johannes der Täufer wirkt laut Neuem Testament nicht auf ihn ein, obwohl er offenkundig sein Vorgänger und Lehrmeister war. Jesu Taufe verliert von einem Evangelium zum anderen an Bedeutung. Im Johannes-Evangelium findet sie gar nicht mehr statt. Jesus steht so hoch, daß sogar eine Taufe ihn erniedrigen würde.
Dieser Übermensch Jesus jedoch ist ein frommes Phantom.
Das haben 200 Jahre Bibelkritik längst offenbart, so hartnäckig Papst Johannes Paul II. und manch wortgläubiger lutherischer Pastor Worte und Wunder ihres Herrn auch zu verteidigen suchen.
Doch bislang ging die Auseinandersetzung nur darum, wieviel von dem, was Jesus angeblich gesagt und getan hat, ihm erst nachträglich zugeschrieben wurde. Da wurde schon viel weggestrichen, alle Wunder zum Beispiel, abgesehen von den Exorzismen und Krankenheilungen, aber auch viele Worte, von den Ankündigungen seines Todes bis zum Lieblingssatz der Päpste ("Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen") und den letzten Worten am Kreuz (SPIEGEL-Titel 22/1996).
Nur wenig geht wirklich auf den historischen Jesus zurück, meinen die meisten christlichen Exegeten - nichts, meinen Rudolf Augstein und andere Kirchenkritiker. Augstein in seinem Buch "Jesus Menschensohn": "Eine Lehre, die Jesus mit einem Anschein von Zuverlässigkeit zugeschrieben werden kann, gibt es nicht."
Nun aber steht den Kirchen eine weitere Debatte bevor, in welchem Umfang die "Botschaft Jesu" nicht christlich, sondern jüdisch ist und ihren Ursprung bei den Essenern und anderen Gemeinschaften hat. Im Lichte der Qumran-Texte erweist sich manche Lehrmeinung als überholt, manches Bibel-Wort wirkt wie ein Plagiat:
* "Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden." So steht es bei Matthäus. 200 Jahre älter ist dieser Qumran-Text: "Du hast Strauchelnde aufgerichtet durch deine Kraft, doch Hochgewachsene fällst du, um sie zu erniedrigen."
* "Sohn Gottes wird er genannt werden, und Sohn des Allerhöchsten wird man ihn nennen": Wer in diesen Worten Mariä Verkündigung aus der Weihnachtsgeschichte zu erkennen glaubt, irrt. Es ist ein fast wortgleicher Qumran-Text.
* Keine Passage der Evangelien ist so berühmt wie die Seligpreisungen, das Kernstück der Bergpredigt. Wer auch immer der Autor war, Matthäus oder Jesus - die Idee war nicht originell. Schon in Qumran hieß es: "Selig ist, wer Weisheit erlangt und den Weg des Allerhöchsten geht." Vier weitere Sätze dieser Art stehen auf einer fast zerstörten Rolle. An anderer Stelle wird den Armen, den Hungernden und den Betrübten das ewige Leben versprochen.
* Die Gleichnisse seien etwas "völlig Neues", steht in fast jedem Jesus-Buch. So neu sind sie nicht. In einem erst 1991 bekanntgewordenen Qumran-Fragment wird ein Gleichnis von einem Baum und dessen Trieben erzählt, die sein Besitzer zu mehren versucht. Die Pointe freilich fehlt, weil der Schluß verlorenging.
* Als Jesus einem Lahmen seine Sünden vergibt, protestieren laut Bibel seine Feinde: "Er lästert Gott, wer kann Sünden vergeben als Gott allein?" Doch eine ähnliche Geschichte lasen schon die Essener: Ein Geschwür-Kranker erzählt, wie er geheilt wurde, und der Jude, der ihn von seinem Leiden befreite, "mir meine Sünden vergab". Dazu der englische Qumran-Forscher Geza Vermes: "An Jesu Worten bleibt nichts außergewöhnlich Neues oder Einmaliges."
Sogar beim Apostel Paulus, der den Juden die Kollektivschuld am Tode Jesu gab, mutet manches erstaunlich jüdisch an. Einen "vom Himmel Qumrans in einen Brief des Paulus gefallenen Meteor" nannte der französische Theologe Pierre Benoît einen längeren Abschnitt im Zweiten Brief an die Korinther, in dem sich Paulus extrem auf kultische Reinheit bedacht gibt.
Warum Paulus in einem anderen Brief fordert, Frauen müßten im Gottesdienst "um der Engel willen" ihren Kopf bedecken, konnte erst ein Qumran-Text aufklären: Die Essener glaubten sich im Gottesdienst von Engeln umgeben. Um die Engel nicht zu verführen, ließen die Yachad-Juden ihre Frauen zum Gottesdienst überhaupt nicht zu, die Christen nur, wenn sie ihre Reize verbargen.
Aber nicht nur in der Lehre, auch bei den Ritualen fallen Ähnlichkeiten auf. So waren die Essener vermutlich die einzigen Juden, bei denen Mahlzeiten und Bäder eine rituelle Bedeutung hatten. Ob darin aber eine Vorstufe von Abendmahl und Taufe zu erkennen ist, ist strittig.
Zum Mahle versammelten sich die Essener in einem Kultsaal. Der Priester segnete Brot und Wein, bevor sich alle niederlegten und ausgiebig aßen und tranken. So hielten es auch die frühen Christen, erst später wurde das Abendmahl auf eine symbolische Handlung reduziert.
Auch bei den Bädern finden sich Übereinstimmungen zur Taufe: Essener wie Christen tauchten bei der Prozedur den ganzen Körper ins Wasser. Doch bei den Essenern vollzog sich das rituelle Bad mehrmals am Tag, die Christen wurden nur einmal im Leben getauft. Und umstritten ist, ob das Bad der Essener wie die Taufe der Christen von Sünden befreien sollte.
Der Göttinger Forscher Stegemann hält die Differenzen für gewichtiger als die Gemeinsamkeiten, für seinen Heidelberger Kollegen Berger ist es umgekehrt.
In anderen Punkten jedoch sind die Unterschiede augenfällig. Vor allem in Fragen des alltäglichen Verhaltens stand Jesus den Pharisäern weit näher als den Essenern - so zum Beispiel bei der für alle Juden zentralen Frage der Sabbat-Verbote. In Qumran-Texten wie im Neuen Testament ist dies ein Thema höchsten Ranges. Was etwa ist erlaubt, wenn am Sabbat a) ein Tier oder b) ein Mensch in eine Grube fällt?
Die Yachad-Vorschriften scheinen gnadenlos: Das Tier läßt man verrecken, dem Menschen darf man helfen, doch nur mit bloßer Hand. Verboten sind "Leiter, Strick oder jeder andere Gegenstand". Gnädig gewährte Ausnahme: die eigenen Kleidungsstücke, aneinandergeknotet und zu dem bettelnden Opfer hinuntergelassen. Für Jesus hingegen war Hilfe in beiden Fällen selbstverständlich: "Wenn ein Sohn oder ein Ochse von jemandem unter euch in einen Brunnen fällt, wird man ihn nicht herausziehen auch am Tage des Sabbats?"
Die Pharisäer, so jedenfalls steht es in 200 Jahre später verfaßten jüdischen Quellen, verhielten sich so barmherzig wie die Christen und nicht so buchstabenstreng wie die Essener.
Warum aber gibt es dann in den Evangelien die durchgängige Polemik gegen die Pharisäer? Warum sind sie "die schematisch gezeichnete negative Kontrastgruppe zu Jesus und seinen Anhängern", wie der Wiener Judaist Günter Stemberger sie nennt?
Der Grund: Die Evangelien wurden 40 bis 70 Jahre nach dem Tode Jesu geschrieben. Die Christen waren damals nicht mehr eine jüdische Sekte, sondern hatten sich als eigene Kirche formiert. Die Evangelisten waren deshalb bemüht, sich gegen die Juden abzugrenzen, zu deren führender Macht die Pharisäer aufgestiegen waren. Das geschah auf Kosten der historischen Wahrheit: Retrospektiv wurden die Pharisäer zu Todfeinden Jesu erklärt.
Gegen die Pharisäer wird, wenngleich auf ganz andere Weise, auch in den Schriftrollen von Qumran polemisiert: Die konservativen Yachad-Juden warfen ihnen vor, es mit der Tora nicht genau zu nehmen und gegen den Willen Gottes den Juden das Leben zu erleichtern.
Die strenge Grundordnung der Essener, die alle Sabbat- und Lebensregeln enthielt, stammt größtenteils aus der Frühzeit des Yachad, als dessen Gründer noch lebte.
Über die Figur dieses "Lehrers der Gerechtigkeit", den sein Biograph und Bewunderer, der Tübinger Neutestamentler Gert Jeremias, zur "größten uns bekannten Persönlichkeit" des damaligen Judentums verklärte, rätseln die Qumran-Forscher.
Der Göttinger Stegemann nimmt an, daß der "Lehrer" von 159 bis 152 vor Christus der Hohepriester in Jerusalem und damit der höchste jüdische Geistliche war (nach den Geschichtsbüchern war das Amt in dieser Zeit vakant). Sein Gegner und Nachfolger Jonathan (der "Frevelpriester", so der Qumran-Terminus) habe ihn aus dem Amt verjagt und versucht, ihn zu ermorden.
Doch all dies ist umstritten. Als sicher gilt nur, daß der "Lehrer" aus einer Priesterfamilie stammte, selbst Priester (wenn auch vielleicht nicht Hoherpriester) war und mit dem von Priestern geführten Yachad den Tempel ersetzen wollte.
Das unterschied ihn von Jesus. Zu dem wenigen, was man über den Mann aus Nazaret ziemlich sicher weiß, gehört, daß er Priester weder war noch sein wollte.
So groß der Kontrast zwischen dem Priester an der Spitze der Essener und dem Nichtpriester Jesus aber auch war, in vielen Punkten stimmten sie überein.
Beide hielten Distanz zum Tempel. Beide glaubten das Ende der Welt nahe. Beide erklärten ihre eigene Gemeinschaft zum "wahren Israel" (der "Lehrer" hat es selbst geschrieben, über Jesus berichten es die Evangelisten) und sprachen damit den anderen Juden den rechten Glauben ab. Beide kündigten an, daß nur ihre Anhänger das Jüngste Gericht überstehen würden.
Weder der "Lehrer" noch Jesus hielten sich für den Messias, den die Juden erwarteten. Jesus konnte und wollte dieser Messias nicht sein. Und weil Christus das griechische Wort für Messias ist, läßt es sich auch anders sagen: Jesus wollte nicht Christus sein.
Diese Erkenntnis findet sich schon seit langem in den meisten Fachbüchern der Exegeten, wird jedoch dem schlichten Kirchenvolk auf den Kanzeln und in populären, bibelwortgläubigen Schriften noch immer verschwiegen oder nur mit dem Zauberwort "implizit" vermittelt: Jesus habe zwar nie den Anspruch erhoben, der Messias oder der "Sohn Gottes" zu sein, aber dieser Anspruch sei "implizit" in seiner Botschaft enthalten. So kann man alles und nichts begründen.
Dennoch kommen die Theologen um eine Grunderkenntnis nicht herum, die der Heidelberger Neutestamentler Theißen so formuliert: "Jesus hat keine christliche Gemeinde gründen wollen, er wollte Israel erneuern."
Ebendies ist der Anspruch, mit dem sowohl der "Lehrer der Gerechtigkeit" als auch Jesus aufgetreten ist. Vom "Lehrer" weiß man es ziemlich sicher. Von Jesus kann man es nur für wahrscheinlich halten. Der "Lehrer" und Jesus bezogen Worte der Propheten des Alten Testaments, die mehrere Jahrhunderte vor ihnen gelebt hatten, auf sich und ihre eigene Situation, und zwar oft gegen deren Wortlaut und gegen deren ursprünglichen Sinn.
Beide erhoben sich damit in den Rang der Propheten des Alten Testaments, von denen die Juden glaubten, daß Gott aus ihnen sprach. In diesem Selbst- und Sendungsbewußtsein sieht der Tübinger Theologe Jeremias "die bedeutsamste und für das Verständnis beider wichtigste Parallele". Dieses Bewußtsein habe es beiden ermöglicht, "ihre Person mit der Botschaft, die sie bringen, unlöslich zu verknüpfen". Beide erhoben demnach den Anspruch, daß die Entscheidung für oder gegen sie zugleich eine Entscheidung für oder gegen Gott sei.
Aber noch immer stehen in fast jedem evangelischen oder katholischen Jesus-Buch Sätze wie dieser: "Die Unmittelbarkeit, mit der Jesus lehrte, hatte im zeitgenössischen Judentum keine Entsprechung."
50 Jahre nach den ersten Qumran-Funden wird es Zeit, solche Sätze zu streichen. Sie sind nicht mehr wahr.
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Von Qumran bis zum Neuen Testament
Das antike Palästina
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Das antike Palästina
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* Oben: "Kriegsrolle", die den heiligen Krieg gegen die Ungläubigen beschreibt; unten links: "Die Dreifaltigkeit", Gemälde von José de Ribera, 1635. * Hartmut Stegemann: "Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus". Herder, Freiburg; 382 Seiten; 19,80 Mark. * Fresko von Giotto di Bondone, 1305. * Mit moderner Infrarot-Technik werden Buchstaben lesbar, die mit bloßem Auge nicht zu sehen sind. ** Klaus Berger: "Qumran und Jesus". Quell Verlag, Stuttgart; 144 Seiten; 16,80 Mark. * Gemälde von Pieter Brueghel dem Jüngeren, 1616. * Tafelbilder von Albrecht Dürer, 1526. * Gemälde von Carl Bloch, 1875.
Von Werner Harenberg

DER SPIEGEL 2/1998
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