12.01.1998

FERNSEHENSchöne alte Unterwelt

Ariane Barth über den TV-Film „Der König von St. Pauli“ und die Realität
Hat er das alles erfunden, oder hat er seinen Stoff aus dem prallen Leben von St. Pauli zu einer Art höherer Wahrheit verdichtet? Was der Regisseur Dieter Wedel der Quotengemeinde von Sat 1 in einer der teuersten Produktionen der deutschen Fernsehgeschichte (23 Millionen Mark) an sechs Abenden serviert, regt an zum Puzzle-Spiel*: Welcher Stein gehört zur Phantasmagorie, und welcher paßt eher in ein Abbild der Wirklichkeit?
"König von St. Pauli" nennt man in der Realität Willi Bartels, dem ein Drittel der Reeperbahn und fast die ganze Große Freiheit gehören. Wie im Film hätte er tatsächlich das Bundesverdienstkreuz gern gehabt, aber er bekam es nicht, denn zwischen seinen Besitztümern von Lokalen, Diskotheken, Striptease-Läden, Sozialwohnungen und Hotels befand sich auch ein nicht gerade die Ehre schmückendes Bordell. Wie im Film überreichten Bartels und seine Getreuen einen vergrößerten Scheck für wohltätige Zwecke.
In Wedels "König von St. Pauli" hat sich der echte "König" Bartels, inzwischen ein Denkmal von über 80 Jahren, "selbstverständlich nicht erkannt". Bei einer Galaaufführung des ersten Teils gehörte er zu den geladenen Gästen: "Das ist ein Märchen, spannend und interessant erzählt. Aber noch nicht einmal die Bauten entsprechen der Realität."
Die "Helenenstraße", in der Wedel sein Potpourri aus Polit-Thriller und Milieu-Studie, Liebesgeschichte und Vater-Sohn-Konflikt entfaltet, wurde in München für drei Millionen Mark zurechtgezimmert: mit ein paar Anleihen von der Großen Freiheit (wo sich die Sex-Bühnen befinden) und vom Hans-Albers-Platz (wo die Huren stehen). Der Schmuddel-Charme wirkt recht aufgetüncht. Das St. Pauli von heute ist dreckiger und glitzernder, ein Kosmos, der seismographisch auf die Probleme der Zeit reagiert, eine in der Tat faszinierende Folie für ein Film-Epos. Um möglichst viel Authentizität einzufangen, schickte der Regisseur ein Team von Rechercheuren in die schrille Vergnügungswelt.
Das Viertel ist reich an absonderlichen Typen und skurrilen Persönlichkeiten, die den Drehbuchautor Wedel inspirierten, zu seinen Charakteren gleich mehrere Origi-
nale zusammenzuschieben und noch einen gehörigen Schuß Erfindung hinzuzufügen.
* Die Folgen werden am 13., 14., 17., 18., 20. und 21. Januar jeweils um 20.15 Uhr gesendet.
Wie im Fall des echten "Königs". Es ist ein halbes Jahrhundert her, daß der gelernte Schlachter Bartels ein ererbtes Nachtlokal in der Großen Freiheit, die "Jungmühle", führte. Er bot Damenringkämpfe im Schlamm und biersaufende Pferde im "Hippodrom". Ehefrau Gisela brachte ihren Revue-Tänzerinnen bei, sich raffiniert zu entkleiden. Der erste Striptease der Nachkriegszeit verletzte ein Tabu, war aber nach heutigen Maßstäben recht sittsam: Das Höschen blieb an.
Als St. Pauli noch in Schutt und Asche lag und eine schräge Schieber-Gesellschaft vom Schwarzmarkt praßte, während in jedem zwölften Krankenhausbett ein Patient mit Hungerödem lag, funktionierte die "Jungmühle" wie eine Gelddruckmaschine. Bartels kaufte Trümmergrundstücke auf, baute und expandierte, riß die "Jungmühle" schließlich ab und zog statt dessen auf Drängen der Stadt Ende der sechziger Jahre das modernste Mega-Bordell Europas hoch, für das Ehefrau Gisela zwar abends im Bett den Namen "Eros-Center" erfand, aber doch drohte: "Wenn du da reingehst, lass'' ich mich scheiden."
Er ging nicht rein und wollte nichts zu tun haben mit den rabiaten Geschäften der Pächter und ihrer Zuhälter-Ringe, die sich fett mästeten und schließlich 1982 einen Streit um 2000 Mark Wiedergutmachung für das blaue Auge einer Prostituierten im Eros-Center ausschossen: zwei Tote. Thomas ("Karate-Thommy") Born, der damals angeschossen wurde und durch eine geschlossene Glastür von der Walstatt sprang: "Es war bestialisch. Das Blut stand zwei Finger hoch." Nun also tritt Born in der "Helenenstraße" als Zuhälter auf, der von der Prostituierten "Mizzi" 50 000 Mark "Abstecke" kassieren will: So ähnlich war es auch im wirklichen Leben. Bis heute hält sich in St. Paulis Sex-Gewerbe die Gepflogenheit, für Frauen beim Wechsel ihrer Luden oder Ausstieg eine Ablösesumme von einigen zehntausend Mark zu verlangen.
Das Eros-Center von Bartels gibt es nicht mehr. Als der Aidsschock die Etagen entleerte, zahlte die Stadt fürstlicher als die Bordelliers: Asylbewerber zogen ein.
In Wedels Film gehört das Eros-Center dem Fischgroßhändler "Graf" (Hans Korte), der St. Pauli heimlich kontrolliert: ähnlich wie Bartels, wenn er in der Bar seines Hotels "Hafen Hamburg" das Defilee der Leute mit Geschäftsinteressen abnimmt und Kiez-Politik macht.
Zum Bartels-Clan gehören Sohn, Tochter, Schwiegersohn und zwei Enkel - eine fulminante Familie. Trotz mancher Assoziationen paßt aber das Oberhaupt nicht in Wedels Personal der Spekulanten und Schurken. Der Multimillionär Bartels kann sich den Luxus leisten, gemäßigte Pachten und Mieten zu nehmen, damit seine Gemeinde wirtschaftlich zurechtkommt. Das Geld regiert die Beliebtheit, in der sich der echte "König" sonnen kann, während "Graf" einen gespaltenen Charakter mit extremer Spannweite zwischen Gut und Böse hat.
In "Graf" steckt auch ein Stück jenes Mannes, der "Fürst vom Hans-Albers-Platz" genannt wird und als eine Art Gegenspieler von Bartels gilt: Claus Becker, den der Filmregisseur Wedel für einen "heißen Typ" hält. Während der "König" dem kulturellen Kiez das "Tivoli"-Theater für die Homofamilie "Schmidt" bescherte, trumpfte der "Fürst" mit einem exquisiten Museum für erotische Kunst auf.
Es war ein Jugendtraum, den er sich erfüllte. "Verliebt in St. Pauli", hatte Becker sein Abitur drei Tage lang in der Bordellwelt der Herbertstraße gefeiert. Zum Kaufmannsgehilfenbrief leistete er sich eine Sause im Eros-Center. Dann kam die bürgerliche Phase des studierten Ökonomen, Familiengründung, drei wohlerzogene (noch minderjährige) Söhne, ein kleines Vermögen, das er durch Vermakeln von Schiffen verdiente.
Weil ihm das zu langweilig war, stürzte er sich über Nacht in das Abenteuer, Hausherr in der dunkelsten Zone des Kiezes zu werden. Rund um den Hans-Albers-Platz kaufte er über 40 Häuser auf, renovierte die verfallenen Gebäude und hob die Mieten an, "mäßig", wie er sagt, "schweinebackenmäßig", wie linke Studenten schimpfen, denen er "Beschiß" bei Untervermietungen vorwirft.
Wie "Graf" entriß Becker manchem Wirt die Kneipe - doch damit endet die Film-Parallele. Der "Fürst" ist zwar ein gewiefter Geschäftsmann, aber auf seiner Biographie lastet kein krimineller Schatten. Im Gegenteil: Die Herren, die Becker in seiner risikoreichen Spekulation gegen die Organisierte Kriminalität vertrieb, waren berüchtigte Dunkelmänner. In ihren Lokalen und Bordellen rund um den Hans-Albers-Platz wurden in den achtziger Jahren die Morde in Auftrag gegeben, die der gefährlichste Killer in der Kiez-Geschichte ausführte: Werner ("Mucki") Pinzner brüstete sich als "Eliminator", gestand fünf Morde und kokettierte mit "11 Dück, die ich putte macht hab".
Wedels Killer "Dirk" (Alexander Radszun) ist zwar äußerlich ein Antityp von "Mucki", aber er gleicht dem "Eliminator" in seiner Kaltblütigkeit. Bizarrer als im Film war so manche Episode aus der Wirklichkeit: "Du kannst mir in den Schuh scheißen, aber der Pinzner soll mich killen", schloß der Eros-Center-Bordellier "Waldi" Dammer aus Pinzners lauerndem Blick, wie er seinem Partner Stefan Hentschel anvertraute - drei Tage bevor ihn der "Eliminator" tatsächlich Ostern 1985 mit drei Kugeln erledigte.
Hentschel, der sich in den achtziger Jahren als "göttlicher Zuhälter meiner sieben Huren" inszenierte, aber auch zu sagen pflegte: "Ironie und Sarkasmus gehören zum Dialog", entfleuchte dem Killer Pinzner im letzten Moment. Sie kannten sich schon aus dem Kindergarten. Trotzdem kassierte "Mucki" 20 000 Mark Vorschuß für Hentschels Kopf, kam aber "schlecht ran" an ihn, weil der "göttliche Zuhälter" die Gefahr witterte. Er bestellte ein Taxi aufs Trottoir halb hinein in einen Barausgang, ließ seine sieben Frauen und alles andere stehen und liegen und tauchte erst in Spanien, dann in den südamerikanischen Favelas unter.
In einem grausigen Abgang erschoß Pinzner 1986 im Hamburger Polizeihochhaus einen Staatsanwalt, dann seine vor ihm knieende Frau und schließlich sich selbst. Wedel verlegt die in der Bundesrepublik einmalige Erschießung eines ermittelnden Staatsanwalts ins Gericht und phantasiert sie um als Auftragsmord, hinter dem ein Protagonist aus der Oberwelt steht: Das wirkt wie Kino-Kitsch. Aber die Wirklichkeit war so unglaubwürdig, daß man sie einem Film nicht abnehmen würde.
Hentschel, der heute eine Reinigungsfirma mit über 30 Angestellten führt, "weil ich nicht mit einem Schießeisen rumlaufen und mich auch geistig nicht bewaffnen will", gleicht im Typ dem schlagkräftigen, aber gutmütigen Berserker "Sugar" (Heinz Hoenig). Wie man im Milieu Aura und Nimbus durch Körpersprache signalisiert, hat der Schauspieler Hoenig bei einem Treffen mit Hentschel studiert. "Das ist der einzige Kerl, der authentisch wirkt", meint das St.-Pauli-Original, ist aber trotzdem unzufrieden mit der Saga: "Was der Wedel in seinem Bilderbuch vom Kiez zusammenrührt, ist im Inhalt und in den Details so unstimmig, daß einem die Eier wegfliegen." Gemessen an Hentschels Lieblingsfilm, dem meisterhaften Gangster-Epos "Es war einmal in Amerika" von Sergio Leone, "hat unser hochgejubelter Starregisseur die Chance verschenkt, ,Es war einmal in St. Pauli'' zu machen".
Wedels "König der Herzen" ist "Würfel-Rudi" (Hilmar Thate), der Boß des Strip-Lokals "Blaue Banane". "Ein bißchen bin ich das selber mit meiner Spielleidenschaft", bekennt der Regisseur. Teils ist die Figur einer lebenden Legende der Großen Freiheit nachempfunden. Nach manchem Seefahrerabenteuer und Angriff der Gonokokken, die er mit Heringslake bekämpfte, ankerte der Kapitän Hans-Henning Schneidereit in der berühmt-berüchtigten Straße, "genau da, wo mir früher die Heuer abgeknöpft wurde". Im Verlauf von drei Jahrzehnten betrieb er fast jedes Strip-Lokal in der Großen Freiheit, bis er sich im Alter auf das Sex-Theater "Safari" beschränkte. Inzwischen Ende 60, kann er mit seinem Charakterkopf auch als ein "Bellheim" durchgehen, wie seit Wedels Filmerfolg vitale Alte genannt werden. In seinen besten Mannesjahren war Schneidereit heiß begehrt von der Damenwelt und für manche turbulente Liebesgeschichte gut.
Wie "Würfel-Rudi" zockte er leidenschaftlich: "Spielschulden waren auf St. Pauli immer Ehrenschulden, die bei säumigen Zahlern mit der Faust reingeholt wurden. Eingeschlagene Nasenbeine und gebrochene Kiefer gehörten dazu. Deshalb habe ich nie verspielt, was ich nicht hatte." Wedels Geschichte, daß "Würfel-Rudi" 70 000 Mark an einen Hintermann von "Graf" verliert und die "Blaue Banane" für eine Erweiterung des Eros-Center hergeben soll, lief in Wirklichkeit umgekehrt. Schneidereit gewann vom Besitzer des konkurrierenden Strip-Lokals "Tabu" 70 000 Mark und übernahm, da sein Schuldner nicht zahlen konnte, dessen Laden: "Statt für 450 000 Mark habe ich den für 380 000 Mark gekriegt."
Die "Blaue Banane" mit ihrer organisatorischen Amateurtruppe und "Jubel, Trubel im Hinterzimmer" kommt Schneidereit vor wie eine "weltfremde" Filmerfindung: "Die wäre in der Realität längst in Konkurs gegangen." Dagegen ist der Schau-Experte höchst angetan vom Striptease, den "Lajana" (Sonja Kirchberger) darbietet: "Sie könnte sofort bei mir im ,Safari'' anfangen." Was die Amateurin Julia Stemberger schließlich hinlegt, ist nach Schneidereits Urteil "zwar nicht das Schärfste, aber künstlerisch klasse, weil sich in ihrem Gesicht soviel abspielt".
Mit den Striptease-Nummern geht Wedel politisch unkorrekt an gegen das emanzipierte Frauenbild, aus dem aller aufreizender Plunder und letztlich auch die Kunst der Verführung verbannt wurde. Was übrigbleibt, ist die typische Hilflosigkeit der modernen Frau, die ohne erotisches Gefunkel mit hängenden Armen und schlichten Worten im Treppenhaus zum Beischlaf auffordert. Als missionarischer Macho beweist Wedel mit seinem Star Stemberger, daß im Typ der netten, faden Frau der Vamp erwachen kann. Nach einer langen Durststrecke der Enterotisierung der Frau witterte der Regisseur den Zeitgeist ihrer Reerotisierung. Glückwunsch.
Die Geschichte zwischen der scharf gewordenen Frau und dem verlebten Boß der "Blauen Banane" geht nicht gut aus. Daß "Würfel-Rudi" an einem Herzinfarkt stirbt, während auf ihn geschossen wird - "das", so sagt Schneidereit, "kann mir auch passieren, jetzt, wo jeder bekokste Spargeltarzan mit einem Ballermann rumläuft und sich aufführt wie Cassius Clay".
Die Realität der neunziger Jahre: Als der Kosovo-Albaner Bari Berisha 60 000 Mark Spielschulden nicht begleichen wollte, wurde er liquidiert. Den Job erledigten eingeflogene Mafiosi aus Palermo für ein vereinbartes Honorar von 100 000 Mark.
Ein asbestverseuchtes Hochhaus, ja, das stand wirklich einmal in St. Pauli. Nach Wedels Recherchen seien kurz vor Bekanntgabe der Sprengung Pachtverträge abgeschlossen worden, die später eine hochkarätige Ablösung eingebracht hätten: "Eine Affäre, die nicht aufgeklärt wurde." Wie der Koloß, 24 Stockwerke, fällt und in Sekunden 13 000 Tonnen Stahl und Beton zu einem Trümmerhaufen zusammensacken, ist eine Originalaufzeichnung. 1995 versammelte das Spektakel 80 000 Spreng-Voyeure zur gemeinschaftlichen Lust an der Zerstörung.
Das Trümmerfeld sicherte sich eine Gesellschaft namens ABG, hinter der ein Klüngel von einflußreichen Kaufleuten mit Beteiligungen an Reedereien und Immobilien steckt. Die Grünen warfen der Stadt vor, daß sie der ABG Grundstücke zur Arrondierung zu billig überlassen und dabei 20 Millionen Mark verschenkt hätte. Für über 300 Millionen Mark zog die ABG einen Büropalast am Tor zur Reeperbahn hoch. Auch wenn sich der enorme Mut zum Risiko nicht lohnen sollte, weil es in der Hamburger Innenstadt von leerstehenden Büroetagen wimmelt, taugt das gigantische Objekt für Verlustzuweisungen, um Steuern zu sparen. Der Krebsschaden im System eignet sich natürlich nicht zur Unterhaltung eines Millionenpublikums.
Wedel macht daraus ein Gangsterstück mit einer Serie von Morden rund um das gesprengte Hochhaus. Das hat der Autor schlicht und ergreifend aus der Luft gegriffen. Vorherrschendes Motiv für spektakuläre Showdowns und Auftragsmorde waren im echten Milieu Konkurrenzkämpfe um die Ausbeutung der Prostitution.
Einen allgewaltigen "Paten" der Hamburger Finanzwelt wie die Filmfigur "Schmidt-Weber" (Peter Roggisch), der seine schmutzigen Hände nicht nur über "Würfel-Rudi" und "Graf", sondern über ganz St. Pauli legt - so einen Schurken mit weißer Weste, der seine Interessen in den Niederungen ausschießen läßt, gibt es nach allem, was man weiß, in der hanseatischen Geld-Aristokratie nicht. Zwar sind in der Realität ein paar Immobilien-Deals zu verzeichnen, die einen gewissen Hautgout haben, aber daß ein Krösus ein ganzes Viertel in seinen Würgegriff nimmt, ist in anderen Metropolen, aber (noch?) nicht in Hamburg vorgekommen.
Allgegenwärtig und alltäglich ist hingegen der Filz zwischen der Hochfinanz und der sozialdemokratischen Politik. Was sich auf der Metaebene der Korruption abspielt, ist im Gegensatz zu Wedels Mär gerade nicht kriminell, sondern viel komplizierter, weil mit einer höheren Verwertungsintelligenz Grauzonen zur Kriminalität weggetuscht werden. Aber diese Mechanismen ruinieren das Gemeinwesen. Hier "Mord" zu assoziieren, wie es der promovierte Theaterwissenschaftler Wedel tut, ist real gelogen, aber symbolisch nicht falsch.
Zum legalen Muff zwischen Bankverwesern, gewählten Volksvertretern und inkompetenten Beamten der oberen Behördenetagen gehört in der realen Hansestadt ein Dunstkreis von arrivierten Anwälten. Wedel hat deshalb nicht unrecht, wenn er seinem fiktiven Großgangster einen anwaltlichen Erfüllungsgehilfen zuordnet: "Dr. Fischer" (Henry Hübchen) ist im Film nicht nur Rechtsanwalt, sondern auch Bürgerschaftsabgeordneter und Bauunternehmer, der mit seiner IEG einen Reibach machen will. Einer wie "Dr. Fischer" hat einige Züge, natürlich mit Ausnahme der zweifelhaften, fiktiven Verstrickungen, die Wedel an echte Personen der Hamburger Lokalgeschichte erinnerten.
Es gibt da den Dr. Weiland, einen respektablen Anwalt, der 1994 sein Bürgerschaftsmandat und den langjährigen Vorsitz des Haushaltsausschusses niederlegte - nach einer, wie er fand, "unappetitlichen" Debatte über seine Machtfülle und seine angeblichen Bereicherungsgelüste. Allerdings spielte St. Pauli keine Rolle, sondern eine Gemengelage um die maroden Hamburger Stahlwerke, die Weiland führte. Eine andere Zierde des Hamburger Anwaltstands, der Dr. Dabelstein, raffte Grundbesitz im Werte von vielen hundert Millionen Mark zusammen, logierte in einem schloßartigen Gestüt und sammelte Oldtimer, bevor er vor zwei Jahren durch eine Finanzierungslücke von fünf Millionen Mark in Schwierigkeiten geriet. Wie Abfall aus dem Mega-Konkurs ging seine St.-Pauli-Immobilie, ein verrotteter Betonklotz gegenüber dem gesprengten Hochhaus, an eine schwedische Versicherung über, die mit dem Schnäppchen dem enorm hohen Steuerniveau in der Heimat entgehen konnte.
Die ganz gewöhnliche Spekulation, die der Glitzerwelt zusetzt, ist natürlich nicht so telegen wie ihre absurde Überzeichnung als Zusammenspiel von Ober- und Unterwelt. In St. Pauli, das ist wahr, berühren sich diese beiden Welten, aber es bleibt doch ziemlich klar, wer in welche Sphäre gehört. Es existiert, auch das stimmt, ein Gesetz des Schweigens, das der Milieuwirt "Hanne" Kleine in der "Ritze", dem Lokal mit dem schärfsten Eingang von St. Pauli zwischen zwei gespreizten Beinen, als althergebrachten Ehrenkodex so erklärt: "Verrat ist schlimmer als Mord." Wenn in der Oberwelt bisweilen über Verbrechen geschwiegen werden sollte, so geschieht das nicht, weil die Werte verschoben sind, sondern aus Angst.
Politisch korrekt blendet Wedel die aktuellen Probleme von St. Pauli mit einem Ausländeranteil von fast 50 Prozent aus: "Ich will nicht Ehrenmitglied der Republikaner werden und Beifall von der falschen Seite bekommen." So läßt er nur einen Vorzeigetürken als Instrument und Mordopfer krimineller Deutscher durch die Kulisse geistern. Die Wirklichkeit ist anders.
Kurdische Clans kontrollieren mit Waffengewalt den Heroinhandel und setzen ehrbare Landsleute derart unter Druck, daß sie ihre Geschäftsbücher für Geldwäsche öffnen. Zwischen türkischen und einheimischen Zuhältern spitzen sich Machtkämpfe zu. Rund 1000 Kosovo-Albaner sind in der größten Einbrecherfirma organisiert, die es je auf dem Kiez gab. Eine Clique von Landsleuten, arriviert durch Hehlerei, unterwandert die deutschen Ludenringe und jagt nach Anteilen im Archipel der Bordelle. Seit einem Showdown im "Blue Night" mit zwei Toten und vier Schwerverletzten 1996 eilt ihr ein unheimliches Drohpotential voraus. Hoch über ihnen schwebt als "Pate" ein Kosovo-Albaner, den die Polizei für den größten Verbrecher der Hansestadt hält, aber er zelebriert sein rauschendes Nachtleben und sein biederes Familienleben in der Selbstsicherheit eines Stars, der keine Beweise hinterläßt.
In Wedels Phantasie ist die Welt noch in Ordnung wie in den achtziger Jahren, als die großen Gangster und die kleinen Helden so deutsch wie das überwiegend deutsche TV-Publikum waren. Am Ende aber erzählt "Würfel-Rudis" Sohn aus dem Off, daß sich ein Albaner in die "Helenenstraße" eingekauft hat.
* Die Folgen werden am 13., 14., 17., 18., 20. und 21. Januar jeweils um 20.15 Uhr gesendet.
Von Ariane Barth

DER SPIEGEL 3/1998
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